Am Morgen nach unserer Hochzeitsnacht rief mich das Standesamt an, verlangte mein sofortiges Erscheinen und warnte mich, meinem Mann kein Wort zu sagen – als ich endlich begriff, was wirklich geschah, war es längst zu spät …

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Am Morgen nach der Hochzeit brachte ein unerwarteter Anruf des Standesamts Katharinas ganzes Leben ins Wanken. Man forderte sie auf, unverzüglich zu erscheinen, und schärfte ihr ausdrücklich ein, ihrem frisch angetrauten Mann nichts davon zu erzählen. Als sie erfuhr, was sich hinter dieser merkwürdigen Bitte verbarg, gab es für sie längst keinen Weg mehr zurück.

Im Hotelzimmer hing noch der betörende Duft der Lilien. Er vermischte sich mit einem feinen Hauch kostbaren Parfüms und dem herben Aroma von Kaffee, der längst kalt geworden war. Durch einen schmalen Spalt zwischen den schweren Vorhängen drang die Morgensonne herein und zeichnete goldene Streifen auf den Boden. Das Licht fiel auf den weißen Schleier, der achtlos über einem Sessel lag, und auf die geöffneten Koffer, deren Inhalt nur halb geordnet war.

Katharina saß schweigend auf der Bettkante und betrachtete Lukas, der noch immer schlief. Im sanften Licht dieses Morgens wirkte sein Gesicht ungewöhnlich friedlich, beinahe jungenhaft, als wäre er plötzlich wieder viele Jahre jünger. Nichts deutete darauf hin, dass hinter diesen vertrauten Zügen etwas verborgen sein könnte.

In fünf Stunden sollte ihr Flug nach Mallorca starten. Die Hochzeitsreise, von der sie monatelang gesprochen und geträumt hatten, stand endlich unmittelbar bevor. Katharina stellte sich bereits das Meer, die warmen Abende und jene ersten gemeinsamen Tage vor, in denen sie sich nicht mehr Braut und Bräutigam, sondern wirklich Mann und Frau nennen würden.

Da zerriss das scharfe Vibrieren ihres Handys die Stille.

Katharina zuckte zusammen und griff hastig nach dem Gerät auf dem Nachttisch. Sie drückte es fest gegen ihre Handfläche, damit das Geräusch Lukas nicht weckte. Auf dem Display erschien eine unbekannte Berliner Festnetznummer.

— Hallo? — flüsterte sie.

Sie stand auf, trat auf den Balkon und zog die Glastür vorsichtig hinter sich zu.

— Spreche ich mit Frau Katharina Neumann? Mein Name ist Claudia Hartmann. Ich bin die zuständige Sachbearbeiterin des Standesamts Mitte, in dem gestern Ihre Trauung stattgefunden hat. Ich rufe Sie wegen einer äußerst wichtigen Angelegenheit an, — erklärte die Frau in einem betont amtlichen Ton.

Trotz ihrer beherrschten Stimme war eine Anspannung zu hören, die Katharina sofort beunruhigte.

— Bei der nachträglichen Prüfung Ihrer Unterlagen ist im Meldesystem eine schwerwiegende Unstimmigkeit festgestellt worden. Deshalb müssen Sie so schnell wie möglich persönlich zu uns kommen.

— Aber unser Flug geht in wenigen Stunden! — entfuhr es Katharina.

Eine eisige Unruhe legte sich um ihr Herz.

— Kann man das nicht später klären? Oder telefonisch? Vielleicht kann ich Ihnen die nötigen Unterlagen schicken.

— Leider ist das nicht möglich. Und Frau Neumann … — Claudia Hartmann schwieg einen Moment, bevor sie ihre Stimme senkte. — Ich bitte Sie ausdrücklich darum, allein zu kommen. Sagen Sie Herrn Lukas Berger nichts von diesem Anruf. Es dient Ihrem eigenen Schutz. Bitte verlieren Sie keine Zeit. Wir erwarten Sie in Zimmer zwölf.

Die Verbindung wurde beendet, bevor Katharina eine weitere Frage stellen konnte.

Lange blieb sie reglos auf dem Balkon stehen. Aus dem Telefon drang nur noch das abgehackte Freizeichen. Die kühle Morgenluft strich über ihre nackten Arme, doch der Druck in ihrer Brust ließ nicht nach.

Allein kommen.

