Der Freund meines Mannes brüllte vor allen: „Du fette Idiotin!“ — und ahnte nicht, dass genau diese Frau seine Firma jahrelang am Leben hielt
— Sabine, diese Schüssel solltest du besser stehen lassen. Da ist Salat mit Mayonnaise drin. So etwas ist doch nichts für dich, — warf Markus hin, ohne den Blick vom Fleisch auf dem Grillrost zu nehmen. Und gleich darauf lachte er.
Am Tisch saßen zwölf Menschen. Die Sommerterrasse unseres Hauses. Grillfleisch, das ich seit dem Morgen eingelegt und selbst gebraten hatte. Die Marinade — nach einem Rezept, an dem ich fast drei Jahre herumgefeilt hatte. Und den Salat hatte ich nebenbei bemerkt auch gemacht.
Seit sieben Jahren lief es immer gleich. Seit dem allerersten Treffen, als Thomas ihn mitbrachte, um uns bekannt zu machen, und Markus mich von oben bis unten musterte, pfiff und sagte: „Na, Thomas, du stehst also auf Frauen mit ordentlich was dran.“ Damals lächelte ich. Ich dachte, es sei ein Witz. Grob, ja, aber trotzdem ein Witz.
Wie sehr ich mich geirrt hatte.
Thomas und ich hatten vor acht Jahren geheiratet. Ich war vierzig, er achtunddreißig. Für uns beide war es die zweite Ehe. Thomas arbeitete als Ingenieur in einem Planungsbüro, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die zweite Filiale von „Süße Sache“ eröffnet. Meine Konditoreikette. Von null aufgebaut, ohne Kredite und ohne Hilfe von irgendwem. Drei Jahre lang hatte ich jeden verdienten Euro wieder ins Geschäft gesteckt. Als wir heirateten, hatte ich zwei Filialen. Inzwischen waren es fünf.
Markus war Thomas’ Freund aus Schulzeiten. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten zusammen ihren Wehrdienst geleistet und fuhren jeden Herbst gemeinsam angeln. Für Thomas war Markus fast wie ein Bruder. Und ich verstand das sehr gut. Wahrscheinlich ertrug ich es genau deshalb so lange.
Thomas wusste Bescheid. Ich selbst hatte ihn gebeten, Markus nichts zu sagen. Ich wollte die Freundschaft nicht mit der Arbeit vermischen. Also schwieg Thomas.
Und Markus machte weiter mit seinen Sprüchen.
An jenem Abend auf der Terrasse stellte ich die letzte Platte auf den Tisch — gebackenes Gemüse — und setzte mich neben Thomas. Markus schenkte bereits Wein in die Gläser. Seine Frau Claudia saß mir gegenüber und starrte auf ihren Teller. Sie starrte immer auf ihren Teller, wenn die nächste Vorstellung ihres Mannes begann.
— Sabine, bis zum Sommer könntest du ruhig ein bisschen abnehmen, — sagte Markus und reichte jemandem ein Glas. — Ziehst du eigentlich noch Badeanzüge an? Oder versteckst du dich wieder unter so einem Tuch?
Am Tisch wurde es still. Jemand räusperte sich verlegen. Thomas legte mir die Hand aufs Knie. Diese vertraute Geste. „Halte durch. Er meint es doch nicht böse.“
Ich nahm mein Glas. Sah Markus an.
— Markus, weißt du eigentlich, dass deine Agentur den Kredit für das Büro immer noch nicht abbezahlt hat? — sagte ich ruhig. Ohne Druck. Einfach wie eine Tatsache. Ich wusste es, weil Nina irgendwann beiläufig erwähnt hatte, dass die Verzögerung bei den Entwürfen mit Problemen bei der Miete erklärt worden war.
Sein Lächeln zuckte für einen Moment. Nur eine Sekunde. Dann lachte er wieder.
— Woher weißt du denn von meinem Büro? — Er drehte das Glas in seiner Hand. — Hat Thomas geplaudert? Na, du bist ja einer, Bruder.
Thomas schwieg.
