Die Nachbarin fragte mich vor dem Haus, ob am Nachmittag meine Schwester bei mir gewesen sei — nur hatte ich nie eine Schwester gehabt

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Die Nachbarin fragte mich vor dem Haus, ob am Nachmittag meine Schwester bei mir gewesen sei — nur hatte ich nie eine Schwester gehabt

Frau Krüger hielt mich direkt vor der Haustür auf, in dem Moment, als ich den Schlüssel schon an das Lesefeld der Gegensprechanlage hielt.

— Katrin, warte mal… Sag, war das heute Nachmittag deine Schwester, die zu dir kam?

Ich drehte mich nicht einmal sofort um. Nach der Arbeit war ich meistens in diesem stumpfen Zustand, in dem der Kopf rauscht, beide Hände mit Einkaufstüten voll sind und die Gedanken wild durcheinanderspringen: Abendessen, Überweisungen, Reinigung, wieder höhere Nebenkosten, obwohl niemand erklären konnte, wofür. Zuerst begriff ich gar nicht, dass sie wirklich mit mir sprach.

— Welche Schwester denn?

Frau Hilde Krüger, schmal, wachsam, wie immer in ihrer Strickjacke, sah mich mit diesem Ausdruck an, in dem Sorge und Neugier genau gleich viel Platz hatten.

— Na, eine Frau war bei euch. Ich habe sie vom Fenster aus gesehen. Sie sah dir sehr ähnlich. Ich dachte noch: Sachen gibt’s, manche Geschwister kann man kaum auseinanderhalten. Also doch nicht deine Schwester?

Ich lachte kurz auf, obwohl mir nicht nach Lachen war.

— Ich habe keine Schwester.

Sie blinzelte überrascht.

— Wie, du hast keine?

— Ganz einfach. Ich bin Einzelkind.

Frau Krüger rückte verlegen die Schüssel in ihrer Einkaufstasche zurecht, aber so richtig zurückziehen wollte sie sich offenbar nicht.

— Dann habe ich mich wohl versehen. Trotzdem merkwürdig. Die Frau ist in euren Stock hoch. Und dann hat sie eure Tür so sicher geöffnet, als wäre sie hier längst zu Hause.

Ausgerechnet dieser letzte Satz blieb mir irgendwo unter den Rippen hängen.

Nicht, weil ich in derselben Sekunde alles begriff. Nein. Eine normale Frau verdächtigt ihren Mann nicht wegen eines Satzes der Nachbarin sofort des Betrugs. Zuerst sucht man nach vernünftigen Erklärungen: verwechselt, schlecht gesehen, falscher Stock, nur ein Eindruck. Aber es gibt Sätze, an die man sich später Wort für Wort erinnert. Und erst danach versteht man: Man war bereits gewarnt worden, man wusste nur noch nicht, wovor.

Ich nickte, verabschiedete mich und ging ins Haus.

In den sechsten Stock lief ich zu Fuß, der Aufzug war wie so oft außer Betrieb. Unterwegs machte ich mich innerlich sogar über mich selbst lustig. Eine Schwester. Eine fremde Frau. Wirklich jetzt? Markus und ich lebten doch nicht in einer Serie. Wir hatten ein ganz gewöhnliches Leben. Arbeit, Wohnungskredit, teure Lebensmittel, einen Kater, der morgens um fünf brüllte, meinen dauernden Schlafmangel und seine endlosen Geschichten über das Lager, Kunden und Staus.

Markus war keiner von den Männern, bei denen Freundinnen sagen: „Auf den musst du aufpassen.“ Zweiundvierzig, ein kleiner Bauch, zwei ordentliche Hemden für besondere Anlässe, eine gute Jacke, ein müder Blick. Ein normaler Mann. Kein Schönling, kein Verführer, kein Romantiker. Einer, den man eher bemitleiden würde, als dass man ihn jemandem wegnehmen wollte.

Und doch blieb ich vor unserer Wohnungstür stehen.

Ich zog den Schlüssel heraus, hielt ihn ein paar Sekunden zwischen den Fingern und lauschte in die Stille dahinter. Dann schloss ich auf.

Die Wohnung empfing mich mit vertrauten Gerüchen: Waschpulver, Katzenstreu, etwas Gebratenes — wahrscheinlich hatte Markus die Frikadellen vom Vortag warm gemacht. Der Kater kam sofort aus dem Wohnzimmer herüber, rieb sich an meinem Bein und miaute träge. Alles sah aus wie immer. Fast zu sehr wie immer.

Ich zog die Schuhe aus, ging in die Küche, stellte die Tüten auf den Tisch und sah sofort die zwei Tassen in der Spüle.

An sich war daran nichts Besonderes. Bei uns konnten auch drei oder vier Tassen in der Spüle stehen. Aber diesmal blieb mein Blick ausgerechnet an ihnen hängen.

Meine weiße Tasse, mit dem kleinen Sprung am Henkel. Und die graue, aus der Markus meistens trank.

Daneben lag auf der Arbeitsplatte eine Papierserviette mit einem kräftigen korallfarbenen Lippenstiftabdruck.

Ich benutze keinen korallfarbenen Lippenstift.

