Ein Feldwebel aus der Sowjetunion verschwand mit neun japanischen Gefangenen im Wald und blieb neunzehn Jahre lang unauffindbar: Was man fast zwei Jahrzehnte später in der abgelegenen Taiga entdeckt haben soll

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Die Ereignisse rund um das Ende des Zweiten Weltkriegs geben bis heute Anlass zu Diskussionen, Zweifeln und immer neuen Deutungen. Ein Teil der Archivbestände ist noch immer nicht vollständig ausgewertet, und um manche Episoden haben sich im Laufe der Jahrzehnte Erzählungen gebildet, bei denen kaum noch sicher zu trennen ist, was belegbar ist und was bereits zur Legende gehört. Zu diesen rätselhaften Geschichten zählt auch die Überlieferung von dem sowjetischen Feldwebel Martin Keller und einer Gruppe japanischer Kriegsgefangener, die einer Version zufolge jahrelang in der entlegenen Taiga des Fernen Ostens gelebt haben sollen.

In Deutschland ist diese Geschichte kaum bekannt und durch offizielle Dokumente nicht bestätigt. Wiederholt wurde sie jedoch von chinesischen Internetmedien aufgegriffen, die sich auf angeblich vorhandene Archivangaben und Erinnerungen von Augenzeugen beriefen, deren Namen meist nicht genannt werden. Mit jedem neuen Nacherzählen kamen weitere Einzelheiten hinzu, sodass heute nur schwer zu erkennen ist, wo ein möglicher wahrer Kern endet und wo die literarische Ausschmückung beginnt.

Versuchen wir also nachzuvollziehen, um welche Geschichte es geht, welche Details sich mit bekannten historischen Tatsachen verbinden lassen und welche Punkte ernsthafte Zweifel wecken.

Die letzten Kriegstage im Fernen Osten

Der August 1945 war nicht nur für Europa, sondern auch für Ostasien ein entscheidender Monat. Nach der Niederlage Deutschlands erfüllte die Sowjetunion ihre Verpflichtungen gegenüber den Alliierten und begann eine groß angelegte Militäroperation gegen japanische Truppen in der Mandschurei.

Die sowjetischen Einheiten zerschlugen die Kwantung-Armee, die größte Landstreitmacht Japans, innerhalb sehr kurzer Zeit. Diese Operation gilt als eine der erfolgreichsten Kampagnen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Die japanischen Verteidigungslinien wurden an mehreren Stellen gleichzeitig durchbrochen, viele Garnisonen verloren den Kontakt zueinander und waren bald von allen Seiten abgeschnitten.

Nach dem Ende der Kämpfe gerieten Hunderttausende Menschen in Gefangenschaft. Darunter befanden sich nicht nur Soldaten, sondern auch Sanitäter, Funker, Stabsangestellte, Übersetzer sowie Frauen, die in verschiedenen Hilfseinheiten der japanischen Armee eingesetzt gewesen waren.

Der Großteil der Kriegsgefangenen wurde in spezielle Lager auf dem Gebiet Sibiriens und des sowjetischen Fernen Ostens gebracht. Dafür stellte man lange Kolonnen zusammen, die von Angehörigen der Roten Armee begleitet wurden.

Ein ungewöhnlicher Transport

Genau in dieser Zeit, so berichten es chinesische Veröffentlichungen, erhielt der junge Feldwebel Martin Keller den Befehl, eine Gruppe japanischer Frauen, die als Kriegsgefangene galten, zu einem Ort ihrer weiteren Unterbringung zu eskortieren.

Mit ihm sollen sich noch mehrere sowjetische Militärangehörige in der Begleitmannschaft befunden haben. Die Kolonne bewegte sich über schwer passierbare Wege in der Amur-Region. Die Winter in dieser Gegend sind unerbittlich: strenger Frost, tiefer Schnee und über viele Kilometer hinweg kaum bewohnte Orte.

Schon eine einzige Panne am Fahrzeug oder eine falsche Entscheidung bei der Routenwahl konnte dort zur Katastrophe führen. Transporte dieser Art galten deshalb immer als schwierig und riskant.

Nach einer Version gab ein alter Lastwagen seinen Dienst auf, nach einer anderen verirrte sich der Fahrer. In manchen Nacherzählungen heißt es sogar, das Fahrzeug könnte auf einen alten Blindgänger aus den Kämpfen geraten sein. Für keine dieser Varianten gibt es jedoch offizielle Beweise.

Das Verschwinden in der Taiga

Der Legende nach machten sich zwei ranghöhere Soldaten auf den Weg, um die Straße oder die nächste Siedlung zu finden, während Feldwebel Keller bei den Gefangenen zurückblieb. Danach sollen auch diese beiden Männer spurlos verschwunden sein.