Ich trank meinen Wein aus. Markus sprang sofort zu einem anderen Thema: Fußball, Urlaub, Auto. Alles wie immer. Und ich dachte: gut. Nicht zum ersten Mal. Das werde ich auch noch überstehen.
Spät am Abend, als alle gegangen waren, stand ich am Spülbecken und wusch Geschirr. Thomas kam von hinten, legte die Arme um mich.
— Verzeih ihm. Er ist eben so.
— Ich weiß sehr genau, wie er ist, — antwortete ich. — Aber „er ist eben so“ ist keine Entschuldigung.
Thomas küsste mich auf den Hinterkopf und ging schlafen. Ich blieb am Spülbecken stehen, während heißes Wasser über meine Finger lief und ich weder Wärme noch Geborgenheit spürte. Nur Müdigkeit. Sieben Jahre dieselben Sticheleien. Dieselben Entschuldigungen von Thomas. Dasselbe schwere Schweigen am Tisch.
Einen Monat später rief Markus an. Er lud uns zu seinem Geburtstag ein. Zweiundvierzig.
Ich buk eine Torte. Wahrscheinlich war das dumm. Aber ich bin nun einmal Konditorin. Dreistöckig, mit Schokoladenglasur und Karamelldekor. Sechs Stunden Arbeit. Das Baiser separat, die Füllung separat, die Verzierung separat. Fast vier Kilo wog sie.
Thomas trug die Schachtel so vorsichtig zum Auto, als läge ein Kind darin.
— Wunderschön, — sagte er. — Markus wird ausflippen.
Markus flippte tatsächlich aus. Nur ganz anders, als wir erwartet hatten.
Rund zwanzig Gäste. Ein Restaurant, das Markus für den ganzen Abend gemietet hatte. Ein langer Tisch, schneeweiße Decken, Livemusik. Claudia in einem neuen Kleid, still wie immer. Markus im Mittelpunkt. Gebräunt, mit strahlenden Zähnen, in einem Hemd, das locker mehrere Hundert Euro gekostet haben musste. Er umarmte jeden, der hereinkam, klopfte den Männern auf die Schulter, küsste den Frauen die Hand. Ein sehr charmanter Mensch. Wenn man ihn nicht näher kannte.
Ich stellte die Schachtel auf einen kleinen Extratisch. Hob den Deckel ab. Die Torte sah wirklich großartig aus. Die Karamellfäden fingen das Lampenlicht wunderschön ein. Einige Gäste kamen näher und machten Fotos.
— Wer hat die denn gemacht? — fragte eine Frau in einem bordeauxroten Kleid.
— Ich, — antwortete ich.
— Sind Sie Konditorin?
— Ja.
Markus trat dazu. Er sah erst die Torte an, dann mich.
— Sabine, — sagte er, — die Torte ist natürlich der Wahnsinn. Aber vielleicht solltest du nicht so viel Creme an dich selbst verschwenden, hm? — Er lachte. Dann drehte er sich zu den Gästen um. — Unsere Sabine liebt Süßes, wie man sieht. Erkennt man doch, oder?
Und er klopfte mir auf die Schulter.
Ich stand neben einer vier Kilo schweren Torte, an der ich sechs Stunden gearbeitet hatte, und zwanzig Menschen sahen mich an. Manche blickten weg. Manche pressten ein verlegenes Lächeln hervor. Claudia studierte ihr Glas.
In mir machte etwas klick. Es flammte nicht auf. Es klickte wirklich. Als würde ein Schloss einrasten.
— Markus, — sagte ich sehr gleichmäßig, — diese Torte ist fünfhundert Euro wert. Sechs Stunden Arbeit stecken darin. Du hast gerade einen Menschen beleidigt, der dir ein handgemachtes Geschenk gebracht hat. Deshalb nehme ich die Torte wieder mit.
Und ich schloss die Schachtel.
Die Stille wurde so dicht, dass man irgendwo in der Küche einen Wasserhahn tropfen hörte.
— Ist das dein Ernst? — Markus blinzelte.
— Vollkommen.
Ich hob die Schachtel hoch. Vier Kilo. Und meine Hände zitterten nicht einmal. Ich drehte mich um und ging zum Ausgang.
