Mit 62 ließ ich meine beste Freundin nach einem Streit bei mir wohnen — und einen Monat später suchte sie schon neue Gardinen für meine Küche aus
Mit zweiundsechzig Jahren glaubt man eigentlich, man wüsste, wie Freundschaft funktioniert. Man denkt, man habe genug erlebt, um zwischen Hilfe und Übergriff unterscheiden zu können. Aber manchmal kommt diese Erkenntnis nicht mit großem Lärm. Sie kommt leise. Mit einer Einkaufstüte. Mit neuen Vorhängen. Mit dem Satz:
— So ist es doch viel schöner für dich.
Im Leben kann vieles passieren. Eine Frau streitet mit ihrem Mann, hält es zu Hause nicht mehr aus, packt eine Tasche und braucht einen Ort, an dem sie durchatmen kann. Wenn man sich seit dreißig Jahren kennt, lässt man sie doch nicht auf einer Bank am Bahnhof sitzen.
Das Schlimmste war auch nicht, dass sie kam.
Schlimm war, dass jemand „wirklich nur für zwei Tage“ vor deiner Tür steht, an deinem Küchentisch weint, auf deinem Sofa schläft, deinen Tee trinkt — und vier Wochen später deine Vorratsgläser umstellt, neue Gardinen für dein Fenster kauft und mit einer Selbstverständlichkeit sagt:
— Glaub mir, so passt es viel besser zu dir.
Und in genau diesem Moment begreifst du: Man hat dich nicht bloß um ein Bett für ein paar Nächte gebeten.
Man beginnt, dich langsam und beinahe zärtlich aus deinem eigenen Leben zu schieben.
Ich bin 62 Jahre alt. Ich lebe allein.
Meine Wohnung ist nichts Besonderes. Zwei Zimmer, ein kleiner Flur, eine Küche, ein Bad. Keine moderne Einrichtung, keine glänzenden Möbel aus dem Katalog, keine frische Renovierung. Aber sie ist sauber, warm und ruhig. Nach dem Tod meines Mannes musste ich lange lernen, diese Ruhe auszuhalten. Anfangs legte sie sich wie ein Gewicht auf meine Brust. Später wurde sie zu etwas, das mich rettete.
Ich weiß genau, wo bei mir alles steht.
In der Küche befinden sich Reis, Nudeln und Mehl im oberen Schrank. Die Teedosen stehen auf dem Brett am Fenster. Der Zucker ist in der blauen Blechdose, die noch meiner Mutter gehörte. Auf der Fensterbank blüht eine Geranie. Die Gardinen sind alt, ja, aber ich bin an sie gewöhnt, und ich mag sie. Im Wohnzimmer steht der Sessel neben der Stehlampe. Auf dem Sofa liegt die Decke, die ich selbst gestrickt habe, in den langen Abenden, als mein Mann schon krank war.
Von außen betrachtet ist das vermutlich nur die ganz gewöhnliche Wohnung einer alleinstehenden älteren Frau.
Für mich aber ist es meine Welt.
Nicht makellos. Nicht wie auf einem Foto. Aber meine.
Meine Freundin heißt Brigitte. Wir kennen uns seit unserer Jugend. Früher haben wir zusammen in einer Änderungsschneiderei gearbeitet. Dann zog das Leben uns in verschiedene Richtungen, doch unsere Freundschaft blieb. Brigitte war immer auffälliger als ich: lauter, entschlossener, mutiger, schneller im Handeln. Ich dagegen war ruhiger, weicher, nachgiebiger. Bevor ich etwas sagte, wog ich es zehnmal ab.
Brigitte ist seit fast vierzig Jahren verheiratet. Ihr Mann Klaus ist kein einfacher Mensch. Er trinkt nicht, er verschwindet nicht tagelang, er betrügt sie nicht offen. Aber er hat eine Art an sich, bei der alle um ihn herum gehen, als läge dünnes Eis unter den Füßen. Mal ist die Suppe zu dünn, mal der Fernseher zu laut, mal stehen die Hausschuhe falsch, mal heißt es: „Warum hast du das schon wieder gekauft?“, und dann: „Wer hat dich angerufen?“
Über Klaus klagte Brigitte seit Jahren.
— Irgendwann packe ich meine Sachen und gehe.
Und ich sagte jedes Mal:
— Gitte, wenn du es wirklich tust, komm zu mir. Meine Tür steht dir offen.