In den letzten Jahren schminkte ich mich überhaupt kaum noch. Fürs Büro etwas Wimperntusche, manchmal die Augenbrauen. Mehr nicht. Erst, weil ich morgens zu müde war, dann, weil ich dachte: Wozu eigentlich? Und schließlich war es Gewohnheit geworden. Aber Korallrot hatte ich nie besessen. Diese Farbe stand mir nicht. Damit sah ich sofort aus wie eine Verkäuferin an einem Obststand an der Bundesstraße.

Ich stand so lange vor dieser Serviette, dass ich vergaß, die Einkäufe auszuräumen.

— Katrin? — rief Markus aus dem Wohnzimmer. — Bist du da?

— Ja.

Ich legte die Serviette rasch wieder hin, ohne selbst zu begreifen, warum. Als hätte ich jemanden beim Stehlen erwischt und beschlossen, vorerst so zu tun, als hätte ich nichts gesehen.

Er kam in Hausschorts und T-Shirt in die Küche, küsste mich auf die Wange und schaute in eine der Tüten.

— Oh, du hast Kirschen mitgebracht.

Wäre er nervös gewesen, hätte er herumgewuselt oder zu bemüht Normalität gespielt, dann wäre es vielleicht leichter gewesen. Aber er war ruhig. Wirklich ruhig. So ruhig sind entweder Unschuldige — oder Menschen, die schon so lange lügen, dass sie sich daran gewöhnt haben.

— War heute jemand bei dir? — fragte ich und zog den Haargummi aus meinen Haaren.

— Bei mir? — Er öffnete den Kühlschrank. — Nur der Paketbote. Wieso?

— Die Nachbarin meinte, sie hätte eine Frau gesehen. Sie dachte, es sei meine Schwester.

Er grinste, ohne sich umzudrehen.

— Vielleicht war es das Finanzamt.

Dann griff er nach der Dose mit den Frikadellen.

Ich sah auf seinen Rücken, auf die vertraute kahle Stelle am Hinterkopf, auf die Naht an der Schulter seines T-Shirts, die ich erst vor Kurzem selbst geflickt hatte, und verstand nicht, warum mir plötzlich so kalt wurde.

— Sehr witzig, sagte ich.

— Ja, nicht? — gab er zurück.

Und das war alles.

Keine Pause. Keine Nachfrage. Nicht die kleinste Spur von Interesse. Als hätte ich gesagt, dass im Treppenhaus schon wieder die Glühbirne kaputt sei.

Im Bad bemerkte ich beim Händewaschen, dass mein Handtuch schief hing, als hätte es jemand hastig zurückgehängt. Auf der Glasablage neben den Zahnbürsten lag ein langes, helles Haar.

Ich bin dunkelhaarig und färbe in Kastanienbraun.

Blonde Haare hatte meine Mutter, aber sie war tagsüber nicht bei uns gewesen und wühlte auch nicht in unserem Bad herum.

Ich hielt das Haar unter die Lampe. Lang, fein, fast golden.

— Bist du im Bad eingeschlafen? — fragte Markus hinter der Tür.

— Nein, nichts, antwortete ich und spülte das Haar in den Abfluss.

Beim Abendessen aß ich fast nichts. Markus erzählte vom neuen Lieferanten, der eine Frist versemmelt hatte, von seinem idiotischen Chef, von einem Fahrer, der wieder Unterlagen durcheinandergebracht hatte. Ich nickte an den richtigen Stellen und dachte nur an eins: Wenn am Nachmittag eine Frau in unserer Wohnung gewesen war, dann hatte sie hier gesessen. In dieser Küche.

Sie konnte mit dem Ellbogen auf diesem Tisch gelehnt haben, aus diesem Fenster gesehen haben, vielleicht sogar über seine Lagergeschichten gelacht haben, die ich schon tausendmal gehört hatte.

Und das Widerlichste war nicht einmal das. Das Schlimmste war, wie schnell meine Fantasie die Lücken füllte. Ihre Tasse. Ihre Haare. Ihr Lippenstift. Ihr Geruch. Ihre Hände auf meiner Arbeitsplatte. Ihr Gesicht in meinem Spiegel.

In dieser Nacht schloss ich kaum ein Auge.

Markus lag neben mir und atmete gleichmäßig, schwer, vertraut. Vor dreizehn Jahren hatte mich dieses Geräusch besser beruhigt als jedes Beruhigungsmittel.

Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und ging die letzten Monate durch. Genauer gesagt: Mein Kopf tat es von selbst. Er warf mir Einzelheiten hin und suchte nach Zusammenhängen. Sein spätes Nachhausekommen. Ein neues Parfum — teuer, ganz anders als das, was er sonst kaufte. Ein Hemd, das ich vorher nie an ihm gesehen hatte. Seine Gereiztheit, als ich einmal nur sein Handy nahm, um auf die Uhr zu schauen, und er scharf sagte: „Katrin, lass das Herumstöbern.“

Damals hatte mich gerade dieses Wort getroffen. Nicht „fass es nicht an“, nicht „da ist Arbeit drauf“, sondern „Herumstöbern“. Als wäre ich schon etwas Peinliches. Eine Kontrollierende. Eine Misstrauische. Genau diese nervöse Ehefrau, vor der Männer angeblich ständig etwas verbergen müssen.

