„Für deine Mutter hast du Geschenke gekauft, aber für meine nicht einmal Geld beigesteuert!“ – kurz vor dem Fest machte ihr Mann ihr eine wütende Szene

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„Für deine Mutter hast du Geschenke gekauft, aber für meine nicht einmal Geld beigesteuert!“ – kurz vor dem Fest machte ihr Mann ihr eine wütende Szene

— Anna, — begann Markus beim Abendessen, — von welchem Geld hast du eigentlich all diese Geschenke für deine Mutter gekauft? Das Kleid, den Wellness-Gutschein, das Fotoalbum … Wenn ich es richtig verstehe, von deinem eigenen?

— Ja, — antwortete sie ruhig. — Ich habe schon seit einer Weile immer wieder etwas beiseitegelegt. Das Kleid habe ich vor zwei Monaten bestellt, den Gutschein für das Spa konnte ich über eine Freundin günstiger bekommen. Und das Album habe ich selbst zusammengestellt: Ich habe nur das Buch gekauft und die Fotos ausdrucken lassen.

Der Geburtstag von Helga Schneider rückte immer näher. Sie wurde fünfundfünfzig und wollte diesen besonderen Tag in einem gemütlichen Restaurant feiern. Eingeladen hatte sie nur Menschen, die ihr wirklich am Herzen lagen: ihre Kinder, die Enkelin, enge Freunde und einige alte Bekannte, die sie lange nicht gesehen hatte und die trotzdem einen festen Platz in ihrem Leben behalten hatten.

Für Anna war ihre Mutter immer ein besonderer Mensch gewesen — klug, herzlich und großzügig. Kein einziges Mal hatte Helga ihrer Tochter vorgerechnet, was sie für sie getan hatte. Wenn Anna in Schwierigkeiten steckte, half die Mutter mit Geld, kaufte, was gerade gebraucht wurde, oder machte einfach so eine Freude, ohne dafür Dankbarkeit einzufordern.

Als Anna klein gewesen war, hatte die Familie jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Helga konnte ihrer Tochter damals vieles nicht kaufen und versuchte, das mit Nähe, Fürsorge und Wärme aufzufangen. Später, als Anna erwachsen wurde, wirkte es beinahe so, als wolle ihre Mutter all das nachholen, was früher unmöglich gewesen war. Manchmal bezahlte sie einen Urlaub an der Ostsee, manchmal lud sie Anna zu einem Einkaufsbummel ein, und manchmal nahm sie die ganze Familie mit in ein Café.

Anna verstand sehr gut, was hinter dieser Großzügigkeit steckte, und nahm die Hilfe ihrer Mutter mit ehrlicher Dankbarkeit an. Seit sie selbst eine Tochter hatte und die kleine Lena größer wurde, begriff sie noch deutlicher, wie viel Kraft, Geduld und Liebe Helga ihr früher geschenkt hatte.

Genau deshalb wollte Anna, dass der fünfundfünfzigste Geburtstag ihrer Mutter unvergesslich wurde. Sie hatte ein schönes Kleid ausgesucht, das genau Helgas Geschmack traf, dazu einen Gutschein für Wellnessbehandlungen und ein Familienalbum, das sie eigenhändig vorbereitet hatte. Darin waren die schönsten Bilder ihrer Mutter, Fotos aus Annas Kindheit und Aufnahmen von Lenas ersten Schritten. Sie wollte, dass Helga an diesem Tag nicht nur beschenkt wurde, sondern spürte, wie wichtig und geliebt sie war.

Sorgfältig wickelte Anna jedes Geschenk ein und legte alles in einen großen Karton. Währenddessen dachte sie nur: „Mama wird sich bestimmt freuen …“ Doch am Abend vor der Feier legte sich plötzlich ein Schatten über ihre Vorfreude. Markus war seit Stunden gereizt, schweigsam und offensichtlich auf Streit aus.

— Anna, — begann er schließlich beim Essen, — womit hast du das alles für deine Mutter bezahlt? Das Kleid, den Gutschein, das Album … Mit deinem Geld, nehme ich an?

— Ja, — bestätigte sie leise. — Ich habe jeden Monat ein bisschen zurückgelegt. Das Kleid ist schon seit zwei Monaten bestellt. Den Gutschein habe ich über eine Freundin mit Rabatt bekommen. Und das Album habe ich selbst gemacht — ich musste nur das Buch besorgen und die Fotos drucken.

— Schön und gut. Aber für meine Mutter hast du vor zwei Jahren nichts Vergleichbares veranstaltet.