Dem eigenen Mann nichts sagen.

Zu ihrem Schutz.

Die Worte wiederholten sich in ihrem Kopf, während sie verzweifelt nach einer harmlosen Erklärung suchte. Vielleicht fehlte eine Unterschrift. Vielleicht war ein Datum falsch eingetragen worden. Vielleicht hatte jemand bei der Erfassung der Dokumente einen Fehler gemacht.

Doch weshalb durfte Lukas nichts davon erfahren?

Als Katharina ins Zimmer zurückkehrte, war er bereits wach. Er streckte sich, drehte den Kopf zu ihr und schenkte ihr jenes warme, offene Lächeln, dem sie seit zwei Jahren vertraute.

— Guten Morgen, meine Frau, — sagte er fröhlich.

Bei diesen Worten zog sich etwas in Katharinas Brust schmerzhaft zusammen.

Noch am Vortag hatte sie sich danach gesehnt, ihn genau das sagen zu hören. Nun musste sie ihn an ihrem ersten gemeinsamen Morgen belügen. Allein der Gedanke daran fühlte sich so schwer an, dass ihr beinahe übel wurde.

— Lukas, gerade hat jemand aus dem Büro angerufen, — begann sie und bemühte sich verzweifelt, ihre Stimme ruhig zu halten. — Bei den Unterlagen für die letzte Ausschreibung ist etwas durcheinandergeraten. Mein Chef ist völlig aufgebracht. Ich soll dringend vorbeikommen und ein Protokoll unterschreiben. Er hat gesagt, sonst würde die Bonuszahlung nicht freigegeben.

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.

— An einem Sonntag? Und ausgerechnet am ersten Morgen nach unserer Hochzeit? Manche Leute haben wirklich jedes Maß verloren. Komm, ich fahre dich hin.

— Nein, das ist nicht nötig! — antwortete Katharina viel zu schnell.

Sie bemerkte seinen kurzen, prüfenden Blick und zwang sich, gelassener weiterzusprechen.

— Ruh dich noch ein wenig aus. Schlaf vielleicht noch eine Stunde. Ich nehme ein Taxi, unterschreibe das Papier und bin spätestens in einer Stunde zurück. Du kannst währenddessen die Koffer noch einmal durchsehen und prüfen, ob wir wirklich nichts vergessen haben.

Lukas betrachtete sie einige Sekunden lang. Dann nickte er.

— Gut. Aber ruf mich an, sobald du fertig bist.

— Natürlich.

Katharina wandte sich ab, damit er nicht sah, wie schwer ihr das Lächeln fiel.

Vierzig Minuten später hielt das Taxi vor dem stattlichen Steingebäude des Standesamts. Erst am Vortag waren sie durch denselben Haupteingang gegangen, begleitet von Mendelssohns Hochzeitsmarsch und den glücklichen Stimmen ihrer Gäste. Sie hatten sich an den Händen gehalten und geglaubt, der erste Tag ihres gemeinsamen Lebens habe begonnen.

Heute durfte Katharina nicht einmal den großen Eingang benutzen.

Sie betrat das Gebäude durch eine schmale Seitentür, die sonst nur den Mitarbeitern offenstand. Bei jedem Schritt wurde das Gefühl stärker, als hätte nicht jemand anderes, sondern sie selbst etwas Verbotenes getan.

Die Flure waren beinahe menschenleer. Das kalte Licht der Deckenlampen spiegelte sich auf dem blanken Boden. Ihre Schritte klangen viel zu laut und begleiteten sie bis zu Zimmer zwölf.

Dort wartete eine Frau mittleren Alters mit kurz geschnittenem Haar und einer kräftigen Brille. Auf ihrem Schreibtisch lag eine schmale Akte. Sie war kaum dicker als eine Zeitschrift, und dennoch erschien sie Katharina so schwer, als läge darin das Gewicht ihres ganzen bisherigen Lebens.

— Bitte setzen Sie sich, Frau Neumann, — sagte Claudia Hartmann und deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. — Es tut mir leid, dass wir Sie auf diese Weise und unter solcher Geheimhaltung herbestellen mussten. Wenn beim automatischen Abgleich verschiedener Behördenregister ein derartiger Treffer erscheint, dürfen wir die betroffene Ehepartnerin jedoch nur persönlich informieren.

Katharina setzte sich langsam.

