Ich ließ mich auf ein Abendessen mit einem Fünfzigjährigen ein – doch als er mit „dreimal in einer Nacht“ prahlte, verlor der beinahe perfekte Abend plötzlich jeden Zauber

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Schon lange bevor Matthias seine berühmte Geschichte von den „drei Mal in einer Nacht“ auspackte, hatte ich gespürt, dass etwas nicht stimmte.

Dabei wirkte zunächst alles erstaunlich ordentlich. Vielleicht sogar ein wenig zu makellos.

Ich war neunundvierzig, er fünfzig. Gemeinsame Freunde hatten uns miteinander bekannt gemacht. Es gab weder eine filmreife erste Begegnung noch diesen einen Blick, bei dem angeblich sofort die Welt stehen bleibt. Unser Anfang war unspektakulär und beinahe wohltuend normal. An jenem Tag trug ich einen langen Wollmantel und den alten Schal, von dem ich mich seit Jahren nicht trennen konnte, obwohl seine Fransen längst bessere Zeiten gesehen hatten. Matthias erschien in einer tadellos sitzenden Jacke. Er roch nach einem teuren, holzigen Duft, elegant und dezent, niemals aufdringlich. Doch schon nach wenigen Minuten lenkte er das Gespräch auf sich selbst.

„Früher war ich ein völlig anderer Mann“, sagte er und beugte sich ein Stück zu mir herüber.

In meinem Kopf hörte ich mich denken: Na, das geht ja gut los.

Gesagt habe ich nichts. Ich lächelte nur.

Unsere ersten Verabredungen verliefen ruhig. Wir tranken Kaffee, gingen lange durch den Stadtpark und redeten manchmal stundenlang. Matthias drängte mich zu nichts. Er übertrat keine Grenzen und rückte mir nicht unangenehm nahe. Von außen betrachtet entwickelte sich alles vernünftig und angenehm. Trotzdem gab es eine kleine Einzelheit, die mich immer stärker störte.

Er kehrte unablässig in seine Vergangenheit zurück.

„Früher konnte ich die ganze Nacht durchmachen“, erzählte er einmal, während er langsam den Zucker in seinem Kaffee verrührte. „Morgens bin ich direkt ins Büro gegangen, und nach Feierabend habe ich noch eine Frau besucht. Ich hatte scheinbar unendlich viel Energie.“

Ich hörte zu und nickte. Je länger er sprach, desto deutlicher wurde mir, dass seine Erzählungen gar nicht wirklich an mich gerichtet waren. Er versuchte, sich selbst von ihnen zu überzeugen.

„Natürlich ist heute manches anders“, fuhr er fort. „Aber dafür ist jetzt alles viel tiefer. Heute kann ich wirklich fühlen.“

Dieses ewige Aber tauchte sehr viel häufiger auf, als mir lieb war.

Ich hatte nie nach einem perfekten Mann gesucht. Wirklich nicht. Ich brauchte weder Heldensagen noch glänzende Erfolgsgeschichten. Ich wollte einen Menschen neben mir, der lebendig war, empfand und in der Gegenwart stand. Einen Mann, dessen Sätze nicht ständig mit den Worten „Früher war ich …“ begannen.

Trotzdem besaß Matthias etwas, das mich neugierig machte.

Also nahm ich mir vor, ihn nicht vorschnell zu beurteilen.

Am Freitagabend rief er mich an.

„Komm heute zu mir“, sagte er. „Ich koche für dich. Wir machen uns einen schönen Abend – ganz wie erwachsene Leute.“

Ich musste lächeln.

Wie erwachsene Leute. Was genau sollte das wohl bedeuten?

Meine Neugier gewann, und ich fuhr zu ihm.

Seine Wohnung war tatsächlich behaglich. Nicht nur die Heizkörper spendeten Wärme; auch die Atmosphäre hatte etwas Beruhigendes. Gelbliches Licht fiel aus kleinen Lampen, schwere Vorhänge schirmten die Fenster ab, und auf dem massiven Holztisch waren die Spuren vieler Jahre zu sehen. Aus der Küche zog der Duft eines frisch gebackenen Nudelauflaufs herüber. Geschmolzener Käse und würzige Tomatensoße erfüllten die ganze Wohnung.

„Ich habe mir für dich richtig Mühe gegeben“, sagte Matthias beinahe verlegen.

In diesem Augenblick mochte ich ihn mehr als nach all den Geschichten, die er zuvor über sich erzählt hatte.