Was anschließend geschah, bleibt unklar. Glaubt man chinesischen Autoren, bekam Martin Keller Angst davor, ohne Kameraden, ohne Fahrzeug und mit einem beschädigten Transportauftrag zurückzukehren. Er soll befürchtet haben, man könne ihm Fahrlässigkeit oder sogar Fahnenflucht vorwerfen.

Aus Furcht vor schwerer Bestrafung habe er angeblich eine unerwartete Entscheidung getroffen: Er sei mit den Gefangenen tiefer in den Wald gegangen, in der Hoffnung, einige Monate abzuwarten, bis die Lage überschaubarer würde.

Ob ein solches Verhalten tatsächlich denkbar gewesen wäre, lässt sich schwer sagen. Militärhistoriker weisen zwar darauf hin, dass eigenmächtiges Verlassen des Dienstes streng geahndet wurde. Zugleich gab es aber auch Vorschriften, die außergewöhnliche Umstände in Kriegszeiten berücksichtigten.

Warum sollen die japanischen Frauen mitgegangen sein?

Eine der umstrittensten Fragen dieser Geschichte betrifft das Verhalten der Gefangenen selbst. Chinesische Veröffentlichungen behaupten, die Frauen hätten sich fast sofort bereit erklärt, dem sowjetischen Feldwebel zu folgen.

Erklärt wird dies dort mit der strengen japanischen Militärdisziplin und einer kulturell geprägten Unterordnung gegenüber Ranghöheren.

Tatsächlich war die Disziplin in der japanischen Armee außerordentlich hart. Befehle wurden nicht diskutiert, Verstöße gegen die Hierarchie galten als schweres Fehlverhalten.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass es sich zu diesem Zeitpunkt bereits um Kriegsgefangene handelte, die sich in einem fremden Land, unter extremen Bedingungen und nach dem Ende der Kampfhandlungen befanden. Deshalb kann heute niemand mit Gewissheit sagen, wie sie sich wirklich verhalten hätten.

Die ersten Monate im Wald

Wenn man annimmt, dass sich eine solche Episode tatsächlich ereignet hat, stellt sich vor allem eine Frage: Wie konnte diese Gruppe überleben?

Die fernöstliche Taiga gehört zu den härtesten Naturräumen Russlands. Im Winter kann die Temperatur weit unter minus dreißig Grad fallen, und der Schnee bleibt oft bis in den Frühling hinein liegen.

Selbst moderne Reisende benötigen für längere Aufenthalte in solchen Gegenden gründliche Vorbereitung, verlässliche Ausrüstung, Kommunikationsmittel und ausreichende Vorräte.

Chinesische Publikationen behaupten, der Gruppe sei es gelungen, einen Teil der Lebensmittel vom Lastwagen mitzunehmen, eine provisorische Unterkunft einzurichten und nach und nach einen einfachen Alltag aufzubauen.

Theoretisch wäre ein solches Szenario nur dann denkbar, wenn ausreichend Nahrung, warme Kleidung, Werkzeuge, Waffen, Medikamente und eine dauerhafte Feuerquelle vorhanden gewesen wären. Genau deshalb betrachten viele Forscher diesen Teil der Erzählung mit großer Skepsis.

Hinzu kommt eine naheliegende Frage: Wie konnte eine kleine Gruppe über Jahre hinweg unbemerkt bleiben, obwohl in solchen Gebieten gelegentlich Jäger, Förster, Geologen oder militärische Einheiten auftauchten?

Die Legende bekommt immer mehr Einzelheiten

An diesem Punkt nimmt die Geschichte beinahe abenteuerliche Züge an. In chinesischen Quellen heißt es, mit der Zeit seien zwischen dem Feldwebel und den ehemaligen Gefangenen vertrauensvolle Beziehungen entstanden. Später habe sich daraus eine Art kleine Gemeinschaft entwickelt, die völlig getrennt von der Außenwelt lebte.

Bis heute wurden jedoch keine Archivunterlagen, Fotografien oder offiziellen Berichte veröffentlicht, die eine solche Entwicklung bestätigen würden. Deshalb neigen die meisten Fachleute dazu, diesen Bericht eher als historische Legende zu betrachten, die auf einzelnen realen Fakten der Nachkriegszeit aufbaut.

Die Erzählung vom Waldlager

Im weiteren Verlauf wird die Version aus den chinesischen Veröffentlichungen noch ungewöhnlicher. Demnach soll sich die kleine Gruppe im Laufe der Jahre zu einer richtigen Siedlung entwickelt haben, die fast zwanzig Jahre fernab der Zivilisation bestanden habe. Die Autorinnen und Autoren schreiben, die früheren Gefangenen hätten gelernt, eine einfache Wirtschaft zu führen, Gemüse anzubauen, Wildpflanzen zu sammeln, zu fischen, zu jagen und mit eigenen Händen Unterkünfte zu errichten.

