Nach dem Training eilte Hanna nach Hause, weil sie ihrem Mann seine Lieblingsfischsuppe versprochen hatte – doch am Küchentisch wartete ein Geständnis, das ihr ganzes Leben veränderte
Nach dem Training beeilte sich Hanna, nach Hause zu kommen. Sie hatte ihrem Mann versprochen, eine kräftige Fischsuppe zu kochen. Als sie die Wohnung betrat, entdeckte sie Matthias in der Küche. Er saß am Tisch, vor sich ein Glas Wein, und wirkte, als wäre er schon seit Stunden dort.
— Na so was, hast du etwa ohne mich angefangen? Konntest du nicht warten, Matze? Ich mache uns schnell wenigstens eine Kleinigkeit dazu …
— Lass es. Setz dich bitte. Wir müssen reden.
So hatte Hanna ihren Mann noch nie erlebt. Er sah verloren und bedrückt aus, als wäre er an diesem einen Abend um Jahre gealtert. Ihr Herz zog sich zusammen. Was um alles in der Welt war passiert?
— Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll … Ach, ich sage es einfach geradeheraus. Meine Assistentin Laura ist von mir schwanger. Ich werde zu ihr ziehen.
— Das ist ja großartig … Genau wie in einer billigen Fernsehromanze. Und wie lange läuft das schon zwischen euch?
— Ungefähr ein Jahr. Fast unmittelbar nachdem sie bei mir angefangen hatte, suchte sie meine Nähe und zeigte mir ständig, wie sehr sie mich bewunderte. Und ich … ich bin schwach geworden. Sie ist jung, hübsch, unbeschwert und voller Lebensfreude. Sie hat mich an dich erinnert, an die Frau, die du früher warst. Ich habe mich benommen wie ein verliebter Junge. Ich wollte es dir gleich erzählen, wirklich. Aber mir fehlte der Mut. Du hast mir leidgetan …
Jetzt gibt es ohnehin keinen Ausweg mehr. Bald werden wir Eltern. Du weißt doch, wie sehr ich mir immer ein eigenes Kind gewünscht habe. Daniel ist mir natürlich wie ein Sohn, aber er ist nun einmal nicht mein leibliches Kind. Ich brauche einen Erben. Jemanden, dem ich später meine Firma übergeben kann, verstehst du? Wenn ich mit Laura zusammen bin, fühle ich mich wieder jung. Wahrscheinlich hat mich tatsächlich diese berüchtigte Midlife-Crisis erwischt. Davon hast du doch sicher gehört.
Hanna, mir ist klar, dass ich mich wie ein Schuft verhalte. Trotzdem werde ich dich und Daniel nicht im Stich lassen. Die Wohnung und das Auto bleiben euch. Ich werde euch weiterhin Geld überweisen, darum musst du dir keine Sorgen machen. Auch Daniels Studium bezahle ich, wie ich es versprochen habe. Für Laura habe ich bereits ein neues Haus gekauft und auf ihren Namen eintragen lassen. Immerhin ist sie die Mutter meines künftigen Kindes.
— Ich verstehe dich, Matze. Einer Schönheit wie Laura kann man schwer widerstehen, besonders wenn man ein so richtiger Mann ist wie du. Und dein Kind kannst du selbstverständlich nicht verlassen, das wäre ja geradezu unverantwortlich. Für deine finanzielle Unterstützung danke ich dir. Ich werde sie nicht ablehnen. Vielleicht fange ich endlich an zu reisen und lebe einmal nur für mich.
Wann willst du ausziehen? Soll ich dir beim Packen helfen?
Matthias sah seine Frau fassungslos an. Sie war ruhig. Viel zu ruhig, beinahe unheimlich gelassen. Doch vermutlich war es besser so: keine Szene, keine Tränen, kein hysterischer Streit.