Anna erinnerte sich sofort an diesen Geburtstag. Damals hatten sie seiner Mutter Brigitte einen Gutschein für ein Juweliergeschäft geschenkt, weil Markus selbst auf einem teuren Präsent bestanden hatte.

— Wir haben ihr doch einen Gutschein über dreihundert Euro gekauft. Alle Geschenke für meine Mutter zusammen haben weniger gekostet. Ich verstehe wirklich nicht, worüber du dich aufregst.

— Rein rechnerisch mag das stimmen. Mich stört aber, wie sehr du dich für deine Mutter ins Zeug legst. Für sie kaufst du alles Mögliche, und für das Geschenk meiner Mutter hast du nicht einmal angeboten, etwas dazuzugeben! Warum hast du bei meinen Eltern nie denselben Eifer?

— Vielleicht, weil es deine Eltern sind. Außerdem arbeite ich erst seit anderthalb Jahren wieder. Davor war ich in Elternzeit. Von welchem Geld hätte ich deiner Meinung nach ständig für teure Geschenke mitzahlen sollen? — fragte Anna ruhig.

— Na und? — fuhr Markus sie an.

— Gar nichts. Wenn du deiner Mutter etwas Teures schenken möchtest, dann tu es. Ich halte dich nicht davon ab. Und jetzt wollte ich meiner eigenen Mutter eine Freude machen, weil sie unserer Familie so oft geholfen hat und uns bis heute unterstützt.

— Willst du damit sagen, meine Mutter tut überhaupt nichts für uns?

Es wäre unfair gewesen zu behaupten, Brigitte kümmere sich gar nicht um ihre Enkelin. Hin und wieder tauchte sie unangekündigt auf, nahm Lena für zwei Stunden mit auf den Spielplatz oder zu einem Spaziergang und verschwand danach wieder für längere Zeit. Finanziell hatten Markus’ Eltern Anna und ihrer Familie allerdings so gut wie nie geholfen.

— Ich sage nur, dass ich meine Mutter liebe und ihr etwas Persönliches und Herzliches schenken möchte. Mehr nicht. Lass uns das Thema beenden. Ich bin müde und will schlafen, — sagte Anna, gähnte und ging ins Schlafzimmer.

Markus blieb in der Küche sitzen und sah ihr mit zusammengekniffenen Augen hinterher. Er konnte sich mit dem, was er als empörende Ungerechtigkeit gegenüber sich und seinen Eltern empfand, nicht abfinden. Dabei wusste er ganz genau, dass viele Familienausflüge, größere Anschaffungen und unerwartete Ausgaben nur deshalb möglich gewesen waren, weil Helga Geld beigesteuert hatte. Nur eingestehen wollte er es nicht.

Noch eine Weile murmelte er verärgert vor sich hin, dann schob er seinen Stuhl geräuschvoll zurück und ging ebenfalls ins Bett. Er hatte offenbar erwartet, Anna würde ihm nachkommen, ihn beruhigen, ein paar versöhnliche Worte sagen oder sich sogar entschuldigen, wie sie es früher manchmal getan hatte. Doch sie schwieg. Nicht aus Stolz und nicht, um ihn zu bestrafen. Sie fühlte sich schlicht nicht schuldig. Sie hatte etwas getan, das sie für richtig hielt, und sie würde sich nicht dafür entschuldigen, dass sie ihre Mutter liebte — eine Frau, die ihrer Familie unzählige Male den Rücken gestärkt hatte.

Am nächsten Morgen stand Anna wie gewohnt früh auf und versuchte, niemanden zu wecken. Sie machte sich fertig, bereitete Frühstück vor, half Lena beim Anziehen für den Kindergarten und verabschiedete sich von dem noch halb schlafenden Markus. Dann fuhr sie mit ihrer Tochter los. Der Tag verging zwischen Arbeit, Erledigungen und Gedanken an die bevorstehende Feier. Anna wollte nur, dass alles schön wurde und ihre Mutter an diesem Abend die Zuneigung ihrer Familie wirklich spüren konnte.

Nachdem Lena abends eingeschlafen war, öffnete Anna den Kleiderschrank und holte vorsichtig die Sachen heraus, die sie für den Festtag vorbereitet hatte. Für sich selbst hatte sie ein zartes Kleid in einem hellen Pastellton gewählt, für Lena ein hübsches Kleidchen in ähnlichen Farben. Für Markus legte sie ein graues Hemd bereit, das hervorragend zu seiner Hose passte. Zusammen sah alles harmonisch und stilvoll aus.

