„Meine Mutter hat es sich verdient, ihren runden Geburtstag in diesem Landhaus zu feiern, doch deine mittellosen Eltern sollen für diese Zeit gefälligst verschwinden!“
Ein malerisches Landhaus mit schrägem Dach und kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen schmiegte sich zwischen alten Apfelbäumen ein. Dieses Haus war Nades Erbe ihrer Eltern nach dem Tod der Großmutter gewesen. Jeder Winkel barg hier die Erinnerungen an ihre Kindheit. Seit drei Jahren bewohnte Nadja es nun gemeinsam mit ihrem Mann Viktor.
Der Septemberabend tauchte den Himmel in ein tiefes Purpurrot. Auf der Veranda bereitete Nadja die Tassen für den Abendtee vor. Durch die offene Tür drangen die Stimmen ihrer Eltern; Iwan Petrowitsch berichtete seiner Mutter gerade, wie er die letzten Tomaten aus dem Gewächshaus geholt hatte.
„Anna Semjonowna, morgen sollten wir die Möhren ernten“, sagte der Vater, während er sich die Hände an einem Handtuch abtrocknete. „Bald setzen die ersten Fröste ein.“
„Ja, natürlich, Iwan Petrowitsch. Nadjenka, könntest du uns morgen vielleicht dabei helfen?“, fragte die Mutter ihre Tochter.
Nadja nickte stumm, während sie den heißen Tee in die Tassen goss. Die Eltern waren zu Beginn des Sommers zu ihr gekommen und unterstützten sie seitdem tatkräftig bei der Hausarbeit und im Garten. Der Vater reparierte den Zaun und kümmerte sich um den Gemüsegarten, die Mutter kochte Marmelade aus den im Garten geernteten Johannisbeeren und Stachelbeeren. Das Haus war erfüllt von der vertrauten Gemütlichkeit: dem leisen Knarren der Holzdielen, dem Duft von frischem Gebäck und den gedämpften Gesprächen beim Abendessen.
In diesem Moment trat Viktor in den Raum, Regentropfen von seiner Jacke schüttelnd. Er war Ingenieur in der Stadt und fuhr täglich mit dem Auto dorthin.
„Iwan Petrowitsch, wie steht’s um das Scheunendach?“, erkundigte sich der Schwiegersohn, als er sich an den Tisch setzte.
„Ach, ich denke, wir müssen neue Bretter kaufen. Die alten sind völlig verrottet“, erwiderte Nades Vater.
Viktor trank schweigend seinen Tee, nickte nur ab und zu auf die Bemerkungen seines Schwiegervaters. Nadja fiel auf, dass ihr Mann zerstreut wirkte, oft ohne ersichtlichen Grund die Stirn runzelte. Wenn ihre Eltern zu Bett gingen, saß Viktor noch lange vor dem Fernseher und wechselte lustlos die Kanäle.
„Ist etwas passiert?“, fragte Nadja ihn eines Abends, als sie sich neben ihren Mann auf das Sofa setzte.
„Nein, nichts Besonderes“, winkte Viktor ab, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.
Nadja drängte nicht weiter. Männer konnten manchmal mürrisch sein, besonders im Herbst. Vielleicht war er einfach nur müde.
Doch nur wenige Tage später änderte sich Viktors Verhalten. Als ihr Vater Hilfe bei der Garagenreparatur anbot, lehnte ihr Mann ungewöhnlich schroff ab. Beim Abendessen schwieg er beharrlich und gab nur knappe Antworten. Anna Semjonowna fragte besorgt, ob ihr Schwiegersohn krank sei, doch Nadja beruhigte ihre Mutter.
Am Samstagmorgen, als ihre Eltern in den Wald gegangen waren, um Pilze zu sammeln, kam Viktor zu seiner Frau in die Küche. Nadja spülte gerade das Geschirr vom Frühstück.
„Nadja, ich muss mit dir reden“, sagte ihr Mann und setzte sich an den Tisch.
Nadja trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab und drehte sich um. Viktors Gesicht zeigte einen ernsten Ausdruck.
„Meine Mutter hat bald Geburtstag. Ihren Sechzigsten. Tatjana Nikolajewna möchte ihn hier im Haus feiern. Verwandte und Freunde einladen. Du weißt doch, wie gern meine Mutter Gäste empfängt.“
Nadja nickte zustimmend. Ihre Schwiegermutter liebte gesellige Runden tatsächlich über alles. Zu jedem Fest versammelte sie das ganze Haus voller Gäste und verbrachte Tage mit den Vorbereitungen.
„Und was schlägst du vor?“, fragte Nadja.
Viktor schwieg einen Moment, dann blickte er seiner Frau fest in die Augen. „Deine Eltern müssen für eine Weile weg. Wenigstens für eine Woche. Mama möchte alles umstellen, das Haus nach ihrem Geschmack dekorieren. Die Gäste werden über Nacht bleiben. Es wird nicht genug Platz für alle sein.“
Nadja erstarrte, das Handtuch noch immer in ihren Händen. Die Worte ihres Mannes trafen sie wie ein Urteilsspruch.
