Eine arme alte Frau gab hungrigen Zwillingen zu essen – zwanzig Jahre später hielten plötzlich zwei schwarze Geländewagen vor ihrem Haus
„Ihre Kartoffel ist heruntergefallen.“
Anna Saweljewna drehte sich um. Vor ihr standen zwei Jungen, gleich wie ein Spiegelbild, schmal, in abgetragenen Jacken. Der eine hob die Kartoffel auf, rieb sie an seinem Hosenbein sauber und reichte sie ihr zurück. Der andere blickte auf das Blech mit den gekochten Kartoffeln, als hätte er seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen.
„Danke, Jungs. Und warum streicht ihr hier die ganze Zeit herum? Ich habe euch heute schon zum dritten Mal gesehen.“
Der Ältere zuckte mit den Schultern.
„Einfach so.“
Anna Saweljewna verstand nur zu gut, was dieses „einfach so“ bedeutete. Sie wickelte zwei Kartoffeln in eine alte Zeitung und legte noch eine saure Gurke dazu.
„Kommt morgen wieder und helft mir beim Schleppen der Kisten. Abgemacht?“
Die Jungen griffen wortlos nach dem Päckchen und verschwanden sofort.
Am Abend, als Anna Saweljewna einen schweren Wasserbehälter nach Hause schleppte, tauchten sie wieder auf. Ohne ein Wort nahmen sie ihn ihr ab und trugen ihn bis zur Tür. Der Ältere zog dann zwei alte, blank geriebene Münzen aus der Tasche.
„Die gehören unserem Vater“, presste er hervor. „Er war Bäcker. Dann ist er gestorben. Wir geben sie niemandem, aber… schauen Sie.“
Anna Saweljewna begriff sofort: Mehr besaßen die beiden nicht.
Sascha und Grischa kamen von da an jeden Tag. Sie gab ihnen zu essen, was sie von zu Hause mitbrachte, und sie halfen ihr mit Säcken und Kisten. Sie aßen still, hastig, ohne den Blick zu heben. Eines Tages fragte Anna:
„Wo schlaft ihr eigentlich, Jungs?“
„Im Keller in der Sawodskaja-Straße“, antwortete Grischa. „Da ist es trocken, machen Sie sich keine Sorgen.“
„Wie soll ich mir denn keine Sorgen machen? Eben deshalb frage ich.“
Sascha hob den Kopf.
„Wir sind keine Bettler. Wenn wir groß sind, machen wir eine Bäckerei auf. So wie unser Vater.“
Anna nickte nur. Sie fragte nichts weiter. Sie sah ja selbst: Die Jungen hielten sich aufrecht, und ihre Disziplin war erstaunlich hart.
Doch bald fing der Marktaufseher Viktor Kusmitsch an, sie ständig zu schikanieren. Seine Frau verkaufte gesalzenen Fisch; zu ihr ging fast niemand, während bei Anna immer eine Schlange stand. Jedes Mal, wenn er vorbeikam, brummte er:
„Spielst du wieder die Wohltäterin? Fütterst du Lumpenkinder?“
„Das geht dich nichts an.“
„Und ob mich das was angeht. Hier sorge ich für Ordnung.“
Er schrieb etwas in sein Heft, warf den Jungen lange, widerwärtige Blicke zu. Anna Saweljewna spürte, dass er etwas plante. Nur ahnte sie nicht, wie schlimm alles enden würde.
Es geschah an einem Mittwoch. Ein Auto fuhr an ihren Stand, zwei Frauen und der Dorfpolizist stiegen aus. Sascha und Grischa stapelten gerade Kisten und erstarrten vor Angst.
„Alexander und Grigori Sergejew?“
„Ja“, antwortete der Ältere.
„Packt eure Sachen. Ihr kommt mit uns.“
Anna Saweljewna trat sofort vor.
