Vom Nachtzug nach Hamburg: Als sieben Männer glaubten, eine Frau im Wald begraben zu haben, begann ihr Weg in die Vergeltung erst wirklich
Sieben Verlorene in Menschengestalt hatten ihren Körper geschändet, ihren Willen brechen wollen und sie danach in eine bewaldete Schlucht geworfen, überzeugt davon, jede Spur im Schnee erstickt zu haben. Für sie war die Sache erledigt. Doch wenn eine Offizierin der militärischen Abwehr eine Spur aufnimmt, verschwindet sie nur für jene, die nie gelernt haben, richtig zu suchen.
Dezember vierundvierzig. Der Zug „Wien — Hamburg“ schnitt mit einem schweren, klagenden Pfiff durch die eisige Luft und riss die tote Stille einer deutschen Winternacht auseinander. In den Abteilen lag kein Jubel von Heimkehrern, sondern eine zähe, dunkle Müdigkeit, wie sie nur Menschen tragen, die zu viel gesehen hatten. Majorin Helene Katharina Falkenberg, unter dem Rufnamen „Eiswind“ bekannt, saß am vereisten Fenster und hatte die Wange gegen das frostblinde Glas gelegt. Sie war siebenundzwanzig.
Hinter ihr lagen Jahre in der Sonderaufklärung, Dutzende Einsätze tief hinter feindlichen Linien, ausgeschaltete Stabsoffiziere und eine Seele, die der Krieg beinahe bis auf den Grund leergebrannt hatte. In ihrem Tornister lag eine erbeutete Ziehharmonika — ein Geschenk für ihren jüngeren Bruder, den sie seit den ersten Kriegstagen nicht mehr gesehen hatte. Sie fuhr nach Hause und wollte nichts sehnlicher, als den Geruch von Rauch, Blut und Tod hinter sich zu lassen. Doch vor ihr wartete eine Prüfung, die grausamer war als die Front: ohne Befehl, ohne Recht, ohne irgendeine Hoffnung auf Hilfe.
Plötzlich ruckte der Zug und blieb stehen. Ein namenloser Halt, dunkler Wald, kurze technische Pause.
— Es ist stickig… — murmelte sie kaum hörbar.
Helene zog den angesengten Mantel über die Schultern, trat in den Vorraum und sprang auf die verschneite Böschung hinunter. Sie wollte nur einmal kalte Luft in die Lungen bekommen, nur für eine Minute Stille, weg vom Schnarchen erschöpfter Soldaten.
Sie entfernte sich kaum ein paar Dutzend Schritte von den Gleisen. Sofort schloss sich die Finsternis um sie. Hinter ihr knirschte Schnee. Ihr Körper reagierte, bevor sie denken konnte — herumfahren, zuschlagen. Doch der Angreifer war nicht allein. Es waren sieben. Ein wuchtiger Schlag gegen den Hinterkopf warf sie in schwarze Leere.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie in einem eisigen Albtraum. Eine Waldlichtung, blass vom Mond übergossen. Ein rostiges Fass, in dem Kohlen glommen. Und dunkle Gestalten ringsum.
Das waren keine Soldaten. Das waren Tiere, die sich Menschengesichter übergestreift hatten: Deserteure, Plünderer, entlaufene Strafgefangene. Helene wollte sich losreißen, doch ihre Hände waren mit Draht gefesselt und über ihrem Kopf hochgezogen. Der Knebel schnitt ihr die Lippen auf. Sie, eine Offizierin, die gelernt hatte, Gegner in Sekunden kampfunfähig zu machen, war zum ersten Mal völlig wehrlos.
Sieben.
Sie zählte sie, indem sie sich an Splitter ihres Bewusstseins klammerte. Im flackernden Kohlenlicht prägte sie sich jedes Merkmal ein: eine Tätowierung am Unterarm, eine breite Brandnarbe im Gesicht des einen, ein Ring an einem schmutzigen Finger des anderen, eine gesprungene alte Armbanduhr. Und die Stimme — heiser, sicher, die Stimme des Mannes, der nicht mitmachte, sondern nur zusah.
Als alles vorbei war, schleiften sie sie zur Schlucht.
— Sollen wir sie ganz erledigen? — fragte einer.
— Wozu der Lärm? Bis zum Morgen hält die nicht durch, — antwortete dieselbe Stimme. — Werft Zeug drüber, dann weg.
Sie stießen sie hinab, warfen Äste, Schnee und gefrorene Erde auf sie. Dann gingen sie, ohne den geringsten Zweifel, dass hinter ihnen nur ein toter Körper zurückblieb.
Aber ihr Herz schlug noch.
Schwach, stolpernd — aber es schlug. Unter Schnee und Erde, mit einem Körper, der kaum noch ihr gehörte, öffnete sie wieder die Augen. Luft gab es fast keine. Die Panik kam sofort.
Sie begann, mit bloßen Händen die Erde wegzukratzen, riss sich die Nägel ein, würgte, hustete und kroch. Nach oben trieb sie nicht Kraft, sondern Wut und ein stures, wildes Verlangen zu überleben.
Erst nach Stunden kam sie ins Freie. Der Zug war längst fort.
In jener Nacht blieb die frühere Helene Falkenberg in dieser Grube zurück. Herausgekrochen war etwas anderes, und dieses Wesen kannte nur noch ein Ziel: Vergeltung.
Magdeburg. Lazarett. Ein alter Chirurg sprach trocken und vorsichtig, als fürchte er, ihr in die Augen zu sehen:
— Brüche, Gehirnerschütterung… Ihr Zustand ist schwer. Ich muss die Staatsanwaltschaft verständigen.
— Nein, — sagte sie leise.
— Das ist ein Verbrechen!
— Ich sagte: nein.
Sie wusste genau, was danach käme: Verhöre, Demütigung, endlose Nachfragen, fremde Blicke. Und die Schuldigen waren längst im Nebel verschwunden.
— Schreiben Sie: aus dem Zug gestürzt.
Zwei Monate später verließ sie das Lazarett. Sie ging schwer, ein Arm gehorchte nur widerwillig, in ihrem Haar lag plötzlich eine graue Strähne. Doch nach Hause fuhr sie nicht. Ihr Weg führte nach Berlin.
Oberst Martin Reuter vom Sicherheitsdienst, ihr früherer Verbindungsmann, erschrak, als er sie sah.