— Was soll das bedeuten? Von welcher Unstimmigkeit sprechen Sie?

Sie hielt ihre Handtasche so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Claudia Hartmann holte tief Luft und öffnete die Akte.

— Nachdem Ihre Eheschließung gestern vollständig eingetragen worden war …

Sie schob ihre Brille zurecht und drehte den Computerbildschirm zu Katharina.

— … wurden Ihre Daten automatisch mit den Registern des Bundeskriminalamts, der Finanzbehörden und der zuständigen Geldwäscheaufsicht abgeglichen. Dabei meldete das System eine Übereinstimmung mit einem Sicherheitsvermerk. Bitte sehen Sie genau hin.

Auf dem Bildschirm erschien die eingescannte Passseite von Lukas.

Das Foto war zweifellos seines. Katharina kannte jede Linie dieses Gesichts. Auch das Geburtsdatum stimmte mit dem überein, das er ihr genannt hatte.

Doch der Familienname, der in den amtlichen Daten neben dem Dokument stand, war ein anderer.

— Ich verstehe das nicht … — flüsterte sie. — Was bedeutet das?

Claudia Hartmann nahm langsam die Hände vom Tisch, als fürchte sie, Katharina könne im nächsten Moment die Kontrolle verlieren.

— Es bedeutet, Frau Neumann, dass der Mann, den Sie gestern geheiratet haben, einen Pass vorgelegt hat, der im bundesweiten System als verloren gemeldet ist. Das Dokument gilt seit genau drei Jahren als gestohlen.

Katharina starrte sie an, ohne zu blinzeln.

— Der wirkliche Lukas Martin Berger, geboren 1987 und wohnhaft in Erfurt, meldete im September 2021 den Verlust seines Passes. Danach wurde ihm ein neues Dokument ausgestellt. Ihr Ehemann hingegen …

Die Sachbearbeiterin hielt inne und suchte sichtbar nach einer Formulierung, die weniger grausam klang als die Wahrheit.

— Der Mann, der sich Ihnen gegenüber als Lukas Berger ausgegeben hat, ist nach dem derzeitigen Stand eine Person, deren tatsächliche Identität nicht festgestellt werden konnte.

Die Stille im Raum wurde unerträglich.

Katharina hörte das Rauschen ihres Blutes in den Ohren, das monotone Brummen des alten Deckenventilators und ihren eigenen unregelmäßigen Atem. Der Bildschirm vor ihr verschwamm, doch sie zwang sich, nicht wegzusehen.

— Das kann nicht sein … — brachte sie mühsam hervor. — Ich kenne ihn seit zwei Jahren. Ich habe seine Eltern getroffen. Ich kenne seine Freunde. Ich weiß, wo er gearbeitet hat. Ich weiß doch, wie er lebt.

— Sie haben Menschen kennengelernt, die er Ihnen als seine Eltern vorgestellt hat, — erwiderte Claudia Hartmann sanft, aber bestimmt. — Wir haben unmittelbar nach dem Treffer eine Anfrage nach Erfurt geschickt. Die echte Familie Berger lebt noch immer dort. Sie hat offiziell bestätigt, dass ihr Sohn seit drei Jahren im Schichtdienst in Wilhelmshaven arbeitet und bis heute nie verheiratet war.

Katharina griff nach der Tischkante und hielt sich daran fest. Ihre Fingernägel schrammten über das Holz.

Mit einem Mal stiegen Erinnerungen in ihr auf, die sie längst vergessen oder als belanglos abgetan hatte.

Lukas hatte in jedem Hotel darauf bestanden, das Anmeldeformular selbst auszufüllen.

Er hatte sie nie in seine frühere Wohnung gelassen. Angeblich war sie seit Langem vermietet, und der Mieter wünsche keinen Besuch. Gleichzeitig hatte Lukas erzählt, er selbst lebe nur vorübergehend in einer Mietwohnung.

Und als Katharina ihn endlich ihrem Onkel vorstellen wollte, der bei der Polizei arbeitete, hatte Lukas das Treffen im letzten Augenblick abgesagt. Damals hatte er von einer dringenden beruflichen Angelegenheit gesprochen. Seine Erklärung war ihr merkwürdig vorgekommen, doch sie hatte nicht weiter nachgefragt.

Sie hatte ihm vertraut.

— Wo ist er jetzt? — fragte sie heiser.

