Wieder ganz unten angekommen: Wie Katharina ihre Schönheit, ihre Ehe und am Ende auch noch alles verlor, was sie für unantastbar hielt

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Tagebucheintrag, 12. März 1985

Schon als kleines Mädchen wusste Katharina, dass sie schön war. Man hatte es ihr oft genug gesagt.

„Unsere Tochter ist wirklich ein Prachtmädchen, die fällt überall auf“, schwärmte ihre Mutter vor Freundinnen und Kolleginnen. Und ganz unrecht hatte sie damit nicht. Nur die alte Frau Krüger aus dem Nachbarhaus brummte manchmal: „Hübsch sind Kinder alle. Erst später sieht man, was aus ihnen wird. Nicht immer, aber oft genug.“

Auf dem Gymnasium wurde aus Katharina eine große, auffallende Schönheit. Sie gewöhnte sich daran, dass Jungen nervös wurden, sobald sie den Flur betrat. Verwöhnt war sie, stolz auch, und ein wenig hochmütig. Nach dem Abitur reichte es nicht für die Universität, also machte sie eine Ausbildung im Einzelhandel und hängte eine kaufmännische Weiterbildung daran.

„Kind“, sagte ihre Mutter eines Tages, „komm doch zu mir ins Werkslabor. Saubere Arbeit, keine Schlepperei, nicht so ein Ladenkram.“ So wurde Katharina Laborgehilfin in einem großen Betrieb am Stadtrand.

Damals war sie noch schöner geworden und trug dieses Wissen wie ein unsichtbares Schmuckstück. In der Nachbarabteilung arbeitete Thomas, ein Ingenieur mit ruhiger Stimme und ernsten Augen. Zwischen ihnen ging alles schnell: ein paar Blicke, ein paar Spaziergänge, dann sein Antrag. „Heirate mich, bevor dich mir noch einer wegschnappt“, sagte er lachend. Katharina sagte Ja.

Die Hochzeit war schlicht, wie es damals viele waren: gefeiert wurde in der Werkskantine, zwischen langen Tischen, Salaten, Kuchen und Menschen, die ihnen Glück wünschten. Kurz darauf merkte Katharina, dass sie schwanger war. Thomas strahlte vor Freude. Ihre Tochter Lena kam ganz nach der Mutter, und alle waren vernarrt in dieses hübsche Kind.

Doch die Mutterschaft veränderte Katharina. Nicht ihr Gesicht, nicht ihre Figur, sondern etwas in ihrem Inneren. Sie wurde kühl. Thomas behandelte sie, als gehöre er zum Haushalt wie der Staubsauger. Er brachte Lena in den Kindergarten, las ihr abends vor, kochte, räumte auf, tröstete. Katharina blieb immer häufiger angeblich länger im Labor, obwohl Thomas wusste, dass dort nie Überstunden gemacht wurden. Er schluckte ihre scharfen Worte hinunter und achtete darauf, dass Lena ihre Streitereien nicht zu deutlich hörte.

„Thomas“, flüsterten Kollegen, „deine Frau saß gestern mit dem Direktor im Ratskeller.“ Er senkte nur den Blick.

Katharina hatte sich mit Dr. Rainer Vogt eingelassen, einem einflussreichen Beamten, der ihr Schmuck, teure Parfüms und elegante Kleider schenkte. Thomas wurde in der eigenen Wohnung zum Schatten: Er kochte, putzte und schwieg. Scheiden lassen wollte er sich nicht. Nicht, solange Lena noch klein war.

Dann kam die Wirtschaftskrise. Rainer Vogts glänzende Welt brach zusammen. Ermittlungen, Verhöre, Festnahmen. Auch Katharina wurde vorgeladen. Man ließ sie gehen, weil man ihr nichts nachweisen konnte, doch ihr Ruf war zerstört. Sie kam mit leeren Augen nach Hause, als hätte sie sich durch Schmutzwasser gekämpft. Die Ersparnisse waren fort, Thomas hatte die halbe Wohnung verkauft, um ihre Anwaltskosten zu bezahlen. Der Betrieb entließ sie. Thomas blieb trotzdem, wegen Lena, aber von da an lebten sie nebeneinander wie Fremde.

