Meine Schwester (52) schickte mich zu ihrer Freundin, um einen Fernseher aufzuhängen. Schon eine Stunde später merkte ich, dass ich in eine Falle getappt war
Als meine Schwester mich an diesem Samstagmorgen anrief, stand ich gerade in der Küche, trank meinen inzwischen erkalteten Kaffee in einem alten T-Shirt und dachte nur an eines: wie ich das Wochenende ohne den üblichen Familienstreit überstehen könnte.
— Andrej, hilf mir mal, ja? Meine Freundin Marina hat einen neuen Fernseher, aber niemand kann ihn aufhängen. Das dauert höchstens vierzig Minuten. Fährst du kurz hin?
Mit diesen Worten nahm alles seinen Anfang.
Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mit zitternden Händen, einem Gefühl von klebrigem Schmutz im Inneren und dem festen Entschluss, den Kontakt zu meiner eigenen Schwester abzubrechen, nach Hause zurückkehren würde, hätte ich nur abgewinkt.
Ein Fernseher ist ein Fernseher. Was sollte dabei schon passieren können.
Ich bin vierundfünfzig. Kein Held romantischer Romane, kein Macho aus Serien und schon gar nicht der Typ Mann, auf den Frauen beim ersten Kennenlernen stürzen. Ein ganz normaler Mensch. Mit Bauch. Der Rücken schmerzt manchmal. Die Brille ist mal auf der Stirn, mal suche ich sie in der ganzen Wohnung, obwohl sie auf der Stirn sitzt. Meine Frau Lena scherzt, dass ich alles reparieren kann, außer meine eigenen Nerven. Und das ist leider die reine Wahrheit.
Mit meiner Schwester, Swetka, war unser Verhältnis die letzten sechs Monate angespannt. Nicht nur angespannt, sondern wie ein unter Strom stehender Draht: Es hängt scheinbar ruhig, aber wenn man es berührt – schlägt es aus. Sie hatte sich auf dem Geburtstag meiner Nichte mit meiner Frau Lena zerstritten. Ich habe bis heute nicht wirklich verstanden, wie alles begann. Ob es wegen Geld war oder wegen eines alten Vorwurfs, der sich über Jahre hingezogen hatte. Frauen können sich manchmal aus dem Nichts so streiten, dass die Luft im Raum noch ein halbes Jahr lang knistert.
Swetka verhielt sich nach diesem Streit merkwürdig. Sie rief mich separat an und sagte:
— Du siehst einfach nicht, was für eine Frau du hast. Sie hat dich unterdrückt.
Ich scherzte damals noch:
— Sweta, niemand unterdrückt mich. Ich bin es einfach leid, mir fremde Streitereien anzuhören.
— Na, na, — erwiderte sie. — Du wirst es noch verstehen.
Dieses „du wirst es noch verstehen“ klingt mir bis heute in den Ohren.
Ich fragte:
— Kann Marina denn keinen Handwerker rufen?
— Ach, diese Handwerker. Entweder wartest du einen halben Tag, oder es kommt ein Junge, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Bohrmaschine sieht. Du bist doch so geschickt.
Bei diesem Satz hätte ich bereits hellhörig werden müssen. Wenn Verwandte deine „goldenen Hände“ besonders süß loben, ist ein Haken zu erwarten. Aber ich, wie der letzte normale Mensch, beschloss einfach zu helfen.
Lena war an diesem Tag zu ihrer Mutter gefahren.
Ich sagte ihr bereits im Flur:
— Ich fahre für eine Stunde zu Swetkas Freundin, hänge den Fernseher auf und komme zurück.
Sie nickte:
— Trag nur nichts Schweres. Und iss unterwegs etwas, sonst kommst du hungrig und schlecht gelaunt zurück.
Dafür liebe ich meine Frau – sie spricht einfach, ohne Dramen. Mit ihr haben wir in dreißig Jahren alles Mögliche erlebt. Kränkungen, Schweigen und Krisen, in denen es einfacher schien, sich zu trennen, als erneut eine gemeinsame Sprache zu finden. Doch wir besitzen eine gewisse Ehrlichkeit. Vielleicht nicht die schöne, filmreife, aber dafür echte.
Marina lebte in einem neuen Haus am anderen Ende der Stadt.
