„Den Garten verkaufen wir, die Wohnung wird geteilt!“ – Als Sabine früher in die Laube kam, sah sie, was ihr Mann und seine Mutter hinter ihrem Rücken angerichtet hatten

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— Den Garten verkaufen wir, die Wohnung wird geteilt!

— Sabinchen! Was machst du denn mitten in der Woche hier? — Hannelore Krämer rief so hell über den Zaun, dass Sabine unwillkürlich zusammenzuckte. — Deine Leute sind gestern gegen Abend hier weggefahren. Und deine Schwiegermutter Ingrid hat die halbe Kolonie zusammengeschrien, du hättest hier nichts mehr zu melden, als wärst du Luft!

Sabine blieb vor dem Tor des Kleingartenvereins stehen und umklammerte den Schlüsselbund so fest, dass die Zacken sich in ihre Handfläche drückten. Das Metall des alten, rostigen Schlosses fühlte sich kalt und feucht an, noch nass vom Tau. Am Abend zuvor hatte Markus ihr erklärt, er müsse wegen des Quartalsabschlusses länger im Büro bleiben, doch dieses klebrige, dunkle Gefühl in ihrer Brust hatte sie die ganze Nacht nicht losgelassen.

Sie stieß die Holztür der Veranda auf.

Statt des vertrauten Geruchs nach warmen Kieferndielen, getrocknetem Thymian und vergilbten Buchseiten schlug ihr ein saurer, schwerer Gestank entgegen. So roch es in billigen Kneipen am Stadtrand: verschütteter süßer Wein, ranziger Speck, der zu lange offen gelegen hatte, und feuchte Lappen, in denen sich längst Schimmel eingenistet hatte.

Auf dem Tisch, über den noch die alte Wachstuchdecke mit den fast verblassten Gänseblümchen gespannt war, standen drei leere Flaschen von billigem Likörwein. Daneben lag ein Teller mit grauen Speckstücken, umschwirrt von trägen, fettglänzenden Fliegen.

Sabine trat ins Zimmer und erstarrte.

Auf dem Bett lag die weiße gehäkelte Tagesdecke ausgebreitet. Ihre Großmutter hatte sie mit einer feinen Nadel aus Baumwollgarn gefertigt, zwei lange Winter hindurch, Masche für Masche. Sie hatte sie gehütet wie einen Schatz und nur an hohen Feiertagen erlaubt, sie aus dem Schrank zu nehmen. Jetzt lagen mitten auf dieser zarten weißen Fläche riesige violette Badelatschen aus billigem Gummi. Von ihren Sohlen bröckelte trockener grauer Lehm direkt in die Spitze.

Sabine sog langsam die Luft ein, drehte sich um und ging hinaus in den Garten.

Dort, wo noch am vergangenen Sonntag die schweren rosafarbenen Köpfe der alten gefüllten Pfingstrosen in voller Blüte gestanden hatten, die ihr Großvater Friedrich vor vierzig Jahren aus einer Gärtnerei am Bodensee mitgebracht hatte, klaffte nun nackte Erde. Die Büsche waren nicht einfach abgeschnitten worden. Jemand hatte sie mit dem Spaten brutal herausgerissen, fransige Löcher zurückgelassen und großzügig graues Salz aus einer Packung darübergestreut, damit auch die letzten Wurzeln nicht wieder austreiben konnten.

Ein paar Schritte weiter, in der Feuerstelle, schimmerte zwischen Asche eine verkohlte Kette. Die hölzerne Schaukel mit den geschnitzten Seitenwangen in Form von Schwanenflügeln, das letzte Stück, das ihr Großvater vor seinem Tod noch eigenhändig gebaut hatte, war verschwunden. Man hatte sie schlicht mit der Axt zu Brennholz zerhackt.

