Das schönste Mädchen der ganzen Schule bat mich zum Abschlussball, während die anderen sich über mein Aussehen lustig machten
Das schönste Mädchen der ganzen Schule bat mich zum Abschlussball, während die anderen sich über mein Aussehen lustig machten.
Zwanzig Jahre waren seit jener Abschlussnacht vergangen, als die Frau, die mein Leben einst auf den Kopf gestellt hatte, plötzlich in strömendem Regen vor meiner Haustür stand.
Sie erkannte mich nicht. Ich dagegen wusste im selben Augenblick, wer da vor mir stand. Und noch bevor die nächste Nacht vorüber war, tat ich etwas für sie, womit sie ganz sicher niemals gerechnet hätte.
Der Regen peitschte so heftig gegen die Dachziegel, als wäre der Himmel über meinem Haus zusammengebrochen. Als es an der Tür klingelte, dachte ich an einen gewöhnlichen Essenslieferanten und war schon bereit, rasch „Danke“ zu sagen. Doch als ich die Tür öffnete, sah ich eine Frau, deren Gesicht zwanzig Jahre lang irgendwo tief in meiner Erinnerung weitergelebt hatte. Sie stand auf der kleinen Veranda in einer ausgeblichenen Jacke eines Lieferdienstes.
Noch immer dieselben Grübchen in den Wangen. Noch immer diese großen braunen Augen. Noch immer die weichen Lippen, die mich damals im Licht des Abiballs angelächelt hatten, als ich siebzehn war und innerlich zu zerbrochen, um zu glauben, dass mir überhaupt noch etwas Gutes widerfahren konnte.
Clara hielt mir die Tüte mit der Bestellung mit beiden Händen entgegen. Ihre Finger zitterten vor Kälte, und die durchnässte Baseballkappe warf einen Schatten über einen Teil ihres Gesichts.
— Ihre Bestellung, mein Herr.
Mein Herr.
Nicht Jonas.
Nicht einmal der kleinste Hinweis darauf, dass sie sich an mich erinnerte.
In der Schule war ich ein übergewichtiger, unsicherer Junge gewesen, der gerade einen Verlust durchmachte und meist nur dann Beachtung fand, wenn jemand ihn bloßstellen wollte. Jetzt war ich siebenunddreißig: Ich hatte abgenommen, war ein anderer Mensch geworden und hatte mein Leben über viele Jahre Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Clara hatte wirklich keinen Grund, in mir den Jungen von damals wiederzuerkennen.
Und trotzdem traf es mich schmerzhaft.
— Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser? — brachte ich schließlich hervor. — Sie sehen aus, als könnten Sie kaum noch stehen.
Sie schüttelte den Kopf.
— Ich kann nicht. Mein Bruder wartet auf mich. Er ist krank. Außer mir hat er niemanden, der sich um ihn kümmert.
— Wirklich niemanden?
— Seit unsere Mutter gestorben ist, bin nur noch ich für ihn da. — Sie versuchte zu lächeln, doch es wurde nur ein müdes, brüchiges Lächeln. — Gute Nacht, mein Herr.
Hastig ging sie die Stufen der Veranda hinunter und verschwand wieder in den dichten Regenfäden. Durch das Fenster sah ich, wie sie zu einem alten, rostigen Opel ging, der unter der Straßenlaterne parkte. Der Wagen sprang lange nicht an. Dann legte Clara die Stirn auf das Lenkrad, und als ihre Schultern leise zu beben begannen, begriff ich: Es war nicht einfach nur ein schlechter Abend.
Es war ein ganzes Leben, das zu schwer auf ihr lastete.
Ich griff nach meinen Schlüsseln und wollte bereits hinaus, doch in diesem Moment erwachte der Motor endlich. Sie wischte sich schnell über das Gesicht, setzte viel zu ruckartig zurück und verschwand in der dichten Wand aus Regen.
Ich blieb am Fenster stehen, das kalt gewordene Abendessen in den Händen, während zwanzig Jahre voller Erinnerungen mir die Brust zusammendrückten.