Thomas holte mich erst auf dem Parkplatz ein.
— Sabine, warte.
— Ich warte im Auto.
— Er hat es doch nicht absichtlich gemacht. Er ist einfach…
— Thomas, — ich stellte die Schachtel auf die Motorhaube. — Er ist „einfach“ seit sieben Jahren so. Bei jedem Treffen. Vor allen Leuten. Ich werde nicht länger so tun, als sei das normal. Fahr los.
Wir fuhren weg. Am nächsten Morgen brachte ich die Torte in meine Konditorei. Sie wurde in weniger als einer Stunde verkauft.
Den ganzen Weg schwieg Thomas. Erst zu Hause sagte er:
— Er ist beleidigt.
— Ich auch, — antwortete ich.
An diesem Abend saß ich allein in der Küche. Draußen war es still. Ich trank Tee und dachte darüber nach, dass fünfhundert Euro keine riesige Summe waren. Und sechs Stunden auch nicht die Ewigkeit. Aber zwanzig Menschen, die gesehen hatten, wie ich mein Geschenk zurücknahm — das war etwas Neues. Ich wusste nicht, ob ich richtig gehandelt hatte. Aber mein Rücken war gerade. Und das bedeutete schon etwas.
Noch zwei Wochen später rief Markus an, als wäre nichts passiert. Er lud uns zu einer Poolparty ein. Und scherzte: „Diesmal aber ohne Torten.“
Ich wollte nicht hin. Überhaupt nicht. Ich sagte Thomas, dass ich nicht fahren würde. Er nickte. Doch ein paar Tage später sagte er trotzdem:
— Sabine, Stefan und Anja werden da sein. Daniel auch. Die haben wir ewig nicht gesehen. Ich verlange nicht, dass du dich mit Markus versöhnst. Lass uns einfach zusammen hinfahren. Mir zuliebe.
Ihm zuliebe. Acht Jahre lang — ihm zuliebe. Jeder Feiertag, jedes gemeinsame Wochenende, jede unsinnige Feier. Ich hatte einmal nachgerechnet: In sieben Jahren hatten wir Markus ungefähr sechzigmal getroffen. Acht bis zehn Treffen pro Jahr. Und kein einziges davon ohne eine Bemerkung über mein Gewicht, mein Essen, meine Figur oder meine Kleidung.
Sechzig Treffen. Sechzig Demütigungen. Und jedes Mal lächelte ich entweder, schwieg oder ging einfach in ein anderes Zimmer. Und Thomas sagte danach zuverlässig: „Er meint es doch nicht böse.“
Ich fuhr trotzdem mit.
Markus hatte ein Haus außerhalb der Stadt. Ein großes Grundstück, einen Pool, einen Grillbereich. Alles schön, alles teuer, alles zum Vorzeigen. Er liebte es zu demonstrieren: Seht her, was ich erreicht habe. Weiße Liegen, Licht im Wasser, Musik aus Lautsprechern. Achtzehn Gäste waren da. Die Hälfte kannte ich, die andere nicht.
Ich trug einen geschlossenen Badeanzug und darüber eine Tunika. Größe vierundfünfzig — ja, ich bin eine kräftige Frau. Und ich weiß das. Jeden Tag weiß ich es, wenn ich aufwache, mich anziehe, zur Arbeit fahre, fünf Konditoreien leite und zweiunddreißig Menschen Gehälter zahle. Mein Gewicht ist mein Gewicht. Nicht seine Angelegenheit.
Die erste Stunde blieb alles ruhig. Markus stand am Grill und unterhielt sich mit neuen Gästen. Ich saß auf einer Liege, trank Limonade und sprach mit Anja. Anja mochte ich. Sie war ebenfalls eine kräftige Frau und bekam von Markus auch ihre „Witze“ ab, nur seltener — sie sahen sich höchstens ein paarmal im Jahr.
Dann kam Markus zu uns. Mit einem Glas in der Hand. Mit seinem Markenzeichen-Lächeln. Gebräunt, trainiert. Er blieb neben mir stehen.
