Sie wollte ihren Mann überraschen und kam drei Stunden früher von ihrer Mutter zurück – doch als sie die Wohnungstür öffnete, zerbrach in einem einzigen Augenblick ihr ganzes Leben
Als Sabine beschloss, Thomas eine Freude zu machen, fuhr sie drei Stunden früher von ihrer Mutter nach Hause zurück. Doch kaum hatte sie die Wohnungstür aufgeschlossen, standen ihr die Tränen in den Augen.
Sabine saß am Fenster der Regionalbahn und dachte an ihre Mutter. Drei Tage war sie bei ihr gewesen, hatte ihr Hühnerbrühe gekocht, Tabletten sortiert und immer wieder das Fieber gemessen. Erst am Tag zuvor war die Temperatur endlich gesunken.
„Bleib doch noch bis morgen, Kind“, hatte ihre Mutter sie am Morgen gebeten.
„Thomas ist allein zu Hause, Mama. Der lebt bestimmt schon wieder nur von belegten Broten.“
Jetzt, während der Zug über die Gleise ruckelte, bereute Sabine fast, dass sie nicht geblieben war. Aber Thomas hatte jeden Abend angerufen, nach ihrer Mutter gefragt und nebenbei geklagt, der Kühlschrank sei leer. Seine Stimme hatte dabei seltsam geklungen. Müde. Irgendwie verloren.
„Du fehlst mir“, hatte er in der vergangenen Nacht gemurmelt.
Sabine hatte damals gelächelt. Dreißig Jahre Ehe, und er vermisste sie immer noch. Sie hatte wohl doch einen guten Mann erwischt.
Der Zug schwankte leise. Die Frau ihr gegenüber knackte Sonnenblumenkerne und las einen Liebesroman. Auf dem Umschlag schmiegte sich eine schmale Blondine an einen dunkelhaarigen Mann im Anzug. Sabine sah kurz ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Kleine Falten um die Augen. Grau am Haaransatz. Wann war sie eigentlich so alt geworden?
„Fahren Sie zu Ihrem Mann?“, fragte die Mitreisende neugierig.
„Ja. Nach Hause.“
„Ich fahre zu meinem Liebhaber“, kicherte die Frau. „Mein Mann glaubt, ich bin bei einer Freundin.“
Sabine wurde rot und wandte sich wieder dem Fenster zu. Wie konnte man so etwas nur so beiläufig sagen?
Da vibrierte ihr Handy in der Hand.
„Wie geht’s? Wann kommst du?“, schrieb Thomas.
Sabine sah auf die Uhr. Bis nach Hause waren es noch etwa drei Stunden. Erst wollte sie ehrlich antworten, doch dann hielt sie inne. Es sollte ja eine Überraschung werden. Sie würde heimkommen, etwas kochen, den Tisch decken. Er würde sich freuen.
„Morgen früh. Du fehlst mir auch“, tippte sie.
Thomas schickte sofort ein Herz zurück.
Draußen zogen kleine Vororte und Schrebergärten vorbei. Sabine holte die Thermoskanne mit Tee aus der Tasche. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie sie mitnahm, und ihr noch ein paar Brote eingepackt. Sie fütterte Sabine immer noch, als wäre sie keine erwachsene Frau, sondern ein Schulkind am ersten Schultag.
„Du bist ganz schmal geworden, mein Mädchen. Wahrscheinlich achtet dein Thomas nicht darauf, dass du ordentlich isst.“
„Mama, ich bin fünfundfünfzig.“
„Und? Für mich bleibst du trotzdem mein Kind.“
Sabine kaute an einem Brot mit Lyoner und dachte an ihre Mutter. Sie wohnte allein in derselben alten Mietwohnung, in der Sabine aufgewachsen war. Ihr Vater war vor sechs Jahren gestorben. Die Mutter weigerte sich hartnäckig, zu Sabine und Thomas zu ziehen.
