„Helga, deine Enkel haben mir sämtliche Heidelbeersträucher leer gepflückt!“ — und die Nachbarin verzog nicht einmal das Gesicht, als wäre mein jahrelanger Garten nur ein Spielplatz für fremde Kinder

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„Helga, deine Enkel haben mir sämtliche Heidelbeersträucher leer gepflückt!“ Die Nachbarin wirkte nicht einmal überrascht.

„Und?“, sagte sie nur. „Es sind doch Kinder.“

„Wie und? Sie haben meine ganze Ernte vernichtet!“

„Anneliese, nun stell dich doch nicht so an wegen ein paar Beeren.“

Jeden Morgen ging Anneliese Schneider mit einer Tasse Tee in der Hand durch ihren Schrebergarten. Sie sah nach den Beeten, strich mit den Augen über die Obstbäume und blieb immer wieder dort stehen, wo alles besonders kräftig wuchs.

Die Parzelle, die sie mit ihrem Mann Karl-Heinz seit Jahren pflegte, war groß — fast tausendfünfhundert Quadratmeter. Eine Hälfte war Nutzgarten: Kartoffeln, Möhren, Kohl, Zwiebeln, alles sauber in Reihen. Die andere Hälfte gehörte den Obstbäumen und den Sträuchern.

Am meisten aber hing Annelieses Herz an den Heidelbeeren. Vor fünf Jahren hatte sie die ersten kleinen Pflanzen gesetzt. Sie hatte sie gehegt, gegossen, gegen Frost geschützt, gedüngt und unzählige Male nach ihnen gesehen. In diesem Sommer sollte endlich die erste richtige Ernte kommen.

Daneben standen Himbeersträucher, die jedes Jahr große, süße Früchte trugen. Am Zaun entlang zog sich eine Weinrebe, an der schwere Trauben hingen, noch grün, aber vielversprechend.

„Karl, komm mal her, schau dir diese Heidelbeeren an!“, rief sie oft nach ihrem Mann.

Er trat dann neben sie, legte die Hände auf den Rücken und nickte zufrieden.

„Das ist wirklich eine Pracht.“

Im Sommer kamen die Enkel der Schneiders oft zu Besuch: Jonas, zwölf Jahre alt, und seine zehnjährige Schwester Lea. Die Kinder halfen ein wenig im Garten, sammelten Beeren, planschten am Bach hinter der Anlage und brachten Leben in die stillen Nachmittage. Anneliese liebte die beiden über alles.

Nebenan wohnte Helga Braun. Ihr Garten war klein, kaum sechshundert Quadratmeter, ohne Gemüsebeete, nur ein paar Blumenrabatten und ein schlichtes Gartenhäuschen mit niedriger Veranda.

Auch bei ihr wurde es im Sommer voll. Fünf Enkel brachte ihre Familie jedes Jahr zu ihr — Kinder zwischen vier und vierzehn. Die Eltern arbeiteten in der Stadt, und Helga verbrachte die Ferienwochen allein mit der wilden Truppe.

Anfangs verstanden sich alle Kinder gut. Sie liefen von einem Garten zum anderen, spielten Fangen, bauten Höhlen aus Decken und Zweigen. Anneliese hatte nichts dagegen. Im Gegenteil: Kinderlachen machte den Garten für sie wärmer und lebendiger.

„Tante Anneliese, dürfen wir bei Ihnen spielen?“, fragten Helgas Enkel manchmal über den Zaun.

„Natürlich, ihr Lieben. Aber passt auf die Beete auf, ja?“

Eines Morgens blieb Anneliese jedoch wie angewurzelt stehen. Einige Heidelbeersträucher sahen plötzlich kahl aus. Wo am Vortag noch dicke blaue Beeren gehangen hatten, waren nur grüne, unreife Früchte und einzelne abgerissene Stiele zu sehen.

„Karl-Heinz! Komm bitte sofort her!“

Ihr Mann erschien mit der Gartenschere in der Hand.

„Was ist denn los?“

„Sieh dir die Heidelbeeren an. Wo sind die Beeren?“

Karl-Heinz beugte sich zu den Sträuchern hinunter, schob die Blätter auseinander und runzelte die Stirn.

„Seltsam. Gestern hing hier noch alles voll.“

„Vielleicht waren es Vögel?“

„Vögel picken hier und da eine Beere. Aber das hier ist sauber abgeerntet. Als hätte jemand gezielt alles mitgenommen.“

Anneliese ging weiter zu den Himbeeren. Auch dort traf sie derselbe Schlag. Die Sträucher waren fast leer, sogar die unreifen Früchte fehlten an vielen Zweigen.