— Sabine, warum gehst du nicht in den Pool? Das Wasser ist super.
— Ich möchte nicht, — antwortete ich.
— Ach komm! Alle baden. Oder hast du Angst, dass der Pool überläuft?
Jemand prustete los. Zwei oder drei. Die anderen taten so, als hätten sie nichts gehört.
Ich antwortete nicht. Ich wandte mich wieder Anja zu. Redete weiter. Ich dachte, er würde jetzt abziehen. Wie immer. Er würde etwas Gemeines sagen, ich würde schweigen, der Abend würde enden, und wir würden nach Hause fahren.
Aber Markus ging nicht. Er stand direkt hinter mir. Ich spürte seinen Schatten.
Und plötzlich rief er so laut, dass es alle hören mussten:
— Du fette Idiotin! Ab ins Wasser mit dir!
Und er stieß mich. Kräftig. Mit beiden Händen in den Rücken. Ich war gerade von der Liege aufgestanden, um ihm auszuweichen, und stand dicht am Beckenrand.
Wasser. Ein Schlag gegen den Körper. Chlor in der Nase. Die Tunika sog sich sofort voll und zog nach unten. Ich tauchte auf, griff nach dem Rand. In meinen Ohren dröhnte es. Ich sah ihn oben stehen — er lachte, breitete die Arme aus: „Jetzt komm schon, war doch nur Spaß!“
Achtzehn Menschen sahen mich an. Einige lachten. Einige schwiegen. Thomas rannte vom Grill zu mir. Claudia stand da, weiß wie Kreide.
Aus dem Pool kletterte ich allein. Ohne Hilfe. Die nasse Tunika klebte an meinem Körper. Haare hingen mir an der Stirn. Mein Handy in der Tasche war sofort tot. Ein Gerät für tausend Euro wurde zu einem nassen Stück Plastik.
Ich nahm ein Handtuch von der Nachbarliege. Wickelte es um mich. Wischte mir das Gesicht ab. Meine Hände zitterten nicht. Das überraschte mich selbst.
— Markus, — sagte ich mit ruhiger Stimme. — Du hast mich gerade ohne meine Zustimmung in den Pool gestoßen. Du hast mein Handy ruiniert. Es kostet tausend Euro. Ich erwarte die Überweisung bis morgen.
Er hörte auf zu lachen. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann setzte er wieder sein Grinsen auf.
— Sabine, was soll das denn. Das war ein Spaß. Kauf dir halt ein neues.
— Das Geld erwarte ich bis morgen, — wiederholte ich. — Sonst gehe ich zur Polizei. Das ist kein Witz, Markus. Das ist körperliche Gewalt.
Stille legte sich über den Garten. Selbst die Musik schien leiser zu werden.
Thomas stand neben mir. Er war ebenfalls nass — er war hinter mir hergesprungen, aber ich war da schon draußen gewesen.
— Wir fahren, — sagte er. Und zum ersten Mal seit sieben Jahren fügte er nicht hinzu: „Er wollte das nicht.“
Im Auto saß ich auf einem Handtuch. Vom Sitz tropfte Wasser. Ich war nass, wütend und gleichzeitig ganz ruhig. Ein seltsames Gefühl. Die Wut war nicht heiß. Sie war kalt. Klar. Wie ein Frostmorgen.
Markus überwies das Geld nicht. Nicht am nächsten Tag. Nicht nach drei Tagen. Nicht nach einer Woche. Dafür schrieb er Thomas: „Sag deiner Frau, sie soll keine Hysterie machen. Spaß ist Spaß. Und überhaupt kann sie froh sein, dass ich sie bei unseren Treffen noch ertrage.“
Thomas zeigte mir die Nachricht schweigend. Ich las sie. Und in mir verschob sich endgültig etwas. Es zerbrach nicht. Es verschob sich. Wie ein Hebel, der lange nicht eingerastet war und nun endlich an der richtigen Stelle saß.
