Wieder bei null, wie vor einem zerbrochenen Krug: Sie glaubte, Schönheit und Stolz würden sie retten, doch am Ende blieb ihr fast nichts
Tagebucheintrag vom 12. März 1985
Schon als Kind wusste Anna, dass sie schön war. Man hatte es ihr oft genug gesagt.
„Unsere Tochter ist ein richtiges Prachtmädchen, die sticht überall heraus“, schwärmte ihre Mutter vor Nachbarinnen und Kolleginnen. Und tatsächlich konnte niemand widersprechen. Nur die alte Frau Krüger von nebenan murmelte manchmal: „Hübsch sind Kinder fast alle. Erst das Erwachsenwerden zeigt, was daraus wird. Nicht immer, aber oft genug.“
Auf dem Gymnasium wurde aus Anna eine große, auffallende junge Frau, schön, stolz und verwöhnt. Sie war daran gewöhnt, dass Jungen sich bemühten, nur um ihr zu gefallen. Nach dem Abitur bekam sie keinen Studienplatz und machte stattdessen eine Ausbildung im Einzelhandel.
„Kind“, sagte ihre Mutter, „komm doch zu mir ins Werkslabor. Saubere Arbeit, nichts Schweres, nicht dieses ewige Stehen im Laden.“ Also wurde Anna Laborhelferin.
Damals war sie noch schöner geworden und wusste sehr genau, welchen Eindruck sie machte. Sie verliebte sich in Markus, einen Ingenieur aus der Nachbarabteilung. Alles ging schnell: ein paar Blicke, ein paar Treffen, dann sein Antrag. „Heirate mich, bevor dich mir noch jemand wegschnappt“, scherzte er. Anna sagte Ja.
Die Hochzeit war bescheiden, wie viele damals: in der Werkskantine, zwischen langen Tischen, Blumenvasen und Gratulanten. Kurz darauf stellte Anna fest, dass sie schwanger war. Markus war überglücklich. Ihre Tochter Clara sah ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich, und alle vergötterten das Mädchen.
Doch die Mutterschaft veränderte Anna. Nicht ihr Gesicht, nicht ihre Figur, sondern ihr Herz. Sie wurde kalt und behandelte Markus, als sei er ein Dienstbote. Er brachte Clara in die Schule, erzählte ihr abends Geschichten, kochte, räumte auf und hielt alles zusammen. Anna blieb angeblich länger im Werk, obwohl Markus wusste, dass im Labor nie Überstunden anfielen. Er ertrug ihre scharfe Zunge und versuchte, Clara vor ihren Streitereien zu schützen.
„Markus“, flüsterten Kollegen, „deine Frau wurde mit dem Abteilungsleiter im Restaurant gesehen.“ Er sah nur zur Seite.
Anna hatte sich mit Dr. Friedrich Steinbach eingelassen, einem hohen Beamten, der sie mit Schmuck, teuren Tüchern und eleganten Geschenken überhäufte. Markus wurde in seiner eigenen Wohnung zum Schatten: kochend, putzend, schweigend. Scheiden lassen wollte er sich nicht, Clara zuliebe.
Dann kam die Krise. Steinbachs Glück zerbrach in Ermittlungen und Verhaftungen. Auch Anna wurde verhört. Man ließ sie mangels Beweisen gehen, doch ihr Ruf war ruiniert. Sie kam mit hohlen Augen nach Hause, als hätte sie sich durch Schmutzwasser gekämpft. Die Ersparnisse waren weg; Markus hatte die Hälfte ihrer Sachen verkauft, um ihre Anwaltskosten zu bezahlen. Im Werk wurde sie entlassen. Markus blieb, wieder wegen Clara, aber sie lebten wie Fremde unter einem Dach.
Einmal wollte er wirklich gehen. Anna, deren Stolz am Boden lag, flehte: „Geh nicht. Ich werde mich ändern.“ Er blieb, doch er konnte sie nicht mehr berühren. „Du hast mit ihnen geschlafen“, sagte er.
„Für diese Familie“, fuhr sie ihn an.
Später betrog sie ihn wieder, diesmal mit einem jungen Helfer namens Jonas. Mit Krediten und verbissener Energie baute sie sich etwas Neues auf: erst einen Souvenirstand nahe der Altstadt, dann ein richtiges Geschäft, schließlich zwei.
„Markus, hol mich vom Frankfurter Flughafen ab, ich fliege nach Istanbul, Ware einkaufen“, befahl sie. „Oder kündige endlich diesen toten Job und hilf mir.“
„Verkaufen liegt mir nicht“, murmelte er.
„Ich brauche Männerkraft.“
„Es gibt genug Männer, die Arbeit suchen“, antwortete er gleichgültig.
Jonas blieb nicht nur ihr Helfer. Markus wusste es, sagte aber wenig. „Hättest du dich um mich gekümmert“, warf Anna ihm vor.
„Mir graut vor deiner Nähe“, erwiderte er.
Die Jahre vergingen. Clara heiratete und zog nach Hamburg. Zu Neujahr flog Anna nach China, Markus fuhr mit Bekannten nach Finnland. Als sie zurückkam, erkannte er sie kaum.
„Um Gottes willen, Anna, was ist mit dir passiert? Du siehst wieder aus wie zwanzig. Keine Falten, kein Bauch, schlank, frisch, wie neu.“
„Hat mich alles gekostet“, lachte sie und zeigte die leere Geldbörse. „Chinesische Behandlungen, Akupunktur, Massagen. Jeder Cent war es wert.“
Sie konnte nicht mehr aufhören. Doch die Einnahmen sanken, und dann bekam Markus einen Herzinfarkt. Er kam schwach und eingefallen aus der Klinik zurück, als wäre er über Nacht alt geworden.
„Mein Gott, würde ich auch so aussehen?“, murmelte Anna und betrachtete sich im Spiegel.
„Bleib doch ein bisschen bei mir“, bat er.
„Keine Zeit. Geld verdient sich nicht von allein.“
Dann schlug Jonas zu. „Unterschreib hier“, sagte er und legte ihr Papiere vor. Es waren Verträge, mit denen sie ihre Geschäfte an ihn übertrug. Anna setzte ihre Unterschrift darunter, ohne richtig zu lesen.
Der Anwalt seufzte. „Das ist wasserdicht, Frau Berger. Ihre Unterschrift steht auf jeder Seite.“
Geschlagen kam sie nach Hause. „Wir haben nichts mehr“, flüsterte Markus.
„Dann verkaufen wir eben die Wohnung und kaufen etwas Billigeres.“
„Und was dann?“
„Du bekommst einen Computer. Dann lebst du eben virtuell.“ Sie lachte schrill.
Anna glaubte immer noch, sie würde wieder aufstehen. Wie ein Phönix, wie immer.
Schönheit vergeht, und Stolz macht blind. Doch der schlimmste Bankrott ist der Bankrott der Seele.