Ich hatte nie sein Handy kontrolliert. Nie seine Taschen durchsucht. Nie nach Quittungen gesucht. Mir war immer vorgekommen: Wenn man schon so weit ist, ist ohnehin alles vorbei, man verlängert nur noch sinnlos das Sterben.

Am nächsten Morgen ging er früher als ich. Er küsste mich an die Schläfe, bat mich, die Internetrechnung nicht zu vergessen, und sagte, er werde abends länger bleiben — Inventur im Lager.

Im Büro saß ich bis zur Mittagspause wie unter Wasser. In einer E-Mail vertauschte ich das Datum, in den Kaffee kippte ich Salz statt Zucker. Irgendwann merkte ich, dass ich seit zehn Minuten auf dieselbe Tabellenzelle starrte und an den korallfarbenen Abdruck auf der Serviette dachte.

Um eins hielt ich es nicht mehr aus und rief zu Hause auf dem Festnetz an. Wir nutzten den Anschluss fast nie, aber abgemeldet hatten wir ihn nicht, weil seine Mutter aus Gewohnheit dort anrief.

Niemand ging ran.

Zehn Minuten später wählte ich wieder.

Besetzt.

Natürlich konnte das nichts bedeuten. Überhaupt nichts. Aber in mir war schon etwas geschehen, das sich später nicht mehr rückgängig machen ließ: Der Verdacht hatte eine Bestätigung bekommen, wenn auch nur eine winzige.

Ich hielt bis vier Uhr durch und ging dann, mit der Lüge, ich hätte starke Kopfschmerzen. Ich setzte mich in das Café gegenüber von unserem Haus, so, dass ich den Eingang sehen konnte. Zuerst schämte ich mich. Dann ekelte ich mich vor mir selbst. Und dann war es mir egal.

Ich saß am Fenster, tat so, als würde ich auf mein Handy schauen, und fühlte mich wie die größte Idiotin der Stadt. Fast vierzig Jahre alt. Eine erwachsene Frau, Buchhalterin, zahle den Wohnungskredit, plane Urlaube nach Sonderangeboten, kaufe meiner Mutter Tabletten in der Apotheke. Und jetzt sitze ich hier und überwache meinen eigenen Hauseingang wie die Heldin eines billigen Fernsehfilms.

Um 16:38 Uhr kam eine Frau in einem hellen Mantel auf das Haus zu.

Ich erkannte sie sofort.

Mittlere Größe. Blondes Haar, im Nacken zu einem tiefen Zopf gebunden. Heller Mantel, gute Tasche, gerader Rücken. Und diese allgemeine, unangenehme Ähnlichkeit. Nicht genau, nein. Aber der Typ. Aus der Entfernung hätte man uns tatsächlich für Verwandte halten können.

Sie blieb vor der Tür stehen, schaute auf ihr Handy, steckte es in die Tasche und ging hinein. Jemand öffnete ihr offenbar die Tür über die Anlage.

Ich blieb noch ungefähr dreißig Sekunden reglos sitzen. Dann stand ich so ruckartig auf, dass der Löffel auf den Boden fiel, legte Geld auf den Tisch und ging zum Haus.

Im Aufzug wurde mir heiß. Im sechsten Stock lief ich fast bis zur Wohnungstür.

Aus unserer Wohnung drang Frauenlachen. Ein gewöhnliches Lachen. Das Lachen einer Frau, die sich sicher fühlt.

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und brachte ihn für eine Sekunde nicht herum. Meine Finger waren wie taub. Ich stand vor meiner eigenen Tür und hatte Angst, in meine eigene Wohnung zu gehen.

Dann öffnete ich doch.

Im Flur standen beige Pumps. Ruhige, klassische, teure Schuhe. Keine neuen, nicht solche, die man für ein heimliches Treffen anzieht, sondern solche, in denen man selbstbewusst und selbstverständlich kommt.

Auf der Kommode neben meinen Schlüsseln lag eine Sonnenbrille mit dünnem goldfarbenem Gestell.

Als ich die Küche betrat, verstummten beide.

Markus stand am Fenster. Sie saß am Tisch, und vor ihr stand tatsächlich meine weiße Tasse mit dem angeschlagenen Henkel.

Zuerst sah ich nicht einmal zu ihnen, sondern nur auf diese Tasse. Vielleicht kann der Kopf nicht alles auf einmal annehmen und klammert sich deshalb an einen Gegenstand.

Dann hob ich den Blick.

Die Frau stand auf.

— Guten Abend, sagte sie.

Und wegen dieses höflichen „Guten Abend“ wollte ich sie schlagen. Für ihre Ruhe, ihre Fassung, diese beinahe geschäftliche Korrektheit. Genau das war das Unerträglichste. Als sei sie nicht zu meinem Mann gekommen, sondern um die nächste Eigentümerversammlung zu besprechen.

— Wer ist das? — fragte ich und sah nur Markus an.

Er wurde so blass, dass die Sommersprossen auf seiner Nase deutlicher hervortraten.