Der Aufzug spielte eine alberne Melodie, bei der man am liebsten schon im dritten Stock ausgestiegen wäre, um den Rest zu Fuß zu gehen. An ihrer Tür hing ein Kranz aus künstlichem Lavendel, obwohl November war. Schon merkwürdig.
Sie öffnete fast sofort.
— Andrej? Oh, endlich. Komm herein.
Marina war neunundvierzig, wie sie später noch unnötigerweise betonte. Sie sah gut aus, das konnte man nicht leugnen. Sie versuchte nicht, sich schlecht zu verjüngen, sondern hielt sich einfach in Form. Die Haare waren gestylt, die Maniküre frisch, und sie trug zu Hause keinen Bademantel oder ein ausgeleiertes T-Shirt, sondern ein weiches beigefarbenes Kleid, viel zu elegant für „Ich warte hier allein darauf, dass mir jemand den Fernseher aufhängt“. Sie roch nach Vanille und etwas Herbem, wie Pfeffer.
— Zieh deine Schuhe aus, ich gebe dir Hausschuhe.
— Nicht nötig, ich bin schnell wieder weg.
— Na, wie du willst, — lächelte sie. — Swetka sagte, du bist ein zuverlässiger Mann.
Dieses „du bist bei uns“ schmerzte sofort in meinen Ohren. Doch ich schenkte dem erneut keine Beachtung.
Im Zimmer standen ein neuer Fernseher im Karton, eine Halterung, eine Tüte mit Schrauben und ein Weinglas auf dem Couchtisch. Eines. Schon angefangen.
— Du erwartest Gäste? — fragte ich unnötigerweise.
— Nein. Warum?
— Ach, nichts. Nur das Glas.
— Ah, das ist für den Mut, — lachte sie. — Ich habe Angst vor Männern mit Werkzeugen.
Ich schmunzelte. Ein Witz wie jeder andere. Aber ich spannte mich an.
Während ich die Halterung auspackte, bewegte sich Marina um mich herum. Zuerst ganz normal: Sie reichte mir Schrauben, fragte, wo es am besten wäre, in welcher Höhe. Dann stand sie plötzlich zu nah. Ich spürte ihr Parfüm nicht mehr nur im Hintergrund, sondern direkt im Gesicht. Dann beugte sie sich nach der Fernbedienung, obwohl diese so lag, dass man sie ohne jedes Beugen hätte nehmen können. Dann legte sie ihre Hand auf meine Schulter.
— Andrej, du hast dich überhaupt nicht verändert.
Ich drehte den Kopf:
— Inwiefern?
— Nun ja… du bist reifer geworden, natürlich. Aber immer noch so ruhig. Swetka hat eure Fotos gezeigt.
— Ach. Verstehe.
Ich trat einen Schritt zurück zur Wand und richtete die Wasserwaage aus. Und da verstand ich plötzlich ganz klar: Es ist keine Einbildung. Das ist nicht meine Fantasie. Man versucht tatsächlich… nun, wie soll ich es sagen… nicht wirklich zu verführen, sondern sich ohne Einladung an mich zu drängen.
Es wurde unangenehm. Nicht schmeichelhaft, nicht lustig. Unangenehm.
Denn wenn du ein erwachsener, verheirateter Mann bist, der aus geschäftlichen Gründen gekommen ist, und man beginnt, dich auf die Probe zu stellen, fühlst du dich nicht wie der Traummann, sondern wie jemand, der unnötigerweise in ein fremdes Spiel hineingezogen wird.
— Marin, — sagte ich so ruhig wie möglich, — ich mache das schnell fertig und fahre dann.
— Wohin hast du es denn so eilig? — Sie setzte sich auf das Sofa, die Beine angezogen. — Tee, Kaffee, oder etwas Stärkeres?
— Nichts, danke.
— Wird deine Frau schimpfen?
Das wurde mit einem Lächeln gesagt, aber irgendwie mit Nachdruck.
— Nein. Es wartet nur jemand zu Hause auf mich.
Sie schwieg ein paar Sekunden, dann schnaubte sie:
— Du Glücklicher. Du wirst erwartet.
Und hier hätte ich vernünftigerweise fertig machen, mein Werkzeug zusammenpacken und gehen sollen. Aber der Fernseher hing bereits zur Hälfte, und ich beschloss, es zu Ende zu bringen. Immer mein Pech: Wenn ich einmal angefangen habe, muss ich es beenden, auch wenn um mich herum nicht nur Vanille, sondern auch Unglück liegt.
