DER GROSSE VERLUST, DER ALLES VERÄNDERTE: Wie eine Liebe, die ungeliebt begann, zum Atem des Lebens wurde und erst im tiefsten Schmerz ihre wahre, unsterbliche Bedeutung fand.
„Um Himmels willen, wo hast du die denn ausgegraben? Sie hat ja schon ein Pfund Salz gegessen! Ich verstehe dich einfach nicht, Oleg. Eine regelrechte KUH! Nicht zu beschreiben, weder in Worten noch mit der Feder. Was hast du bloß an ihr gefunden? Mama, sag du ihm doch auch mal etwas!“, Lena ließ nicht locker, ihre Empörung wuchs mit jedem Wort.
„Hör auf damit, Lena, beruhige dich. Das ist seine Entscheidung. Oleg muss mit ihr leben. Lass ihn selbst mit seiner Verlobten zurechtkommen“, Anna Viktorowna warf ihrem Sohn einen fragenden Blick zu.
„Habt ihr euch ausgeredet? Wunderbar. Ich werde Tanja heiraten. Und übrigens, im Herbst bekommen wir ein Kind. Das Thema ist damit erledigt, meine Lieben“, Oleg verließ den Raum mit einem lauten Türknall.
Oleg war bereits einmal verheiratet gewesen, mit einer wahren Schönheit. Aus dieser Ehe stammte auch seine Tochter. Er liebte seine Frau über alle Maßen, doch es schien, als hätte er nicht in die Familie gepasst. Seine Schwiegermutter setzte alles daran, ihre Ehe zu zerstören, und so musste Oleg gehen.
In jener Zeit verlor er sich völlig. Er trank maßlos, suchte Streit und wechselte Frauen wie Hemden.
Und dann, wie aus dem Nichts, trat Tanja in sein Leben. Sie lernten sich im Freundeskreis kennen. Tanja bemerkte Oleg sofort: groß, stattlich, mit einer scharfen Zunge. Seine Witze brachten sie zum Lachen wie kein anderer.
Tanja unterrichtete Mathematik an einer Schule und wohnte mit ihren Eltern in einem alten Haus. Sie war vierundzwanzig, als sie Oleg traf.
Es gibt diese seltenen Momente, in denen man einen Menschen sieht und intuitiv weiß: Das ist für immer. Ohne erkennbaren Grund, einfach so. Weil er existiert. Man fühlt, als kenne man ihn schon seit hundert Jahren. Ohne ihn ist das Leben unvollständig. Genau das empfand Tanja für Oleg.
Doch Oleg hatte sie an jenem Abend nicht einmal bemerkt.
Erstens war er sturzbetrunken.
Zweitens entsprach Tanja absolut nicht seinem Typ. Ganz und gar nicht.
Drittens hatte er sich geschworen, nie wieder den Bund der Ehe einzugehen. „Genug ist genug. Heiraten? Niemals!“, wiederholte er seinen Freunden gegenüber immer wieder.
Aber in derselben Runde war auch Katja, eine Schönheit, von der man den Blick nicht abwenden konnte. Oleg kam mühelos mit ihr ins Gespräch und zog sie sogar abseits neugieriger Blicke. Sie zogen sich in die Küche zurück und verließen die Party später Hand in Hand.
Mit Katja war es aufregend. Oleg mochte alles an ihr. Sie war eine Frau voller Feuer. Männer warfen ihr bewundernde Blicke zu und seufzten.
Oleg stellte Katja seiner Schwester Lena vor.
„Hübsch ist sie“, befand Lena. „Aber nicht für eine Familie.“
„Ich weiß“, erwiderte Oleg.
Wenig später verließ Katja ihn für einen anderen Mann.
Oleg litt nicht. Er wusste, dass sie nicht die Richtige für ihn war. Ohne Bedauern ließ er sie gehen.
Tanja hingegen wartete geduldig auf ihre Gelegenheit. Oleg war wieder frei – Zeit zu handeln.
Sie lud ihn selbst zu einem Treffen ein. Er zögerte kurz, stimmte dann aber zu.
Tanja nahm Oleg mit nach Hause und stellte ihn ihren Eltern vor. Ihr Vater und ihre Mutter fanden sofort Gefallen an ihm.
Oleg genoss die Fürsorge. Tanja umschwärmte ihn wie ein Schmetterling.
Jeden Wunsch erfüllte sie ihm augenblicklich.
Ein halbes Jahr später beschloss Oleg, seiner Mutter und Schwester von seiner Verlobten zu erzählen.