Eine Woche später gaben wir ein Abendessen zu Hause. Zum Teil geschäftlich. Ich hatte zwei mögliche Franchise-Partner eingeladen. Thomas seine Kollegen. Und Markus lud sich selbst ein. Er rief Thomas an: „Hab gehört, bei euch ist was los. Ich komme mit Claudia.“ Thomas fragte mich. Ich antwortete: Soll er kommen.
Zwölf Menschen saßen an einem langen Tisch. Unser Wohnzimmer, dasselbe wie immer. Ich hatte zwei Tage gekocht. Nicht für Markus. Sondern weil unter den Gästen Herr Krüger und Frau Seidel waren — Besitzer einer Café-Kette in Nürnberg, die über meine Franchise nachdachten. Dieses Abendessen war wichtig. Wirklich wichtig.
Markus erschien in seinem typischen Hemd, brachte eine Flasche Wein für fünfzehn Euro und Claudia mit. Er umarmte Thomas, nickte mir zu und setzte sich an den Tisch. Die erste Stunde benahm er sich anständig: machte Witze, erzählte von der Türkei, lobte das Essen. Ich dachte sogar kurz, vielleicht habe ihn die Geschichte mit dem Pool doch etwas gelehrt.
Nein.
Als es zum Dessert kam — ich servierte Tartelettes mit Beerencreme, ebenfalls handgemacht — lehnte Markus sich auf seinem Stuhl zurück. In der Hand ein Glas Rotwein, der Blick bereits schmierig.
— Unsere Sabine kann übrigens nicht nur fantastisch kochen, sie kann auch fantastisch essen, — sagte er und wandte sich an Herrn Krüger. — Thomas, sag doch mal, wie viel sie auf einmal verdrücken kann.
Herr Krüger hob die Augenbrauen. Frau Seidel legte ihre Gabel hin.
Ich saß am anderen Ende des Tisches. Vor mir stand ein Tartelette. Beerencreme. Am Morgen von mir gekocht. Vier Stunden in der Küche. Zwei Tage Vorbereitung. Franchise-Partner. Mein Haus. Mein Tisch. Mein Essen.
Und dieser Mensch — schon wieder.
In mir wurde es auf einmal sehr still. Keine Wut. Stille. Die Art von Stille, die eine Sekunde vor einer endgültigen Entscheidung kommt.
Ich stand auf. Ruhig. Nahm mein Handy — das neue, das ich anstelle des ertränkten gekauft hatte. Tausend Euro aus meiner eigenen Tasche, weil Markus nie etwas überwiesen hatte.
— Nina, — sagte ich ins Telefon. Im Wohnzimmer wurde es sofort still. — Hier ist Sabine. Ja, ich weiß, es ist Abend. Hör zu, bereite bitte morgen früh die Kündigung sämtlicher laufender Verträge mit „Brinkmann Media“ vor. Alle Verträge. Gestaltung, soziale Medien, saisonale Aktionen — alles. Grund: unbefriedigende Kommunikationsqualität. Ja, für alle fünf Filialen. Ja, ich bin sicher. Einen neuen Dienstleister finden wir innerhalb einer Woche. Danke.
Ich legte das Handy auf den Tisch. Und sah Markus an.
Er verstand noch nicht. Noch nicht. Er sah mich mit diesem Blick an, mit dem man jemanden ansieht, der plötzlich in einer fremden Sprache spricht.
— Sabine, — sagte er, — was machst du da?
— Markus, — antwortete ich, — „KonditorPlus“ ist meine Firma. „Süße Sache“ ist meine Kette. Fünf Konditoreien. Zweiunddreißig Mitarbeiter. Seit sechs Jahren lebt deine Agentur von meinen Aufträgen. Zweihundertvierzigtausend Euro im Jahr. Fast die Hälfte deines Umsatzes. Ich habe es geprüft.
Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Schritt für Schritt. Zuerst Unverständnis. Dann fieberhaftes Rechnen. Danach Begreifen. Und schließlich Angst.
— Moment, — er stellte sein Glas ab, und Wein schwappte auf die Tischdecke. — „KonditorPlus“ bist du? Nina arbeitet für dich?
