„Womit hast du gerechnet, als du zu deiner jungen Geliebten gegangen bist — dass deine Frau brav an der Tür sitzt und auf dich wartet?“

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„Was hast du dir eigentlich vorgestellt, als du zu diesem jungen Ding davongelaufen bist? Dass deine Frau auf dich wartet?“ Frau Gertrud Krüger zischte es, als käme ihre Stimme direkt aus den Wänden. Die Worte hingen im dämmrigen Treppenhaus wie das feine Surren von Mücken an einem warmen Juniabend.

…Vor der Tür seiner alten Wohnung am Rand von Leipzig blieb Markus stehen und brachte es lange nicht fertig, den verbeulten Klingelknopf zu berühren. Seit einem Jahr lebte er in einem fremden Leben, in dem alles greller, leichter, aufregender gewirkt hatte. Doch der Geruch der vertrauten Plattenbauflure, diese blassen Tapeten und das gedämpfte Licht, in dem sein früheres Dasein langsam gegart hatte, ließen ihn nachts nicht los. Das Haus schien sich wie eine alte Schallplatte zu drehen und immer wieder dieselbe traurige Melodie abzuspielen.

Schließlich zwang er seine Hand nach vorn, drückte auf den kalten Metallkreis, und irgendwo hinter der Tür sprang ein schrilles Läuten durch leere Zimmer. Es klang wie eine Stimme, die aus dem Keller der Erinnerung heraufbrach. Sein Herz schlug ihm wild gegen die Rippen, als stünde gleich etwas Unvermeidliches vor ihm: Schnee auf den Handflächen, feuchte Fensterscheiben, ein vergessenes Schulheft im Dunkeln…

Vor einem Jahr war sein Weggehen wie ein Diebstahl am eigenen Leben gewesen. Er hatte nur einen blassen Zettel dalassen wollen, mit den abgenutzten Worten: Verzeih mir, ich habe eine andere, ich gehe. Doch Anna kam damals früher zurück, stürmte in ihre Küche und erwischte ihn mitten beim Packen. Markus brachte seine Sätze nicht gerade heraus; sie stolperten wie Stufen, die nach Regen glatt geworden waren. In Annas Schweigen steckte ein Schmerz, der bis oben hin zugeknöpft war.

Dann riss er sich los, warf sich zur Tür, ließ fast alles zurück. Nur die alte Reisetasche schnappte so hart zu, dass ihm der abgebrochene Reißverschlusszipper in der Hand blieb wie ein kleines Zeichen der Leere. Auf dem Tisch lagen ein paar Euro für Anna und die Mädchen, für die erste Zeit…

Er und Anna hatten sich kennengelernt, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Hatten sie sich geliebt? Wahrscheinlich musste es dafür einmal einen guten Grund gegeben haben. Ihre Ehe begann auf dem Leipziger Standesamt und in einer grauen Einzimmerwohnung, die Markus von seiner Urgroßmutter geerbt hatte. Dann kam die erste Tochter zur Welt. Markus arbeitete in der Bank, Anna blieb bei dem Kind und schleppte sich nebenbei irgendwie durch ihr Studium.

Später bekam sie ihr Diplom als Heilpädagogin und fand eine Stelle in genau der Kita, in der auch ihre Tochter untergebracht war. Mit den Jahren wurde noch ein zweites Mädchen geboren.

Die Nachbarn hielten sie alle für ein Musterpaar, und vielleicht waren sie das von außen sogar gewesen. Anna kochte wie eine gute Großmutter aus einem alten Märchen, hielt Ordnung, zog die Kinder mit ruhiger Hand ins Leben hinein. Auch für ihren Mann fand sie noch Kraft. Und trotzdem nagte an Markus eine Leere, als wäre jeder Tag unter diesem Himmel ein wenig zu lang geraten.

Zwei Jahre vor seiner merkwürdigen Rückkehr trat Magdalena in sein Leben, doch alle nannten sie Lena, und sie selbst bestand am meisten darauf. Sie kam in die Buchhaltung der Bank, in der Markus arbeitete, und wurde sofort zur Muse der männlichen Kollegen. Komplimente kreisten um sie, als würden Porzellantassen auf einem blank polierten Tisch tanzen.