— Sabine, warum sagst du denn nichts? — Hannelore war inzwischen bis dicht an den Zaun gekommen, stützte sich mit der Brust gegen die Latten und redete noch lauter. — Ich sag’s dir doch: Deine Ingrid hat sich hier aufgeführt wie die Gutsherrin. Hat gebrüllt, jetzt sei Schluss mit diesem vornehmen Getue und mit all den nutzlosen Blumensträußen im Beet. Die Familie brauche Kartoffeln, hat sie gesagt, und diese Frau solle in der Stadt bleiben und dort ihre Ansprüche stellen, sie sei schließlich keine Prinzessin. Und die Schaukel von deinem Großvater… die hat sie selbst mit der Axt bearbeitet. Trockenes Holz, gutes Holz, hat sie gesagt, darauf werde der Grillabend besonders fein. Und dein Markus? Der hat ihr nur die Taschen getragen und auf den Boden gestarrt.

Sabine sank auf die alte Bank am Zaun. Ihre Finger glitten über das raue Holz, grau geworden von Regen, Sonne und Jahren.

— Markus hat getragen? — fragte sie leise, fast ohne Betonung.

— Und ob! Er hat ihr die Schlüssel sogar eigenhändig gegeben. Ich hab gesehen, wie sie sie ihm aus der Hand genommen hat. Später hat Ingrid am Wasserhahn geprahlt: „So, jetzt haben wir die Dame in die Ecke gedrückt. Der Garten wird auf unseren Markus überschrieben, die Unterlagen sind schon beim Amt.“

Sabine zog ihr Handy aus der Jackentasche und öffnete das Onlineportal des Grundbuchamts.

Das Display spiegelte in der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sah auf das kleine drehende Ladesymbol. Nach wenigen Sekunden aktualisierte sich die Seite, und neben der Zeile „Status des Antrags“ erschien ein roter Vermerk: „Eintragung vorläufig ausgesetzt.“

Sabine tippte auf den Link, lud die angehängte PDF-Datei herunter und öffnete sie.

Vor ihr lag ein Schenkungsvertrag über das Gartengrundstück mit Flurstücksnummer 214/7 und über die kleine Blockbohlenlaube. Schenkerin: Sabine Anna Hoffmann. Beschenkte: Ingrid Erika Hoffmann.

Ihr stiller, bequemer Markus, der immer brav seinen Teller abspülte und seine Schuhe so lange polierte, bis sie glänzten wie Glas.

Vor ihrem inneren Auge tauchte ein Abend im Februar auf. Markus war damals in die Küche gekommen und hatte sich den Nacken gerieben — genau das tat er jedes Mal, wenn er im Begriff war zu lügen.

„Sabine, im Verein sammeln sie gerade die Listen für den geförderten Glasfaser- und Gasanschluss. Schick mir bitte eine Kopie von deinem Ausweis und die Unterlagen fürs Grundstück. Ich gebe sie dem Vorsitzenden, dann musst du nicht selbst extra rausfahren.“

Sie hatte damals sogar gelächelt und gedacht: „Wie fürsorglich er doch ist.“ Sie hatte die Dokumente geschickt und die Sache vergessen.

Sabine schloss die Datei und zwang sich, tief den warmen Gartenmorgen einzuatmen, in dem nun deutlich der Brandgeruch der verheizten Schaukel hing.

Sabine war nicht einfach irgendeine Kleingärtnerin. Sie arbeitete als Vermessungstechnikerin und hatte zu oft gesehen, wie Angehörige einander wegen ein paar Quadratmetern Grund oder einer Wohnung zerfleischten. Vor einem Jahr, als Ingrid Erika zum ersten Mal damit angefangen hatte, Markus lebe „wie ein geduldeter Gast auf fremdem Familienboden“, war Sabine schweigend zum Grundbuchamt gefahren und hatte einen Sperrvermerk setzen lassen: keinerlei Verfügungen über ihr Eigentum ohne ihr persönliches Erscheinen.

