Oma zählt nicht mehr — bis die Enkel beim Familienessen plötzlich aussprachen, was die Erwachsenen nicht hören wollten
„Wir brauchen Oma nicht bei uns!“, sagten die Enkel fast im Chor, als die Familie am Sonntag wieder einmal zusammensaß.
„Zwölfhundert Euro für diesen klapprigen Rosthaufen?!“ Heinz Weber ließ die Motorhaube des alten Opel mit einem Knall zufallen und funkelte den Verkäufer an. „Da hält doch jedes zweite Teil nur noch aus Gewohnheit zusammen!“
„Das ist kein Rosthaufen, das ist ein Stück Geschichte“, erwiderte der Verkäufer ungerührt und strich beinahe liebevoll über das abgewetzte Lenkrad. „Baujahr sechsundsiebzig, ehrliche Rüsselsheimer Arbeit. Papiere sauber, Motor überholt. Läuft wie ein Uhrwerk.“
„Wie ein Uhrwerk, das seit zehn Jahren stehen geblieben ist“, schnaubte Heinz und wandte sich zu seiner Frau um. „Monika, komm. Für Altmetall gebe ich keinen Cent aus.“
Monika Weber lächelte den Verkäufer entschuldigend an.
„Tut mir leid, aber mein Mann hat recht. Wir brauchen ein Auto für den Schrebergarten, zum Sachenfahren, vielleicht mal für einen Ausflug ins Grüne. Und der hier…“
„Nehmen Sie ihn, Sie werden es nicht bereuen!“ Der Verkäufer beugte sich ein Stück zu ihr. „Für Sie mache ich noch etwas am Preis. Elfhundert, und er gehört Ihnen.“
„Nein, danke“, sagte Monika bestimmt und hakte sich bei ihrem Mann unter. „Wir sehen uns weiter um.“
Schweigend gingen sie zwischen den Garagenreihen hindurch. Heinz kochte noch immer vor Ärger, und Monika trug eine ganz andere Sorge mit sich herum: Der Sommer stand vor der Tür, und ohne Auto kamen sie kaum in ihren Schrebergarten. Seit ein Raser ihren alten Fiat Panda an einer Kreuzung zu Schrott gefahren hatte — zum Glück waren sie selbst mit dem Schrecken davongekommen — blieb ihnen nur noch der Bus mit Umsteigen oder die peinliche Bitte an Nachbarn, sie mitzunehmen.
„Vielleicht doch ein kleiner Kredit für einen neuen Wagen?“, fragte sie zaghaft, als sie das Tor des Garagenhofs hinter sich ließen.
„Mit unseren Renten?“ Heinz stieß ein trockenes Lachen aus. „Nein. Wir finden schon etwas Gebrauchtes, aber Vernünftiges. Wir müssen nur weitersuchen.“
„Aber bald muss das Beet umgegraben werden“, murmelte Monika und zog ihren Schal enger. Der Wind war noch kühl. „Die Kinder haben Hilfe versprochen, aber du weißt doch, wie das läuft. Markus hat ständig Dienst, Sabine hat ihre eigenen Sorgen…“
„Eben!“ Heinz blieb plötzlich stehen, als sei ihm gerade ein rettender Gedanke gekommen. „Was ist eigentlich mit Erna?“
„Mit Mama?!“ Monika sah ihn entgeistert an. „Sie ist neunundsiebzig!“
„Und?“ Er zuckte mit den Schultern. „Deine Mutter ist fitter als wir beide zusammen. Jeden Morgen Gymnastik, dann zum Bäcker, später Kaffeeklatsch mit den Nachbarinnen. Außerdem hat sie doch Ersparnisse. Erinnerst du dich nicht? Sie hat selbst gesagt, sie lege immer etwas für schlechte Zeiten zurück.“
„Heinz!“ Monika riss die Augen auf. „Schämst du dich denn gar nicht? Das ist ihr Geld. Sie hat ihr Leben lang gespart. Und eigentlich wollte sie den Enkeln später etwas hinterlassen.“
„Dann nehmen wir es doch für die Enkel“, beharrte er. „Mit einem Auto können wir sie in den Garten mitnehmen. Frische Luft, Erdbeeren, Angeln am See. Das ist doch gesund!“
Monika schüttelte den Kopf, sagte aber nichts mehr. Der Gedanke, ihre Mutter um Geld zu bitten, schnürte ihr die Kehle zu. Sie sahen Erna Hoffmann ohnehin viel zu selten. Die alte Frau wohnte allein in einem betagten Wohnblock am Rand der Stadt, die Verbindung dorthin war umständlich. Und nun sollten sie ausgerechnet mit so einer Bitte vor der Tür stehen?