— Dann also leb wohl, mein lieber Ehemann. Danke für die Jahre, die wir miteinander hatten. Ich habe mich an deiner Seite wohlgefühlt. Aber das Leben hat offenbar andere Pläne mit uns. Vielleicht verliebe auch ich mich eines Tages noch einmal und werde mit einem anderen Mann glücklich. Nun geh schon. Laura macht sich bestimmt Sorgen und glaubt, ich hätte mich mit beiden Händen an dir festgeklammert.
Matthias griff hastig nach seinen Koffern, brachte ein unbeholfenes Lächeln zustande und ging zum Aufzug.
Als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss gefallen war, kehrte Hanna in die Küche zurück. Sie holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank, öffnete sie, füllte ein Glas bis zum Rand und trank es in einem Zug leer. Ihr Mann hatte sie verlassen. Wie lächerlich und zugleich schmerzhaft dieser Satz klang.
Nie hätte sie geglaubt, dass ihr so etwas passieren könnte. All die Jahre hatten sie friedlich zusammengelebt. Vielleicht ohne überwältigende Leidenschaft, aber mit Vertrautheit, Zuneigung und gegenseitigem Respekt.
Genug jetzt, sagte sie sich. Sie würde nicht dasitzen und sich selbst bemitleiden. Ein neues Leben verlangte nach neuen Regeln. Sie würde schon etwas finden, womit sie ihre Zeit ausfüllte, und zunächst würde ihr ehemaliger Mann dafür bezahlen. Es wäre töricht gewesen, auf das Geld zu verzichten, denn mit Geld standen ihr deutlich mehr Möglichkeiten offen. Nur an ihre neue Rolle musste sie sich erst gewöhnen: an die einer verlassenen Frau.
Schon bald wurde Hanna von einem Strudel neuer Eindrücke mitgerissen. Sie meldete sich zu einem Tanzkurs an und ging nach der Arbeit regelmäßig dorthin. An den Wochenenden besuchte sie Museen, ging ins Kino oder trainierte im Fitnessstudio. Gesellschaft fand sie ebenfalls: Ihre Nachbarin Sabine, die genauso allein lebte, begleitete sie nur zu gern.
Ihr Sohn Daniel studierte in einer anderen Stadt und kam nur selten nach Hause. Hanna war plötzlich vollkommen auf sich gestellt. Sie kochte nur noch, worauf sie selbst Appetit hatte, und musste sich nach niemandem richten. Sie tat, was ihr gefiel, und niemand konnte ihr mehr etwas verbieten. An einen neuen Mann dachte sie nicht einmal. Auch allein ging es ihr erstaunlich gut.
Die Scheidung von Matthias verlief still und ohne Streit. Im Gerichtsflur sah Hanna Laura für einen kurzen Moment. Eine wirkliche Schönheit, das musste man ihr lassen. Ihr früherer Mann hatte offenbar tatsächlich einen guten Geschmack.
Wie versprochen überwies Matthias jeden Monat Geld. Hanna war ihm für diese Großzügigkeit dankbar. Sie wusste, dass er es sich leisten konnte: Seine Firma lief hervorragend, und die Unterstützung für sie und Daniel belastete ihn kaum. Vielleicht war es seine Art, sich für die gemeinsam verbrachten Jahre erkenntlich zu zeigen. Laura wusste vermutlich nichts von den Überweisungen. Gutheißen hätte sie sie wohl kaum.
Ein Jahr verging. Hannas Leben folgte inzwischen einem angenehmen Rhythmus: Tanzabende, Training und mehrere Reisen ins Ausland. Dann blieben die Zahlungen von Matthias plötzlich aus. Nach dem Grund zu fragen, war ihr unangenehm. Wahrscheinlich hatte Laura es ihm verboten. Nun gut, sie würde auch ohne seine Hilfe zurechtkommen. Daniel verdiente neben dem Studium bereits ordentlich und konnte seine Kosten inzwischen selbst tragen. Außerdem reichte Hannas Gehalt für alles, was sie brauchte.