„Ihr habt euer eigenes Leben, da muss euch keine alte Frau zwischen den Füßen stehen“, winkte sie jedes Mal ab.
Dabei hätte sie niemandem im Weg gestanden. Sabine hatte ihr Leben lang kaum etwas anderes getan, als sich um andere zu kümmern. Erst um die Eltern, dann um Thomas, später um die Kinder. Früher hatte sie im Kindergarten gearbeitet, aber nach der Geburt von Jonas war sie zu Hause geblieben. Dann kam Laura. Und irgendwann wurde aus der Pause ein ganzes Leben als Hausfrau.
„Wozu brauchst du Arbeit?“, hatte Thomas damals gesagt. „Ich verdiene genug. Bleib zu Hause, kümmer dich um Haushalt und Kinder.“
Also hatte sie sich gekümmert. Dreißig Jahre lang. Sie hatte gekocht, gewaschen, geputzt, die Kinder zum Sport und zum Musikunterricht gebracht, Thomas’ Hemden gebügelt, Knöpfe angenäht, Listen geschrieben, Geburtstage geplant, an alles gedacht.
Die Kinder waren längst erwachsen und aus dem Haus. Jonas lebte inzwischen in Hamburg und war verheiratet. Laura hatte selbst eine Familie und Sabine schon zur Großmutter gemacht.
Und was kam jetzt?
Der Zug wurde langsamer. Sabine nahm ihre Tasche, verabschiedete sich von der gesprächigen Frau und stieg am Bahnhof aus. Auf dem Bahnsteig war es laut, die Menschen drängten zur Bushaltestelle. Bis zu ihrer Wohnung brauchte sie noch knapp vierzig Minuten.
Im Bus malte sie sich aus, wie überrascht Thomas schauen würde. Er rechnete erst morgen früh mit ihr, und plötzlich stand sie heute Abend vor ihm. Unterwegs würde sie noch kurz bei Rewe einkaufen. Frisches Fleisch, Kartoffeln, etwas Gemüse. Dann würde sie kochen, vielleicht sogar den guten Tischläufer aus dem Schrank holen.
Im Supermarkt füllte sie zwei Taschen. Die Kassiererin lächelte.
„Erwarten Sie Besuch?“
„Nein“, sagte Sabine und lächelte zurück. „Ich möchte nur meinem Mann eine Freude machen.“
Die Taschen waren schwerer, als sie gedacht hatte. Bis zum Hauseingang schleppte sie sich mühsam. Im Aufzug atmete sie erst einmal tief durch. Den Schlüssel musste sie eine halbe Ewigkeit suchen, weil er irgendwo ganz unten in ihrer Handtasche verschwunden war.
Endlich schloss sie auf.
„Thomas, ich bin’s!“, rief sie in den Flur. „Ich bin wieder da!“
Keine Antwort. Vermutlich schlief er schon. Es war spät, fast elf.
Sabine stellte die Einkaufstaschen ab und zog den Mantel aus. In der Wohnung brannte Licht. Seltsam. Thomas schlief sonst immer im Dunkeln.
Sie wollte den Mantel in den Schrank hängen und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Neben der Tür standen Schuhe. Frauenschuhe. Rot. Hochhackig. Glänzend, teuer, auffällig.
„Thomas?“, rief sie nun leiser.
Ihr Herz begann so heftig zu schlagen, dass sie es bis in den Hals spürte. Vielleicht gehörten die Schuhe Laura? Ihre Tochter hatte einen Schlüssel. Aber warum hätte sie dann nicht Bescheid gesagt?
Aus der Küche drang ein Lachen. Ein Frauenlachen.
Sabine erstarrte. Das war nicht Laura. Diese Stimme war fremd.
„Thomas, du bist wirklich unmöglich!“, sagte die Unbekannte lachend.
„Sabine kommt erst morgen. Wir haben genug Zeit, alles wieder wegzuräumen“, antwortete ihr Mann.