Herr Krüger saß reglos da. Frau Seidel sah Markus mit genau jenem Blick an, den ich viel zu gut kannte. So sieht man ein Insekt an, das im Teller gelandet ist.
— Sabine, warte doch, — Markus sprang auf. Seine Hände zitterten. Zum ersten Mal in all den Jahren sah ich, dass seine Hände zitterten. — Das ist Geschäft. Zieh da nichts Persönliches rein. Thomas und ich sind Freunde. Ich wusste es einfach nicht. Ich wusste es wirklich nicht!
— Du wusstest nicht, dass „KonditorPlus“ mir gehört, — nickte ich. — Aber du wusstest sehr genau, dass ich ein Mensch bin. Und das war dir egal.
Claudia saß unbeweglich da, den Blick gesenkt. Wie immer.
Thomas sah mich an. Und hielt mich nicht auf. Zum ersten Mal seit acht Jahren hielt er mich nicht auf.
— Sabine, — Markus machte einen Schritt auf mich zu, — lass uns reden. Nicht hier. Unter vier Augen. Ich…
— Nein, — sagte ich. — Sieben Jahre lang hast du mich vor allen erniedrigt. Jetzt antworte ich dir vor allen. Die Verträge sind gekündigt. Das ist meine endgültige Entscheidung.
Ich setzte mich wieder. Nahm mein Tartelette. Biss hinein. Die Beerencreme war makellos — Vanille, die leichte Säure der Himbeere, ein perfekt abgestimmter Geschmack. Ich war zufrieden mit mir.
Markus stand mitten in meinem Wohnzimmer, neben der Tischdecke, auf der der Wein ausgelaufen war, mit einem Gesicht, das ich noch nie an ihm gesehen hatte. Dann drehte er sich um und ging. Claudia stand auf und folgte ihm. Die Haustür fiel ins Schloss.
Am Tisch blieb es still. Ich trank mein Wasser aus.
Herr Krüger räusperte sich.
— Frau Hartmann, — sagte er, — Ihre Franchise ist tatsächlich sehr interessant.
Ich lächelte. Wirklich. Zum ersten Mal an diesem ganzen Abend.
Als die Gäste gegangen waren, räumten Thomas und ich den Tisch ab. Er schwieg. Dann sagte er doch:
— Dir ist klar, dass er mich jetzt jeden Tag anrufen wird?
— Ja.
— Und was soll ich ihm sagen?
— Die Wahrheit. Dass er in mein Haus gekommen ist und die Gastgeberin beleidigt hat.
Thomas stellte einen Teller ins Spülbecken. Sah mich an.
— Ich hätte ihn längst stoppen müssen.
Ich sagte nichts. Denn ja. Das hätte er. Aber er hatte es nicht getan. Und auch das gehörte zu dieser Geschichte.
Zwei Monate vergingen. Markus verlor meine Verträge. Zweihundertvierzigtausend Euro im Jahr — das war ein ernstes Loch. Er musste drei Mitarbeiter entlassen. Später zog er in ein kleineres Büro. Thomas erzählte es mir — er fuhr weiterhin alle zwei Wochen zu ihm.
Man sagt, Markus erzähle inzwischen überall, ich sei „nachtragend“ und hätte „den Moment geschickt ausgenutzt“. Ich hätte „Geschäftliches mit Privatem vermischt“. Und „normale Geschäftsleute würden so etwas nicht tun“.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Vielleicht stoßen normale Geschäftsleute ihre Auftraggeberinnen aber auch nicht in einen Pool.
Thomas fährt manchmal noch immer allein zu Markus. Ich verbiete es ihm nicht. Es ist sein Freund. Aber an unserem Tisch hat Markus seitdem nicht mehr gesessen. Und ich habe Ruhe. Zum ersten Mal seit sieben Jahren — echte Ruhe.
Nur eine Frage lässt mich bis heute nicht ganz los.
Bin ich zu weit gegangen, als ich die Verträge vor seinen Geschäftskontakten kündigte? Oder war er selbst all die Jahre genau darauf zugelaufen — durch sechzig Treffen, durch „du fette Idiotin“, durch den Pool? Wie hättet ihr gehandelt?