„Karl, die Himbeeren sind auch weg!“

„Das gibt es doch nicht.“

Aber es war so. Was gestern noch voller Sommer und Süße gewesen war, stand heute geplündert da.

Am Abend beschloss Anneliese, sich auf die Lauer zu legen. Sie nahm ein Buch, setzte sich scheinbar gemütlich auf die Bank neben dem Schuppen und tat so, als würde sie lesen. Doch ihre Augen wanderten immer wieder zum hinteren Teil des Gartens.

Nach einer knappen Stunde sah sie, wie sich durch ein Loch im Zaun nacheinander Helgas Enkel zwängten. Alle fünf. Ohne Zögern liefen sie geradewegs zu den Heidelbeersträuchern.

„Guck mal, wie blau die sind!“, rief die Kleinste begeistert.

„Kommt, wir nehmen alle“, sagte der Älteste.

Dann begannen die Kinder, die restlichen Sträucher abzusuchen. Sie aßen im Gehen, stopften sich Beeren in die Taschen, sammelten andere in eine gefundene Plastiktüte und brachen dabei achtlos Zweige ab.

Anneliese trat hinter dem Schuppen hervor.

„Was macht ihr da?“

Die Kinder erstarrten. Die größeren versuchten, die Tüte hinter dem Rücken zu verstecken.

„Wir wollten nur ein bisschen probieren“, murmelte der dreizehnjährige Max.

„Ein bisschen? Ihr habt mir alle Sträucher leer gepflückt!“

Die vierjährige Emma sah mit verschmiertem Mund zu ihr hoch.

„Tante Anneliese, dürfen wir noch welche nehmen? Die schmecken so gut.“

„Nein. Das sind unsere Beeren. Wir haben sie selbst gepflanzt und großgezogen.“

Die Kinder senkten die Köpfe und schlichen zurück zum Loch im Zaun. Anneliese sah ihnen nach, atmete tief durch und ging dann hinüber zu Helga. Die Nachbarin saß auf ihrer Veranda und fächerte sich mit einer Illustrierten Luft zu.

„Helga, wir müssen reden.“

„Dann rede.“

„Deine Enkel haben mir sämtliche Heidelbeersträucher leer gepflückt.“

Helga hob kaum die Augenbrauen.

„Und? Es sind Kinder.“

„Wie und? Sie haben meine ganze Ernte zerstört!“

„Ach Anneliese, warum regst du dich so auf? Es waren doch nur ein paar Beeren.“

Anneliese starrte sie fassungslos an.

„Ein paar Beeren? Ich habe fünf Jahre auf diese Heidelbeeren gewartet! Jeden Strauch habe ich gepflegt, gegossen, gedüngt!“

„Dann wachsen eben wieder welche. Mach doch kein Drama daraus.“

„Helga, kannst du dich wenigstens entschuldigen?“

„Wofür denn? Kinder sind Kinder. Was willst du von ihnen erwarten?“

Das Gespräch lief gegen eine Wand. Helga sah nicht ein, dass ihre Enkel etwas Falsches getan hatten. Für sie war es eine Kleinigkeit, für Anneliese war es ein Stich mitten ins Herz.

Am nächsten Tag stellte Anneliese fest, dass auch die Trauben fehlten. Die schweren grünen Rispen, die erst gegen Ende August reif werden sollten, waren fast alle abgerissen.

„Helga!“, rief sie über den Zaun.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Deine Enkel haben nun auch noch meinen Wein geplündert!“

„Na und? Der war bestimmt sauer.“

„Natürlich war er sauer! Er war noch grün! Sie haben fast alle Trauben abgerissen!“

„Dann haben sie eben probiert und gemerkt, dass es nicht schmeckt. Kinder sind neugierig.“

Anneliese spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg.

„Helga, deine Kinder ruinieren mir den ganzen Garten!“

„Übertreib nicht. Dein Garten ist groß genug.“

„Was hat das damit zu tun? Ich habe diese Pflanzen über Jahre aufgebaut!“

„Dann mach eben weiter damit.“

Helga drehte sich um, ging ins Häuschen und schlug die Tür zu.

Am Abend erzählte Anneliese ihrem Mann von dem Gespräch. Ihre Hände zitterten noch immer vor Empörung.