Marina stand auf, kam wieder näher und sagte fast flüsternd:
— Und Sweta hat recht. Du bist sehr anständig.
— In welchem Sinne hat sie recht?
— Ach, so… sie hat viel über dich erzählt.
Ich sah sie aufmerksamer an. Denn sie lächelte nicht wie jemand, der spontan flirtet. Sie hatte das Gesicht einer Person, die ein vorher vereinbartes Szenario ausführt.
— Was genau hat sie erzählt? — fragte ich.
— Dass du schon lange nur noch aus Gewohnheit lebst. Dass bei euch mit deiner Frau schon alles… nun, ruhig ist. Ohne Feuer.
Meine Hände erstarrten sogar.
— Hat sie dir das gesagt?
— Nun… wir sind doch Freundinnen. Sie macht sich Sorgen um dich.
Ich legte langsam den Akkuschrauber auf den Boden.
— Hör mal. Was ich mit meiner Frau habe, geht euch beide überhaupt nichts an.
Marina setzte sich wieder hin, aber ihr Blick wich nicht aus.
— Und wenn es doch etwas angeht? Wenn jemand einfach möchte, dass du dich endlich daran erinnerst, dass du ein lebendiger Mann bist?
Hier wurde mir wirklich übel. Nicht einmal wegen ihr. Sondern wegen Swetka. Wegen dieser billigen, irgendwie kindischen Inszenierung. Meine eigene Schwester hatte sechs Monate lang Groll auf meine Frau gehegt und beschlossen, was? Zu beweisen, dass ich schwach bin? Mir eine Freundin unterschieben? Eine Treueprüfung veranstalten, wie in einer billigen Fernsehsendung?
Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. So dumm und gleichzeitig so niederträchtig war das.
— Was zum Teufel passiert hier eigentlich gerade? — fragte ich.
Marina zuckte mit den Schultern, aber ihr Lächeln zitterte bereits.
— Andrej, nichts Besonderes. Du bist ein erwachsener Mann. Ich bin eine erwachsene Frau. Wir sitzen einfach da und unterhalten uns.
— Nein. Nicht einfach. Ich wurde hierher gerufen, um einen Fernseher aufzuhängen. Nicht für all das hier.
— Und was ist „all das hier“? — Ihre Stimme wurde schärfer. — Hält dich jemand mit Gewalt fest? Du tust ja geradezu heilig.
Ich hob die Augen zu ihr:
— Nicht heilig. Ich möchte einfach nicht belästigt werden.
Wahrscheinlich klang das von außen betrachtet fast lächerlich. Ein Mann über fünfzig steht mit einer Wasserwaage da und sagt einer Frau: „Ich möchte nicht belästigt werden.“ Normalerweise ist es doch so üblich, oder? Wenn eine Frau Interesse zeigt, sollte ein Mann sich entweder freuen oder zumindest geschmeichelt fühlen. Doch ich empfand in diesem Moment nur Wut und Scham. Als ob man mich ohne Erlaubnis moralisch entblößt und zu diskutieren begonnen hätte, ob ich standhalten würde oder nicht.
Marina stand abrupt auf:
— Ach komm schon. Man könnte meinen, es wäre dir widerlich.
— Ja, — sagte ich. — Es ist mir jetzt widerlich.
Es herrschte Stille. In der Küche klickte der Kühlschrank. Draußen im Hof hupte jemand. In der Nachbarwohnung bellte ein Hund. Und vor diesem Hintergrund sagte Marina plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, ohne Schwärmerei, ohne Spiel, müde:
— Swetka sagte, ihr seid fast am Rande der Scheidung.
— Swetka sagt vieles.
— Sie sagte, deine Frau schätzt dich nicht. Und wenn du jemand anderen finden würdest, wäre das nur gerecht.
Ich lachte. Ehrlich. Nicht, weil es lustig war, sondern weil man sich manchmal nur so vor dem Absurden retten kann.
— Gerecht? Mein Gott. Sie ist zweiundfünfzig, und sie lebt, als wäre sie in der achten Klasse. „Ich nehme dir deinen Mann weg“, „ich beweise dir etwas“. Hört ihr euch selbst zu?