Ich meinte das ehrlich.
Weil sie meine Freundin war. Weil Frauen in unserem Alter oft aneinander festhalten, wenn sonst kaum noch jemand da ist, von dem man ein wenig Wärme erwarten darf.
Nur habe ich später verstanden: Zwischen „Komm, wenn du in Not bist“ und „Bring dein ganzes Leben in meine Wohnung“ liegt ein gewaltiger Unterschied.
Den Abend werde ich nie vergessen.
Draußen regnete es. Ich hatte gerade meine Tasse nach dem Abendbrot ausgespült, als das Telefon klingelte.
— Hanne, ich kann nicht mehr.
Brigittes Stimme klang so, dass ich mich sofort auf den Küchenstuhl setzte.
— Was ist passiert?
— Wir haben uns wieder gestritten. Er hat gesagt, ich soll doch verschwinden, wenn ich so klug bin. Ich habe eine Tasche gepackt. Darf ich zu dir?
— Natürlich darfst du.
Nicht einmal eine Dreiviertelstunde später stand sie vor meiner Tür.
Die Haare nass, zwei Einkaufstaschen in den Händen und verheulte Augen. In der einen Tasche waren ein Hauskleid, Medikamente und ihr Ladegerät. In der anderen, wie sich später herausstellte, Hausschuhe, ein Kulturbeutel, ein Umschlag mit Unterlagen und ein Glas Kaffee. Selbst im Unglück konnte Brigitte gründlich packen.
Ich führte sie in die Küche und setzte Wasser auf. Sie weinte und erzählte, wie Klaus sie wieder fertiggemacht hatte, wie er sie gedemütigt hatte, wie er gesagt hatte, ohne ihn sei sie niemand, und wie er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte.
Ich hörte zu und strich ihr über die Hand.
— Bleib bei mir. So lange du musst.
Diesen Satz habe ich später sehr oft in meinem Kopf wiederholt.
So lange du musst.
Wenn man so etwas zu einem Menschen sagt, der vor einem sitzt und weint, denkt man nicht daran, dass dieses „so lange“ irgendwann nicht mehr seine Not, sondern deine Pflicht werden kann.
Die ersten Tage waren wirklich ruhig.
Brigitte schlief im großen Zimmer auf dem Sofa. Ich schlief im kleinen. Morgens tranken wir zusammen Tee. Mal weinte sie, mal schimpfte sie, mal sagte sie, jetzt werde sie endlich anfangen, für sich selbst zu leben. Ich hatte Mitleid mit ihr.
Sie half im Haushalt. Einmal spülte sie das Geschirr, dann ging sie einkaufen, dann kochte sie Suppe. Ich dachte sogar für einen Moment: Vielleicht wird es für mich auch ein wenig weniger einsam.
Am dritten Tag begann Klaus anzurufen. Brigitte ging nicht ran.
Am fünften Tag schrieb ihre Tochter:
„Mama, Papa sagt, du sollst aufhören, so ein Theater zu machen.“
Brigitte zeigte mir die Nachricht und brach wieder in Tränen aus.
— Siehst du? Ich falle allen nur zur Last.
Ich nahm sie in den Arm.
— Du fällst niemandem zur Last.
Damals glaubte ich das wirklich.
Nach etwa einer Woche schien sie sich ein wenig zu fangen. Sie schminkte sich wieder die Lippen, redete lauter, schaute abends Serien. Vorsichtig fragte ich:
— Gitte, hast du schon überlegt, wie es weitergehen soll?
Sie winkte nur ab.
— Hanne, lass mich doch erst einmal Luft holen. Ich kann jetzt keine Entscheidung treffen.
Ich verstand sie.
Nach vierzig Ehejahren entscheidet man nicht innerhalb von sieben Tagen, was aus dem eigenen Leben werden soll. Vor allem nicht, wenn im Kopf Kränkung, Angst, Gewohnheit und diese alte Frauenfrage durcheinanderlaufen: Wohin soll ich denn in meinem Alter noch gehen?
Aber genau in dieser Zeit begannen die ersten kleinen Dinge.
Zuerst stellte sie die Tassen um.
Eines Morgens öffnete ich den Schrank und fand meine weiße Lieblingstasse mit den kleinen Margeriten nicht.
— Gitte, hast du meine Tasse gesehen?
— Ich habe sie anders eingeräumt. So ist es praktischer. Bei dir standen große und kleine Tassen völlig durcheinander.