„Stell dir vor, sie hat sich nicht einmal entschuldigt! Sie sagt nur: Kinder sind eben Kinder.“

Karl-Heinz zuckte müde mit den Schultern.

„Was hast du erwartet? Es ist einfacher, alles abzutun, als den Enkeln Manieren beizubringen.“

„Aber das ist Diebstahl!“

„Anneliese, reg dich nicht so auf. Es sind Kinder, sie verstehen das noch nicht richtig.“

„Der Älteste ist dreizehn! In dem Alter muss man wissen, dass man Fremdes nicht einfach nimmt.“

Karl-Heinz seufzte. Er wollte wegen Beeren keinen Nachbarschaftskrieg beginnen.

Ein paar Tage später waren auch die Johannisbeeren verschwunden.

„Jetzt reicht es“, sagte Anneliese hart. „Das lasse ich mir nicht länger gefallen.“

Sie ging wieder zu Helga hinüber. Die Nachbarin stand mit einer Gießkanne zwischen ihren Dahlien.

„Jetzt haben sie auch noch meine Johannisbeeren gegessen.“

„Welche Johannisbeeren?“

„Meine. Deine Enkel sind wieder durch den Zaun gekrochen.“

Helga schnaubte.

„Anneliese, was ist denn mit dir los? Die Kinder haben ein paar Beeren gezupft. Das ist doch keine Tragödie.“

„Sie haben nicht gezupft. Sie haben alles leer gemacht. Meine ganze Ernte ist weg.“

„Warum fährst du so auf die Kinder los? Du bist doch selbst schuld.“

Anneliese glaubte, sich verhört zu haben.

„Ich bin schuld?“

„Wer hat ihnen denn erlaubt, ständig bei dir herumzulaufen? Du. Also haben sie sich daran gewöhnt, dass sie überall hin dürfen.“

„Ich habe es gut gemeint. Ich dachte, die Kinder sollen miteinander spielen.“

„Tja. Dann hast du jetzt das Ergebnis deiner guten Absichten.“

Helga stellte die Gießkanne ab und wandte sich zum Haus.

„Und überhaupt: Wenn du nicht willst, dass jemand an deine Sachen geht, bau einen höheren Zaun. Bei diesen Löchern kann ja jeder durch.“

„Helga, man muss Kindern erklären, dass sie nichts nehmen dürfen, was ihnen nicht gehört.“

„Müsste man. Aber wozu? Sie hören ja doch nicht.“

Anneliese ging nach Hause, als hätte ihr jemand die Kraft aus den Beinen genommen. Sie setzte sich auf die Bank unter dem Apfelbaum und weinte. Nicht nur wegen der Beeren. Wegen der Jahre, die sie in diesen Garten gelegt hatte. Wegen der Gleichgültigkeit. Wegen dieser kalten Selbstverständlichkeit, mit der Helga alles wegwischte.

„Anneliese, wein doch nicht“, sagte Karl-Heinz leise und setzte sich neben sie. „Nächstes Jahr gibt es neue Früchte.“

„Darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie nicht einmal einsieht, was passiert ist. Sie ist so dreist geworden.“

„Du weißt doch, wie Helga ist.“

Ja, das wusste sie. Im Kleingartenverein galt Helga Braun schon lange als schwierig, schnell beleidigt und immer bereit, anderen die Schuld zu geben. Trotzdem waren Anneliese und sie bisher einigermaßen miteinander ausgekommen.

„Karl“, sagte Anneliese nach einer Weile, „wir müssen den Zaun höher machen.“

„Das können wir. Aber billig wird das nicht.“

„Was bleibt uns übrig? Sonst zerstören sie uns den ganzen Garten.“

Am nächsten Morgen begann Karl-Heinz mit der Arbeit. Er holte Pfosten, Bretter, Drahtgeflecht und Schrauben. Von früh bis spät stand er am Zaun, maß, sägte, hämmerte und schloss jedes Loch, durch das ein Kind hätte schlüpfen können.

Helga beobachtete alles von ihrer Seite aus und sparte nicht mit spitzen Bemerkungen.

„Na, so geizig muss man erst mal sein! Sich mit einem Zaun vor Kindern verschanzen!“

Anneliese antwortete nicht. Sie presste nur die Lippen zusammen und arbeitete weiter.

Auch Helgas Enkel schlichen um den Zaun herum. Sie suchten nach neuen Lücken, drückten an Brettern, zogen an Maschen. Doch Karl-Heinz hatte gründlich gearbeitet. Kein Durchkommen mehr.