— Was soll denn diese Modenschau? — spottete er am nächsten Morgen, als er die Kleidung sah. — Ich ziehe ein weißes Hemd an. Spar dir deine Stylingideen für jemand anderen.

— Wie du möchtest, — antwortete Anna ruhig, obwohl ihr die Bemerkung einen Stich versetzte.

Es war nicht das graue Hemd, um das es ihr ging. Sie verletzte vielmehr die Art, wie Markus ihre Mühe behandelte — als wären ihre Vorfreude, ihr Einsatz und der Geburtstag ihrer Mutter völlig bedeutungslos.

Das Restaurant war warm, freundlich und geschmackvoll eingerichtet. Helle Tischdecken lagen auf den Tischen, das Geschirr war sorgfältig arrangiert, leise Musik spielte im Hintergrund, und der Duft frischer Blumen erfüllte den Saal. Die Gäste begrüßten einander herzlich, umarmten sich, tauschten Neuigkeiten aus und lachten. Helga sah wunderschön aus und strahlte vor Freude.

Markus ging beinahe sofort zu seinem Platz, ließ sich schwer in den Sessel fallen und machte es sich breitbeinig bequem wie ein Herr, dem nur noch jemand fehlte, der ihm Mantel und Hut abnahm. Anna dagegen ging mit Lena an der Hand zu ihrer Mutter. Den großen Geschenkkarton überreichte sie behutsam und mit sichtbarer Aufregung, aber ohne große Inszenierung.

— Danke, mein Schatz, — sagte Helga lächelnd und drückte ihre Tochter fest an sich. — Ich mache alles später in Ruhe auf, ja? Ich möchte mir Zeit dafür nehmen und den Moment genießen.

Anna nickte. Genau in diesem Augenblick vibrierte ihr Handy in der Handtasche. Auf dem Display stand Brigittes Name.

„Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt“, dachte Anna, nahm aber trotzdem ab.

— Ja, Brigitte?

— Hallo, Anna. Ich wollte deiner Mutter gratulieren. Richte ihr bitte Gesundheit und alles Gute von mir aus. Sie hilft euch ja so viel, nicht wahr? Ganz anders als wir. Wir armen Verwandten sind für euch offenbar völlig überflüssig. Du brauchst von Menschen ja anscheinend nur Geld.

— Was reden Sie denn da? — fragte Anna irritiert.

Sie ging ein Stück vom Saal weg, bis zur Toilette, und erst dort konnte sie etwas lauter antworten.

— Was hat das mit „armen Verwandten“ zu tun? Und warum glauben Sie, dass Sie niemand braucht?

— Weil es so ist. Mein Markus hat mir alles erzählt. Wie du dich angestrengt hast, wie du Geschenke ausgesucht und dich um deine Mutter gekümmert hast.

— Ich habe die Feier nicht organisiert. Meine Mutter hat das Restaurant selbst reserviert. Ich habe nur Geschenke gekauft. Ich verstehe wirklich nicht, worauf Sie hinauswollen.

— Darauf, Liebes, dass du lernen musst, mit mir gut auszukommen, wenn du deine Ehe behalten willst. Du weißt doch: Wenn ich nur mit den Fingern schnippe, bringe ich Markus problemlos dazu, sich von dir zu trennen, — sagte Brigitte mit hörbarem Vergnügen.

— Tatsächlich? Dann müssen Sie sich gar keine Mühe geben. Das übernehme ich selbst, wenn Sie und Ihr Markus es nicht ertragen können, dass ich eine eigene Familie habe. Morgen kommt er mit seinen Sachen zu Ihnen. Schließlich gehört die Wohnung, in der wir leben, meiner Mutter, — sagte Anna plötzlich hart.

— Warte! — Brigittes Ton veränderte sich sofort. — So habe ich das doch überhaupt nicht gemeint.

— Was genau haben Sie dann gemeint? Dass Sie mich und meine Mutter ohne jeden Grund beleidigen und anschließend so tun, als sei nichts gewesen? Markus überschreitet in letzter Zeit ständig Grenzen. Er ist respektlos, macht Szenen und benimmt sich unerträglich. Ich kann viel aushalten, aber auch meine Geduld ist irgendwann zu Ende.

Anna beendete das Gespräch, sah sich im Spiegel an, strich sich eine Haarsträhne zurecht und ging zurück zu den Gästen. Nach außen wirkte sie gefasst: Sie lächelte, unterhielt sich mit ihrer Cousine, schenkte Lena Saft ein und beteiligte sich an den Gesprächen. Innen jedoch kochten Wut und Verletzung.