Einmal war er kurz davor, zu gehen. Katharina, deren Stolz in Trümmern lag, klammerte sich an ihn. „Geh nicht. Ich werde anders, ich schwöre es.“ Er blieb. Aber er konnte sie kaum noch berühren. „Du hast mit ihnen geschlafen“, sagte er.

„Für diese Familie“, fuhr sie ihn an.

Später begann sie wieder etwas. Diesmal war es Jonas, ein junger Mitarbeiter, den sie eingestellt hatte. Mit Krediten, Zähnen und Nägeln baute sie sich ein neues Leben auf: erst ein kleiner Souvenirstand nahe der Altstadt, dann ein richtiges Geschäft, schließlich zwei.

„Thomas, hol mich vom Flughafen Frankfurt ab. Ich fliege nach Istanbul, Ware einkaufen“, befahl sie. Oder: „Kündige endlich deinen lächerlichen Job und hilf mir im Laden.“

„Für Verkaufen bin ich nicht gemacht“, murmelte er.

„Ich brauche die Kraft eines Mannes.“

„Männer, die Arbeit suchen, gibt es genug“, antwortete er gleichgültig.

Jonas wurde bald mehr als nur ein Angestellter. Thomas wusste es und sagte wenig. Wenn er doch einmal etwas bemerkte, schleuderte Katharina ihm entgegen: „Hättest du dich um mich gekümmert, wäre es nie so weit gekommen.“

„Du widert mich an“, sagte er dann leise.

Die Jahre vergingen. Lena heiratete und zog nach Bayern. Zu Silvester flog Katharina nach Seoul, Thomas fuhr mit alten Freunden nach Norwegen. Als sie zurückkam, blieb er im Flur stehen und starrte sie an.

„Gott, Käthe… was ist denn mit dir passiert? Du siehst wieder aus wie zwanzig. Keine Falten, keine Ringe, kein Speck an der Taille. Schlank, frisch, als wärst du neu gemacht.“

„Hat mich alles gekostet“, lachte sie und schwenkte ihre leere Geldbörse. „Koreanische Behandlungen, Nadeln, Massagen. Jeden Cent wert.“

Sie konnte nicht mehr aufhören. Doch die Gewinne wurden kleiner. Dann bekam Thomas einen Herzinfarkt. Als er aus der Klinik nach Hause kam, war er schmal geworden, grau und alt, als hätte eine einzige Nacht Jahre aus ihm herausgebrochen.

„Um Himmels willen“, murmelte Katharina vor dem Spiegel, „so würde ich also aussehen?“

„Bleib doch ein paar Tage bei mir“, bat Thomas.

„Keine Zeit. Geld verdient sich nicht von allein.“

Dann schlug Jonas zu. „Unterschreib hier“, hatte er gesagt und ihr Papiere hingelegt, mit denen das Geschäft auf ihn überging. Katharina hatte ihren Namen daruntergesetzt, ohne richtig hinzusehen.

Der Anwalt seufzte. „Es ist wasserdicht, Frau Berger. Ihre Unterschrift steht auf jeder Seite.“

Gebrochen kam sie nach Hause. „Wir haben nichts mehr“, flüsterte Thomas.

„Dann eben die Wohnung“, sagte sie. „Wir verkaufen sie und kaufen etwas Kleineres.“

„Und wovon leben wir dann?“

„Du bekommst einen Computer. Dann lebst du eben virtuell.“ Sie lachte schrill.

Katharina war überzeugt, sie würde sich wieder erheben. Wie ein Phönix, immer wieder.

Lehre: Schönheit vergeht, und Stolz macht blind. Doch der bitterste Bankrott ist der, bei dem eine Seele nichts mehr besitzt.