Sabine lehnte sich an die Wand. Ihre Knie wurden weich. Was war das? Wer war diese Frau? Was redeten sie da?
„Und wenn sie doch früher kommt?“, fragte die Frau.
„Kommt sie nicht. Sabine ist pünktlicher als eine Bahnhofsuhr. Wenn sie sagt, morgen früh, dann meint sie morgen früh.“
Wieder lachten beide. Sabine schloss die Augen. Plötzlich bekam sie kaum noch Luft.
Sie ging leise den Flur entlang bis zur Küche. Die Tür stand einen Spalt offen. Sabine sah hinein.
Thomas saß im Unterhemd und in einer Jogginghose am Tisch. Seine Haare standen in alle Richtungen, sein Gesicht wirkte zufrieden, fast jungenhaft. Ihm gegenüber saß eine Frau, vielleicht Anfang dreißig. Dunkle Haare, geschminkte Lippen, lebendige Augen. Und sie trug Sabines Morgenmantel.
Auf dem Tisch standen zwei kleine Schnapsgläser, eine Schüssel Kartoffelsalat, Gewürzgurken und ein Teller mit kaltem Aufschnitt. Thomas hielt die Hand der Frau.
„Nadine, du bist einfach wunderbar“, sagte er leise.
Nadine? Wer war Nadine?
„Und deine Frau?“, fragte die Fremde kokett und legte den Kopf schief. „Du hast doch gesagt, du liebst sie.“
„Ich liebe sie ja. Aber das hier ist anders. Bei dir fühle ich mich wieder lebendig.“
Sabines Finger krallten sich in den Türrahmen. Vor ihren Augen wurde es dunkel. Dreißig Jahre Ehe. Dreißig Jahre Vertrauen, Sorge, Geduld. Und er saß hier.
„Thomas“, flüsterte sie.
Beide fuhren herum. Thomas wurde kreidebleich. Sein Mund öffnete sich, aber es kam zunächst kein Wort heraus. Die Frau sprang auf und zog Sabines Morgenmantel enger um sich.
„Sabine? Du… du wolltest doch erst morgen…“, stammelte Thomas.
„Wer ist das?“ Sabine zeigte mit zitternder Hand auf die Dunkelhaarige.
„Das ist Nadine. Eine Kollegin. Aus dem Büro.“
„Eine Kollegin?“ Sabine musterte die Frau in ihrem Morgenmantel. „Eine Kollegin in meinem Morgenmantel?“
„Weißt du, ich gehe besser“, sagte Nadine hastig und eilte zur Tür. „Thomas, wir telefonieren.“
„Stehen bleiben!“, rief Sabine. „Niemand geht hier irgendwohin! Ich will jetzt wissen, was hier passiert!“
Nadine blieb stehen. In ihrem Gesicht lag Schuld, aber nicht genug, um Sabine zu trösten.
„Wir haben nur geredet“, sagte sie. „Thomas hat mir mit einer Auswertung geholfen.“
„Mit einer Auswertung?“ Sabine lachte schrill auf. „Nachts? In meinem Morgenmantel?“
„Sabine, beruhig dich“, sagte Thomas und stand auf. „Es ist nicht so, wie es aussieht. Nadine brauchte Hilfe wegen der Arbeit, ich bin zu ihr gefahren. Dann hat sie mich auf einen Tee eingeladen…“
„Tee?“ Sabine deutete auf die Schnapsgläser. „Das ist Tee?“
„Na ja, wir haben ein bisschen getrunken…“
„Sie trägt meinen Morgenmantel! In meiner Wohnung! An meinem Tisch! Während ich meine kranke Mutter gepflegt habe!“
Thomas machte einen Schritt auf sie zu.