„Wie – wegfahren? Wohin sollen sie denn? Das Haus gehört mir, meine Eltern leben hier aus gutem Grund.“
„Nicht für immer doch! Nur für ein paar Tage. Sie können ja zu deiner Tante in die Stadt fahren oder in ein Sanatorium. Sie haben doch Möglichkeiten.“
Langsam hängte Nadja das Handtuch an den Haken. Ihre Gedanken überschlugen sich, sie konnte sie kaum ordnen. „Viktor, meinst du das ernst? Meine Eltern wegen eines Festes aus ihrem eigenen Zuhause vertreiben? Vater und Mutter kümmern sich hier um alles, sie helfen uns doch. Ohne sie würden wir diesen großen Hof niemals bewältigen.“
Ihr Mann stand vom Tisch auf und trat näher. „Nadja, versteh doch. Mama hat ihr ganzes Leben lang von so einem Fest geträumt. Verwandte werden aus anderen Städten anreisen. Wir können sie doch nicht enttäuschen. Und deine Eltern – was würde es ihnen schon ausmachen, sich anderswo ein wenig zu erholen?“
„Meine Eltern?“, Nadjas Stimme klang plötzlich fest. „Iwan Petrowitsch und Anna Semjonowna wohnen in diesem Haus, weil sie ein Recht darauf haben. Niemand wird sie wegen eines Geburtstagsfestes vertreiben.“
Viktor runzelte die Stirn. Seine Wange zuckte – ein untrügliches Zeichen seiner aufkeimenden Wut.
„Du verstehst das nicht. Mama hat bereits alles geplant. Tische bestellt, Musiker engagiert. Es ist zu spät, alles abzusagen.“
„Dann soll sie doch bei sich zu Hause feiern oder ein Café mieten“, erwiderte Nadja, die Arme vor der Brust verschränkt.
Viktors Gesicht färbte sich rot. Ihr Mann ballte die Fäuste. „Hör mal, Nadja! Genug der Sturheit! Mama hat es verdient, ihren Geburtstag dort zu feiern, wo sie es will. Und deine Eltern sollen sich für diese Zeit gefälligst einen anderen Platz suchen!“
Nadja öffnete den Mund vor Fassungslosigkeit. Solche Worte hatte sie von ihrem Mann niemals erwartet.
„Was hast du gerade gesagt?“
„Was ich denke!“, erhöhte Viktor seine Stimme. „Tatjana Nikolajewna hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen. Sie hat ein Recht auf ein schönes Fest. Und deine Eltern? Sie haben im Leben nichts erreicht. Sie bekommen eine Hungerrente und leben ihrer Tochter auf der Tasche!“
Nadjas Wangen glühten, als hätte man sie geschlagen. Ihr stockte der Atem. „Wiederhole das noch einmal!“
„Meine Mutter hat es sich verdient, ihren runden Geburtstag im Landhaus zu feiern, und deine mittellosen Eltern sollen sich für diese Zeit gefälligst verziehen!“, stieß Viktor hervor, der sich nicht mehr beherrschen konnte.
Eine erdrückende, doch scharf klingende Stille legte sich über die Küche. Nadja stand regungslos da, mit weit aufgerissenen Augen blickte sie ihren Mann an. Ihre Hände zitterten, doch ihre Stimme war klar und ruhig: „Die Eltern bleiben hier. Das ist ihr Zuhause. Wenn deine Mutter einen Ort für ihr Fest braucht, soll sie sich einen anderen suchen.“
Viktor schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Tassen hüpften, eine davon fiel herunter und zersprang in Scherben.
„Du begreifst es nicht! Mama hat alles organisiert! Gäste, Musik, Essen! Man kann das doch nicht alles wegen deiner Prinzipien absagen!“
„Meine Prinzipien?“, Nadja bückte sich und begann, die Scherben aufzusammeln. „Das nennt man Respekt vor den Eltern. Vor denen, die mir das Leben und dieses Haus geschenkt haben.“
„Und zu mir gibt es keinen Respekt? Zu meiner Mutter?“, Viktor lief in der Küche auf und ab und gestikulierte wild. Nadja legte die Scherben sorgfältig in den Mülleimer, wusch sich die Hände und sagte, ohne ihren Mann anzusehen: „Respekt muss man sich verdienen. Und das gilt für dich genauso wie für deine Mutter.“
Sie ging wortlos an ihm vorbei ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf den Bettrand. Draußen erlosch langsam das Licht, und in der Stille des Hauses war deutlich zu hören, wie die Haustür ins Schloss fiel.
Wenige Minuten später klopfte es leise an ihre Tür. „Nadja“, ertönte die Stimme ihres Vaters. „Wir haben alles gehört.“
Sie antwortete nicht. Sie drückte lediglich das Kissen auf ihren Knien fester zusammen und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Am nächsten Morgen packten Iwan Petrowitsch und Anna Semjonowna ihre Sachen. „Wir fahren zu Tante in die Stadt, Töchterchen“, sagte die Mutter und umarmte Nadja. „Ihr sollt euch wegen uns nicht streiten.“
Nadja nickte, ihre Tränen verbarg sie geschickt. Als das Auto mit ihren Eltern hinter der Biegung verschwunden war, trat sie auf die Veranda hinaus, setzte sich in den alten Korbstuhl und blickte lange in den Garten, wo noch vor Kurzem ihre Stimmen geklungen hatten.
Das Haus wurde still. Sehr still.