„Wohin bringen Sie sie? Sie sind bei mir, ich trage die Verantwortung für sie!“
„Sie beuten Minderjährige aus“, sagte eine der Frauen streng und nickte zu Viktor Kusmitsch hinüber, der mit verschränkten Armen dastand. „Es ist eine Meldung eingegangen. Kinder müssen unter staatlicher Aufsicht stehen.“
„Ich beute sie nicht aus! Ich füttere sie!“
„Tante Anja, lassen Sie“, sagte Sascha leise. „Legen Sie sich nicht mit denen an.“
Grischa schwieg, die Fäuste fest geballt. Man fasste ihn an der Schulter und führte ihn zum Wagen. Anna lief hinterher, packte die Frau am Ärmel.
„Warten Sie! Ich kann die Vormundschaft beantragen, ich…“
„Sie sind Rentnerin. Gehen Sie beiseite. Die Kinder werden auf verschiedene Einrichtungen verteilt.“
„Verschiedene?!“
Die Wagentür fiel ins Schloss. Anna Saweljewna blieb mitten auf dem Markt stehen und sah, wie Saschas Gesicht gegen die Scheibe gepresst war. Seine Lippen formten lautlos ein Wort: „Danke.“
Viktor Kusmitsch ging pfeifend an ihr vorbei.
Zwanzig Jahre vergingen.
Anna Saweljewna arbeitete schon lange nicht mehr auf dem Markt. Sie lebte in einer kleinen, baufälligen Hütte am Rand einer Siedlung bei Nischni Nowgorod und kam kaum über die Runden. Oft dachte sie an die Jungen. Lebten sie noch? Hatten sie einander wiedergefunden? Manchmal träumte sie von ihnen: wie sie am Stand standen, gekochte Kartoffeln aßen, und sie ihnen über den Kopf strich.
Viktor Kusmitsch wohnte auf der anderen Straßenseite. Er war alt geworden, doch wenn sie sich begegneten, verzog er noch immer das Gesicht.
„Na, Saweljewna, denkst du immer noch an deine Straßenjungen?“
Anna schwieg. Zum Streiten hatte sie längst keine Kraft mehr.
An einem Samstag, als sie im Gemüsegarten arbeitete, rollten zwei riesige Wagen langsam durch die Straße. Schwarz, glänzend – solche Autos hatte man in ihrem heruntergekommenen Dorf noch nie gesehen. Die Nachbarn beugten sich aus den Fenstern, manche liefen gleich in den Hof.
Die Wagen hielten direkt vor ihrem Tor.
Aus dem ersten stiegen zwei stattliche Männer in teuren Anzügen. Groß, einander verblüffend ähnlich, mit demselben Muttermal am linken Auge. Anna Saweljewna richtete sich auf, und die Schaufel glitt ihr aus den Händen.
„Tante Anja?“
Die Stimme bebte. Am Blick erkannte sie sie sofort – derselbe Blick wie vor zwanzig Jahren.
„Sascha?..“
Er nickte. Neben ihm stand Grischa, lächelte still. Dann machte Sascha einen Schritt nach vorn, zog unter dem Hemd eine Kette hervor, an der eine alte kupferne Münze hing.
„Grischa und ich tragen sie immer bei uns. Wir legen sie nie ab.“
Anna Saweljewna umarmte beide und blieb lange so stehen, als hätte sie Angst, der Augenblick könnte sich als Traum auflösen.
Die Nachbarn sahen einander ratlos an. Grischa wischte sich mit der Hand über das Gesicht und trat einen halben Schritt zurück.
„Wir haben Sie drei Jahre lang gesucht. Den Markt haben sie abgerissen, alle sind weggezogen. Wir haben Archive durchforstet, alte Adressbücher gewälzt. Wir dachten schon, wir finden Sie nie.“
Sascha fasste sie bei der Hand.