„Sabine, schrei nicht so. Die Nachbarn hören das.“
„Die Nachbarn?“ Sabine wich zurück. „Du sorgst dich um die Nachbarn? Hast du dich um mich gesorgt, als du diese… diese Frau hierhergebracht hast?“
„Es ist nichts passiert!“ Thomas packte sie an den Schultern. „Ich schwöre dir, nichts!“
Sabine sah ihm in die Augen. Sie sah Panik. Angst. Und eine Lüge. Nach dreißig Jahren gemeinsamer Ehe konnte sie ihn lesen wie eine aufgeschlagene Zeitung.
„Lass mich los“, flüsterte sie.
„Sabine…“
„Ich habe gesagt, LASS MICH LOS!“
Thomas ließ sie los. Seine Hände zitterten.
„Ich gehe jetzt“, murmelte Nadine und wollte wieder zur Tür.
„Halt!“, fuhr Sabine sie an. „Erst ziehst du meinen Morgenmantel aus!“
„Sabine, doch nicht vor mir…“, sagte Thomas und stellte sich halb zwischen sie.
„Ach, schämst du dich plötzlich?“ Sabine stieß ihn zur Seite. „Geschämt hast du dich nicht, als du sie in meinem Morgenmantel bewirtet hast!“
Nadine riss den Morgenmantel von sich und warf ihn über einen Stuhl. Darunter trug sie enge Jeans und ein Top.
„Entschuldigung“, sagte sie knapp und lief hinaus.
Die Tür fiel ins Schloss.
Sabine sank auf einen Stuhl und verbarg das Gesicht in den Händen. Tränen kamen keine. Nur Leere. Eine riesige schwarze Leere dort, wo eben noch ihr Herz gewesen war.
„Sabine, lass uns ruhig reden“, sagte Thomas und setzte sich neben sie. „Ich erkläre dir alles.“
„Dann erklär.“
„Nadine hat wirklich um Hilfe gebeten. Wegen einer Auswertung. Ich bin zu ihr, habe geholfen. Danach meinte sie, wir könnten auf die erledigte Arbeit anstoßen.“
„Um neun Uhr abends?“
„Es hat sich eben gezogen.“
„Bis zwei Uhr nachts?“ Sabine hob ruckartig den Kopf. „Vier Stunden lang habt ihr an einer Auswertung gearbeitet?“
Thomas schwieg. Sein Gesicht war rot und verschwitzt.
„Thomas, ich bin nicht dumm“, sagte Sabine leise. „Wir sind seit dreißig Jahren zusammen. Ich merke, wenn du lügst.“
„Da war nichts! Wir haben nur geredet! Sie ist allein, sie hat niemanden, mit dem sie richtig sprechen kann!“
„Und mit mir kannst du nicht sprechen?“
„Mit dir reden wir über den Haushalt. Über die Enkelin. Über deine Mutter. Mit ihr… mit ihr rede ich über andere Dinge.“
Sabine stand langsam auf. In ihrer Brust brannte es.
„Über andere Dinge?“, wiederholte sie. „Bin ich kein Mensch mehr? Bin ich nur noch ein Küchenstuhl?“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Wie denn? WIE?!“ Sabine schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich habe dreißig Jahre dieses Haus getragen! Für dich! Für die Kinder! Ich habe meinen Beruf aufgegeben! Und du erzählst mir, ich sei langweilig?“
„Sabine, beruhig dich.“
„Nein, ich beruhige mich nicht!“ Sie lief in der Küche hin und her wie ein gefangenes Tier. „Ich bügle deine Hemden, koche dein Essen, räume hinter dir her! Und du führst mit Kolleginnen Gespräche über andere Dinge!“
„Es war nur Nadine.“
„Nur Nadine?“ Sabine blieb stehen. „Und wie viele gab es vor ihr?“
„Keine!“
„Du lügst!“ Sie trat dicht an ihn heran. „Wie oft bist du länger im Büro geblieben? Wie viele Besprechungen gab es? Wie viele angebliche Firmenabende?“
„Das war Arbeit!“
„Arbeit? So wie heute mit Nadine Arbeit war?“
Thomas senkte den Blick.