Markus beachtete die junge Kollegin anfangs kaum. Doch bei einem Betriebsausflug in den Wald, als der Bus die ganze Abteilung über eine dunkle Herbststraße hinaustrug, saßen sie plötzlich nebeneinander. Ein Wort zog das nächste nach sich, und auf einmal begann die Wirklichkeit sich wie ein neuer Wirbelsturm um ihn zu drehen.

Lena wollte schon nach wenigen Monaten keine Geliebte mehr sein. Sie stellte ihm ein Ultimatum: Entweder du entscheidest dich für mich, oder du verlierst mich. Markus war weder bereit für eine Scheidung noch für das Glück in diesem flirrenden, elektrisch funkelnden neuen Leben. Aber er gab ihren naiven Angriffen nach und zog zu ihr.

Die Verhandlung vor dem Familiengericht war kalt und knapp. Anna erschien nicht. Die Richterin las trocken vor: keine Einwände, die Kinder bleiben bei der Mutter. Markus überwies Geld auf Annas Konto, die Wohnung überließ er seiner ehemaligen Frau und den Töchtern. Zu Besuchen traute er sich nicht, nicht weil er sie nicht liebte, sondern weil er keine Worte fand, mit denen sich seine verworrene Scham hätte verbergen lassen. Also zahlte er den Unterhalt pünktlich wie ein Metronom und tat sonst nichts.

Das erste halbe Jahr mit Lena wirkte wie eine glänzende Auslage, in der alles zu hell, zu neu, zu viel war: Abende in Leipziger Cafés, Fahrten zu ihren Eltern ins Wochenendhaus, endlose Gespräche über die kommende Hochzeit. Es schien, als hätte sich das Glück für immer auf seine Schultern gesetzt, wie eine fremde, leuchtende Seele.

Eines Tages, als er im Bad den Müll hinausbringen wollte, sah er im Eimer einen weggeworfenen Schwangerschaftstest. Zwei Streifen. In seinem Kopf wurde alles weiß wie ein unbeschriebenes Blatt. Schwanger? Für einen Augenblick dachte er an Fortsetzung, an Blutlinie, an ein Kind. Doch Lena als Mutter konnte er sich nicht vorstellen.

„Hast du mir eine Überraschung vorbereitet?“, versuchte er am Abend zu scherzen.

„Was denn für eine Überraschung? Willst du eine Show, Markus?“ Ihre langen Finger glitten über seine Brust und hinterließen auf seiner Haut eine Spur, die plötzlich keinen Sinn mehr hatte.

„Darum geht es nicht. Ich weiß von dem Kind, Lena…“

„Das bedeutet nichts. Es ist schon alles entschieden“, antwortete sie kühl.

„Wie meinst du das, entschieden?“

„Ach, stell dich nicht an wie ein Junge! Welche Schwangerschaft denn jetzt? In einem Monat ist die Hochzeit, das Wellnesshotel im Schwarzwald ist bezahlt, und ich habe keine Lust, die ganzen Flitterwochen mit Übelkeit im Bett zu liegen. Kurz gesagt: Das Baby gibt es nicht mehr.“

In seinem Kopf entstand ein hohles Dröhnen, als hätte jemand das Fensterbrett aus der Wand seiner Erinnerung gerissen. Lena wurde von Tag zu Tag kälter, als sei eine unerwartete Novemberböe durch die Wohnung gefahren. Plötzlich sah er alles klar: die Hochzeit, die Grillabende im Garten ihrer Eltern, selbst ihre leichten Berührungen — ein Watte-Traum. Ein Irrtum legte sich um ihn wie Morgennebel.

Einen Monat vor der Hochzeit hielt er es nicht mehr aus. Er stopfte seine Sachen in dieselbe alte Tasche und trieb sich unter Lenas wütenden Worten aus ihrer Wohnung hinaus, als sei er im Schlaf aus einem Fenster gesprungen.