Zu Hause warteten bereits die Kinder mit den Enkeln: Markus mit seiner Frau Claudia und dem vierzehnjährigen Sohn Tim, dazu Sabine mit ihrem Mann Thomas und den Zwillingen Lena und Jonas, die gerade zwölf geworden waren. Wie fast jeden Sonntag gab es ein gemeinsames Mittagessen.
„Na, habt ihr eine Karre gefunden?“, fragte Markus, während er Teller auf den Tisch stellte.
„Nein“, seufzte Monika. „Entweder unbezahlbar oder kurz vor dem Auseinanderfallen.“
„Dein Vater meint, wir könnten Oma Erna fragen“, platzte Heinz plötzlich heraus, als er in die Küche kam. „Sie hat ja etwas auf der hohen Kante.“
„Oma Erna?“ Sabine hielt beim Brotschneiden inne. „Und die würde das machen?“
„Ich weiß es nicht“, gab Monika ehrlich zu. „Ich habe sie nicht gefragt. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob wir das überhaupt sollten.“
„Warum sollten wir nicht?“ Heinz setzte sich an den Tisch. „Wem will sie es denn sonst lassen? Den Enkeln!“
„Sie wollte, dass es für deren Ausbildung ist“, erinnerte Monika ihn leise.
„Na und? Der Schrebergarten ist auch Bildung. Biologie zum Anfassen!“
Ein paar lachten, und für eine Weile glitt das Gespräch zu anderen Themen. Doch nach dem Essen, als Monika die Schüsseln zusammenstellte, kam Heinz wieder auf seinen Plan zurück.
„Moni, ich meine das ernst“, sagte er und reichte ihr die leeren Teller. „Wir müssen mit deiner Mutter sprechen. Das ist doch Familiengeld. Und Familiengeld soll der Familie nützen.“
„Ich weiß nicht, Heinz“, sagte Monika unsicher. „Mama ist sehr eigenständig. Sie mag es nicht, wenn jemand in ihre Geldangelegenheiten hineinredet.“
„Wer redet denn hinein?“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir erklären ihr einfach die Lage. Sie wird schon verstehen, dass wir nicht fürs Casino fragen, sondern für etwas Vernünftiges.“
Am Abend saßen alle vor dem Fernseher, als Heinz auf einmal den nächsten Vorschlag fallen ließ.
„Eigentlich könnten wir Oma Erna doch zu uns holen.“
„Wohin denn?!“ Monika verschluckte sich beinahe an ihrem Tee. „Wir haben jetzt schon kaum Platz!“
„Die Abstellkammer kann man herrichten“, meinte Heinz. „Oder das Sofa im Wohnzimmer. Dann ist sie nicht mehr allein, und wir haben sie im Blick. In dem Alter weiß man ja nie.“
„Und ihre Wohnung?“, fragte Markus vorsichtig.
„Vermieten!“ Heinz hellte sich sichtbar auf. „Zwei Zimmer, auch wenn es am Stadtrand ist, bringen locker fünfhundert im Monat. Dann hätten wir Geld fürs Auto und für den Garten.“
Monika legte die Stirn in Falten.
„Redest du gerade von meiner Mutter oder von einer Milchkuh? Sie lebt seit einem halben Jahrhundert in dieser Wohnung. Da steckt ihr ganzes Leben drin!“
„Ach komm“, winkte Heinz ab. „Was für ein Leben denn noch in ihrem Alter? Sie braucht Betreuung.“
Da hob Tim den Kopf von seinem Handy.
„Weiß Oma Erna eigentlich schon von euren Plänen?“
„Noch nicht“, gab Heinz zu. „Wir wollen es ihr vorschlagen.“
„Und wenn sie nicht will?“, fragte Lena.
„Dann überzeugen wir sie“, sagte Heinz selbstsicher. „Wir erklären ihr, dass es so besser ist.“
„Besser für wen?“ Jonas, der sonst meistens still blieb, sprach plötzlich scharf dazwischen. „Für Oma oder für euch?“
„Jonas!“, wies Sabine ihn zurecht.