Ich wollte antworten, dass es für mich nicht durcheinander gewesen war. Dass ich es genau so mochte. Aber ich schwieg. Es waren ja nur Tassen. Nichts, worüber man streitet.
Dann räumte sie die Gewürze um.
— Hanne, Lorbeer gehört doch nicht dahin. Das muss näher an den Herd.
— Für mich war es so in Ordnung.
— Du bist es nur so gewohnt. Du wirst sehen, das ist viel bequemer.
Wieder sagte ich nichts.
Als Nächstes erklärte sie mir, meine Küchentücher müsse man getrennt waschen, und überhaupt wäre es besser, neue zu kaufen.
— Die sehen schon so müde aus.
Ich sah auf die Tücher. Ja, neu waren sie nicht. Aber sie waren sauber. Auf einem war ein kleiner Kirschfleck, der sich nie ganz hatte herauswaschen lassen. Dieses Tuch hatte mein Mann noch im Set gekauft. Ich hatte nicht vor, es wegzuwerfen.
— Gitte, meine Tücher sind völlig in Ordnung.
— Wenn du meinst.
Doch ihr Ton sagte etwas anderes. Wie immer wusste am Ende sie besser Bescheid.
In der zweiten Woche kam sie vom Einkaufen zurück und brachte Gardinen mit.
Sie hatte mich nicht gefragt.
Sie stellte einfach die Tüte auf den Tisch.
— Hanne, schau mal, was ich für die Küche gefunden habe. Helle Gardinen mit Blättermuster. Deine sind doch viel zu dunkel.
Ich war sprachlos.
— Gitte, warum denn?
— Na, damit hier ein bisschen Frische reinkommt. Du sitzt hier allein, irgendwann sieht man das alles gar nicht mehr. Dir wird es gefallen, wart nur ab.
— Mir gefallen meine.
— Ach komm. Die machen die Küche alt.
Ausgerechnet dieser Satz traf mich: „Die machen die Küche alt.“ Als müsste jetzt sogar meine Küche jünger aussehen.
Sie zog die neuen Gardinen aus der Verpackung und hielt sie ans Fenster.
— Siehst du? Sofort heller.
Ich stand neben ihr und spürte, wie sich meine eigene Küche ganz leise von mir entfernte.
Nicht, weil die Gardinen hässlich gewesen wären. Sie waren ganz gewöhnlich. Vielleicht sogar hübsch.
Aber ich hatte sie nicht ausgesucht.
Und niemand hatte mich gefragt.
Am Abend nahm Brigitte meine alten Gardinen selbst ab. Ich war nicht einmal schnell genug, sie aufzuhalten. Sie stieg flink auf den Hocker, löste die Haken und faltete den Stoff ordentlich zusammen.
— Gitte, lass das doch später machen.
— Was heißt später? Das dauert fünf Minuten.
Ich sah meine Gardinen auf dem Stuhl liegen und musste plötzlich an meinen Mann denken. Er mochte sie nie besonders. Er sagte immer, sie seien zu dunkel. Aber er hätte sie niemals ohne mich abgenommen. Er hätte nur gebrummt.
Die neuen Gardinen machten die Küche tatsächlich heller.
Mir wurde davon nicht heller zumute.
Ein paar Tage danach ordnete Brigitte meine Vorräte neu.
Ich habe ein Regal mit Eingemachtem: Marmelade, Gewürzgurken, Apfelmus, getrocknete Kräuter in kleinen Gläsern und Tüten. Es sieht nicht aus wie in einem Wohnmagazin. Aber ich weiß genau, was wo steht.
Ich öffnete die kleine Vorratskammer — und alles war anders.
Die Gläser standen in Reihen. Reis und Mehl waren in neue Behälter umgefüllt. Meine alten Papiertütchen mit Kräutern lagen im Mülleimer.
— Gitte, was hast du gemacht?
— Ordnung.
— Und die Kräuter?
— Hanne, die waren doch uralt. Da war kaum noch Duft drin.
— Das war Johanniskraut. Ich habe es selbst getrocknet.
— Dann trocknest du eben wieder neues. Jetzt ist es wenigstens sauber.
Ich schaute in den Mülleimer.
Für sie war es Abfall.
Für mich war es ein Stück Sommer.
Ich sagte:
— Gitte, bitte wirf nichts mehr weg, ohne mich zu fragen.
Sie sah mich erstaunt an.