„Sabine, ich liebe dich. Wirklich. Du bist mir der vertrauteste Mensch.“
„Vertraut?“ Sabine lachte bitter auf. „Wie ein alter Hausschuh, meinst du?“
„Was soll ich denn sagen?“
„Was du sagen sollst?“ Jetzt schossen ihr die Tränen doch über das Gesicht. „Ich habe dir mein ganzes Leben gegeben! Mein ganzes! Und du? Du suchst dir junge Frauen?“
„Ich suche niemanden! Nadine hat…“
„Nadine hat was? Hat sie sich von allein in meinen Morgenmantel gesetzt? Hat sie ganz zufällig deine Hand genommen? Hat sie ganz allein die Gläser auf den Tisch gestellt?“
Thomas schwieg.
„Antworte!“, schrie Sabine. „Hat sie das alles allein getan?“
„Es war von beiden Seiten.“
Sabine griff sich an die Brust. Also hatte er es gewollt. Er hatte sie gewollt.
„Sabine, bitte…“
„Nein. Jetzt will ich es wissen. Wie lange geht das? WIE LANGE?“
„Drei Monate.“
Sabine sackte zu Boden. „Drei Monate“, wiederholte sie tonlos. „Drei Monate hast du mir in die Augen gesehen, mich abends geküsst, gesagt, du liebst mich. Und nebenbei warst du bei ihr.“
„Wir haben uns selten gesehen.“
„Selten?“ Sabine kroch fast zur Tür, als müsste sie sich aus der Küche retten. „Also habt ihr euch gesehen. Es reicht. Es ist vorbei.“
„Wohin willst du?“
„Das geht dich nichts mehr an. Hauptsache, weg von dir.“
Sie stand auf und ging in den Flur. Thomas lief ihr nach.
„Sabine, bleib! Lass uns morgen reden. Mit klarem Kopf!“
„Mit klarem Kopf?“ Sabine zog den Mantel an. „Ich werde jetzt wohl mein restliches Leben mit klarem Kopf über dich nachdenken müssen.“
„Geh nicht, bitte.“
Sie drehte sich um. Thomas stand vor ihr in ausgeleiertem Unterhemd und Unterhose. Halb kahl, mit Bauch, blass und jämmerlich.
„Weißt du was?“, sagte sie. „Geh zu deiner Nadine. Dann könnt ihr weiter über andere Dinge reden.“
Sabine schlug die Tür hinter sich zu und rannte die Treppe hinunter. Den Aufzug nahm sie nicht, weil sie Angst hatte, Thomas könnte sie noch einholen.
Draußen war es kalt. Wohin sollte sie? Zu Laura konnte sie nicht, dort würde sie die Enkelin wecken. Zu ihrer Mutter war es zu weit, der letzte Zug war längst weg.
Da fiel ihr Karin ein. Ihre Freundin wohnte nur ein paar Straßen weiter. Sabine rief sie an.
„Sabine? Was ist denn um drei Uhr nachts los?“, klang Karins verschlafene Stimme.
„Karin, kann ich zu dir kommen? Es ist wichtig.“
„Natürlich. Was ist passiert?“
„Ich erzähle es dir gleich.“
Im Taxi starrte Sabine aus dem Fenster. Dreißig Jahre. Ein ganzes Leben. Und was blieb davon? Leere. Verrat. Ein fremder Morgenmantel auf ihrem Küchenstuhl.
Karin öffnete im zerknitterten Bademantel.
„Komm rein. Ich mach Wasser heiß. Und dann erzählst du.“
Sabine erzählte alles. Karin hörte zu und schüttelte immer wieder den Kopf.
„So ein Schwein“, sagte sie schließlich. „Am Ende sind sie doch alle gleich.“
„Karin, ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Was gibt es da zu überlegen? Trenn dich.“
Sabine schwieg.
„Genau deshalb glaubt er ja, dass du alles schluckst“, sagte Karin leiser.