Marina wurde rot. Zum ersten Mal sah ich in ihr nicht die selbstbewusste Verführerin, sondern eine gewöhnliche, müde Frau, die sich ebenfalls unnötigerweise in etwas hineinmanövriert hatte.
— Glaubst du, das fällt mir leicht? — sagte sie leise. — Ich bin doch auch kein Mädchen. Und keine Idiotie. Es ist nur…
Sie stockte.
— Nur was?
— Nur Sweta sagte, dass du unglücklich bist. Dass du einen Anstoß brauchst. Dass du schon lange nicht dein eigenes Leben lebst.
— Und hat sie nicht gesagt, dass sie selbst seit einem halben Jahr kaum mit mir spricht? Dass sie beleidigt ist, weil Lena sich nicht bei ihr entschuldigen wollte für etwas, das sie nicht getan hat?
Marina senkte die Augen.
Und hier wurde mir plötzlich eine Sache klar: Ich war nicht wütend auf diese Frau. Sie war vielleicht einsam, vielleicht wollte sie sich selbst begehrt fühlen, vielleicht glaubte sie an eine fremde Version der Ereignisse. Unangenehm, ja. Aber der Hauptschlag kam nicht von ihr.
Er kam von meiner Schwester.
Von einem Menschen, der weiß, wie ich lebe. Der Lena dreißig Jahre lang kennt. Der an unserem Tisch gegessen, seine Kinder am Wochenende bei uns gelassen, Geld geliehen, in meiner Küche nach der Scheidung geweint hat. Und dieser Mensch beschloss, mich als Werkzeug in ihrem Frauenkrieg zu benutzen.
Ich zog die letzte Schraube schweigend fest. Schaltete den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm erschien sofort der Bildschirmschoner eines Musiksenders, und daraus brüllte munter ein Lied über die Liebe. Sogar hier schien das Leben sich über mich lustig machen zu wollen.
— Fertig, — sagte ich.
Marina stand am Fenster und umklammerte sich mit den Armen.
— Andrej.
— Was?
— Entschuldigung.
Ich nickte. Ohne Großmut, ohne schöne Worte. Einfach nur genickt.
— Und du entschuldige bitte, falls ich schroff war.
— Schon gut, — antwortete sie und versuchte zu lächeln. — Hängt der Fernseher denn wenigstens gerade?
Ich sah hin und sagte:
— Gerade. Hier gibt es keine Überraschungen.
Das war ein schlechter Witz, aber er wirkte plötzlich. Marina schnaubte, lachte dann, und warum auch immer, brach sie fast in Tränen aus. Ich versuchte nicht, es zu verstehen. Ich nahm einfach meine Jacke und ging in den Flur.
Bereits an der Tür sagte sie:
— Sweta bat mich, sie später anzurufen.
Ich drehte mich um:
— Ruf sie nicht an.
— Glaubst du, ich bin so dumm?
Ich zuckte mit den Schultern:
— Heute – das glaube ich nicht.
Draußen war es feucht, dunkel und roch nach nassem Asphalt. Ich setzte mich ins Auto und saß fünf Minuten einfach da, ohne den Motor zu starten. Meine Hände zitterten wirklich. Nicht vor Verführung, nicht einmal vor Adrenalin. Sondern aus einer kindlichen Kränkung. Es ist seltsam, in meinem Alter so etwas zuzugeben, aber wenn dich nicht ein Fremder, sondern ein eigener Mensch verrät, zerfällt im Inneren etwas.
Swetka rief selbst an, als ich bereits aus dem Hof gefahren war.
Ich schaltete die Freisprecheinrichtung ein.
— Na? — fragte sie übertrieben fröhlich. — Hast du Marina geholfen?
— Geholfen.
— Und wie ist sie so?
— Normal.
Eine Pause.
— Und das war’s?
— Was willst du denn hören?
Sie schwieg, dann sagte sie trocken:
— Nichts. Ich frage nur.
Und hier sagte ich zum ersten Mal in meinem Leben meiner Schwester das, was ich schon lange hätte sagen sollen.
— Sweta, ruf mich nicht mehr an.
Am anderen Ende Stille. Dann ein nervöses Lachen:
— Bist du verrückt geworden?
— Nein. Im Gegenteil. Ich bin endlich zu mir gekommen.
— Andrej, worum geht es dir überhaupt?