— Ich wollte dir doch nur helfen.
— Ich verstehe das. Aber bitte nicht so.
Sofort war sie gekränkt.
— Natürlich. Ich mache mir Mühe, und am Ende bin ich die Böse.
Und wieder fühlte ich mich schuldig.
Das ist vielleicht das Bitterste daran: Jemand überschreitet deine Grenze, und plötzlich bist du die Schuldige, weil du seine „Hilfe“ nicht dankbar genug annimmst.
Die dritte Woche begann damit, dass Brigitte mich nach der Arbeit mit den Worten empfing:
— Da bist du ja endlich.
Ich arbeitete damals halbtags in der Stadtbibliothek. Nicht, weil ich unbedingt jeden Euro brauchte, sondern weil ich nicht nur zu Hause sitzen wollte. Ich mochte die Bücher, die Menschen, die Ordnung, selbst den bescheidenen Lohn. Brigitte nannte es „deine Beschäftigung“.
— Hanne, warum gehst du wegen dieser paar Euro noch dahin? Du könntest doch daheimbleiben, dann würden wir zusammen kochen.
— Ich mag meine Arbeit.
— Arbeit. Na ja. Das ist doch eher, damit du dich nicht langweilst.
Es tat mir weh, aber ich schwieg wieder.
Dann fing sie an, Besuch einzuladen.
Nicht einmal nur ihre eigenen Leute, sondern gemeinsame Bekannte. Sie rief unsere frühere Kollegin Ingrid an.
— Ingridchen, komm doch mal zu uns auf einen Kaffee.
Zu uns.
Ich hörte es aus dem Wohnzimmer.
Zu uns.
Ingrid kam. Brigitte backte Kuchen, holte mein gutes Service aus dem Schrank, das ich sonst nur an Feiertagen benutze. Wir saßen zu dritt am Tisch. Eigentlich war alles freundlich. Und doch fühlte ich mich schon wieder nicht wie die Gastgeberin, sondern wie die zweite Frau in meiner eigenen Küche.
Brigitte erzählte:
— Ich habe Hanne hier neue Gardinen aufgehängt, siehst du, wie viel freundlicher das wirkt? Vorher war alles so düster.
Ingrid sagte:
— Ja, es sieht frischer aus.
Ich lächelte.
Was hätte ich sonst tun sollen?
Als Ingrid gegangen war, fragte ich:
— Gitte, warum hast du gesagt „zu uns“?
Sie verstand zunächst nicht einmal, was ich meinte.
— Wie hätte ich es denn sagen sollen?
— Zu mir.
Sie sah mich an.
— Hanne, jetzt häng dich doch nicht an einem Wort auf. Ich wohne im Moment doch hier.
— Vorübergehend.
Brigitte schwieg.
Dann sagte sie leise:
— Ach so. So ist das also.
Und wieder war ich die Schuldige.
Weil ich einen Menschen daran erinnert hatte, dass er hier Gast war.
Dabei war es genau das.
Die Tage vergingen.
Klaus rief an und verschwand wieder. Mal kamen wütende Nachrichten, mal bat er um ein Gespräch. Brigitte sagte an einem Tag, sie werde nie zu ihm zurückkehren, und weinte am nächsten, weil sie sich nicht vorstellen konnte, allein zu leben. Ich hatte Mitleid. Aber immer öfter ertappte ich mich bei der Frage: Und wie soll ich jetzt leben?
Mich erschöpfte diese dauernde Gegenwart eines anderen Menschen.
Ich wachte morgens auf — Brigitte war schon in der Küche. Der Wasserkocher lief, das Radio dudelte, das Fenster stand offen, obwohl mir kalt war.
Ich kam nach Hause — im Wohnzimmer lief der Fernseher laut, auf dem Sofa lag ihre Decke, auf dem Tisch standen ihre Cremes, eine Tasse, Zeitschriften, Tabletten.
Ich wollte abends in der Stille sitzen, und sie sagte:
— Hanne, mach doch wenigstens irgendwas an. Du sitzt hier wie in einer Gruft.
Ich wollte früh schlafen gehen, und sie kam herein:
— Darf ich dir erzählen, was Klaus schon wieder geschrieben hat?
Und dann erzählte sie eine Stunde.
Ich begann, mich im Bad einzuschließen. Nicht, um mich zu waschen. Nur, um fünf Minuten allein zu sein.
In meiner eigenen Wohnung.