Als der Sachbearbeiter diesen Vermerk sah und dazu den Schenkungsvertrag, den Markus angeblich mit Vollmacht eingereicht hatte, blockierte er den Vorgang sofort. Die SMS-Benachrichtigung darüber hatte Sabine schon vor drei Tagen erhalten. Trotzdem war sie heute persönlich hergekommen. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, wie weit die beiden zu gehen bereit waren.

Sie stand auf, ging zurück ins Haus, nahm die beschmutzte Häkeldecke vom Bett, faltete sie vorsichtig zusammen und legte sie in ihre Tasche. In der Stadt würde sie sie retten, irgendwie. Dann packte sie die fettigen Latschen ihrer Schwiegermutter vom Bett und warf sie mit zwei Fingern und verzogenem Mund in den Mülleimer unter der Spüle. Danach suchte sie einen alten Lappen und wischte den Tisch auf der Veranda ab, bis die klebrigen Spuren des billigen Weins verschwanden.

Dann nahm sie wieder ihr Telefon und rief Petra Schuster an, ihre frühere Kommilitonin, die inzwischen ein Notariat in der Innenstadt führte.

— Petra, hallo. Ich brauche den härtesten und wasserdichtesten Entwurf für eine Vereinbarung über die Aufteilung des gemeinsamen Vermögens. Ja, heute. Nimm die Stadtwohnung hinein, Markus’ Auto und sämtliche Bankkonten, an die du herankommst. Formulier es so, dass kein Anwalt eine Lücke findet. Ja, ich lasse mich scheiden. Nein, ich weine nicht. Petra, sie haben Großvaters Pfingstrosen verbrannt.

Nachdem sie aufgelegt hatte, wählte Sabine eine zweite Nummer — die Rechtsabteilung der Stadtverwaltung, in der Markus seit sechs Jahren als leitender Sachbearbeiter arbeitete. Sie wusste sehr genau: Schon der bloße Hinweis auf ein Ermittlungsverfahren, eine Anzeige wegen Betrugsversuchs und Urkundenfälschung würde reichen, damit die Kommission für dienstliches Verhalten tagte. Danach käme die Entlassung wegen „Verlusts des Vertrauens“. Mit so einem Makel würde ihn später nicht einmal ein Rathaus als Nachtpförtner einstellen.

— Hallo, Moni? Ich bin’s, Sabine. Sag mal, bekommt man die Formulare für eine Eingabe an die Ethikkommission bei eurer Sekretärin oder liegen die auf der Webseite? Nein, nicht für mich. Für meinen Markus. Ja, ich bereite eine Überraschung vor.

Sie legte das Telefon auf den frisch geputzten Tisch und sah durch das Fenster auf das leere Beet. Vor ihnen lag der Freitag. Genau an diesem Tag wollten Markus und Ingrid hier auftauchen und feierlich verkünden, dass sie nun die Herren über ihren Garten waren.

Sabine setzte sich in den Sessel und wartete.

Am nächsten Tag.

— Ach, Sabinchen, du bist schon da? Umso besser, dann hilfst du gleich, die Kisten aus dem Kofferraum zu tragen! — Ingrid Erika polterte auf die Veranda, nachdem sie die Tür mit dem Fuß aufgestoßen hatte.

In den Händen hielt sie eine Plastikkiste mit Tomatensetzlingen, eingewickelt in alte, vergilbte Anzeigenblätter. Hinter ihr kam Markus herein, schwer atmend. Er schleppte einen riesigen Sack Pflanzkartoffeln. In seinem Gesicht lag ein merkwürdiger Ausdruck: aufgesetzte Wichtigkeit, darunter schlecht versteckte Angst.

— Wohin damit? — keuchte Markus, ohne seiner Frau in die Augen zu sehen.

