Nach dem Training eilte Sabine nach Hause – sie hatte ihrem Mann versprochen, seine Lieblingsfischsuppe zu kochen. Doch am Küchentisch wartete ein Geständnis, das ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte

Aus Von
Nach dem Training eilte Sabine nach Hause – sie hatte ihrem Mann versprochen, seine Lieblingsfischsuppe zu kochen. Doch am Küchentisch wartete ein Geständnis, das ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte

Nach dem Training beeilte sich Sabine, nach Hause zu kommen. Sie hatte ihrem Mann versprochen, am Abend seine geliebte Fischsuppe zu kochen. Als sie die Wohnung betrat und in die Küche ging, blieb sie überrascht stehen. Thomas saß bereits am Tisch, vor sich ein Glas Wein, und wirkte, als hätte er schon eine ganze Weile dort gesessen.

— Na, du konntest wohl nicht auf mich warten? — sagte Sabine und versuchte zu lächeln. — Thomas, so ungeduldig kenne ich dich gar nicht. Ich mache schnell etwas zum Knabbern dazu …

— Lass es. Setz dich bitte. Wir müssen reden.

Sabine blieb einen Augenblick stehen. So hatte sie ihren Mann noch nie gesehen. Sein Gesicht war angespannt, sein Blick dunkel und unsicher. Es war, als wäre er innerhalb weniger Stunden um Jahre gealtert. Ihr wurde unbehaglich. Was um alles in der Welt war passiert?

— Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll … Ach, was soll’s. Ich sage es einfach. Meine Sekretärin Laura ist von mir schwanger. Ich werde zu ihr ziehen.

— Das ist ja großartig … — Sabine stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. — Genau wie in einer billigen Fernsehserie. Und wie lange läuft das schon zwischen euch?

— Ungefähr ein Jahr. Eigentlich fing es kurz nachdem sie bei mir angefangen hatte an. Sie suchte ständig meine Nähe, schenkte mir Aufmerksamkeit, und ich … ich bin schwach geworden. Sie ist jung, hübsch, unkompliziert, fröhlich. Irgendwie hat sie mich an dich erinnert, an die Zeit, als wir noch jünger waren. Ich habe mich aufgeführt wie ein verliebter Junge. Ich wollte es dir gleich sagen, wirklich. Aber ich habe mich nicht getraut. Ich hatte Mitleid mit dir …

Er schwieg kurz, nahm einen Schluck Wein und fuhr dann leiser fort:

— Jetzt gibt es ohnehin kein Zurück mehr. Bald werden wir Eltern. Du weißt doch, wie sehr ich mir immer ein eigenes Kind gewünscht habe. Jonas ist mir natürlich ans Herz gewachsen, fast wie ein eigener Sohn. Aber er ist nun einmal nicht mein leibliches Kind. Ich wollte immer einen Erben haben. Jemanden, dem ich eines Tages meine Firma übergeben kann, verstehst du? Mit Laura fühle ich mich plötzlich wieder jung. Wahrscheinlich ist es tatsächlich diese berühmte Midlife-Crisis. Davon hast du doch bestimmt schon gehört.

Thomas sah sie an, als erwartete er Tränen, Vorwürfe oder einen Wutausbruch.

— Sabine, mir ist klar, dass ich mich wie ein Mistkerl benehme. Aber ich werde weder dich noch Jonas im Stich lassen. Die Wohnung und das Auto bleiben bei euch. Ich werde euch weiter finanziell unterstützen. Und Jonas’ Studium bezahle ich selbstverständlich wie versprochen. Du musst dir deswegen keine Sorgen machen. Ich habe außerdem bereits ein Haus gekauft und auf Laura überschreiben lassen. Immerhin ist sie die Mutter meines zukünftigen Kindes.

Sabine betrachtete ihn aufmerksam und antwortete erstaunlich ruhig:

— Ich verstehe schon, Thomas. Bei einer so schönen jungen Frau wie Laura ist es natürlich schwer, standhaft zu bleiben. Vor allem für einen richtigen Mann wie dich. Und dein Kind kannst du selbstverständlich nicht verlassen, das wäre ja geradezu unmenschlich. Danke übrigens für das Angebot mit dem Geld. Ich werde nicht so töricht sein, es abzulehnen. Vielleicht fange ich endlich an zu reisen und lebe ein bisschen für mich selbst.

Dann sah sie zur Tür.

— Wann willst du eigentlich ausziehen? Soll ich dir beim Packen helfen?

Thomas starrte seine Frau verwirrt an. Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit dieser Reaktion. Sabine war geradezu unheimlich gefasst. Andererseits war ihm das vermutlich lieber als Geschrei, Tränen und eine Szene, die noch Stunden dauern würde.

— Na dann, leb wohl, mein lieber Ehemann, — sagte Sabine schließlich. — Danke für die Jahre, die wir miteinander hatten. Mir ging es gut mit dir. Aber offenbar hat das Leben andere Vorstellungen. Wer weiß, vielleicht verliebe ich mich eines Tages ebenfalls neu und werde mit einem anderen Mann glücklich. Geh jetzt lieber. Laura sitzt wahrscheinlich zu Hause und stellt sich schon vor, wie ich mich an dein Bein klammere und dich nicht gehen lasse.