— Katrin, hör mir zu…

— Wer ist das?

Die Frau sah von ihm zu mir.

— Ich denke, ich sollte besser gehen.

Ihre Stimme war weich, angenehm, geübt. Bei solchen Frauen klingt sogar Niedertracht wie ein vernünftiger Vorschlag.

— Nein, sagte ich. — Wenn Sie hier so sicher hereingekommen sind, können Sie auch noch sitzen bleiben.

Markus machte einen Schritt auf mich zu.

— Katrin, bitte, mach keine Szene.

Da klickte etwas in mir ein.

Genau in dem Moment, in dem er mich bat, in meinem eigenen Zuhause keine Szene zu machen.

— Keine Szene? — wiederholte ich sehr leise. — In meiner Küche sitzt eine fremde Frau, die Nachbarin hält sie für meine Schwester, und du bittest mich, keine Szene zu machen?

Die Frau nahm ihre Tasche.

— Ich gehe wirklich besser.

— Wie heißen Sie? — fragte ich.

Sie zögerte nur eine Sekunde.

— Sabine.

— Natürlich, Sabine, sagte ich. — Passt zu Ihnen.

Markus verzog das Gesicht.

— Katrin, hör auf.

— Womit denn? Du wolltest doch, dass wir ruhig bleiben. Dann reden wir ruhig. Wie oft war sie hier?

Er schwieg.

Ich sah sie an.

— Wie oft?

Sie senkte den Blick. Und diese kleine Bewegung sagte mir mehr als jedes Geständnis. So sehen Menschen nicht weg, die versehentlich einmal irgendwo gelandet sind. So sehen Menschen weg, die sich schon zu viel erlaubt haben und nun nicht wissen, wie sie wieder anständig wirken sollen.

— Lass es, sagte Markus.

— Was soll ich lassen? Die Wahrheit?

Ich ging zur Spüle, nahm die Serviette vom Vortag mit dem Lippenstiftabdruck und warf sie auf den Tisch.

— Gehört die Ihnen?

Sabine presste die Lippen zusammen.

— Ich muss Ihnen gar nichts…

— Doch. Wenn Sie in meiner Küche Tee trinken, müssen Sie.

Ich öffnete die Badezimmertür.

— Und Ihre Haare habe ich gestern aus meinem Waschbecken gespült. Das Handtuch hängen Sie übrigens auch schief auf.

Markus atmete scharf aus.

— Katrin!

— Was „Katrin“? Willst du behaupten, das stimmt nicht?

Sie stand mir gegenüber — ordentlich, gefasst, schön auf diese richtige, gepflegte Weise, für die mir seit Langem weder Geld noch Kraft noch inneres Recht geblieben waren. Maniküre, schmaler Ring, ein leichter teurer Duft. Sogar ihre Tasche war genau so eine, wie ich sie mir seit Monaten ansehen wollte, aber immer verschob: später, wenn einmal Geld übrig ist.

Und das Schmerzhafteste war: Frau Krüger hatte sich nicht wirklich geirrt. Diese Frau erinnerte an mich. Nicht im Gesicht, nicht wörtlich. Aber im Typ, in der Figur, in der Art, den Kopf zu halten. Sogar ungefähr im Alter, nur wie eine verbesserte Ausgabe. Eine, die ich hätte sein können, wenn ich acht Stunden schliefe, nicht an mir sparte und nicht seit Jahren dieselben Jeans trüge.

Mir wurde fast übel von dieser Ähnlichkeit.

— Sie sieht mir ähnlich, sagte ich und sah meinen Mann an.

Er zuckte zusammen.

— Katrin, das spielt jetzt keine Rolle.

— Doch, das spielt eine große Rolle. Deshalb dachte Frau Krüger, es sei meine Schwester. Hast du sie dir deshalb ausgesucht?

— Es reicht.

— Nein, es reicht nicht. Antworte. Hast du nach einer zweiten Version von mir gesucht? Nur jünger? Schlanker? Bequemer?

Sabine hob das Kinn.

— Das ist jetzt erniedrigend.

Ich sah sie an.

— Erniedrigend ist, wenn eine fremde Frau in meiner Küche sitzt und über Erniedrigung redet. Nein, nicht nur erniedrigend. Gemein.

Markus sagte plötzlich dumpf:

— Ja. Sie kommt schon länger hierher.

Im ersten Moment verstand ich gar nicht, was ich gehört hatte.

— Was?

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

— Seit ein paar Monaten.

— Wie vielen genau?

— Seit Januar.

Es war Juni.

Ein halbes Jahr.

Ein halbes Jahr lang war eine fremde Frau in mein Zuhause gekommen.

Ein halbes Jahr lang wusste jemand anderes, wie das Parkett im Flur knarrt, wo die Löffel liegen, welche Herdplatte den Wasserkocher am schnellsten heiß macht, aus welcher Tasse ich morgens manchmal meinen Kaffee halb ausgetrunken stehen lasse.

Plötzlich lachte ich. Laut, hässlich, nervös. So lachen Menschen, denen im Inneren nichts mehr bleibt, womit sie ihr Gesicht festhalten können.