„Liebst du sie denn, Olegchen?“, fragte seine Mutter.
„Nein. Ich habe einmal geliebt. Du weißt doch, Mama. Das tut weh. Es reicht mir, dass Tanja mich liebt“, sinnierte Oleg nachdenklich.
„Es wird schwer sein, mein Sohn, mit einer Frau, die du nicht liebst. Wirst du dich daran gewöhnen können?“, Anna Viktorowna wischte sich eine Träne weg.
„Wir werden sehen“, entgegnete Oleg ausweichend.
Die Hochzeit fand im Haus der Braut statt.
„Lebt, liebt, streitet euch, aber versöhnt euch sofort wieder“, gab die Schwiegermutter ihnen mit auf den Weg.
Sie stritten, doch eine Versöhnung blieb aus.
Oleg verfiel dem Alkohol.
Er kehrte zu seinen Eltern zurück.
Anna Viktorowna schüttelte nur den Kopf, sagte aber kein Wort.
Noch am selben Tag eilte Tanja herbei:
„Was hast du vor, Oleg? Komm zurück! Ich gebe dich niemandem her!“
Er kehrte zurück.
Ein Sohn wurde geboren.
Trubel, Betriebsamkeit – das Leben nahm Fahrt auf.
Langsam, aber stetig, begann Oleg, sich dieser Familie verbunden zu fühlen.
Sein Schwiegervater und seine Schwiegermutter vergötterten ihn förmlich.
Den besten Bissen gab es immer für Oleg.
Kam er von der Arbeit, schlichen alle auf Zehenspitzen: Er sollte sich ausruhen können.
Oleg war niemals grob zu den Eltern seiner Frau.
Er respektierte sie zutiefst.
Alle Arbeiten im Haus erledigte er selbst.
Tanja nannte er stets zärtlich „Tanjuschka“. Immer.
Seinen Sohn vergötterte er.
Fünfundzwanzig Jahre vergingen wie ein einziger Tag.
Die Eltern waren gealtert.
Sie litten häufig unter Krankheiten.
Viel Zeit verbrachten sie in Krankenhäusern.
„Olegchen, geh doch mal zum Arzt und lass deine Gesundheit überprüfen“, drängte Tanja ihn liebevoll.
„Wie du meinst, Tanjuschka“, willigte Oleg ein.
Er hatte es immer eilig: den Zaun reparieren, das Haus instand setzen, den Garten auf Vordermann bringen. Ach, wie sehr er sich beeilte…
Dann traf der Krankenwagen ein.
Es gab keine Hilfe mehr.
Ein plötzlicher Tod.
Der Boden unter Tanjas Füßen schien zu versinken.
Sie brach bewusstlos zusammen.
Die Ärzte brachten sie wieder zu sich.
„Wie kann das sein?! Olegchen war doch gerade erst beim Arzt! Man sagte, er sei gesund! Und plötzlich… Ich glaube es nicht!!!“, schrie Tanja verzweifelt.
Die alten Eltern saßen abseits, völlig fassungslos.
„Wir, die Alten, hätten sterben sollen! Wir! Warum diese Ungerechtigkeit?!“, schluchzte Tanjas Mutter.
„Olegchen! Du bist mein Leben! Atme doch nur noch…“, Tanja stürzte sich auf ihren Mann.
Sie begruben ihn.
Zwei Monate später verstarb Tanjas Vater. Vor seinem Tod flüsterte er „Oleg…“.
Einen weiteren Monat darauf folgte seine Mutter.
Ein halbes Jahr später verkaufte Tanja das Haus. Sie konnte dort nicht mehr leben.
Sie kaufte eine kleine Wohnung.
Ihren Sohn verheiratete sie.
Sieben Jahre später gestand sie Lena:
„Lena, einen Mann wie Olegchen findet man niemals wieder. Die Hölle habe ich durchgemacht, als ich ihn verlor. Ich konnte ihn nicht beschützen.“
Ihren Sohn bat sie eindringlich: „Begrabt mich neben eurem Vater.“
„Und die Zeit, Lenochka, heilt nicht. Sie lehrt einen nur, durch den Schmerz zu atmen. Jeder Morgen ist wie der erste nach der Beerdigung. Jeder Abend wie ein Abschied. Doch ich bin dankbar für jeden unserer Tage, für jeden Schrei unseres Sohnes, für jeden Blick von Oleg, den ich bis heute erinnere. Er liebte mich am Anfang nicht, aber in fünfundzwanzig Jahren lebte er mehr, als andere in ihrem ganzen Leben. Und das war genug. Genug für alles.“