Meine Schwiegermutter brachte ohne zu fragen die ganze Verwandtschaft in unser Wochenendhaus und ließ sie meine Wintervorräte plündern – doch ihre großzügige Verteilung endete genau in dem Moment, als ich vor der Tür stand

Aus Von
Meine Schwiegermutter brachte ohne zu fragen die ganze Verwandtschaft in unser Wochenendhaus und ließ sie meine Wintervorräte plündern – doch ihre großzügige Verteilung endete genau in dem Moment, als ich vor der Tür stand

— Katharina, guten Tag. Habt ihr euer Wochenendhaus verkauft, oder wollt ihr plötzlich alles räumen? — Die Stimme meiner Gartennachbarin, Frau Monika Wagner, klang am Telefon so klar und streng, als würde sie gerade eine Lagebesprechung leiten.

— Wie kommen Sie denn darauf? Martin und ich sind gerade in der Stadt, — antwortete ich, klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr und betrachtete weiter die Gartenschläuche im Baumarkt.

— Dann darf ich dir wohl zur Eröffnung deines neuen Großhandels gratulieren, — sagte sie trocken. — Deine Schwiegermutter hat aus eurem Keller gerade eine richtige Ausgabestelle gemacht. Wenn das so weitergeht, stehen gleich mehrere Autos vor dem Tor Schlange. Claudia schleppt leere Kartons aus dem Kofferraum, und Ingrid Hoffmann verteilt Befehle wie eine Lagerleiterin: „Mit den Gläsern Steinpilze vorsichtig! Die sind für Onkel Karl zum Geburtstag!“

Langsam legte ich den Schlauch zurück ins Regal. Martin, der ein paar Meter weiter eine neue Bohrmaschine verglich, sah meinen Gesichtsausdruck und hob fragend die Augenbrauen.

— Martin, — sagte ich nach einem tiefen Atemzug. — Anscheinend hat der Schlüssel, den du deiner Mutter ausschließlich zum Gießen im Gewächshaus gegeben hast, ganz nebenbei die Tür zu einer Schatzkammer geöffnet. Nur dass dort kein Gold liegt, sondern meine Einmachgläser. Wir fahren.

Normalerweise brauchten wir ungefähr eine halbe Stunde bis zu unserem Wochenendgrundstück. An diesem Tag waren wir in weniger als fünfundzwanzig Minuten dort. Das Gartentor stand sperrangelweit offen, als rechne man mit einer ganzen Besuchergruppe. Auf der Veranda herrschte die Stimmung eines lauten Familienpicknicks: Auf meiner liebsten Spitzentischdecke lagen aufgeschnittenes Brot, Käse und Wurst, und mitten auf dem Tisch stand ein bereits geöffnetes Glas Erdbeerkonfitüre, das ich eigentlich für die kalte Jahreszeit zurückgelegt hatte.

Ingrid Hoffmann saß am Kopfende des Tisches mit einer Feierlichkeit, als hätte sie soeben offiziell verkündet, dass unser Grundstück ab heute Familienbesitz sei. Martins älterer Bruder Stefan schleppte in diesem Moment eine schwere Kiste mit eingelegten Tomaten aus dem Haus. Seine Frau Birgit zählte konzentriert die Gläser nach, während Martins jüngere Schwester Claudia versuchte, mehrere Gläser meines selbst eingekochten Paprikagemüses in einer großen Einkaufstasche zu verstauen.

— Ach, die Eigentümer sind da! — rief Stefan mit übertriebener Fröhlichkeit und blieb mit dem Karton auf der Treppe stehen.

— Euch ebenfalls einen schönen Tag, — sagte ich, lehnte mich an den Türrahmen und verschränkte die Arme. — Ingrid, ich sehe, das gewöhnliche Gießen der Gurken hat heute unerwartet die gesamte Verwandtschaft, mehrere Autos und die dringende Vernichtung meiner Vorräte erforderlich gemacht?

Claudia, die als Empfangskraft in einem Kosmetikstudio arbeitete, richtete sich sofort empört auf und strich ihre schicke Bluse glatt.

— Kathi, musst du gleich so ein Theater daraus machen? — Sie verdrehte die Augen. — Das Gemüse wächst doch von allein in der Erde. Das ist kein Studio, wo man ständig denken, Kundinnen betreuen und Termine eintragen muss. Man steckt Samen in den Boden, gießt ein paarmal, und fertig. Ich nehme nur etwas Paprikagemüse für Lisa mit. Sie sitzt den ganzen Tag im Büro und braucht etwas Selbstgemachtes mit Vitaminen. Du kochst doch sowieso wieder neue Gläser ein!