— Na direkt auf den Tisch, mein Junge, wohin denn sonst! — Seine Mutter schob Sabines Notizbuch achtlos zur Seite und stellte die Kiste mit Erde auf die saubere Decke. — Also, Sabine, jetzt machen wir mal ohne gekränkten Stolz weiter. Du bist noch jung, du verstehst das Leben nicht richtig. Markus und ich haben nachgedacht, und wir sind zu dem Schluss gekommen: Für die Familie ist es so sicherer. Ein Mann muss im Haus das Sagen haben. Also räumst du deine Blümchen weg, und wir machen hier einen ordentlichen Nutzgarten. Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten… Und du bleibst in der Stadt und ruhst dich aus.

Sabine stand wortlos auf, streckte die Hand aus, fasste die Kiste am Rand und fegte sie mit einer einzigen ruhigen Bewegung vom Tisch. Der Kunststoff barst knallend, schwarze Erde und grüne Tomatenstängel spritzten fächerförmig über den frisch gewischten Verandaboden.

— Bist du völlig verrückt geworden, Mädchen?! — kreischte Ingrid Erika. — Hat dir der Geiz den Verstand gefressen?! Markus, siehst du das? Die Frau ist nicht normal!

— Setzen Sie sich, Ingrid Erika, — sagte Sabine kalt.

In ihrer Stimme lag eine so eisige Ruhe, dass die Schwiegermutter sofort verstummte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und stieß laut die Luft durch zusammengebissene Zähne aus.

Sabine wandte sich ihrem Mann zu.

— Markus, komm an den Tisch.

Er zögerte, machte einen halben Schritt zurück, doch Sabine sah ihn so an, dass er schließlich doch näherkam und am Tischrand stehen blieb. Sabine öffnete die Mappe und legte langsam, Blatt für Blatt, drei Ausdrucke vor ihm aus.

— Erstes Dokument, — sie klopfte mit dem Fingernagel auf das oberste Blatt. — Die offizielle Mitteilung des Grundbuchamts über die Aussetzung und Blockierung eures betrügerischen Schenkungsvorgangs bezüglich meines Gartens. Den Sperrvermerk, dass ohne mein persönliches Erscheinen nichts eingetragen werden darf, habe ich schon vor einem Jahr setzen lassen.

Markus’ Kinn zuckte. Er warf seiner Mutter einen schnellen Blick zu, doch sie presste nur wütend die Lippen zusammen.

— Zweites Dokument, — Sabine schob ihm das nächste Blatt hin. — Der Entwurf meiner Strafanzeige wegen versuchten Betrugs in erheblichem Umfang und wegen Urkundenfälschung. Das ist keine Kleinigkeit, Markus. Bis zu fünf Jahre sind durchaus realistisch. Deine Spuren am Schenkungsvertrag beim Amt stehen bereits im System.

Markus wurde bleich wie Kreide.

— Und das dritte Dokument, — sie legte den letzten Ausdruck vor ihn. — Die Kopie meiner Eingabe an die Kommission für die Einhaltung der dienstlichen Pflichten bei der Stadtverwaltung. Sobald Anzeichen für strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegen, läuft die Prüfung automatisch an. Am Montagmorgen liegt dieses ganze Paket auf dem Schreibtisch deines Vorgesetzten.

— Sabine… — brachte Markus fast lautlos hervor. — Sabine, was machst du denn…

— Schweig, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Jetzt hörst du meine Bedingungen. Du hast genau fünf Minuten.

— Sabine! — schrie Ingrid Erika und krallte sich in den Ärmel ihres Sohnes. — Hör doch nicht auf sie! Erpresserin! Was für Verbindungen soll sie denn haben? Sie geht nirgendwohin! Sie blufft! Markus, mein Junge, bleib stark, gleich rufen wir meinen Anwalt an…

— Mama, halt den Mund! — brüllte Markus plötzlich.

Sein bleiches Gesicht bedeckte sich mit großen Schweißperlen. Er riss den Ärmel aus den Fingern seiner Mutter. Sein ruhiges Leben im warmen Büro der Stadtverwaltung, die sichere Pension und der Dienst-Golf schossen ihm durch den Kopf und zerfielen dort zu Staub.