Ähnliche Fälle sind aus der Weltgeschichte durchaus bekannt. Menschen haben aus unterschiedlichen Gründen jahrelang in Isolation gelebt. Fast immer befanden sich solche Gemeinschaften jedoch in der Nähe von Flüssen, Jagdgebieten oder verlassenen Siedlungen, was die Chancen auf Überleben deutlich erhöhte. In dieser Geschichte geht es dagegen um eine abgelegene Taiga des Fernen Ostens mit einem äußerst schweren Klima.

Gerade deshalb halten viele Forschende ein solches Szenario ohne regelmäßigen Zugang zu Vorräten, Werkzeugen, Kleidung und Medikamenten für wenig wahrscheinlich.

Konnte man so viele Jahre fernab der Zivilisation leben?

Diese Frage gehört zu den zentralen Problemen der gesamten Erzählung. Selbst heute erfordert ein unabhängiges Leben in der Taiga große Fähigkeiten. Man muss ständig Nahrung beschaffen, sauberes Wasser finden, große Mengen Brennholz vorbereiten, Unterkünfte instand halten und sich vor wilden Tieren schützen.

Besonders schwierig wäre die medizinische Versorgung gewesen. Jede schwere Verletzung, jede Infektion und jede Entzündung hätte ohne Medikamente tödlich enden können. Fachleute bezweifeln daher, dass eine relativ große Gruppe jahrzehntelang völlig selbstständig leben und dabei den Großteil ihrer Mitglieder am Leben erhalten konnte.

Nicht weniger Fragen wirft die Kleidung auf. Auch robuste Sachen nutzen sich mit der Zeit ab. Um sie zu ersetzen, braucht man Stoffe, Leder, Garn, Werkzeuge und Kenntnisse im Nähen. In den chinesischen Veröffentlichungen wird kaum erklärt, wie dieses Problem gelöst worden sein soll.

Der meistdiskutierte Teil der Geschichte

Am stärksten zieht Leser gewöhnlich die Behauptung an, in dieser Waldgemeinschaft seien im Laufe der Jahre viele Kinder geboren worden. Gerade dieses Detail machte die Geschichte im Internet besonders populär.

Doch es wurden weder überprüfbare Dokumente noch medizinische Aufzeichnungen, Fotografien oder Archivmaterialien vorgelegt, die solche Aussagen stützen könnten. Deshalb sollte man diese Angaben vor allem als Teil einer Legende betrachten, die über chinesische Medien verbreitet wurde.

Historiker merken an, dass eine größere Zahl von Menschen zwangsläufig sichtbare Spuren hinterlassen hätte: bearbeitete Erde, Gebäude, Wirtschaftsbereiche, Rauch aus Feuerstellen und Zeichen dauerhafter Aktivität. Ein solches Lager über viele Jahre hinweg nicht zu entdecken, wäre deutlich schwieriger gewesen, als es die Autoren dieser Veröffentlichungen darstellen.

Warum könnten die Suchaktionen erfolglos geblieben sein?

Befürworter der Legende verweisen darauf, dass die fernöstliche Taiga riesige Flächen umfasst. Es gibt dort schwer zugängliche Gebiete, die selbst heute nur mühsam erreichbar sind. Nach dem Krieg war das Land mit Wiederaufbau, dem Bau neuer Betriebe und der Rückkehr von Millionen Menschen in ein friedliches Leben beschäftigt. Einzelne Zwischenfälle konnten im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren.

Es gibt jedoch auch eine andere Sichtweise. Die sowjetischen Sicherheitsorgane nahmen das Verschwinden von Militärangehörigen sehr ernst. Wäre tatsächlich ein bewaffneter Begleittransport samt Kriegsgefangenen verschwunden, wären Suchmaßnahmen höchstwahrscheinlich recht aktiv organisiert worden.

Gerade dieser Punkt gilt als eine der schwächsten Stellen der gesamten Version.

Die Rückkehr zu den Menschen

Nach Darstellung chinesischer Autoren soll Martin Keller fast zwei Jahrzehnte später selbst das Waldlager verlassen und die nächste Siedlung erreicht haben. Dort habe er den Behörden erzählt, was geschehen sei.

Die weiteren Ereignisse werden in verschiedenen Veröffentlichungen unterschiedlich geschildert. Manche behaupten, er sei sofort festgenommen worden. Andere schreiben, die Mitarbeiter der Sicherheitsorgane hätten seiner unglaublichen Erzählung zunächst einfach keinen Glauben geschenkt.