— Claudia, — antwortete ich mit einem so sanften Lächeln, dass Martin vorsichtshalber zwei Schritte zur Seite trat, — wenn Gemüse tatsächlich völlig ohne Arbeit wachsen würde, gäbe es weder Gärtner noch Landwirte. Tomaten müssen angebunden, ausgegeizt, vor Krankheiten geschützt und rechtzeitig gegossen werden. Glaub mir, das ist ein bisschen aufwendiger, als am Telefon Termine fürs Haarefärben einzutragen.

— Du kannst meine Tochter einfach nicht leiden, weil du selbst dein ganzes Leben im Einzelhandel gearbeitet hast! — fuhr meine Schwägerin mich plötzlich an.

— Deine beruflichen Erfolge beschäftigen mich überhaupt nicht, Claudia. Aber im Moment hältst du ein Glas von meinem Eingemachten in der Hand, als wäre es die letzte kostenlose Probe einer teuren Gesichtscreme. Stell es zurück.

Claudia sog hörbar Luft ein, wurde vor Empörung rot und setzte das Glas mit einem gereizten Ruck zurück in die Kiste. Daraufhin mischte sich Birgit ein. Sie arbeitete an der Kasse eines Baumarkts und liebte es, über Preise zu sprechen und ihre ganz persönlichen „verlässlichen Fakten“ zum Besten zu geben.

— Katharina, warum bist du denn so geizig? — Birgit presste die Lippen zusammen und versuchte dabei unauffällig, ein großes Glas Gewürzgurken hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen. — Du hast hier so viel eingekocht, davon könnten mehrere Familien essen. Wobei du ehrlich gesagt zu viel Essig nimmst, und das ist nicht gut für den Magen. Wir wollten die Gurken für Lisa mitnehmen. Sie hat doch Gastritis, und selbst gemachtes Essen ist immer noch besser als gekauftes. Da weiß man wenigstens, was drin ist. Kannst du für die Familie wirklich nicht ein paar Gläser entbehren?

— Birgit, — ich rieb mir müde über den Nasenrücken, — wenn du dich nicht nur für Sonderangebote bei Werkzeug und Wandfarbe interessieren würdest, wüsstest du, dass Essig in einer Marinade nicht bloß wegen des Geschmacks steckt. Er hilft bei der Haltbarkeit und verhindert, dass sich gefährliche Keime vermehren. Und eine Gastritis behandelt man mit geeigneter Ernährung und ärztlichen Empfehlungen, nicht mit Lebensmitteln, die man ohne Erlaubnis aus dem Keller anderer Leute trägt.

— Egoistin! — In Birgits Gesicht schossen rote Flecken hoch. — Wegen eines einzigen Glases Gurken bist du bereit, dich mit der ganzen Familie zu zerstreiten!

— Wegen eines Gurkenglases streite ich mich bestimmt nicht, — sagte ich ruhig. — Aber du bringst es jetzt so schnell zurück, als hätte an deiner Kasse gerade jemand eine Rückgabe ohne Bon verlangt.

Birgit schnaubte verärgert, ließ das Glas aber schließlich los. Stefan bemerkte, dass die Stimmung immer angespannter wurde, und beschloss, sich als Friedensstifter zu versuchen.

— Leute, jetzt hört doch auf, euch wegen Essen anzuschreien! Martin, sag deiner Frau, dass wir alle eine Familie sind. Muss man wegen ein paar Gläsern wirklich die Beziehungen kaputtmachen?

Bis dahin hatte Martin schweigend zugesehen. Nach den Worten seines Bruders trat er jedoch nach vorn. Sein Gesicht war plötzlich kühl und vollkommen ernst.

— Stefan, Beziehungen zerstört nicht derjenige, der sein Eigentum schützt. Sie werden von Menschen zerstört, die mit leeren Kartons bei anderen auftauchen und ohne Erlaubnis deren Keller ausräumen. Ihr bringt alles zurück. Sofort.

Ingrid begriff, dass ihr Einfluss auf die Situation gerade in sich zusammenfiel. Wütend schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch und verfehlte das offene Marmeladenglas nur knapp.

— Ich bin die Mutter deines Mannes! — verkündete sie mit einer Feierlichkeit, als spräche sie vor einem voll besetzten Saal. — Ich habe sehr wohl das Recht, ein paar Gläser für meinen Bruder zum Geburtstag mitzunehmen! Und außerdem wachsen Pilze im Wald. Das ist Natur. Die gehört nicht dir allein!

— Ingrid, — erwiderte ich, zog mein Handy aus der Tasche und öffnete den Taschenrechner, — sobald jemand Pilze rechtmäßig gesammelt und verarbeitet hat, gehören diese Vorräte nicht plötzlich jedem, der vorbeikommt. Ohne Erlaubnis in einen fremden Keller zu gehen und Sachen hinauszutragen, kann dagegen ganz andere Folgen haben.