Die kleine Emma blieb schließlich vor Anneliese stehen.

„Tante Anneliese, warum habt ihr den Zaun gebaut?“

„Damit unsere Beeren in unserem Garten bleiben.“

„Dürfen wir denn trotzdem zum Spielen kommen?“

Anneliese sah in das Kindergesicht, und für einen Moment tat ihr die Antwort weh.

„Nein. Jetzt nicht mehr.“

Der Zaun half. Doch das Verhältnis zu den Nachbarn war danach endgültig zerstört. Helga drehte sich bei Begegnungen demonstrativ weg. Die Kinder kamen nicht mehr zu Besuch.

„Geizhals!“, riefen sie manchmal über den Zaun. „Alte Beerenhexe!“

Anneliese versuchte, nicht hinzuhören. Aber jedes Wort setzte sich in ihr fest. Früher war ihr Garten voller Kinderlachen gewesen, jetzt lag eine merkwürdige Stille darüber, schwer und unangenehm.

Helga erzählte inzwischen den anderen Kleingärtnern ihre eigene Version.

„Stellt euch nur vor, wie kleinlich manche Leute sind! Nicht einmal eine Handvoll Beeren gönnen sie Kindern. Und dann bauen sie gleich eine Mauer wie um ein Schloss!“

„Haben die Kinder denn viel genommen?“, fragte jemand.

„Ach was, ein paar Beeren vielleicht. Aber Anneliese tut so, als hätte man ihr den Familienschmuck gestohlen.“

Helgas Geschichte klang bequem. Wer wollte schon glauben, dass Kinder einen ganzen Garten leer pflücken konnten? Und so wuchs im Verein langsam ein Bild, das Anneliese kaum ertragen konnte: Sie war angeblich hart, kleinlich und missgünstig. Helga dagegen wurde zur überforderten, aber gutherzigen Großmutter, die den ganzen Sommer allein fünf Enkel betreute.

Gegen Ende des Sommers wurde alles noch schlimmer. Weil die Kinder nicht mehr in den Garten konnten, suchten sie andere Wege, Anneliese zu treffen.

Mal flog ein Ball über den Zaun, mal eine leere Tüte. Eines Morgens fand Anneliese Zigarettenstummel und Bonbonpapier zwischen den Beeten verstreut.

„Helga, bring deinen Enkeln endlich Vernunft bei!“

„Was sollen sie denn schon wieder getan haben?“

„Sie haben Müll in meinen Garten geworfen.“

„Woher willst du wissen, dass es meine waren? Vielleicht hat der Wind es hergetragen.“

Doch der Wind war nicht schuld. Das wusste Anneliese. Die Kinder machten weiter. Einmal spritzten sie mit dem Gartenschlauch über den Zaun. Ein anderes Mal traf ein kleiner Stein die Scheibe des Gartenhäuschens.

Nach und nach begriff Anneliese, dass Helga sie nicht nur nicht bremste. Sie bestärkte sie.

„Vielleicht sollten wir die Polizei rufen“, sagte Anneliese eines Abends.

Karl-Heinz sah sie erschrocken an.

„Wegen Kinderstreichen? Anneliese, dann lacht uns doch der ganze Verein aus.“

„Das sind keine Streiche mehr.“

„Wir halten es noch aus. Bald sind die Ferien vorbei, dann fahren sie wieder nach Hause.“

Und tatsächlich: Ende August packte Helgas Familie zusammen. Die lauten Stimmen verschwanden, die Gartentür fiel ein letztes Mal zu, und plötzlich war es still.

Anneliese saß am Abend auf der Bank und blickte in den Garten. Die Sträucher standen da, als hätten sie eine kleine Schlacht hinter sich. Sie dachte an den nächsten Sommer. Helga würde ihre fünf Enkel bestimmt wieder mitbringen. Und was dann?

Wieder gespannte Blicke über den Zaun? Wieder Steine im Beet? Wieder Schimpfworte, sobald sie sich bückte, um Unkraut zu zupfen? Die Kinder hielten sie inzwischen für eine böse, geizige Alte. Und ihre Großmutter hatte nicht die geringste Absicht, ihnen etwas anderes zu erklären.

Der Garten, der einmal ihr Ort der Freude gewesen war, fühlte sich nicht mehr wie Zuflucht an. Er war zu einer Festung geworden. Einer Festung, in der Anneliese nicht nur ihre Beeren schützen musste, sondern auch das kleine Stück Frieden, das ihr geblieben war.