…Die Klingel trillerte weiter, gleichförmig und leer, doch niemand aus seiner Familie öffnete. In der Wohnung war es still. Entweder war hier die Zeit stecken geblieben, oder alles war verschwunden wie Rauch nach einem Feiertagsfeuer. Er ging durch den Flur, hörte keine Stimme, sah keine Kinderzeichnung an der Wand, nur Regalbretter mit hellen Spuren, wo früher Vasen gestanden hatten.

Markus trat wieder ins Treppenhaus. Das ganze Haus war wie zu einem Knoten aus Schlaf zusammengedreht, überall lag Halbdunkel. Er klingelte an der Wohnung gegenüber. Hinter der Tür schlurften Hausschuhe über den Boden. Frau Gertrud Krüger, eine alte Freundin seiner Urgroßmutter, öffnete vorsichtig.

„Wer ist da? Schon wieder der Klempner?“

„Ich bin es, Markus…“ Er spürte, wie sein Herz gleich auf den Treppenabsatz springen würde.

Die Frau wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab und rang nach Luft.

„Herr im Himmel, du bist das wirklich! Bist du etwa zurückgekommen?“

„Ich bin zurück… Wissen Sie vielleicht, wo… meine sind?“

„Komm erst einmal rein. Was stehst du da im Durchzug“, sagte sie und trat zur Seite, als lade sie ihn an ihren abgewetzten Küchentisch.

In der Küche jammerte der Wasserkessel dünn, fast wie Wind auf einem Friedhof. Markus sah in das schattige Gesicht der Nachbarin.

„Du hast wohl gedacht, Anna wartet auf dich, nachdem du zu dieser Halbwüchsigen gerannt bist? Weg ist sie, Markus. Die Mädchen hat sie mitgenommen. Sie arbeitet jetzt draußen im Harz, in einem Dorf, dort leben sie auch. Dein Geld überweist sie ordentlich weiter; ich bezahle davon die Wohnung, so wie sie es mir aufgetragen hat. Bei ihnen ist alles geregelt.“

„Wenn es nach mir ginge, ich hätte dich damals… ach! Die Kinder sitzen lassen, die Frau gegen irgendeine… Und jetzt, wo es dich wieder an die Wand gedrückt hat, findest du plötzlich den Weg zurück zur alten Tür.“

„Mit der Geliebten hat es nicht geklappt?“, fragte sie und nickte traurig.

„Es hat nicht geklappt…“ Markus stand auf. „Verzeihen Sie, Frau Krüger. Ich wollte Sie nicht aufwühlen.“

„Hinsetzen!“, sagte sie plötzlich so streng, dass er gehorchte. „Ich bin noch nicht fertig. Wenn alle nur so täten, als ginge sie das Unrecht nichts an, dann hätte die dunkle Seite der Welt längst gewonnen. Ich gebe dir Annas Adresse und ihre Telefonnummer. Aber eins musst du wissen: Sie hat einen Jungen geboren. Kurz nachdem du gegangen warst, hat sie es erfahren. Sie sagte dir nichts und fuhr still weg. Leicht hat sie es allein nicht. Der Lohn auf dem Dorf ist kein Stadtgehalt, für die Betreuung zahlt sie extra, und deine paar Euro gehen nur für die Wohnung drauf. Also denk jetzt nach…“

Markus verstummte. Er umklammerte den Kopf, als drücke ihm etwas Schweres gegen die Schläfen. Dann erhob er sich plötzlich, und seine Stimme schnitt metallisch durch die kleine Küche.

„Danke Ihnen…“

Dann ging er hinaus in die Nacht.

Als er später zurückkam, stand er lange am Fenster. Draußen lagen fremde und doch vertraute Lichter, jedes einzelne wie ein kleiner, stummer Vorwurf. Während der Schlaf ihn langsam nach unten zog, dachte er nur noch: Wenn Anna mir nur verzeiht. Wenn sie mir nur verzeiht…

„Jetzt erinnerst du dich also an die Tür, die du selbst zugeschlagen hast.“ So verurteilte ihn die Nachbarin.