Nach einer Überprüfung sei, wenn man dieser Version folgt, eine Expedition losgeschickt worden, die das abgelegene Lager schließlich gefunden habe.

Wichtig ist jedoch: Bis heute wurden keine offiziellen Dokumente veröffentlicht, die eine solche Operation bestätigen.

Was geschah mit den ehemaligen Kriegsgefangenen?

In Materialien chinesischer Medien heißt es, die japanischen Frauen seien nach der Entdeckung des Lagers gemeinsam mit den Kindern in ihre Heimat zurückgebracht worden. Auch dieser Abschnitt ruft viele Zweifel hervor.

In der zweiten Hälfte der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Japan tatsächlich allmählich. Nach der Unterzeichnung der gemeinsamen sowjetisch-japanischen Erklärung begannen diplomatische Kontakte wieder zu entstehen, und viele ehemalige Kriegsgefangene konnten nach Hause zurückkehren.

Für genau diese ungewöhnliche Repatriierung wurden jedoch keine Bestätigungen gefunden.

Besondere Fragen wirft auch die Staatsangehörigkeit der Kinder auf. Nach sowjetischem Recht jener Zeit hätten solche Fälle über zahlreiche offizielle Verfahren geregelt werden müssen. Deshalb halten viele Fachleute gerade diesen Teil der Geschichte für besonders zweifelhaft.

Konnte eine solche Geschichte wirklich geschehen sein?

Eine eindeutige Antwort lässt sich heute nicht geben. Einige Elemente der Erzählung sind tatsächlich mit realen historischen Ereignissen verbunden. Die Kwantung-Armee existierte, Hunderttausende japanische Militärangehörige gerieten tatsächlich in sowjetische Gefangenschaft, und viele von ihnen wurden in Lagern Sibiriens und des Fernen Ostens untergebracht.

Doch der weitere Verlauf der Geschichte bewegt sich zunehmend im Bereich unbestätigter Annahmen. Das Fehlen von Archivdokumenten, Augenzeugenberichten, offiziellen Protokollen und unabhängigen Quellen zwingt zu großer Vorsicht.

Vielleicht lag der Legende tatsächlich irgendein reales Ereignis zugrunde, das im Laufe der Jahre immer wieder erzählt, verändert und mit neuen Einzelheiten ergänzt wurde. So entstehen oft Volksüberlieferungen und ungewöhnliche Geschichten über die Vergangenheit.

Warum fasziniert diese Geschichte weiterhin so viele Menschen?

Solche Erzählungen ziehen Aufmerksamkeit auf sich, weil sie echte historische Ereignisse mit Geheimnis und Dramatik verbinden. Leser möchten verstehen, wo die Fakten enden und wo die Erfindung beginnt.

Außerdem erinnert diese Geschichte daran, wie viele wenig bekannte Episoden mit den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs verbunden sind. Forschende arbeiten noch immer mit Archiven verschiedener Länder und finden Unterlagen, die Licht auf vergessene Ereignisse jener Jahre werfen können.

Vielleicht tauchen eines Tages Materialien auf, die die Geschichte von Martin Keller entweder bestätigen oder endgültig widerlegen. Bis dahin bleibt sie eine der ungewöhnlichsten Legenden, die mit dem Nachkriegs-Fernen Osten verbunden sind.

Schlussbetrachtung

Die Geschichte von Martin Keller zeigt, wie reale Ereignisse im Laufe der Zeit zu einer Legende werden können. Sie stützt sich vor allem auf Veröffentlichungen chinesischer Medien, enthält viele eindrucksvolle Details und lässt zugleich zu viele Fragen offen. Gerade das Fehlen belastbarer Dokumente macht diese Erzählung eher zu einem Streitpunkt unter Geschichtsinteressierten als zu einer anerkannten historischen Tatsache.

Beim Lesen solcher Berichte ist es wichtig, bestätigte Informationen von unbewiesenen Versionen zu trennen und nicht zu vergessen, dass nicht jede populäre Geschichte eine dokumentarische Grundlage besitzt. Dennoch lenken solche Erzählungen den Blick erneut auf wenig bekannte Seiten des Zweiten Weltkriegs und wecken Interesse an weiterer Archivforschung.

Was denken Sie?

Glauben Sie, dass sich eine solche Geschichte tatsächlich zugetragen haben könnte, oder halten Sie sie für eine eindrucksvolle Legende, die erst Jahre nach dem Krieg entstanden ist? Teilen Sie Ihre Meinung in den Kommentaren — unterschiedliche Sichtweisen auf diese rätselhafte Geschichte sind besonders spannend.

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