Eines Tages sagte sie:
— Ich habe nachgedacht. Dein Sofa muss anders stehen.
— Gitte, nein.
— Warum nicht? Es steht unsinnig, es versperrt das Fenster. Wenn man es dreht, hast du mehr Platz.
— Mir gefällt es so.
— Hanne, du sagst dauernd „mir gefällt es so“, aber eigentlich lebst du nur in der Vergangenheit.
Ich antwortete sehr ruhig:
— Gitte, ich bin ein Mensch mit Vergangenheit. Und manchmal ist es dort nicht schlecht für mich.
Sie schnaubte.
— Ach, jetzt fängst du wieder damit an.
Der letzte Tropfen kam an einem Sonntagmorgen.
Ich wachte auf, ging in die Küche und sah Brigitte auf einem Hocker stehen. Sie wischte die oberen Schränke aus. Alle Dosen waren herausgenommen, die Vorräte standen auf dem Tisch, die Tassen lagen auf der Fensterbank. Auf dem Boden stand ein Eimer. Auf einem Stuhl lagen meine alten Stoffservietten, daneben ein Müllbeutel.
— Gitte, was machst du da?
— Großputz.
— Warum?
— Hanne, da oben ist Staub. Ich halte das nicht aus.
— Ich halte es aus.
Sie drehte sich um.
— Genau deshalb ist bei dir alles so vernachlässigt.
Ich stand im Morgenmantel in der Tür, mit zerzausten Haaren, und plötzlich war ich nicht einmal mehr verletzt. Nur noch klar.
Das war es.
Das war keine Hilfe mehr.
Kein vorübergehendes Unterkommen.
Keine Unterstützung unter Freundinnen.
Das war eine Besetzung.
Eine stille, häusliche Besetzung, mit einem Putztuch in der Hand.
Ich sagte:
— Leg die Servietten zurück.
— Hanne, die sind doch alt.
— Leg sie zurück.
Sie sah mich an, als hätte ich etwas Unvernünftiges verlangt.
— Was ist denn mit dir los?
— Ich will nicht, dass du meine Sachen wegwirfst.
— Mein Gott, das sind nur Servietten.
— Es sind meine Servietten.
Sie warf sie auf den Tisch.
— Natürlich. Ich rackere mich hier ab, und du machst wegen ein paar Lappen ein Theater.
— Nicht wegen der Lappen.
— Sondern?
Zum ersten Mal schluckte ich die Worte nicht hinunter.
— Weil du dich benimmst, als wäre das hier inzwischen deine Wohnung.
Brigitte richtete sich auf.
Da hörte sie endlich hin.
— Was?
— Du stellst meine Sachen um. Du wirfst meine Kräuter weg. Du kaufst Gardinen. Du lädst Besuch „zu uns“ ein. Du erklärst mir, was besser für mich ist. Und gefragt werde ich erst, wenn alles schon erledigt ist.
Sie wurde blass.
— Ich dachte, dir ist allein sowieso langweilig.
Da war er.
Der Satz, nach dem es in mir ganz still wurde.
Dir ist allein sowieso langweilig.
Also war meine Einsamkeit für sie kein Leben. Nur ein leerer Platz. Ein Raum, den man mit sich selbst füllen konnte, mit den eigenen Gardinen, den eigenen Dosen, den eigenen Gewohnheiten und der eigenen Stimme.
Ich sagte:
— Gitte, manchmal ist mir allein langweilig. Aber das heißt nicht, dass mein Zuhause leer ist.
Sie schwieg.
— Ich bin manchmal einsam. Aber das heißt nicht, dass jemand ohne Erlaubnis mein Leben umräumen darf.
— Ich wollte es doch gut machen.
— Für wen?
— Für uns.
— In meiner Wohnung gibt es kein „uns“, wenn ich mich nicht selbst dafür entschieden habe.
Sie setzte sich auf den Stuhl.
— Ich habe doch keinen Ort, wo ich hin kann.
Dieser Satz drückte eine andere Taste in mir.
Mitleid.
Altes, weibliches, fast automatisches Mitleid.
Ich sah sie an und spürte, wie in mir wieder die vertraute Stimme aufstieg: Halt durch, ihr geht es schlecht, sie meint es nicht böse, wohin soll sie denn jetzt?
Doch dann sah ich die abgenommenen Gardinen, die weggeworfenen Kräuter, die fremde Gardine an meinem Fenster und begriff: Wenn ich jetzt wieder schweige, werde ich in einem Monat um Erlaubnis bitten, meinen eigenen Schrank zu öffnen.