„Ich frage doch nur.“ Der Junge zuckte mit den Schultern. „Habt ihr sie überhaupt mal gefragt, ob es ihr allein schwerfällt? Wir besuchen sie doch höchstens zweimal im Jahr.“
„Jeder hat eben viel um die Ohren“, sagte Monika müde.
„Genau darum geht es doch“, fiel Heinz ein. „Wenn sie hier wohnt, sehen wir sie jeden Tag.“
Die Enkel wechselten Blicke. Monika sah sofort, dass die Begeisterung gleich null war. Oma Erna war streng, eine von denen, die Smartphones für eine Plage und soziale Netzwerke für Zeitverschwendung hielten.
„Vielleicht fragt ihr erst mal Oma selbst“, schlug Sabine schließlich vor. „Am Ende will sie gar nicht ausziehen.“
„Natürlich fragen wir“, nickte Monika. „Wir fahren morgen hin.“
„Ich komme mit“, sagte Heinz sofort. „Zu zweit bringen wir es ihr schneller bei.“
Am nächsten Tag machten sie sich auf den Weg zu Erna Hoffmann. Die alte Dame empfing sie voller Freude: Sie hatte den Tisch gedeckt, Marmelade aus dem Keller geholt und sogar Heinz’ Lieblingskuchen gebacken, einen Apfelkuchen mit Streuseln.
„Wie geht’s dir, Mama?“, fragte Monika in der Küche.
„Ganz ordentlich“, antwortete Erna munter. „Morgens mache ich meine Übungen, dann gehe ich einkaufen, abends schaue ich mit Frau Schubert und Frau Keller Serien. Ich lebe noch, Kind.“
„Darüber wollten wir eigentlich sprechen“, begann Heinz am Tisch. „Über Ihr Leben, Frau Hoffmann.“
„Was stimmt denn damit nicht?“ Die alte Frau wurde sofort aufmerksam.
„Nichts, gar nichts“, beeilte sich Monika. „Nur… vielleicht möchtest du ja zu uns ziehen? Wir würden dir Platz machen, uns kümmern…“
„Zu euch?“ Erna hob die Brauen. „Wie kommt ihr denn auf einmal darauf?“
„Nun ja, das Alter“, sagte Heinz. „Es kann immer etwas passieren. Bei uns wären Familie und Enkel in der Nähe, immer jemand, der nach Ihnen sieht.“
Erna kniff die Augen ein und sah dann ihre Tochter an.
„Und was soll aus meiner Wohnung werden?“
„Die könnte man vermieten“, warf Heinz betont beiläufig ein. „Ein zusätzliches Einkommen. Gerade jetzt, wo wir ein Auto für den Garten brauchen.“
„Aha“, sagte Erna langsam und nickte. „Also braucht ihr mein Geld.“
„Nicht nur!“ Monika warf ihrem Mann einen zornigen Blick zu. Dann wandte sie sich fest an ihre Mutter. „Mir ist wichtig, dass du in unserer Nähe bist, Mama. Und das Auto… das Auto kann warten.“
Erna sah die beiden lange an. Dann lachte sie leise.
„Danke, mein Kind. Einen Moment lang dachte ich schon, da sei nicht meine Tochter gekommen, sondern ein Makler mit Schwiegersohn.“
Heinz wurde rot und schwieg.
Eine Woche später, wieder an einem Sonntag, saß die ganze Familie erneut am Mittagstisch. Diesmal war Erna Hoffmann dabei — nicht wie ein Gast, sondern wie jemand, der ganz selbstverständlich dazugehörte. Sie hatte selbst einen Korb voller Kraut- und Kartoffeltaschen mitgebracht, noch warm, nach ihrem alten Rezept.
„Oma Erna“, fragte Jonas vorsichtig, „darf ich dir nachher das Tablet mit dem Fernseher verbinden? Dann kannst du dir die Fotos von uns ansehen.“
Die alte Frau lächelte.
„Mach das, mein Junge. Aber zuerst trinken wir Tee. Und das Auto… das kauft ihr, wenn es eben geht. Bis dahin laufen weder der Bus noch der Garten davon.“
Oma zählte nicht mehr — und gerade die Enkel setzten dem Familienplan ein Ende.