— Seit Januar? Wir haben also zusammen Silvester gefeiert, im Februar hast du mir diese Küchenmaschine geschenkt, im März sind wir zu deiner Mutter gefahren, im April haben wir darüber gestritten, ob der Balkon gestrichen werden muss, und seit Januar hattest du schon sie? Und du hast sie hierhergebracht?

— Nicht immer hierher, sagte er hastig.

Ich sah ihn so an, dass er verstummte.

— Gott, wie rücksichtsvoll.

Sabine umklammerte den Riemen ihrer Tasche.

— Er hat gesagt, bei euch sei schon lange alles kaputt.

Das war die zweite Ohrfeige an diesem Abend.

Nicht, weil ich von ihr Gewissen erwartet hätte. Sondern weil es genau so immer funktioniert. Für eine Geliebte ist die Ehefrau fast nie ein Mensch. Die Ehefrau ist ein Umstand. Ein Hintergrund. Eine zu lange bestehende Formalität. Eine Frau, mit der „alles längst vorbei“ ist, die aber aus irgendeinem Grund weiter Suppe kocht und die Internetrechnung bezahlt.

Ich sah Markus an.

— Bei uns ist also schon lange alles kaputt?

Er schwieg.

— Interessant. Ich wusste nichts davon.

— Katrin, es ist kompliziert.

— Nein. Es ist erstaunlich einfach. Du hast mit mir geschlafen und mit ihr. Das ist die ganze Kompliziertheit.

Sabine richtete sich plötzlich auf, als wollte sie wenigstens jetzt ihre Würde retten.

— Ich möchte an diesem Gespräch nicht teilnehmen.

— Sie nehmen längst daran teil, sagte ich. — Seit Monaten. Sogar Ihre Schuhe stellen Sie an meiner Tür ordentlich ab, fast wie die Hausherrin.

Da hob Markus scharf die Stimme:

— Schluss jetzt! Beide.

Wir verstummten. Selbst der Kater, der bis dahin im Kücheneingang gesessen hatte, schoss ins Wohnzimmer.

Markus atmete schwer und starrte auf die Tischplatte.

— Ja, ich habe eine Beziehung mit Sabine. Ja, schon länger. Ja, sie war hier. Und was jetzt?

Ich konnte kaum glauben, dass er es wirklich so sagte.

— Und was jetzt?

— Was willst du denn? Einen Skandal? Teller zerschlagen? Dass die Nachbarn alles hören?

Ich sah ihn an und spürte beinahe körperlich, wie in mir das letzte Stück abstarb, das ihn noch mit dem Mann verband, den ich einmal geheiratet hatte.

— Du fragst ernsthaft, was ich davon habe, zu erfahren, dass mein Mann ein halbes Jahr lang seine Geliebte in unsere Wohnung bringt?

— Ich wollte dir nicht wehtun, sagte er.

Sabine fügte leise hinzu:

— Wirklich nicht.

Ich drehte mich so langsam zu ihr, dass sie selbst erschrak.

— Finden Sie nicht, dass in diesem Satz von Ihnen etwas zu viel enthalten ist?

Sie wurde blass, antwortete aber trotzdem:

— Ich wollte nur…

— Nein. Sie wollten nicht „nur“. Seit einem halben Jahr wollen Sie nicht nur. Sie sind eine fremde Frau in meiner Wohnung. Und wenn wir schon ehrlich sein wollen, erzählen Sie mir nicht, Sie hätten niemandem wehtun wollen. Menschen, die niemandem wehtun wollen, schlafen nicht mit verheirateten Männern.

Sie sah Markus an. Nicht mich. Ihn.

Und in diesem Moment verstand ich es endgültig.

Sie war hier nicht mehr zufällig. Sie hatte sich bereits daran gewöhnt, sich nach ihm zu richten, auf seine Entscheidung zu warten. Zu glauben, der wichtigste Mensch in diesem Raum sei er.

Und ich war plötzlich die Überflüssige in meiner eigenen Küche.

— Gehen Sie, sagte ich.

— Katrin… — begann Markus.

— Nein. Jetzt rede ich. Gehen Sie. Beide.

— Das ist auch meine Wohnung.

— Noch. Aber heute verlasst ihr beide sie.

Er runzelte die Stirn.

— Übertreib nicht.

Ich lachte sogar über diese Dreistigkeit.

— Ich übertreibe? Du bringst ein halbes Jahr lang deine Geliebte in mein Zuhause, und ich übertreibe?

Sabine zog endlich ihren Mantel an.

— Markus, ich fahre.

Er zuckte, als wollte er sie aufhalten, und mir wurde schwarz vor Augen.

Er wollte sie aufhalten. Sie. In meinem Zuhause.

Sie ging in den Flur. Ich hörte, wie sie ihre Schuhe anzog. Ruhig, leise. Wie ein Gast, der sich nur etwas ungeschickt verspätet hat. Eine Sekunde später fiel die Tür ins Schloss.

Wir blieben zu zweit zurück.

Und erst da wurde es wirklich furchtbar. Denn eine fremde Frau zu hassen ist einfacher. Sie ist ein Eindringen.