Ich setzte mich ihr gegenüber.
— Gitte, ich setze dich heute nicht vor die Tür. Aber du musst entscheiden, wie es weitergeht. Du hast eine Woche.
Sie starrte mich an, als hätte ich sie verraten.
— Eine Woche?
— Ja.
— Und dann?
— Dann gehst du nach Hause zurück, fährst zu deiner Tochter, mietest dir ein Zimmer, versöhnst dich mit Klaus oder lässt dich scheiden. Ich weiß es nicht. Aber hier kannst du nicht weiter wohnen.
Sie begann zu weinen.
— Ich dachte, du bist meine Freundin.
— Das bin ich. Aber ich bin keine Übergangswohnung ohne Enddatum.
Sie sagte scharf:
— Wenn es dir schlecht ginge, hätte ich dich aufgenommen.
— Für ein paar Tage?
Sie antwortete nicht.
— Eben. Für ein paar Tage. Du lebst aber seit über einem Monat bei mir.
Sie stand auf, ging ins Wohnzimmer und schlug die Tür zu.
Ja, meine Tür.
In meinem Zimmer.
Ich blieb in der Küche zwischen Mehl, Gläsern und nassen Lappen sitzen — und weinte.
Nicht vor Angst. Vor Erschöpfung.
Es ist furchtbar schwer, einem Menschen eine Grenze zu setzen, den man bemitleidet. Besonders, wenn es eine Frau in deinem Alter ist, mit der du so viele Jahre geteilt hast: Kränkungen, Krankheiten, Arbeit, Beerdigungen und Gespräche bei Tee.
Aber es ist noch schwerer, zuzusehen, wie dein Zuhause aufhört, dein Zuhause zu sein, und so zu tun, als hieße das Freundschaft.
Am Abend kam Brigitte wieder heraus. Ihre Augen waren rot.
— Ich habe meine Tochter angerufen. Sie sagt, ich kann eine Zeit lang bei ihr bleiben.
— Gut.
— Begeistert ist sie auch nicht.
— Das verstehe ich.
— Ich werde nirgends gebraucht.
Früher hätte ich sofort angefangen, sie zu trösten.
— Natürlich wirst du gebraucht.
Aber diesmal sagte ich etwas anderes:
— Gitte, du wirst gebraucht. Aber das bedeutet nicht, dass andere Menschen dir endlos ihren Raum geben müssen.
Sie sah mich böse an.
— Du bist hart geworden.
— Vielleicht.
— Früher warst du netter.
Dieser Satz kommt fast immer dann, wenn ein bequemer Mensch aufhört, bequem zu sein.
Früher warst du netter.
Früher hast du geschwiegen.
Früher hast du ausgehalten.
Früher hast du fremdes Leid über deinen eigenen Frieden gestellt.
Ich antwortete:
— Früher hatte ich Angst, jemanden zu verletzen. Heute habe ich Angst, mich selbst zu verlieren.
Sie sagte nichts mehr.
Die folgende Woche war nicht leicht.
Wir lebten in derselben Wohnung wie zwei Nachbarinnen nach einem Streit. Brigitte packte ihre Sachen. Mal weinte sie, mal schwieg sie demonstrativ, mal sprach sie plötzlich ganz normal mit mir. Manchmal wollte ich alles zurücknehmen. Sagen: Na gut, bleib noch ein bisschen, nur sei mir nicht böse.
Aber dann tat sie wieder irgendeine Kleinigkeit.
Sie stellte zum Beispiel meine Pfanne an einen anderen Platz.
Und ich wusste: Nein.
Am Tag ihrer Abreise verstaute sie ihre Sachen in zwei Taschen. Die Gardinen, die sie gekauft hatte, ließ sie am Fenster hängen.
Ich fragte selbst:
— Nimmst du sie mit?
Sie war überrascht.
— Wozu? Sie passen doch hierher.
— Nimm sie bitte mit.
— Dein Ernst?
— Mein Ernst.
Schweigend nahm sie die Gardinen ab. Meine alten lagen im Schrank. Ich holte sie heraus und strich mit der Hand über den Stoff. Am Abend hängte ich sie selbst wieder auf.
Ja, die Küche wurde wieder dunkler.
Aber zum ersten Mal seit einem Monat konnte ich frei atmen.