Wir setzten uns an den Tisch, schenkten Wein ein, aßen, redeten und lachten. Es war wirklich ein schöner Abend.

Bis Matthias wieder bei seinem Lieblingsthema ankam.

„Ich will ehrlich zu dir sein“, begann er und lehnte sich zurück. „Früher habe ich jede Frau überrascht, mit der ich zusammen war.“

Beinahe hätte ich laut aufgelacht, doch ich beherrschte mich.

„Natürlich im positiven Sinn“, ergänzte er sofort.

„Das will ich hoffen“, erwiderte ich lächelnd.

Auch er lächelte, aber es wirkte nicht echt. Eher so, als wüsste er, dass an dieser Stelle ein Lächeln von ihm erwartet wurde.

„Ich bin selbstverständlich nicht mehr so jung wie damals“, sagte er. „Aber ich weiß, wie man das ausgleicht. Verstehst du? Heute geht es nicht mehr um die Anzahl, sondern um Qualität.“

In diesem Moment spannte sich etwas in mir an.

Nicht wegen der Worte selbst.

Sondern wegen des Gefühls, das in ihnen lag.

Es klang, als bereite er vorsorglich eine Entschuldigung für ein Scheitern vor, das noch gar nicht stattgefunden hatte. Als gäbe es irgendwo eine unsichtbare Prüfung, die er unter allen Umständen bestehen musste.

Nach dem Essen legte er eine alte Schallplatte auf. Ein warmes, leicht verrauschtes Lied breitete sich im Zimmer aus. Wir standen nebeneinander am Fenster, und er legte vorsichtig die Arme um meine Schultern.

„Ich mag dich wirklich sehr“, sagte er leise.

Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte sich alles vollkommen echt an.

Für ein paar Sekunden fragte ich mich, ob ich ihn von Anfang an falsch eingeschätzt hatte. Vielleicht waren meine Zweifel tatsächlich ungerecht gewesen. Für diesen kurzen Augenblick wollte ich glauben, dass unsere Geschichte schöner werden könnte, als ich erwartet hatte.

Doch dieses Gefühl blieb nicht lange.

Denn gleich danach verwandelte sich alles wieder in eine Prüfung.

In jeder seiner Bewegungen lag Unsicherheit. Bei jeder Berührung schien er mir wortlos dieselbe Frage zu stellen:

„Und? War das gut genug?“

Es störte mich nicht, dass die Nähe zwischen uns ruhig war.

Das Problem bestand darin, dass jener große Funke, von dem Matthias so ausführlich gesprochen hatte, nirgends zu finden war.

Es war weder schlecht noch unvergesslich.

Es war einfach normal.

Zwischen seinen Erzählungen und der Wirklichkeit klaffte jedoch eine breite Lücke.

Seine Worte waren riesig gewesen. Das, was tatsächlich geschah, blieb ganz gewöhnlich.

Plötzlich ertappte ich mich bei einem seltsamen Gedanken.

Ich konnte ihn nicht wirklich spüren.

Ich spürte nur, wie sehr er sich anstrengte.

Manchmal überkommt einen ein merkwürdiges Gefühl.

Der andere liegt körperlich neben einem, doch ein Teil von ihm scheint außerhalb der Szene zu stehen und sich selbst zu beobachten. Er kontrolliert jede Bewegung, bewertet jeden Augenblick und misst ununterbrochen seine eigene Leistung.

Nach einer Weile stand Matthias auf, zog seinen Morgenmantel über und ging in die Küche.

Ich blieb im Bett liegen, sah schweigend zur Zimmerdecke und hörte, wie draußen zwei Gläser aneinanderstießen.

Kurz darauf kam er mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurück.

„Also …“, begann er, während er sich neben mich setzte. „Du bist doch nicht enttäuscht, oder?“

Mit dieser Frage erlosch auch der letzte Rest von Nähe in mir.

Nicht weil die Nacht schlecht gewesen wäre.

Sondern weil Matthias noch immer versuchte, sich vor einer unsichtbaren Jury zu beweisen.

Es fühlte sich an, als hätte er den ganzen Abend nicht mit mir verbracht, sondern gegen den Mann gekämpft, der er früher einmal gewesen sein wollte.

„Es war schön“, sagte ich ruhig.

Er nickte.

Doch sein Gesicht verriet, dass nicht einmal er selbst meinen Worten glaubte.

„Früher war es natürlich so, dass …“, setzte er erneut an.

„Matthias“, unterbrach ich ihn sanft.

Sofort verstummte er.