Neben mir in der Küche blieb mein Mann stehen. Der Mensch, mit dem ich fünfzehn Jahre gelebt hatte. Der wusste, wie sehr ich Nachtfahrten fürchte, wie ich rohe Zwiebeln hasse, wie ich bei alten Liedern weine, wie ich mit Fieber aussehe.

Der mich nach der Fehlgeburt gesehen hatte, nach dem Tod meines Vaters, nach der Operation, nach Krediten, Streits und schlaflosen Nächten. Und genau dieser Mensch hatte ein halbes Jahr lang eine fremde Frau dorthin gebracht, wo meine Hausschuhe standen.

Ich setzte mich und legte die Hände vors Gesicht.

— Katrin…

— Nenn mich nicht so.

— Ich wollte nicht, dass du es auf diese Art erfährst.

— Auf welche dann? Mit einer Karte? Per Nachricht? Oder hast du gewartet, bis sie mir eines Tages selbst die Tür aufmacht?

Sein Kiefer spannte sich an.

— Es ist alles zu weit gegangen.

— Und wie fing es an? Zufällig? Ist sie dir unterwegs zum Lager in die Arme gefallen?

— Hör auf.

— Du sagst mir nicht, womit ich aufzuhören habe. Hast du dich nach ihr noch zu mir ins Bett gelegt?

Er sah weg.

Das reichte.

Mir stieg Übelkeit bis in den Hals.

— Raus.

— Lass uns erst runterkommen und reden.

— Zu spät. Vor einem halben Jahr hättest du reden müssen. Raus!

Auch er stand auf.

— Ich habe jetzt nirgendwohin.

Ich starrte ihn an und fand für einen Moment keine Worte.

— Zu niemandem? — fragte ich. — Seltsam. Ich dachte, gerade du hättest jemanden.

Er verzog das Gesicht.

— Verdreh nicht alles.

— Ich verdrehe? Du führst ein zweites Leben hinter meinem Rücken, und jetzt soll ich nicht verdrehen?

Er atmete schwer aus und sagte mit dumpfer Müdigkeit:

— Ich wollte das nicht so…

Und in genau diesem Moment begriff ich, warum Frauen manchmal Teller nach ihren Männern werfen. Nicht, weil sie hysterisch sind. Sondern weil irgendwann ein Mensch vor ihnen steht, der alles zerstört hat und von sich spricht, als sei er versehentlich falsch abgebogen.

— Nein, sagte ich. — Du wolltest es sehr wohl. Menschen verirren sich in Gefühlen. Du hast dir alles bequem eingerichtet: Ehefrau am Abend, Geliebte am Nachmittag. Die eine wäscht deine Socken, die andere hinterlässt Koralllippenstift auf Servietten. Sehr praktisch.

Er setzte sich wieder, als hätte ich ihn geschlagen.

— Du sagst furchtbare Dinge.

— Furchtbare Dinge hast du getan.

Ich ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Ich zitterte. Ich wollte den Spiegel zerschlagen, etwas kaputtmachen, alle seine Hemden zerreißen. Stattdessen öffnete ich den Kleiderschrank — nur um eine Tasche herauszunehmen — und sah oben in der Ecke eine Tüte aus einem Wäschegeschäft.

Neu. Sauber. Nicht von mir.

Ich zog sie heraus. Darin lag ein Spitzen-Set in hellem Beige. Ganz eindeutig nicht meine Größe. Schön, teuer. Sicher nicht für eine Ehefrau gekauft, mit der „alles schon lange kaputt“ war.

Meine Hände wurden eiskalt.

Als ich in die Küche zurückkam, saß Markus am Tisch mit einem Gesicht, als hätte ich ihn bei etwas Unangenehmem erwischt.

Ich warf die Tüte wortlos vor ihn hin.

Er wurde bleich.

— Was ist das?

Er antwortete nicht.

— Für sie? — fragte ich. — Hat sie sich hier umgezogen? In unserem Schlafzimmer?

— Katrin…

— Antworte!

— Ich habe es vor einer Weile gekauft. Ich wollte es ihr geben.

— Und du versteckst es in unserem Schrank? Zwischen meinen Sachen? Dort, wo wir schlafen?

In meinem Kopf machte es klick. Ich griff nach der grauen Tasse auf dem Tisch und schleuderte sie gegen die Wand. Sie zersprang in Stücke. Der Kater jaulte im Wohnzimmer auf. Markus sprang hoch.

— Bist du verrückt geworden?

— Ja, sagte ich. — Sieht ganz so aus. Endlich.

Er machte eine Bewegung auf mich zu, als wolle er die Tüte nehmen, doch ich wich zurück.

— Fass mich nicht an.

— Beruhige dich.

— Beruhig sie. Vielleicht mag sie diesen ruhigen Ton. Sie scheint sich hier ja schon an vieles gewöhnt zu haben.

Er setzte sich wieder und starrte auf den Boden.

Ich nahm mein Handy und rief Anja an, meine Freundin.

— Anja, kann ich zu dir kommen? — fragte ich so ruhig, dass ich mich selbst erschreckte.

Sie begriff sofort, dass etwas passiert war.

— Natürlich. Wo bist du?

— Noch zu Hause.