Thomas griff hastig nach seinen Koffern, brachte ein verlegenes Lächeln zustande und ging zum Aufzug.

Als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fiel, blieb Sabine einige Sekunden reglos im Flur stehen. Dann ging sie zurück in die Küche, öffnete den Kühlschrank und holte eine Flasche Sekt heraus. Sie ließ den Korken knallen, füllte ein Glas bis fast an den Rand und trank einen großen Schluck. Ihr Mann hatte sie verlassen. Allein dieser Satz klang in ihrem Kopf so absurd, dass sie ihn kaum begreifen konnte.

Nie hätte Sabine gedacht, dass ihr selbst einmal so etwas passieren würde. Ihre Ehe war all die Jahre ruhig gewesen. Vielleicht hatte es schon lange keine stürmische Leidenschaft mehr gegeben, doch dafür waren Vertrautheit, Zuneigung und gegenseitiger Respekt geblieben. Zumindest hatte sie das geglaubt.

Genug jetzt, dachte sie. Sie würde sich nicht selbst bemitleiden. Wenn ein neues Leben begonnen hatte, dann brauchte dieses neue Leben eben neue Regeln. Sie würde schon etwas finden, womit sie ihre Zeit füllen konnte. Und wenn Thomas bereit war, das Ganze mitzufinanzieren, umso besser. Es wäre schließlich töricht, aus verletztem Stolz auf Geld zu verzichten, wenn sich damit so viel mehr machen ließ. Nur an eine Sache musste Sabine sich erst gewöhnen: Sie war jetzt offiziell die Frau, die von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen worden war.

Schon bald geriet sie in einen regelrechten Strudel neuer Eindrücke. Nach der Arbeit besuchte sie einen Tanzkurs. An den Wochenenden ging sie ins Museum, ins Kino oder zum Sport. Allein musste sie vieles davon nicht unternehmen, denn ihre Nachbarin Claudia, die ebenfalls ohne Partner lebte, schloss sich ihr gerne an.

Jonas studierte in einer anderen Stadt und kam nur selten nach Hause. Sabine hatte deshalb plötzlich eine Freiheit, die sie seit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Sie kochte nur noch Gerichte, auf die sie selbst Lust hatte. Sie musste sich nach niemandem richten, keine Vorlieben berücksichtigen und niemanden fragen, was er am Wochenende unternehmen wollte. Wenn ihr etwas gefiel, tat sie es einfach. Einen neuen Mann suchte sie nicht. Nicht einmal im Entferntesten. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass es ihr allein ziemlich gut ging.

Auch die Scheidung von Thomas verlief ohne große Auseinandersetzungen. Im Gerichtsgebäude sah Sabine Laura nur für einen kurzen Moment. Sie musste zugeben: Die junge Frau war wirklich ausgesprochen attraktiv. Geschmack hatte ihr ehemaliger Mann also durchaus gehabt.

Thomas hielt zunächst Wort. Jeden Monat überwies er Sabine Geld, und sie war ihm für diese Großzügigkeit tatsächlich dankbar. Sie wusste, dass es ihm finanziell nicht wehtat. Seine Firma lief hervorragend, und er konnte sowohl sie als auch Jonas unterstützen, ohne selbst auf etwas verzichten zu müssen. Sabine betrachtete es als eine Art stillen Dank für die gemeinsam verbrachten Jahre. Laura wusste davon vermutlich nichts. Sabine konnte sich kaum vorstellen, dass sie diese Zahlungen begeistert aufgenommen hätte.

Ein Jahr verging. Sabines Leben hatte inzwischen seinen eigenen Rhythmus gefunden. Sie tanzte, ging regelmäßig zum Training und unternahm mehrere Reisen ins Ausland. Dann blieben Thomas’ Überweisungen plötzlich aus.

Sabine wollte nicht nachfragen. Es erschien ihr unangenehm, wegen des Geldes anzurufen. Wahrscheinlich hatte Laura irgendwann davon erfahren und ihrem Mann untersagt, seine Exfrau weiterhin zu unterstützen. Dann war es eben so. Sabine würde auch ohne das zusätzliche Geld zurechtkommen. Jonas verdiente inzwischen neben dem Studium selbst ganz ordentlich und konnte einen Teil seiner Kosten allein tragen. Und Sabines eigenes Gehalt reichte für das, was sie brauchte.

Eines Morgens hatte sie frei und musste nirgendwohin. Solche Tage liebte Sabine inzwischen besonders. Ohne Eile bereitete sie eine Fischsuppe zu und stellte plötzlich fest, dass kein Brot mehr im Haus war. Für sie gehörte frisches Brot jedoch unbedingt dazu. Also zog sie schnell eine Jacke an und ging zur Bäckerei.

Auf dem Weg dorthin blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen.

Vor ihr stand Thomas.

— Thomas? Was machst du denn hier?