Keine zehn Minuten nach ihrer Rückkehr trank Markus ein Glas Wein, dann noch eines „auf das Geburtstagskind“, anschließend erhob er das Glas auf „die Tochter der Jubilarin“ und kurz darauf einfach auf „diese wunderbare Gesellschaft“. Er erzählte lautstarke Witze, lachte übertrieben und benahm sich, als wäre er ein alleinstehender Mann, der weder Familie noch Verantwortung kannte.

Als eine ihm unbekannte Frau in einem glitzernden, enganliegenden Kleid zu ihm kam und ihn zum Tanzen aufforderte, zögerte Markus nicht einmal. Im Gegenteil: Er grinste, stand auf und zwinkerte Anna demonstrativ zu, als wolle er sie absichtlich eifersüchtig machen.

Anna sagte nichts. Ihr Blick traf nur kurz den ihrer Mutter. Helga runzelte deutlich die Stirn, doch Anna schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie wollte an diesem Abend keine Szene und schon gar nicht vor allen Gästen über Markus sprechen.

„Ich lasse nicht zu, dass er ihr diesen Abend verdirbt“, sagte sie sich immer wieder.

Lena lief währenddessen glücklich zwischen den Tischen hin und her, drehte sich in ihrem Kleid, freute sich über Süßigkeiten, Luftballons und den festlich geschmückten Raum. Für das Mädchen war auch dieser Tag ein echtes Fest. Sie liebte ihre Großmutter und wollte einfach nur, dass sie lächelte.

Die Feier endete spät am Abend. Die Gäste fuhren gut gelaunt nach Hause. Vor dem Haus verkündete Markus plötzlich:

— Ich gehe noch kurz zum Kiosk und hole mir ein paar Dosen Bier. Ich möchte den Abend noch ein bisschen weiterlaufen lassen.

Anna antwortete nicht. Sie ging in die Wohnung und schloss die Tür von innen.

Dann half sie Lena beim Umziehen, gab ihr den Schlafanzug, brachte sie ins Bett und wartete, bis das Kind sich beruhigt hatte. Danach ging Anna in die Küche und setzte sich schweigend an den Tisch.

Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie weder Angst noch Unruhe. In ihr war es erstaunlich still. Es war, als hätte sich ein dichter, schwerer Nebel plötzlich gesenkt und den Blick freigegeben. Vor ihr lag auf einmal ein klarer Weg. Anna verstand, dass sie ihn von nun an allein gehen konnte — und vielleicht sogar musste.

Einige Zeit später kam Markus zurück. Er rüttelte am Türgriff, klingelte und hämmerte laut gegen die Tür, doch Anna öffnete nicht.

Sie trat an die Tür und sagte mit fester Stimme:

— Schlaf bei deiner Mutter. Ihr versteht euch ohnehin viel besser.

— Bist du völlig verrückt geworden? Mach sofort auf!

— Nein. Und ruf mich nicht mehr an. Heute Nacht lasse ich dich sowieso nicht herein.

Draußen fluchte Markus noch eine Weile. Dann hörte Anna, wie seine Schritte sich entfernten.

Sie schloss alle Schlösser ab, machte das Licht aus und ging ins Zimmer ihrer Tochter. Lena war schon fast eingeschlafen. Anna legte sich zu ihr und nahm sie vorsichtig in den Arm.

An diesem Abend erlaubte sie sich zum ersten Mal seit vielen Jahren, nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst vollkommen ehrlich zu sein.

Am nächsten Morgen wachte Anna ungewöhnlich erholt auf. Sie konnte sich kaum erinnern, wann sie zuletzt so tief geschlafen hatte — ohne beklemmende Träume, kreisende Gedanken und plötzliches Aufschrecken. Neben ihr atmete Lena ruhig. Als das Mädchen die Augen öffnete und seine Mutter neben sich sah, fragte es überrascht:

— Mama, hast du die ganze Nacht bei mir geschlafen?

Anna lächelte und strich ihr sanft über die Haare.

— Heute ist ein besonderer Tag, mein Schatz. Deshalb wollte ich bei dir sein.

Lena verstand die Bedeutung dieser Worte nicht ganz, gähnte fröhlich und streckte sich.

Markus meldete sich weder früh am Morgen noch später. Seine Stille war ein wenig ungewöhnlich, aber Anna konnte sich gut denken, weshalb er nicht anrief.