Ich legte auf und wandte mich wieder zu Markus.

— Du hast eine Stunde. Entweder du gehst freiwillig, oder ich rufe deinen Bruder an, und er holt dich samt Sachen ab. Mir ist es egal.

— Das ist auch mein Zuhause.

— War es.

— So lösen wir gar nichts.

— Was gibt es zu lösen? Sie war hier. Du hast mit ihr geschlafen. Du hast gelogen. Es ist gelöst.

Er sah mich plötzlich fast gereizt an.

— Du hattest doch auch schon lange etwas an mir auszusetzen.

— Etwas auszusetzen? — Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. — Du versuchst jetzt, das als Beziehungskrise darzustellen? Als wären wir beide irgendwie zusammen an diesem Punkt angekommen?

Er schwieg.

— Nein, Markus. Nicht „wir“. Du allein hast eine fremde Frau in mein Zuhause gebracht.

Ich ging in den Flur, holte vom Schrank seinen alten Koffer und stellte ihn auf den Boden.

Ich packte schweigend. Warf alles auf einen Haufen: Hemden, Jeans, Socken, Rasierer. Zuerst versuchte er, mich aufzuhalten, dann lief er mir durch die Wohnung hinterher, dann setzte er sich einfach auf die Sofakante und sah zu.

Beim dritten Hemd bemerkte ich den Geruch eines fremden Parfums. Kaum wahrnehmbar. Süßlich, kühl. Und da begriff ich noch etwas: Es war nicht der erste zufällige Fund gewesen.

Nur hatte ich früher immer eine Erklärung gefunden.

Fremder Duft — Geschäft, Büro, U-Bahn.

Helles Haar — Arbeit, Kolleginnen, öffentliche Verkehrsmittel.

Unbekannter Kassenbon — falsche Tasche.

Verspätung — Inventur.

Verschlossenes Handy — berufliche Nachrichten.

Eine Frau sieht die Wahrheit manchmal nicht so lange nicht, weil sie dumm ist. Sondern weil die Wahrheit zu teuer ist. Wenn man sie anerkennt, muss man das ganze Leben verändern.

Als der Koffer fast voll war, klingelte es.

Wir erstarrten beide.

Ich öffnete.

Vor der Tür stand Frau Krüger mit einem Teller Apfeltaschen unter einem Geschirrtuch.

Sie sah mein verweintes Gesicht, Markus im Flur, den Koffer zu seinen Füßen — und verstand alles sofort.

— Ach, sagte sie leise.

Ich nahm den Teller.

— Danke. Kommt genau richtig.

Sie zögerte, senkte dann die Stimme.

— Katrinchen… verzeih mir. Ich habe dich gestern gefragt und dann den ganzen Abend keine Ruhe gefunden. Ich dachte wirklich, du wüsstest es.

Das war es.

Die letzte Nadel traf genau in diesem Moment.

Nicht, als ich die Geliebte sah. Nicht, als er gestand. Sondern als die Nachbarin diesen Satz sagte.

Ich dachte, du wüsstest es.

Also war es für andere schon fast eine geordnete Wirklichkeit. Natürlich, was sonst: Ich wusste eben, dass die Geliebte meines Mannes in mein Zuhause kam, während ich arbeitete.

Ich nickte langsam.

— Jetzt weiß ich es.

Markus nahm den Koffer und ging zum Aufzug, ohne den Blick zu heben. Frau Krüger drückte sich an die Wand, um ihn vorbeizulassen. Er verabschiedete sich nicht einmal von ihr. Erst als die Aufzugtüren sich geschlossen hatten, fragte die Nachbarin leise:

— War sie schon lange bei euch?

Ich sah sie an.

— Offenbar öfter als ich selbst.

Frau Krüger wurde rot.

— Ehrlich gesagt… ich habe im ersten Moment nicht verstanden, wer von euch die Ehefrau ist.

Und da fing ich an zu weinen.

Ich habe nicht verstanden, wer von euch die Ehefrau ist.

Das bedeutete, dass die ganze Zeit eine Frau durch mein Zuhause gegangen war, die mir ähnlich genug sah, dass Außenstehende nicht mehr wussten, wem dieses Leben eigentlich gehörte.

Und ich, die Besitzerin dieses Lebens, war die Letzte gewesen, die es bemerkte.

In der Nacht saß ich allein in der Küche. Vor mir standen die Apfeltaschen, die ich nicht angerührt hatte. Der Kater strich um meine Beine und schaute verwirrt Richtung Flur, als verstünde er nicht, wohin einer seiner Menschen verschwunden war.

Ich sah mich langsam in der Küche um. Die Zuckerdose stand nicht dort, wo sie sonst stand.

Am Kühlschrank hing ein Magnet von einem Café, in dem Markus und ich nie gewesen waren.

Über der Stuhllehne lag die Decke, die ich sonst immer ins Wohnzimmer brachte — also hatte hier jemand lange gesessen, fast häuslich.

Die Spuren waren überall.

Nicht auffällig. Klein. Gerade deshalb hatte ich sie nicht gesehen. Die fremde Frau war nicht wie eine Einbrecherin in mein Haus gekommen, sondern wie eine zweite Version von mir.

