„Deine Mutter wohnt hier nicht mehr“, sagte mein Mann, als ich mit meinem Koffer vor unserer Wohnung stand
14. März, Hamburg
„Deine Mutter wohnt hier nicht mehr“, sagte mein Mann, während er mir in der Tür gegenüberstand und ich den Griff meines Koffers noch fest umklammert hielt.
Clara blieb auf der Schwelle stehen. Ihre Finger schlossen sich so hart um den Koffergriff, dass die Knöchel weiß wurden. Ein kalter Luftzug kroch durch den Flur, die Wohnungstür stand noch weit offen, und aus dem kleinen Zimmer, in dem ihre Mutter sonst schlief, fiel Licht auf die Dielen.
„Was soll das heißen, sie wohnt hier nicht mehr?“ Ihre Stimme brach fast weg. „Ich war drei Tage beruflich weg. Drei Tage, Jonas. Wo sollte sie denn hin?“
Jonas zuckte nur mit den Schultern und trat zur Seite, damit sie eintreten konnte. Er wirkte erschreckend ruhig, beinahe so, als hätte er diese Szene längst hinter sich gebracht.
„Ich habe sie zu Tante Brigitte gebracht. Sie nimmt sie vorerst bei sich auf.“
„Vorerst?“ Clara streifte die Absatzschuhe von den Füßen. „Was bedeutet das? Und seit wann triffst du solche Entscheidungen ohne mich?“
„Seit ich es nicht mehr schaffe.“ Er sah ihr direkt in die Augen. „Ich kann einfach nicht mehr. Drei Jahre, Clara. Drei Jahre geht das jetzt so, und ich bin am Ende.“
Sie ging in die Küche und ließ ihre Tasche auf den Tisch fallen. Ihre Hände zitterten, vor Müdigkeit, vor Schock und vor der Wut, die langsam in ihr hochstieg. Sie riss den Kühlschrank auf, nahm eine Flasche Wasser heraus und trank mehrere große Schlucke.
„Also gut“, sagte sie und zwang sich zu einem Ton, der ruhiger klang, als sie sich fühlte. „Damit ich es richtig verstehe: Du hast meine Mutter aus unserer Wohnung geschafft, während ich nicht da war?“
„Ich habe sie nicht rausgeworfen. Ich habe sie umziehen lassen. Mit Anstand, mit all ihren Sachen.“ Jonas lehnte sich an den Türrahmen. „Und du weißt genau, dass es richtig war. Sie ist deine Mutter, aber unsere Ehe sollte zuerst kommen.“
Clara schüttelte den Kopf. Es war unglaublich, wie schnell ein Mensch das ganze Leben eines anderen verschieben konnte. Noch am Morgen war sie in Hamburg ausgestiegen und hatte geglaubt, zu Hause würde alles genauso sein, wie sie es verlassen hatte. Jetzt stand sie in derselben Wohnung und hatte das Gefühl, in eine fremde Welt geraten zu sein.
„Ich rufe Mama an“, sagte sie und zog ihr Handy aus der Tasche.
„Es ist zu spät“, sagte Jonas. „Fast Mitternacht. Ruf sie morgen an.“
„Ich fahre zu Tante Brigitte.“
„Nein.“ Seine Stimme wurde fest. „Du bist gerade erst aus dem Zug gestiegen. Du bist völlig fertig. Wir reden morgen.“
Clara wählte trotzdem die Nummer ihrer Mutter. Das Handy war ausgeschaltet. Dann versuchte sie es bei Brigitte, doch auch dort nahm niemand ab. Jonas stand nur da und sah ihr schweigend zu.
„Was hast du ihr gesagt?“ Clara warf das Telefon auf den Tisch.
„Die Wahrheit. Dass wir so nicht weiterleben können. Dass unsere Ehe daran zerbricht. Dass es irgendwann nur noch eine Entscheidung geben konnte: sie oder ich.“
„Du hast ihr ein Ultimatum gestellt?“
„Hätte ich es nicht tun sollen?“ Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Clara, wir haben hundertmal darüber gesprochen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich will wieder eine Familie mit dir sein. Nur du und ich. Ohne ständige Streitereien. Ohne dieses Gefühl, in der eigenen Wohnung auf Zehenspitzen laufen zu müssen.“
Clara ließ sich auf einen Stuhl sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Ja, sie hatten darüber gesprochen. Oft. Aber sie hatte nie geglaubt, dass er es wirklich tun würde. Irgendwo in ihr hatte sie gehofft, alles würde sich mit der Zeit von selbst glätten.
„Wie hat sie es aufgenommen?“, fragte sie, ohne aufzusehen.
„Wie eine Soldatin. Sie sagte, sie habe damit gerechnet. Nach einer Stunde war sie fertig gepackt. Nicht eine Träne.“
Clara lächelte bitter. Genau so war ihre Mutter. Stolz, unbeugsam, unnahbar. Sie hätte niemals eine Szene gemacht, nicht einmal dann, wenn ihr innerlich das Herz brach.
„Ich muss sie sehen.“
„Morgen“, wiederholte Jonas. „Jetzt duschst du. Dann gehst du schlafen. Du kannst kaum noch stehen.“
Sie gehorchte, obwohl alles in ihr dagegen ankämpfte. Unter dem heißen Wasser versuchte sie zu begreifen, was geschehen war. Ihre Mutter lebte seit dem Schlaganfall bei ihnen. Die Ärzte hatten damals gesagt, sie brauche dauerhaft Hilfe. Alleinlassen kam nicht infrage, also hatte Clara sie ohne zu zögern in die Wohnung geholt.
Jonas hatte anfangs nicht widersprochen. Familie war Familie. Doch die Monate vergingen, und die Genesung ihrer Mutter ging quälend langsam voran. Sie wurde scharfzüngig, misstrauisch, hart. Stundenlang sagte sie kein Wort, und dann brach plötzlich alles aus ihr heraus. Vor allem gegen Jonas.
„Kein richtiger Mann“, murmelte sie, wenn er zur Arbeit ging. „Kann nicht mal einen tropfenden Wasserhahn reparieren und verdient auch nicht genug. Eines Tages wirst du bereuen, dass du bei ihm geblieben bist.“
Clara hatte ihn verteidigt, natürlich hatte sie das. Sie erklärte, dass Jonas Softwareentwickler sei, dass heute nicht mehr Muskeln, sondern Verstand zählten. Dass sie eine Wohnung hatten, ein Auto, Urlaube, ein gutes Leben.