Ich kam nur wegen vergessener Unterlagen nach Hause — und fand meinen Mann mit der Nachbarin im Bad, also schloss ich die Tür ab und rief ihren Ehemann
Ich kam mitten am Tag nach Hause, eigentlich nur für ein paar vergessene Unterlagen. Doch genau in diesem scheinbar harmlosen Moment riss mein Leben auseinander. Im Badezimmer war mein Mann. Und er war nicht allein. Bei ihm war unsere Nachbarin. Ich drehte wortlos von außen den Schlüssel im Schloss herum und wählte die Nummer ihres Mannes.
— Komm sofort her. Du musst das mit eigenen Augen sehen.
Es gibt Augenblicke, nach denen nichts mehr so ist wie vorher. Alles, worauf man vertraut hat, bricht plötzlich weg, und man steht mitten in den Trümmern, ohne zu wissen, wie man weiter atmen soll. Bei mir geschah es an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Ich war vierunddreißig, ich heiße Katrin Berger. Heute kann ich ruhig darüber sprechen. Damals aber war ich fest davon überzeugt, dass mein Leben beinahe vollkommen war.
Ich arbeitete in einer Versicherung. Mein Mann und ich wohnten in einem gepflegten Reihenhaus am Rand von Berlin. Mit den Nachbarn hatten wir ein warmes Verhältnis, fast wie mit Verwandten. Besonders oft sahen wir Sabine Keller und ihren Mann Thomas. Die beiden hatten zwei Kinder. Sonntags saßen wir manchmal zusammen, tranken Kaffee, tauschten Kuchenrezepte aus und sahen nach den Häusern der anderen, wenn jemand verreist war.
Dieser Morgen unterschied sich auf den ersten Blick nicht von all den anderen: Kaffee, Dusche, leise Nachrichten aus dem Radio, der pfeifende Wasserkocher, ein hastiges Frühstück. Matthias arbeitete von zu Hause aus und hatte sich im kleinen Arbeitszimmer eingerichtet.
— Bis heute Abend, — sagte er, als ich schon an der Haustür stand.
Ich hätte nie gedacht, dass es die letzten friedlichen Worte zwischen uns sein würden.
Er hatte an diesem Morgen ungewöhnlich oft auf sein Handy gesehen. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei. Er lächelte, aber dieses Lächeln war kühl und gespannt, als hätte jemand es ihm nur ins Gesicht gezogen. Auf dem Weg ins Büro ließ mich ein dumpfes Gefühl nicht los. In der Mittagspause versuchte ich, ihn anzurufen. Besetzt. Da fiel mir ein, dass die Mappe mit den wichtigen Papieren noch zu Hause lag. Also beschloss ich, kurz zurückzufahren.
Ich wollte nur schnell hinein, die Unterlagen holen und vielleicht mit Matthias zusammen etwas essen. Doch manchmal zerbrechen gerade die unschuldigsten Pläne am härtesten.
Vor unserem Haus stand Sabines Auto. Es fiel mir sofort auf, weil sie es sonst nie dort parkte. Ich schloss die Haustür auf und blieb im Flur stehen. Das Haus empfing mich mit einer Stille, die nicht zu ihm passte. Matthias ließ fast immer Musik laufen. Sabine lachte gewöhnlich laut und hell. Jetzt war da nichts. Kein Schritt, kein Murmeln, kein Radio.
Ich ging ein paar Schritte weiter und bemühte mich, möglichst leise aufzutreten, als könnte ich die Wahrheit verscheuchen, die ohnehin schon aus allen Fugen trat. Mein Herz schlug mir bis in den Hals, mein Atem wurde flach. Im Flur hing der Duft eines fremden Parfüms — süß, schwer, aufdringlich und ganz sicher nicht meines. Dieser Geruch traf mich härter als jeder Schrei.
Zuerst hörte ich Wasser. Aus dem Badezimmer kam ein gedämpftes Rauschen, leise, aber unverkennbar. Dann Stimmen. Keine ganzen Sätze, nur Bruchstücke, ein Flüstern, abgebrochene Laute, die man mit nichts anderem verwechseln kann. Ich trat näher. Die Tür war abgeschlossen.
Ich klopfte nicht.
Ich griff einfach nach dem Schlüssel und drehte ihn von außen um — langsam, vorsichtig, fast sachlich, als erledigte ich etwas Alltägliches. Das Klicken klang in meinen Ohren ohrenbetäubend. Drinnen verstummte alles für einen winzigen Moment. Dann hörte ich hektische Bewegung, spritzendes Wasser und ein scharfes Flüstern.
Ich trat zurück, zog mein Handy aus der Tasche und rief Thomas an. Meine Finger zitterten nicht. Genau das erschreckte mich am meisten.
— Komm sofort her. Frag jetzt nichts, — sagte ich, als er abnahm. — Du musst hierherkommen.
Er wollte etwas sagen, aber ich beendete den Anruf. Erklärungen hätten nichts geändert. Es gibt Dinge, die ein Mensch selbst sehen muss.
Aus dem Bad kam Matthias’ Stimme.
— Katrin? Bist du das?
Ich schwieg.
— Mach die Tür auf, — sagte er jetzt lauter. Er versuchte ruhig zu klingen, doch die Anspannung schnitt durch jedes Wort.
Sabine flüsterte hastig etwas. Nervös, abgehackt. Dann hörte es sich an, als wäre jemand auf dem nassen Boden ausgerutscht.
Ich lehnte mich im Flur an die Wand und schloss kurz die Augen. In mir war Leere. Keine Tränen, kein Schreien, keine Hysterie. Nur eine kalte, beinahe unheimliche Klarheit. Auf einmal war alles einfach, so grausam einfach, dass es kaum auszuhalten war.
Nach ein paar Minuten sprach Matthias wieder, diesmal gereizter.
— Das ist nicht witzig. Mach sofort auf.
Ich ging in die Küche, füllte ein Glas mit Wasser und nahm einen kleinen Schluck. Meine Hände waren eiskalt. Ich starrte auf den Tisch, auf die Tassen, die wir nach dem Frühstück stehen gelassen hatten. Alles sah aus wie immer. Nur bedeutete dieses „wie immer“ nichts mehr.
Die Klingel riss laut durch das Haus.