Ihre Kehle fühlte sich an, als würde sie sich langsam verschließen.

— Wir besitzen nicht die Befugnis, ihn hier selbst festzuhalten, — erklärte Claudia Hartmann und schob ihr einen kleinen Zettel zu. — Der Vorgang wurde bereits an die Polizei weitergeleitet. Rufen Sie diese Nummer sofort an. Der zuständige Ermittler wartet auf Ihren Anruf. Und ganz gleich, was geschieht: Kehren Sie auf keinen Fall allein ins Hotel zurück.

Katharina nahm den Zettel.

Ihre Hände zitterten so heftig, dass ihr das Handy aus den Fingern glitt und auf den Boden schlug. Als sie sich danach bückte, leuchtete der nun gesprungene Bildschirm auf.

Eine neue Nachricht von Lukas war eingegangen.

„Schatz, bist du bald fertig? Ich habe Frühstück aufs Zimmer bestellt. Deine Apfelpfannkuchen mit Zimt warten auf dich, aber sie werden langsam kalt. Ich küsse dich.“

Katharinas Magen krampfte sich zusammen.

Vor ihrem inneren Auge erschien wieder das friedliche Gesicht, das sie noch vor wenigen Stunden im weichen Morgenlicht betrachtet hatte. Sein liebevoller Blick. Sein vertrautes Lächeln. Seine ruhige Stimme, die ihr immer das Gefühl gegeben hatte, bei ihm sicher zu sein.

Und nun sollte sie glauben, dass dieser Mann nicht einmal eine nachweisbare Vergangenheit besaß.

— Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, — hörte sie Claudia Hartmann sagen.

Die Stimme klang weit entfernt, als dringe sie durch eine dicke Wand oder aus großer Tiefe zu ihr.

— Die Polizei müsste jeden Moment eintreffen. Wissen Sie, ob er seine Ausweispapiere bei sich trägt?

— Er hat sie immer dabei … — murmelte Katharina. — Der Pass steckt in der Innentasche seiner Jacke.

Diese Jacke hatten sie erst eine Woche zuvor gemeinsam ausgesucht.

Katharina hatte sie bezahlt.

In diesem Augenblick erklangen Schritte auf dem Flur.

Sie kamen rasch näher.

Katharina wandte sich hoffnungsvoll zur Tür. Sie erwartete uniformierte Beamte und verspürte zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs einen schwachen Anflug von Erleichterung.

Doch statt der Polizei stand dort ein Mann, dessen Anblick ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

— Lukas? … — Mehr brachte sie nicht hervor.

Die Wände schienen sich vor ihren Augen zu drehen.

Er stand aufrecht im Türrahmen. Er trug das helle Hemd, das Katharina am Abend vor der Trauung eigenhändig für ihn gebügelt hatte. Sein Haar war noch leicht zerzaust. Äußerlich war er derselbe attraktive Mann, neben dem sie am Morgen aufgewacht war.

Nur seine Augen waren vollkommen verändert.

Darin lag weder Liebe noch Zärtlichkeit. An ihre Stelle waren eisige Beherrschung, berechnende Wachsamkeit und eine tiefe Müdigkeit getreten.

— Katharina … — sagte er ruhig.

Von der vertrauten Wärme seiner Stimme war nichts mehr übrig.

— Glaub mir, ich habe wirklich alles versucht, damit es nicht so weit kommt. Bis zum letzten Augenblick hoffte ich, dass es anders enden würde. Aber offenbar hat uns das Schicksal trotzdem hierhergeführt.

Claudia Hartmann sprang auf und griff nach dem Telefon.

Im selben Moment trat Lukas langsam, aber entschlossen einen Schritt in den Raum.

— Nicht nötig, — sagte er. — Ich werde niemandem etwas antun.

Dann richtete er den Blick auf Katharina.

— Du bist nicht meine Frau. Eigentlich warst du es nie. Aber ich werde dir nichts Böses tun. Ich brauchte nur … eine saubere Identität. Einen glaubwürdigen Namen, den ich einige Monate lang benutzen konnte. Ich dachte, ich würde alles abschließen, bevor das System aktualisiert wird.

— Wer … bist du? — flüsterte Katharina.

Ihre eigene Stimme klang ihr fremd, als spräche eine andere Frau aus ihrem Mund.

Ein müdes, schmerzliches Lächeln glitt über sein Gesicht.