Brigitte fuhr zu ihrer Tochter.
In den ersten Tagen hatten wir keinen Kontakt. Dann schrieb sie:
„Hanne, ich bin verletzt. Aber vielleicht hattest du recht. Ich habe wirklich angefangen, mich hier wie die Hausherrin zu benehmen.“
Ich sah lange auf die Nachricht.
Dann antwortete ich:
„Ich habe auch zu spät etwas gesagt. Ich hätte früher reden müssen.“
Sie schrieb:
„Ich hatte Angst, am Ende überhaupt nirgendwo zu sein.“
Ich antwortete:
„Das verstehe ich. Aber ich hatte auch Angst, in meinem eigenen Zuhause keinen Platz mehr zu haben.“
Danach begannen wir vorsichtig wieder miteinander zu sprechen. Nicht mehr wie früher. Behutsamer.
Später kehrte Brigitte zu Klaus zurück, aber soweit ich es verstanden habe, zu Bedingungen, die diesmal wenigstens ein Stück weit ihre eigenen waren — wenn so etwas in unserem Alter und mit solchen Charakteren überhaupt möglich ist. Bei ihrer Tochter blieb sie noch ein paar Wochen und merkte wohl schnell, dass ein fremdes Zuhause nicht zu deinem wird, nur weil du gerade nicht weißt, wohin mit dir.
Vor Kurzem kam sie mich besuchen.
Und wissen Sie, was daran besonders wichtig war?
Sie rief vorher an.
Sie fragte:
— Hanne, darf ich am Samstag für eine Stunde vorbeikommen?
Ich sagte:
— Ja, komm.
Sie brachte einen Apfelkuchen mit. Sie setzte sich in die Küche. Dann sah sie zu meinen alten Gardinen.
— Du hast sie wieder aufgehängt?
— Ja.
Sie lächelte traurig.
— Sie sind wirklich besser. Nicht, weil sie schöner sind. Sondern weil sie deine sind.
Da begriff ich, dass unsere Freundschaft vielleicht doch nicht gestorben war.
Nicht mehr dieselbe wie früher. Nicht mehr mit der Illusion, Nähe gebe einem das Recht, mit Putztuch, Ratschlägen und neuen Gardinen in ein fremdes Leben hineinzugehen.
Aber sie lebte noch.
Wir tranken Tee.
Sie stellte keine Tassen um.
Sie sagte nichts über meine Servietten.
Sie erklärte nicht, dass es „so besser für mich“ sei.
Sie saß einfach neben mir.
Und das war gut.
Als sie gegangen war, lief ich durch die Wohnung. In der Küche war alles an seinem Platz. Die Tassen im Schrank, die Gewürze beim Herd, die Gläser auf dem Regal, die alten Gardinen am Fenster. Im Wohnzimmer stand das Sofa so, wie es mir gefiel. Auf dem Sessel lag meine Decke.
Eine ganz gewöhnliche Wohnung.
Aber mir war, als hätte ich sie mir selbst zurückgegeben.
Heute weiß ich sicher: Alleinsein ist nicht immer Leere. Manchmal ist es eine Ordnung, für die ein Mensch lange bezahlt hat. Eine Stille, an die man sich mühsam gewöhnt hat. Ein Zuhause, in dem man man selbst sein darf, ohne dass jemand sagt: „Ich habe hier nur ein bisschen verbessert.“
Wenn eine Freundin in Not ist, kann man sie aufnehmen. Man kann ihr etwas zu essen geben. Man kann zuhören. Man kann ihr ein Bett anbieten und helfen, darüber nachzudenken, was als Nächstes kommt.
Aber man darf nicht zulassen, dass ihre Not zum Grund wird, über dein Leben zu verfügen.
Auch nicht, wenn sie so alt ist wie du.
Auch nicht, wenn es ihr wirklich schlecht geht.
Auch nicht, wenn ihr seit dreißig Jahren befreundet seid.
Und nun frage ich mich: Wenn eine Freundin nach einem Ehekrach nur ein paar Tage bei dir bleiben will und nach einem Monat bereits beginnt, in deiner Wohnung das Regiment zu übernehmen — darf man ihr ruhig sagen: „Es ist Zeit, dir einen anderen Ort zu suchen“? Oder zeigt sich echte Freundschaft gerade darin, dass man neben fremdem Schmerz trotzdem das Recht behält, sein eigenes Zuhause zu behalten?