Ich zog den Kissenbezug ab, riss das Handtuch herunter, warf die Servietten weg. Ihre Kleinigkeiten sammelte ich in eine Tüte. Unter dem Bett fand ich noch eine Haarnadel. In den Müll. Die zwei Tassen — ebenfalls.

Dann war ich erschöpft und setzte mich im Flur einfach auf den Boden.

Das Handy lag neben mir. Auf dem Display blinkte eine Nachricht von Markus:

„Lass uns reden, wenn du dich beruhigt hast.“

Ich starrte auf diese Worte und fühlte nur eins: kalten, klaren Ekel.

Nicht „verzeih mir“.

Nicht „ich bin schuld“.

Nicht „was kann ich tun“.

Sondern „wenn du dich beruhigt hast“.

Als wäre das Problem nicht, was er getan hatte, sondern meine zu heftige Reaktion.

Ich löschte die Nachricht und blockierte seine Nummer.

Dann saß ich lange im Dunkeln, bis ich etwas begriff.

Das ganze letzte Jahr hatte ich gelebt, als wäre mein Leben nur ein Durchgangszimmer. Nicht der Hauptraum. Eher ein Flur. Ein Ort, an dem man müde ankommt, sich umzieht, schnell etwas isst und weiterläuft, um irgendjemandem zu dienen: dem Mann, der Arbeit, dem Haushalt, dem Kredit, dem Kater, Verwandten, endlosen Listen.

Ich hatte mir lange nichts Schönes mehr einfach so gekauft. Ich hatte mich lange nicht mehr mit Interesse angesehen.

Ich hatte mich lange nicht gefragt, was ich eigentlich wollte.

Und vielleicht war es genau deshalb so leicht gewesen, noch eine Frau in dieses Leben einzufügen. Eine fast ähnliche, fast gleiche. Nur frischer, leichter, bequemer.

Die Nachbarin hatte sie für meine Schwester gehalten, und mein Mann offenbar für eine verbesserte Ausgabe von mir.

Dieser Gedanke hätte mich zerstören müssen. Aber aus irgendeinem Grund tat er das nicht. Er machte mich wütend.

Am Morgen wachte ich von der Stille auf.

Markus war nicht da. Niemand rauschte im Bad herum, klapperte mit einer Tasse, suchte Socken, brummte wegen des Kaffees oder ging mit diesen Schritten durch die Wohnung, an die ich mich so sehr gewöhnt hatte, dass ich sie schon lange nicht mehr hörte.

Auf dem zweiten Kissen war keine Delle. An der Garderobe hing seine Jacke nicht. Auf dem Nachttisch lagen seine Kleinigkeiten nicht mehr.

Die Küche war sonnig und irgendwie neu. Als hätte ein Brand alles Überflüssige weggebrannt und nur leeren Raum übrig gelassen, und man versteht noch nicht, ob man trauern muss oder schon atmen darf.

Ich kochte mir Kaffee und nahm zum ersten Mal seit langer Zeit die gute Tasse aus dem Schrank. Die, die ich „für Gäste“ aufgehoben hatte. Weiß, dünn, mit blauem Muster. Lächerlich vielleicht. Aber aus irgendeinem Grund fühlte genau das sich wichtig an.

Der Kater lag ausgestreckt auf der Fensterbank. Das Handy schwieg.

Um neun Uhr klopfte es wieder an der Tür.

Für eine Sekunde rutschte mir das Herz in den Bauch. Aber es war Frau Krüger.

— Ich dachte mir, sagte sie und hielt mir eine Dose hin, — ich habe Auflauf gemacht. Du hast bestimmt nichts gegessen.

Ich nahm die Dose und lächelte unerwartet.

— Danke.

Sie trat von einem Fuß auf den anderen und sagte dann leise:

— Katrinchen, halt dich gut. Und weißt du… eine schreckliche Wahrheit ist besser als dieses ganze heimliche Elend.

Ich nickte.

Als ich die Tür schloss, fing ich mein Spiegelbild im Flurspiegel auf.

Immer noch ich. Dieselben Schatten unter den Augen. Dieselben irgendwie zusammengebundenen Haare. Dasselbe alte T-Shirt. Aber der Blick war anders.

Nicht glücklich. Nein.

Nur ohne Warten. Ohne diese leise weibliche Gewohnheit, alles glattzustreichen, auszuhalten, mit Müdigkeit zu erklären, mit Krise, mit schwierigem Charakter, mit männlicher Überforderung, mit einer komplizierten Phase.

Es tat weh. Sehr. Aber mit dem Schmerz kam noch etwas anderes. Die Erkenntnis, dass nicht nur etwas zerbrochen war.

Gestern war aus meiner Wohnung nicht einfach mein Mann gegangen.

Gestern war ein Mensch gegangen, der ein halbes Jahr lang mein Leben mit einer anderen Frau geteilt hatte und dabei glaubte, der größte Skandal sei, wenn ich die Stimme erhebe.

Ich blieb.

Und eine Schwester hatte ich tatsächlich nie.

Zum Glück hatte mein Zuhause nun auch keine zweite Ehefrau mehr.