— Für dich ist es besser, das nie zu erfahren. Nenn mich weiter Lukas, wenn du willst. Oder gib mir überhaupt keinen Namen. Vergiss mich einfach.

Er schwieg kurz und sah sie an, als wolle er sich jedes Detail ihres Gesichts einprägen.

— Du stellst einen Antrag auf Aufhebung der Ehe, weil sie mit falschen Papieren geschlossen wurde. In wenigen Wochen ist alles offiziell beendet. Verzeih mir …

Mitten im Satz stockte er.

Zum ersten Mal erschien in seinen Augen etwas, das nicht kalt oder berechnend wirkte. Für einen flüchtigen Moment sah Katharina dort Schmerz. Vielleicht sogar Reue.

— Vor allem wegen dieses Morgens, — fügte er leiser hinzu. — Es tut mir leid. Wenigstens diese wenigen Stunden sollten echt sein.

Danach drehte er sich um.

Er verließ das Zimmer ebenso ruhig und lautlos, wie er gekommen war.

Katharina blieb reglos sitzen.

Erst ungefähr eine Minute später stürmten zwei Polizeibeamte herein. Sie stellten rasch hintereinander Fragen, machten Notizen und gaben über ihre Funkgeräte ununterbrochen Meldungen durch.

Katharina nahm nur einzelne Satzfetzen wahr.

„Busbahnhof und Hauptbahnhof überprüfen …“

„Personenbeschreibung an sämtliche Streifen weitergeben …“

„Ausfallstraßen kontrollieren …“

Sie war kaum in der Lage zu antworten.

Schweigend saß sie auf ihrem Stuhl und starrte auf den beim Sturz gesprungenen Bildschirm ihres Handys. Lukas’ Nachricht über die kalt werdenden Apfelpfannkuchen stand noch immer darauf.

Fast eine Stunde verging.

Nachdem die Beamten ihre Aussage aufgenommen hatten, saß Katharina allein auf einer Bank vor dem Standesamt. Die Luft war kühler geworden. Über der Stadt hing ein bleigrauer Himmel.

Erst dort, außerhalb des engen Zimmers, traf sie die Wirklichkeit mit ihrer ganzen Schwere.

Sie erinnerte sich an Lukas’ Worte, als er ihr am Vortag den Ring an den Finger gesteckt hatte.

„Ich werde dich niemals belügen.“

Sie hatte ihm geglaubt.

Dann dachte sie an ihre erste Begegnung zurück.

In einem kleinen Café hatte er angeblich versehentlich Kaffee über ihre Bluse verschüttet. Er hatte sich so aufrichtig entschuldigt, dass sie trotz des Flecks lachen musste. Aus diesem harmlos wirkenden Zufall war ein Gespräch entstanden. Danach hatten sie sich wiedergetroffen.

Später war Lukas mit einer beinahe unheimlichen Vollkommenheit in ihr Leben getreten.

Er hatte sich ihren Gewohnheiten angepasst, ihre Lieblingsorte gemocht und ihre Gedanken oft beendet, bevor sie selbst sie ausgesprochen hatte. Es war ihr vorgekommen, als hätten sie sich nicht erst wenige Monate, sondern schon seit vielen Jahren gekannt.

Nun erschien alles in einem anderen Licht.

Vielleicht hatte er sie lange vor jenem scheinbar zufälligen Treffen beobachtet.

Vielleicht hatte er über sie alles herausgefunden, was er wissen musste.

Ihre Vorlieben.

Ihre Schwächen.

Ihre Familie.

Ihre Gewohnheiten.

Vielleicht war selbst der verschüttete Kaffee kein Zufall gewesen.

Katharina hob den Kopf und blickte in den grauen Morgenhimmel. Da erkannte sie jene Wahrheit, die sie stärker erschütterte als alles andere.

Das Schlimmste war nicht, dass der Mann, den sie geheiratet hatte, ein Verbrecher mit einem gestohlenen Pass war.

Das Schlimmste war nicht einmal, dass jede Erinnerung an ihn nun unter Verdacht stand.

Am schrecklichsten war, dass sie ihn trotz allem noch immer nicht hassen konnte.

Das von den Beamten notdürftig mit Klebeband zusammengehaltene Handy vibrierte erneut.

Katharina erschrak.