Er sah sie ebenfalls überrascht an.

— Sabine! Hallo. Na ja … ich wohne inzwischen wieder ganz in der Nähe. Ich habe mir hier eine Wohnung gekauft.

Sabine musterte ihn.

— Das sind ja Neuigkeiten. Und Laura? Das Kind? Sag mal, was ist eigentlich geworden — ein Junge oder ein Mädchen?

Thomas senkte kurz den Blick.

— Ein Mädchen. Aber … die ganze Sache ist völlig anders gelaufen, als ich gedacht hatte. Du wirst es kaum glauben. Laura war von einem Konkurrenten auf mich angesetzt worden. Sie sollte mein Vertrauen gewinnen. Genau das hat sie geschafft. Ich habe mich verliebt, und wie es danach weiterging, weißt du ja.

Sabine sagte nichts. Thomas fuhr fort:

— Später fing sie an, mich unter Druck zu setzen. Sie wollte, dass ich die Firma auf sie überschreibe. Immer wieder sagte sie, sie habe Angst, ich könnte sie eines Tages verlassen und sie würde mit dem Kind vor dem Nichts stehen.

Er verzog das Gesicht zu einem bitteren Lächeln.

— Und ich Idiot habe zugestimmt. Nach der Geburt der Kleinen war ich vollkommen überwältigt und habe tatsächlich alles auf Laura übertragen. Nur einen Teil meines Geldes ließ ich auf einem Konto, von dem sie nichts wusste. Zum Glück. Denn kurz darauf hat sie mich rausgeworfen. Und dann kam heraus, dass das Kind überhaupt nicht von mir ist. Die Firma landete schließlich bei meinem Konkurrenten. Damit war alles weg, wofür ich so viele Jahre gearbeitet hatte. Schon komisch, oder? Am Ende ist es tatsächlich genauso absurd geworden wie die schlechte Fernsehserie, über die du damals gesprochen hast.

Sabine betrachtete ihn genauer. Erst jetzt fiel ihr auf, wie verändert er aussah.

— Mit dem Rest des Geldes habe ich mir diese Wohnung gekauft. Arbeit habe ich auch gefunden. Arm bin ich also nicht und auf der Straße sitze ich ebenfalls nicht. Aber das Leben, das ich früher hatte, ist vorbei. Und deshalb konnte ich dir irgendwann auch kein Geld mehr überweisen … Es tut mir leid. Wahrscheinlich willst du nach allem, was passiert ist, ohnehin nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich habe dir wehgetan. Ich habe dich gegen diese Frau eingetauscht und …

Er brach den Satz ab.

Sabine spürte plötzlich etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Mitleid. Thomas sah erschöpft aus, niedergeschlagen und innerlich leer. Von dem selbstbewussten Mann, der damals mit seinen Koffern zu seiner jungen Geliebten gezogen war, schien kaum etwas übrig geblieben zu sein. Und Laura hatte sich tatsächlich als Betrügerin entpuppt. Dabei wusste Sabine genau, wie viele Jahre Thomas seine Firma aufgebaut hatte und wie viel Kraft und Arbeit darin steckten.

Sie seufzte.

— Du bist wirklich ein Idiot, Thomas. Komm mit zu mir. Ich habe gerade Fischsuppe gekocht. Deine Lieblingssuppe.

So saßen sie wenig später wieder an demselben Küchentisch, an dem sie während ihrer Ehe unzählige Abende miteinander verbracht hatten. Früher waren sie nach der Arbeit nach Hause gekommen, hatten gegessen und sich gegenseitig erzählt, was an diesem Tag passiert war. Auch diesmal redeten sie lange, offen und beinahe vertraut miteinander. Nur eines war nun anders: Sie waren kein Ehepaar mehr.

Danach telefonierten Sabine und Thomas gelegentlich miteinander. Niemand sprach davon, wieder zusammenzukommen. Diese Tür war geschlossen, und beide wussten das. Jeder hatte inzwischen sein eigenes Leben.

Bei ihrem Tanzkurs lernte Sabine schließlich einen Mann kennen. Aus der Bekanntschaft wurde mehr, und später heirateten die beiden. Sabine war mit ihm wirklich glücklich.

Zu ihrer Hochzeit lud sie auch Thomas ein. Er kam tatsächlich und schien sich aufrichtig für seine ehemalige Frau zu freuen. Auf eben dieser Feier lernte Thomas die Schwester des Bräutigams kennen.

Ein halbes Jahr später standen Sabine und ihr neuer Mann erneut auf einer Hochzeitsfeier — diesmal als Gäste bei Thomas’ Hochzeit.

Das Leben lässt sich eben nur selten vorausberechnen. Selbst wenn plötzlich alles zusammenbricht, ist es zu früh, aufzugeben und zu glauben, dass nichts Gutes mehr kommen kann. Niemand weiß, welche Wendung hinter der nächsten Ecke wartet. Manchmal bleibt nur, weiterzugehen, das eigene Leben zu leben und jeden neuen Tag anzunehmen, wie er kommt.