„Könnten wir dieses Wort ‚früher‘ vielleicht einmal weglassen?“

Er sah mich überrascht an.

In seinem Blick lag ehrliches Unverständnis, als bemühe er sich wirklich, den Sinn meiner Frage zu erfassen.

„Wie meinst du das?“

„Ganz einfach“, antwortete ich. „Es gibt auch ein Heute. Es gibt diesen Augenblick. Das Leben besteht nicht ausschließlich aus der Vergangenheit.“

Eine Weile blieb es still.

Matthias erwiderte nichts.

Er senkte lediglich langsam den Kopf und nickte.

Genau in diesem Moment begriff ich mit endgültiger Klarheit, dass wir in zwei vollkommen verschiedenen Welten lebten.

Ich versuchte, im Heute zu sein.

Er lebte noch immer im Gestern.

Matthias legte sich wieder neben mich.

Dann drehte er mir den Rücken zu.

Etwa zehn Minuten später war er tief eingeschlafen.

Tatsächlich dauerte es kaum länger als zehn Minuten.

Kein weiteres Wort.

Ich dagegen blieb wach.

Ich hörte seinem gleichmäßigen Atem zu.

Und ich fragte mich, was diesen Abend eigentlich hatte scheitern lassen.

Es lag nicht daran, dass wir eine schlechte Nacht miteinander verbracht hatten.

Das Entscheidende war etwas anderes: Ein Mensch konnte so tief in seiner eigenen Vergangenheit stecken bleiben, dass die Gegenwart nur noch als Kulisse für alte Geschichten diente.

Am nächsten Morgen sah Matthias ausgesprochen erholt aus.

Er bereitete den Kaffee zu.

Nachdem er die Tassen auf den Tisch gestellt hatte, trat er zu mir und küsste mich leicht an die Schläfe.

„Ich habe schon lange nicht mehr so entspannt geschlafen“, sagte er lächelnd.

Auch ich lächelte.

„Wollen wir das bald wiederholen?“, fragte er und zwinkerte mir zu.

In genau dieser Sekunde spürte ich meine Antwort mit einer Deutlichkeit, die keine Erklärung mehr brauchte.

Nein.

Ich wollte es nicht.

Nicht weil Matthias ein schlechter Mensch gewesen wäre.

Er war freundlich.

Er war höflich.

Er meinte es vermutlich ehrlich.

Doch in seiner Nähe fühlte ich mich nicht wie eine Frau.

Ich kam mir eher wie eine Zuschauerin in einem Theater vor.

Vor mir stand ein Schauspieler, der Abend für Abend versuchte, seine eigene Legende wieder zum Leben zu erwecken.

„Mal sehen“, sagte ich lediglich.

Matthias nickte.

Sein Gesichtsausdruck vermittelte den Eindruck, er habe alles verstanden.

Doch tief in mir wusste ich es besser.

Er hatte wahrscheinlich überhaupt nichts verstanden.

In den folgenden Tagen schrieb er mir noch einige Male.

Seine Nachrichten waren genauso höflich wie immer.

Er drängte nicht, stellte keine unangenehmen Fragen und bedrängte mich auch nicht mit weiteren Einladungen.

Ich antwortete ihm ebenso freundlich.

Getroffen haben wir uns trotzdem nie wieder.

Und weißt du, was das Merkwürdigste an dieser ganzen Geschichte ist?

Selbst mit dem Abstand der Zeit könnte ich noch immer keinen einzigen eindeutigen Grund nennen.

Auf dem Papier war alles vollkommen normal gewesen.

Wir hatten uns nicht gestritten.

Niemand hatte den anderen beleidigt oder verletzt.

Es hatte auch keine große, dramatische Enttäuschung gegeben.

Und trotzdem fehlte etwas Entscheidendes.

Das Leben selbst.

Manchmal hatte ich das Gefühl, gar keinem wirklichen Menschen begegnet zu sein, sondern einer Figur, die seit Jahren in den Geschichten weiterlebte, die sie über sich selbst erzählte.

Vielleicht lag genau darin der Kern des Ganzen.

Ich suchte keinen Helden, der irgendwann in der Vergangenheit große Taten vollbracht hatte.

Ich wollte einen echten Menschen, der heute atmete, lachte, Fehler machte und es aushielt, einfach so zu sein, wie er war.

Matthias hingegen versuchte noch immer zu beweisen, dass er einmal eine Legende gewesen war.

Und der Beifall von gestern bedeutete ihm offenbar mehr als die Stille eines wirklichen Augenblicks heute.