— Sabine… und die Wohnung? Ich muss doch irgendwo wohnen… — murmelte er jämmerlich.

— Bei deiner Mutter, — antwortete Sabine eisig. — Sie hat zweieinhalb Zimmer in einem Nachkriegsbau, da wird Platz sein. Und jetzt packst du ihre Sachen und setzt sie vor das Tor des Kleingartenvereins. Ich will, dass nicht einmal ihr Schatten hierbleibt. Deine fünf Minuten laufen, Markus.

— Markus! Du willst deine eigene Mutter auf die Straße setzen?! Wegen dieser Frau?! — Ingrid Erika begann laut zu schnaufen und griff sich ans Herz, doch ihre gewohnte kleine Theaternummer verfing diesmal nicht.

— Mama, pack deine Sachen! — schrie Markus. — Begreifst du, dass sie mich anzeigen kann? Dass ich dafür ins Gefängnis gehen kann? War es das, was du mit deinen Beeten wolltest? Wegen deiner Sturheit lande ich vor Gericht! Los, sofort!

Er stürzte ins Zimmer, riss den alten Schrank auf und begann, die Sachen seiner Mutter auf den Boden zu werfen: Wolljacken, abgetragene Hauskleider, bunt geblümte Tücher. Ingrid Erika stand mitten auf der Veranda, als könne sie nicht glauben, was gerade geschah. Ihre ganze Macht über den Sohn platzte angesichts seiner eigenen Angst wie eine Seifenblase.

Zehn Minuten später schleppte Markus eine riesige karierte Kunststofftasche auf die Veranda, hastig mit einem schwachen Reißverschluss zugezogen.

— Markus… — sagte die Schwiegermutter leise und gekränkt, doch ihr Sohn sah sie nicht einmal an. Er packte sie am Ellbogen und zog sie beinahe zum Ausgang.

— Geh, Mama. Schnell, bitte. Die S-Bahn fährt in zwanzig Minuten, die schaffst du noch.

Sabine stand auf der Treppe, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete alles schweigend.

Die Dämmerung senkte sich rasch über die Gartenkolonie. Markus schob seine Mutter fast durch das eiserne Tor, warf die Tasche vor ihre Füße und schob den Riegel mit einem Krachen vor. Ingrid Erika blieb mitten auf dem staubigen Weg stehen, den Saum ihres langen Rockes unter den Füßen. Aus der Dunkelheit drang ihr dumpfer, in ein Kreischen kippender Schrei:

— Verflucht sollt ihr sein, ihr Herzlosen! Merk dir meine Worte, Markus! Du wirst noch zu deiner Mutter zurückgekrochen kommen!

Doch Markus rannte bereits zur Veranda zurück und wischte sich fahrig mit dem Jackenärmel die Stirn.

— Sabine, ich habe alles gemacht, wie du gesagt hast. Fahr mit mir zur Notarin, ich unterschreibe alles. Bitte gib diese Unterlagen nur nicht weiter…

— Wir fahren, — sagte Sabine leise und nahm ihre Mappe vom Tisch.

Am nächsten Tag.

— Sabine, das Loch beim dritten Strauch habe ich fast fertig… — Markus rammte den Spaten in die schwere graue Lehmerde und wischte sich den Schweiß mit dem schmutzigen Handrücken von der Stirn. — Hier muss mehr Drainage rein, oder? So, wie dein Großvater das gemacht hätte?

Sabine saß auf der Veranda und rührte langsam in ihrem Tee, der in der alten Tasse ihres Großvaters mit dem goldenen Rand dampfte. Im Haus roch es wieder nach Kiefernholz, trockenem Thymian und Sauberkeit. Die gehäkelte Decke ihrer Großmutter, behutsam von Lehm befreit und im Wind getrocknet, lag weiß auf dem ordentlich gemachten Bett.