Gegen elf Uhr klingelte ihr Telefon. Helga war dran.

— Schatz, seid ihr gestern gut nach Hause gekommen? Ist alles in Ordnung? — fragte sie mit der vertrauten Wärme in der Stimme. — Ich wollte dir noch einmal für den schönen Abend danken. Es war wirklich wunderbar. Und die Geschenke … Anna, du hast mich damit sehr berührt.

— Mama, — Anna setzte sich auf die Bettkante, — ich muss dir etwas sagen. Ich habe beschlossen, mich von Markus scheiden zu lassen.

Nach einer kurzen Pause antwortete Helga ruhig:

— Weißt du, ich bin überhaupt nicht überrascht. Er ist nicht der richtige Mensch für dich, mein Schatz. Für sein Alter ist Markus viel zu unreif und innerlich viel zu unsicher. Neben ihm hast du dir ständig eingeredet, dass alles gar nicht so schlimm sei. Aber wenn man sich jeden Tag selbst überzeugen muss, dass das eigene Leben in Ordnung ist, dann ist es nicht in Ordnung.

— Ich habe es jetzt auch endlich verstanden. Ich will nicht mehr so tun, als wäre alles normal. Ich will nicht mit einem Mann leben, der sich für den wichtigsten Menschen auf der Welt hält.

— Und das ist richtig so, Anna. Hab keine Angst. Du bist klug, du bist stark, du hast Lena, und du hast mich. Alles andere kann man sich neu aufbauen oder wiederbeschaffen. Wir schaffen das.

Brigitte dagegen geriet regelrecht außer sich. Markus war gegen zwei Uhr nachts bei ihr aufgetaucht — betrunken, wütend und voller Selbstmitleid. Zuerst hatte sie ihn wegen seines Zustands zurechtgewiesen, dann hörte sie sich seine Version der Ereignisse an. Am Morgen hielt sie es schließlich nicht mehr aus und fuhr zu Anna.

Lange und rücksichtslos hämmerte sie gegen die Wohnungstür. Anna sah durch den Spion, erkannte ihre Schwiegermutter und beschloss, nicht zu öffnen. Alles Notwendige war bereits gesagt worden. Sie hatte keinerlei Absicht, dieses sinnlose Gespräch fortzusetzen.

Doch Brigitte gab nicht auf.

— Du undankbares Biest! Was wärst du denn ohne meinen Sohn?! Allein hältst du keinen einzigen Tag durch! Er hat dich jahrelang ertragen, und du setzt ihn mitten in der Nacht vor die Tür! Eine Schande! Hast du überhaupt noch Verstand?

Anna stand ruhig hinter der Tür, lehnte mit dem Rücken an der Wand und hörte plötzlich, wie die Nachbarin aus dem fünften Stock auf den Flur trat.

— Sagen Sie mal, haben Sie überhaupt noch Anstand? Die Leute wollen ihre Ruhe! Soll ich die Polizei rufen, oder gehen Sie freiwillig?

— Ich bin bei meiner Schwiegertochter!

— Offenbar will Ihre Schwiegertochter Sie nicht sehen. Und wir übrigens auch nicht.

Ein paar Minuten später ging Brigitte endlich.

Anna atmete tief aus.

Das war es.

Die Grenze war endgültig gezogen.

Die Scheidung verlief vergleichsweise schnell und ohne große Skandale. Markus besuchte Lena weiterhin gelegentlich, verschwand aber aus Annas Alltag fast vollständig. Und sie war darüber nur erleichtert.

Sie vermisste ihn nicht, und sie empfand auch keine Leere. Im Gegenteil: Es schien ihr, als wäre in der Wohnung und in ihrem eigenen Leben plötzlich viel mehr Luft.

Anna glaubte nicht, dass sie nie wieder jemanden lieben würde. Im Gegenteil, sie war sicher, dass vor ihr der Anfang eines vollkommen neuen Lebens lag.

Endlich war sie wieder sie selbst — ruhig, frei, ganz und glücklich.

Und nach und nach begann das Leben tatsächlich, ihr wieder freundlich entgegenzukommen. Nicht mit gewaltigen Wundern, sondern mit einfachen Dingen, die plötzlich erstaunlich kostbar waren: mit den ersten Sonnenstrahlen am Morgen, mit Lenas lustigen Bemerkungen, mit alten Lieblingsliedern im Auto und mit dem längst vergessenen Wunsch, wieder Pläne zu schmieden und zu träumen.