Es war ein freier Tag, und Hanna musste nirgendwohin. Solche ruhigen Morgen genoss sie inzwischen besonders. Sie hatte Fischsuppe gekocht und bemerkte erst danach, dass kein Brot mehr im Haus war. Ohne Brot mochte sie die Suppe nicht. Also zog sie rasch ihre Jacke an und ging zur Bäckerei an der Ecke. Direkt vor dem Laden stieß sie unerwartet mit Matthias zusammen.
— Matze? Was machst du denn hier?
— Hanna, hallo. Ich … ich wohne jetzt ganz in der Nähe. Ich habe mir eine kleine Wohnung gekauft.
— Das sind ja Neuigkeiten. Und Laura? Das Kind? Was ist es eigentlich geworden?
— Ein Mädchen … Aber die ganze Sache ist anders gelaufen, als ich dachte. Stell dir vor, ein Konkurrent hat Laura gezielt auf mich angesetzt. Sie hat sich mein Vertrauen erschlichen, ich habe mich verliebt, und den Rest kennst du. Später setzte sie mich immer stärker unter Druck, die Firma auf sie zu überschreiben. Sie behauptete, sie habe Angst, ich könnte sie verlassen und mittellos zurücklassen.
Ich habe schließlich zugestimmt. Nach der Geburt der Kleinen war ich vollkommen überwältigt und habe alles auf ihren Namen übertragen. Für mich behielt ich nur einen Teil des Geldes auf einem Konto, von dem sie nichts wusste. Kurz darauf warf sie mich aus dem Haus. Dann erfuhr ich, dass das Mädchen gar nicht von mir ist, und die Firma landete bei meinem Konkurrenten. So bin ich ganz unten angekommen. Komisch, nicht wahr? Am Ende wurde es tatsächlich genau so eine schlechte Fernsehromanze, wie du damals gesagt hast.
Ich habe mir diese Wohnung gekauft und eine Stelle gefunden. Ich muss nicht hungern, aber mein früheres Leben bekomme ich nie zurück. Und dir kann ich nun auch nichts mehr überweisen … Verzeih mir. Vermutlich willst du nicht einmal mehr mit mir sprechen. Ich habe dir schrecklich wehgetan. Ich habe dich für diese Frau eingetauscht und …
Plötzlich tat er Hanna leid. Er sah erschöpft aus, ausgebrannt und ohne jeden Glanz. Nichts erinnerte mehr an den selbstsicheren Matthias, der einst mit seinen Koffern zu einer jungen Schönheit gezogen war. Laura hatte sich als eiskalte Betrügerin erwiesen. Und er hatte seine Firma über so viele Jahre aufgebaut, hatte Kraft, Zeit und sein ganzes Herz hineingesteckt.
— Du bist wirklich ein Dummkopf, Matze. Komm mit zu mir. Ich habe gerade Fischsuppe gekocht. Deine Lieblingssuppe.
Lange saßen sie in jener Küche zusammen, in der sie sich früher Abend für Abend nach der Arbeit getroffen und die Ereignisse des Tages besprochen hatten. Das Gespräch war warm, offen und beinahe vertraut wie früher. Nur waren sie nun nicht mehr Mann und Frau.
Danach telefonierten sie gelegentlich miteinander. Von einem gemeinsamen Neuanfang war jedoch nie die Rede. Jeder von ihnen hatte inzwischen sein eigenes Leben. Beim Tanzen lernte Hanna später einen Mann kennen. Sie verliebte sich, heiratete ihn und wurde an seiner Seite aufrichtig glücklich.
Hanna lud Matthias zu ihrer Hochzeit ein. Er kam und freute sich, wie es schien, ehrlich für seine frühere Frau. Bei dieser Feier lernte er die Schwester des Bräutigams kennen. Ein halbes Jahr später waren Hanna und ihr neuer Mann Gäste auf seiner Hochzeit.
Das Leben ist eben erstaunlich unberechenbar. Was auch geschieht, man sollte niemals aufgeben oder glauben, für einen selbst sei alles vorbei. Niemand weiß, welche Wendung schon hinter der nächsten Ecke wartet. Man muss weiterleben, seinen Weg gehen und jeden neuen Tag annehmen.