Sie sah durch das offene Fenster zu ihrem Mann hinaus.

Markus wirkte völlig erschöpft. Sein sonst tadellos gelegtes Haar stand ihm wirr vom Kopf, sein Gesicht war von der Sonne stark verbrannt, und seine Bürohände, kreuz und quer mit billigem Stoffpflaster beklebt, waren voller großer gelblicher Blasen. Neben ihm standen schwere schwarze Töpfe aus der Baumschule im Gras. An jedem steckte ein weißes Etikett: „Gefüllte Bauernpfingstrose, dreijährig“. Markus hatte dafür seine ganze private Rücklage ausgegeben, die er drei Jahre lang für einen neuen leistungsstarken Laptop zurückgelegt hatte.

— Einen Eimer Sand und Asche dazu, — sagte Sabine knapp, ohne auch nur einen Schluck Tee zu nehmen.

Markus blieb stehen und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, als hoffe er, sie werde ihn auf die Veranda rufen oder ihm wenigstens ein kaltes Radler anbieten. Aber Sabine sah an ihm vorbei, auf den frisch gekalkten Brunnenkasten.

— Sabine… — sagte er leise und machte einen Schritt zur Treppe. — Ich bringe doch alles wieder in Ordnung, ja? Die sortenechten Sträucher habe ich gefunden, die Schaukel deines Großvaters habe ich bei einem Schreiner nach Zeichnung bestellt, nächstes Wochenende bringt er sie… Wir können doch alles zurückholen, oder? So wie früher? Ja, ich war dumm, ich habe auf Mama gehört, aber ich habe doch gezeigt, dass ich es verstanden habe.

Sabine stellte die Tasse auf die Untertasse.

— Du hast gar nichts gezeigt, Markus, — antwortete sie ruhig, ohne Zorn. — Und zurückholen lässt sich nichts mehr. Du bist nicht hier, weil du ein guter Ehemann bist. Du bist hier, weil du deinen eigenen Hals vor einer Strafanzeige und einer Entlassung retten willst.

Markus schluckte.

— Aber ich bemühe mich doch… — murmelte er mit gesenktem Kopf.

— Du arbeitest deine Schuld gegenüber meinem Großvater ab, — Sabine erhob sich und trat ans Geländer, von oben auf ihn hinunterblickend. — Dafür, dass du die Hand gegen sein Andenken erhoben und meine Unterlagen gestohlen hast. Wenn dieser Garten wieder so aussieht wie vor eurem Auftauchen — sauber, lebendig und blühend —, dann denke ich darüber nach. Ob ich die Scheidung sofort einreiche oder ob ich dir noch ein wenig Zeit lasse, mein Fahrer und Handlanger zu sein. Und jetzt geh graben. Die Sonne ist bald weg, und du hast noch drei Sträucher zu setzen.

Ihr Mann stand noch eine Sekunde da, drehte sich schweigend um, ging zu dem Loch, umfasste den Spatenstiel und stieß das Blatt wieder mit Kraft in den störrischen Boden.

Sabine sah auf seinen gekrümmten Rücken hinab, und in ihr breitete sich ein leises, kaum merkliches Gefühl der Erleichterung aus.

Hinter dem Zaun tuschelten die Nachbarinnen des Kleingartenvereins schon seit Stunden und beobachteten, wie der einst so wichtige und stolze Markus unter dem kalten Blick seiner Frau gehorsam den Rücken beugte. Einige Frauen sagten mit schadenfrohem Zischen: „Geschieht ihm recht, dem Verräter, jetzt soll er ruhig schwitzen!“ Andere seufzten mitleidig: „Kann man so mit einem Mann umgehen? Wegen ein paar Blumen ist die Frau völlig verroht, sie presst ihn aus und wirft ihn dann weg…“

Doch Sabine war vollkommen gleichgültig, was sie redeten.