— Darum, dass du mir eine Falle stellen wolltest. Darum, dass du dich in meine Familie eingemischt hast. Darum, dass du dich durch mich an Lena rächen wolltest.
— Niemand hat sich an dir gerächt! — fuhr sie sofort auf. — Ich wollte dir die Augen öffnen!
— Wofür?
— Dafür, wie du lebst! Dafür, dass sie dich herumkommandiert!
— Du hast gerade versucht, mich herumzukommandieren.
Wieder Stille.
Ich hörte ihren Atem. Und plötzlich verstand ich: Sie glaubt nicht einmal, dass sie etwas Schreckliches getan hat. Für sie ist es eine Intrige, eine Kombination, fast ein guter Dienst. Das war das Schlimmste.
— Sweta, — sagte ich nun ruhig, — ich habe eine Frau. Ich liebe sie. Nicht immer leicht, nicht immer schön, aber das ist meine Familie. Und da mischst du dich nicht mehr ein. Überhaupt nicht.
— Klar, — presste sie hervor. — Jetzt bin ich an allem schuld. Wie immer.
— Nein. Nicht wie immer. Sondern konkret jetzt.
Ich legte auf. Nicht aus Stolz. Ich verstand einfach, dass es nur noch schmutziger werden würde.
Ich kam spät nach Hause. Lena öffnete die Tür in einem warmen Pullover, mit einem Pferdeschwanz am Hinterkopf und dem Geruch von Bratkartoffeln aus der Küche. Ein ganz gewöhnlicher Abend. Eine ganz gewöhnliche Frau. Meine.
— Was ist los mit dir? — fragte sie sofort. — Was ist passiert?
Und hier stockte ich. Denn ich hätte schweigen können. Sagen: Ich bin müde, Stau, nichts Besonderes. Viele tun das so. Besonders Männer meines Alters. Sie schlucken, verstecken, tun so, als würden sie es selbst regeln.
Doch plötzlich verstand ich, dass ich nichts verbergen wollte.
Wir saßen in der Küche. Draußen klopfte der Regen an die Fensterbank. Der Wasserkocher summte. Von den Kartoffeln mit Dill strömte ein so heimeliger Duft, dass mir ein Kloß im Hals stecken blieb. Und ich erzählte alles. Direkt. Ohne Heldentum. Ohne Beschönigung. Sogar die unangenehmen Momente, in denen ich mich schämte und es mir widerlich war.
Ich saß da und sah auf meine Hände. An den Nägeln klebte noch weißer Staub von der Wand. Und mir wurde plötzlich gleichzeitig leichter und schwerer. Leichter — weil ich zu Hause bin und nicht mehr allein in dieser widerlichen Geschichte. Schwerer — weil all das tatsächlich geschehen war.
Lena goss mir Tee ein und sagte leise:
— Danke, dass du es erzählt hast.
Das sind scheinbar einfache Worte. Aber sie durchdrangen mich damals völlig.
Nicht „warum bist du hingefahren“, nicht „was, wenn es dir selbst gefallen hätte“, nicht „alle Männer sind gleich“. Einfach: Danke, dass du es erzählt hast.
Wahrscheinlich sieht Vertrauen so aus. Nicht in schönen Schwüren. Sondern darin, dass der Mensch dir zuerst glaubt und dann erst auf die Umstände wütend wird.
Am nächsten Tag schrieb Swetka eine lange Nachricht. Dass ich undankbar sei. Dass Lena mich aufgewiegelt hätte. Dass sie es nur gut gemeint hätte. Dass Marina angeblich alles selbst erfunden hätte. Dass ich es noch bereuen würde. Dass Familie so etwas nicht tut.
Ich las es, löschte es und blockierte die Nummer.
Seitdem sind schon einige Monate vergangen. Meine Schwester ist nicht mehr aufgetaucht. Durch gemeinsame Verwandte ließ sie ausrichten, dass ich „unter dem Pantoffel stehe“. Sie soll sagen, was sie will. Weißt du, mit vierundfünfzig versteht man plötzlich sehr klar: Nicht jeder Verwandte ist ein eigener Mensch. Und nicht jede „Fürsorge“ ist überhaupt Fürsorge.
Diesen Samstag habe ich zu gut in Erinnerung behalten. Und ehrlich gesagt, es wäre besser gewesen, es wäre nur ein schief aufgehängter Fernseher gewesen.
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