In dieser Nacht schlief Sabine nicht. Sie lag auf Karins Sofa und erinnerte sich. An das Kennenlernen in der Berufsschule. An das erste Date, bei dem Thomas ihr Blumen mitgebracht hatte. An die Geburten der Kinder. An die vielen Abende, an denen er angeblich später aus dem Büro kam.
Wann war es schiefgegangen? Vor etwa zwei Jahren hatte sie deutlich gespürt, dass er kälter wurde. Abwesender. Sie hatte gedacht, es sei eine Midlife-Crisis.
Dabei hatte er einfach jemanden gefunden, der jünger war.
Am Morgen rief sie Laura an.
„Mama, was ist passiert? Papa hat angerufen. Er sucht dich.“
„Sag deinem Vater, ich bin bei Tante Karin. Und dass ich nachdenken muss.“
„Worüber denn?“
„Das erkläre ich dir später, mein Schatz.“
Thomas rief den ganzen Tag an. Sabine ging nicht ran. Am Abend stand er vor Karins Tür.
„Ist Sabine da?“, fragte er.
„Sie ist da“, sagte Sabine und trat in den Flur. „Was willst du?“
„Reden. Vernünftig.“
„Dann rede.“
„Sabine, ich habe mit Nadine Schluss gemacht. Endgültig. Ich werde sie nicht wiedersehen.“
„Natürlich. Bis zur nächsten Nadine.“
„Es wird keine nächste geben! Ich schwöre es.“
Sabine sah ihn an. Müdes Gesicht, zerknittertes Hemd, rote Augen. Vielleicht meinte er es in diesem Moment sogar ehrlich.
„Thomas, ich habe nachgedacht“, sagte sie ruhig. „Ich bin fünfundfünfzig. Vielleicht sollte ich auch einmal anfangen, für mich zu leben.“
„Was heißt das? Für dich?“
„Das heißt, ich suche mir Arbeit. Ich sehe mir die Welt an. Ich überlege, was ich will. Nicht immer nur, was du brauchst.“
„Sabine, wir sind doch eine Familie.“
„Familie?“ Sie lächelte traurig. „Familie ist, wenn zwei Menschen füreinander da sind. Nicht, wenn einer lebt, wie es ihm passt, und der andere hinter ihm aufräumt.“
„Ich ändere mich.“

„Weißt du was? Wir leben erst einmal getrennt. Dann denken wir beide nach.“
„Ist das die Scheidung?“
„Es ist eine Pause. Wenn du begreifst, dass du mich nicht nur als Köchin und Waschfrau brauchst, dann kannst du kommen. Wenn nicht…“ Sabine hob die Schultern. „Dann war es eben nicht mehr unser Weg.“
Thomas stand still da. Dann nickte er langsam.
„Gut. Aber ich werde um dich kämpfen.“
„Das werden wir sehen.“
Er ging. Karin nahm Sabine in die Arme.
„Du hast richtig entschieden.“

„Ich habe Angst, Karin.“
„Natürlich hast du Angst. Aber wenigstens ist es ehrlich.“
Sabine trat ans Fenster. Draußen nieselte es. Ein neues Leben begann. Mit fünfundfünfzig. Lächerlich, dachte sie. Und vielleicht doch besser als alles, was sie bisher für normal gehalten hatte.
Morgen würde sie nach Arbeit suchen. Danach würde sie zu ihrer Mutter fahren und endlich richtig mit ihr sprechen. Nicht nur über Tabletten, Suppe und Wetter. Über sich.
Und dann würde sich zeigen, wie es weiterging. Vielleicht kam Thomas wirklich zur Besinnung. Vielleicht merkte Sabine aber auch, dass sie ohne ihn atmen konnte.
Wichtig war nur, dass sie lernte, nicht mehr ausschließlich für andere zu leben. Sondern auch für sich selbst.
Der Regen klopfte leise gegen die Scheibe. Sabine lächelte. Zum ersten Mal seit vierundzwanzig Stunden.