Diesmal erschien auf dem Bildschirm eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

„Im Kühlschrank des Hotelzimmers findest du unter einer Serviette die Schlüssel zu der Wohnung in der Kantstraße. Dort liegt alles, was ich dir noch lassen kann. Es hat nichts mit der Hochzeit zu tun. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich dir wenigstens in manchen Dingen die Wahrheit gesagt habe. Such nicht nach mir. Pass auf dich auf, Katharina.“

Sie las die Nachricht zweimal.

Dann schloss sie ihre Hand so fest um das Telefon, dass die scharfe Kante des gesprungenen Bildschirms in ihre Haut drückte.

In der Ferne durchschnitten Polizeisirenen die Stille der Stadt. Wahrscheinlich wurden die Ausfallstraßen bereits kontrolliert. Vielleicht überprüfte man die Bahnhöfe, den Flughafen und jeden Ort, an dem Lukas auftauchen konnte.

Falls Lukas überhaupt sein Name war.

Langsam erhob Katharina sich von der Bank. Ihre Knie zitterten, und selbst das Stehen fiel ihr schwer.

Nun musste sie ihre Mutter anrufen und ihr erklären, dass es in Wahrheit keine Ehe gegeben hatte.

Sie musste beim Reisebüro anrufen und die Tickets nach Mallorca stornieren.

Sie würde ihren Freunden erzählen müssen, dass der Mann, den sie zwei Jahre lang geliebt hatte, in Wirklichkeit Teil einer sorgfältig geplanten Täuschung gewesen war.

Sie musste erklären, dass die Hochzeit, die Ringe, die Glückwünsche und all die gemeinsamen Pläne auf einer Identität beruhten, die überhaupt nicht existierte.

Katharina ging langsam auf ein wartendes Taxi zu.

Nach wenigen Schritten blieb sie jedoch stehen.

Lange sah sie auf die dunkle Fassade des Standesamts zurück.

Noch am Vortag hatten vor diesem Gebäude alle Gäste „Küssen! Küssen!“ gerufen. Katharina und Lukas hatten einander lachend umarmt, während ringsum fotografiert und geklatscht worden war.

Heute hatte sie an genau demselben Ort die grausamste Wahrheit ihres Lebens erfahren.

Die größte Lüge war nicht seine Liebe gewesen.

Es war seine gesamte Existenz.

Da begann das Handy in ihrer Tasche erneut hartnäckig zu vibrieren.

Der Ermittler, der den Fall übernommen hatte, rief an.

Katharina nahm nicht sofort ab.

Sie blickte in die Ferne. Am Horizont schoben sich immer dunklere Gewitterwolken übereinander.

In ihrer Tasche lagen nun die Schlüssel zu einer Wohnung, von deren Existenz sie bis vor wenigen Minuten nichts gewusst hatte.

Und in ihrem Gedächtnis blieb ein Name zurück, der ihr bei jeder Erinnerung wehtun würde.

Lukas.

Ein Name, der vielleicht niemals zu ihm gehört hatte.

Schließlich holte Katharina tief Luft und führte das Telefon ans Ohr.

— Hallo … Ich höre.

Im selben Augenblick fiel hinter ihr die schwere Eisentür des Standesamts mit einem dröhnenden Schlag ins Schloss.

Mit diesem Geräusch begriff Katharina etwas endgültig.

Ihr wirkliches Leben begann erst jetzt.

In dem Leben, das hinter ihr lag, war fast nichts echt gewesen.

Nicht die Geschichte des Mannes, den sie geliebt hatte.

Nicht seine Familie.

Nicht seine Vergangenheit.

Nicht einmal die Ehe, die erst am Vortag geschlossen worden war.

Und vielleicht auch nicht seine Liebe.

Wirklich gewesen war nur jener Morgen, erfüllt vom Duft der Lilien, dem bitteren Geruch des kalten Kaffees und dem goldenen Licht zwischen den Vorhängen …

Und der letzte Blick in den Augen eines geheimnisvollen Mannes, der ihr niemals sagen würde, wer er tatsächlich war.

An diesem Tag lernte Katharina eine einzige Wahrheit.

Manchmal besteht der Preis der Wahrheit darin, alles zu verlieren, von dem man geglaubt hat, es gehöre einem.

Denn oft erkennt ein Mensch erst dann, wenn ihm bereits alles entglitten ist, dass die größte Täuschung nicht aus einzelnen Lügen bestand, sondern aus einem ganzen Leben.