„Wir sind gekommen, um Sie mitzunehmen. Wir haben jetzt ein eigenes Bäckereinetz – siebzehn Filialen, alle laufen gut. Damals hat man uns getrennt, aber wir haben einander wiedergefunden, sind aus den Heimen abgehauen und haben bei null angefangen. Und die ganze Zeit haben wir nicht vergessen, wie Sie uns gefüttert haben. Sie waren die Einzige, die nicht weggesehen hat.“
„Ach, Jungs… mir geht es hier doch ganz gut.“
„Ganz gut?“ Grischa sah auf die schiefe Hütte. „Tante Anja, damals haben Sie uns das Letzte gegeben, was Sie hatten. Jetzt sind wir dran. Sie ziehen zu mir. Oder zu Sascha. Wir streiten seit einer Woche darüber.“
„Bei mir ist es näher zu den Krankenhäusern“, sagte Sascha. „Aber ich habe weniger Platz. Bei ihm ist das Grundstück größer und der Garten schöner.“
Sie redeten durcheinander wie früher als Kinder. Anna Saweljewna weinte leise.
Hinter dem Zaun tauchte Viktor Kusmitsch auf. Er starrte auf die Wagen, auf die Männer in den Anzügen, und verstand gar nichts. Sascha trat näher.
„Sie sind Viktor Kusmitsch? Der Aufseher vom Markt?“
Der Alte nickte.
„Sie haben uns damals der Vormundschaft gemeldet?“
Er schwieg kurz und hob dann das Kinn.
„So war eben das Gesetz. Kinder durfte man nicht herumkommandieren.“
Grischa verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
„Wissen Sie, ohne Sie hätten wir wahrscheinlich weiter in diesem Keller gelebt. So hat man uns verteilt, und sechs Jahre später haben wir uns wiedergefunden, sind weggelaufen und haben alles von Grund auf aufgebaut. Wenn man es genau nimmt, haben Sie unser Leben auf den Kopf gestellt.“
Sascha reichte Viktor Kusmitsch eine Visitenkarte.
„Hier sind unsere Kontaktdaten. Für alle Fälle. Wir tragen Ihnen nichts nach. Anders als manche anderen.“
Mit zitternden Fingern drehte Viktor Kusmitsch die Karte um und las: „Bäckereien Sergejew & Sergejew“. Sein Gesicht wirkte, als wäre alles daraus gewichen. Ohne ein Wort machte er kehrt und ging, tief gebeugt, nach Hause.
Anna Saweljewna packte in einer halben Stunde ihre Sachen zusammen. Viel war da ja nicht – zwei Taschen vielleicht. Sascha und Grischa setzten sie auf den Rücksitz, deckten sie mit einer Decke zu.
Als die Wagen anfuhren, blickte Anna noch einmal zurück. Im Fenster von Viktor Kusmitschs Haus stand ein Schatten – er sah ihnen nach. Und in diesem Blick lag weder Wut noch Stolz, nur die Leere eines Menschen, der sein Leben lang anderen geschadet hatte und am Ende mit nichts zurückblieb.
„Tante Anja“, sagte Sascha und sah in den Rückspiegel. „Wissen Sie noch, dass wir versprochen haben, eine Bäckerei zu eröffnen?“
„Ja, ich weiß noch.“
„Unsere wichtigste Filiale haben wir nach Ihnen benannt: ,Bei Tante Anja‘. Und jeden Tag geben wir dort Kindern kostenlos zu essen. Denen, die nirgendwohin können.“
Anna schloss die Augen. Vor zwanzig Jahren hatte sie zwei hungrigen Jungen einfach etwas zu essen gegeben und sich nicht abgewandt. Und nun waren sie zurückgekehrt und hatten ihr hundertfach zurückgegeben, was sie einst mit bloßen Händen geteilt hatte.
Die Wagen fuhren hinaus auf die Landstraße. Das alte Dorf blieb hinter ihnen zurück. Vor ihnen begann ein neues Leben. Das Leben, das sie verdient hatte, nur weil sie in all den Jahren Mensch geblieben war.