— Krämerseele! — Meine Schwiegermutter legte sich demonstrativ die Hand auf die Brust. — Bei dir geht es immer nur ums Geld! Kein Herz, keine Großzügigkeit, nur Rechnerei und Geiz!

— Mein Herz hört genau dort auf, großzügig zu sein, wo jemand ungefragt anfängt, meine Sachen mitzunehmen, — sagte ich gelassen und tippte Zahlen in den Rechner. — Und du empörst dich gerade so laut, als hätte man dich vor einem Laden mit unbezahlten Waren in der Tasche angehalten.

Es wurde still. Man hörte nur noch das Summen einer Wespe, die über der offenen Erdbeerkonfitüre kreiste.

— Dann machen wir es jetzt ganz sachlich, — sagte ich und öffnete die Notiz auf meinem Handy, in der ich immer festhielt, wie viele Vorräte ich eingekocht hatte. — Sieben Gläser Steinpilze. Zehn Gläser Paprikagemüse. Fünfzehn Gläser eingelegte Gurken. Dazu mehrere Gläser Beerenmus. Wir rechnen Gemüse, Zucker, Gewürze, Deckel, Gläser, Wasser und Strom. Und meine Arbeitszeit setze ich mit dem durchschnittlichen Stundenlohn einer Haushaltshilfe an. Dann kommen wir auf …

Ich nannte die Summe. Stefan stieß einen erstaunten Pfiff aus und sah auf die Kiste neben seinen Füßen.

— Entweder ihr bezahlt alles, oder ihr tragt es sofort wieder zurück, — sagte Martin hart. Dann ging er zu seiner Mutter und nahm ihr den Schlüssel zum Grundstück ab. — Und ohne uns kommt künftig niemand mehr hierher.

In diesem Augenblick klingelte Ingrids Handy, das auf dem Tisch lag. Auf dem Display stand: „Bruder Karl“. Mit leicht zitternden Händen stellte meine Schwiegermutter auf Lautsprecher und sagte mit klagender Stimme:

— Karl … du bekommst nun doch keine Steinpilze zum Geburtstag. Katharina waren ein paar Gläser für uns zu schade, und außerdem hat sie uns alle vom Grundstück geworfen …

Am anderen Ende der Leitung war ein schweres Seufzen zu hören. Karl war ein direkter Mensch und kannte den Charakter seiner Schwester nach all den Jahren nur zu gut.

— Ingrid, bist du schon wieder ohne Erlaubnis zu den Kindern gefahren und hast gleich die ganze Verwandtschaft mitgebracht? — fragte er so laut, dass der kleine Lautsprecher im Handy schepperte. — Ich habe dir ausdrücklich gesagt, dass ich nichts auf meinem Geburtstagstisch haben will, was anderen gehört! Entschuldige dich sofort bei Katharina und bring alles zurück, was ihr schon herausgetragen habt. Hast du denn überhaupt kein Schamgefühl mehr?

Danach war die Verbindung beendet. Ingrid saß regungslos da, bis zu den Ohren rot, und starrte auf das dunkel gewordene Display.

Es dauerte ungefähr fünfzehn Minuten, bis sämtliche Gläser wieder an ihrem Platz standen. Stefan und Birgit trugen schweigend Kiste um Kiste zurück in den Keller. Claudia verzog wütend den Mund, stieg in ihr Auto und fuhr als Erste davon, ohne sich auch nur zu verabschieden. Als das letzte Glas wieder auf dem Regal stand, ging ich zurück zur Veranda.

— Für die geöffnete Erdbeerkonfitüre, den Käse und die Wurst, die du aus unserem Kühlschrank genommen hast, bekomme ich noch fünfzehn Euro von dir, Ingrid, — sagte ich höflich und hielt die Hand auf. — Du kannst es mir auch direkt überweisen.

Meine Schwiegermutter sagte kein Wort. Sie öffnete ihre Geldbörse, zog zwei zerknitterte Scheine heraus, legte sie mit einer scharfen Bewegung auf den Tisch und ging mit hoch erhobenem Kopf zu Stefans Auto.

Martin und ich blieben allein auf dem Grundstück zurück. Mein Mann legte mir den Arm um die Schultern und sah dem Wagen nach, der langsam durch das offene Tor hinausrollte.

— Weißt du, — sagte er mit einem schiefen Lächeln, — die Gurken im Gewächshaus haben sie tatsächlich nicht gegossen.

— Macht nichts, — antwortete ich, schüttelte die Brotkrümel von der Spitzentischdecke und steckte das Geld ein. — Ich gieße sie selbst. Dafür gibt es auf unserem Wochenendgrundstück ab heute ganz sicher weniger unerwartete Gäste.