„Frauen dürfen keine Unterwäsche tragen“: Warum den afghanischen Taliban ein schockierendes Verbot westlicher Dessous zugeschrieben wird
Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht herrscht in Afghanistan ein äußerst strenges System gesellschaftlicher Vorschriften, das auf ihrer radikalen Auslegung der Scharia beruht. Schon ein scheinbar geringfügiger Verstoß gegen die festgelegten Regeln kann für Betroffene Verhöre, Erniedrigungen, Festnahmen oder harte körperliche Strafen nach sich ziehen.
In manchen Berichten wird behauptet, zu den ungewöhnlichsten Einschränkungen gehöre sogar ein Verbot von Unterwäsche westlicher Art. Besonders streng soll diese Vorgabe gegenüber Frauen ausgelegt werden.
Dabei findet sich im Koran keine ausdrückliche Anweisung, die Frauen das Tragen von Unterwäsche untersagt. Befürworter solcher Einschränkungen begründen sie vielmehr mit dem Wunsch, so zu leben, wie ihrer Vorstellung nach die ersten Muslime zur Zeit des Propheten Mohammed lebten. Moderne BHs, synthetische Unterwäsche oder Spitzenwäsche gab es im siebten Jahrhundert selbstverständlich nicht. Genau dieser Umstand wird als Argument herangezogen, um ein entsprechendes Verbot zu rechtfertigen.
Hinzu kommt, dass radikale Vertreter der Bewegung westliche Kleidung als Quelle moralischen Verfalls betrachten. Moderne Mode sei ihrer Auffassung nach gerade für Frauen besonders gefährlich. Sie könne angeblich der Gesundheit schaden und männliche Aufmerksamkeit erregen – selbst dann, wenn die betreffende Unterwäsche vollständig unter der übrigen Kleidung verborgen bleibt.
In entsprechenden Veröffentlichungen werden Vertreter der afghanischen sogenannten Sittenpolizei mit der Ansicht wiedergegeben, Frauen benötigten keine europäische Unterwäsche, weil ihr Körper ohnehin vollständig durch traditionelle Kleidung bedeckt sei. Dinge, die es zur Zeit der ersten Muslime nicht gegeben habe, würden demnach als überflüssiger Luxus und zugleich als Gefahr für die öffentliche Moral betrachtet.
Damit entsteht eine geradezu widersprüchliche Situation. Afghanische Frauen werden verpflichtet, Burkas, dicht verhüllende Kleidung und andere Gewänder zu tragen, die fast den gesamten Körper verdecken. Gleichzeitig sollen ihnen nach diesen Berichten ausgerechnet bestimmte Kleidungsstücke verboten sein, die unter dieser vollständigen Bedeckung überhaupt nicht sichtbar wären.
Allerdings gibt es nur sehr wenige unabhängige Belege dafür, dass tatsächlich ein offizielles, landesweit geltendes Verbot speziell von Damenslips oder BHs existiert. Solche Geschichten verbreiten sich vor allem in sozialen Netzwerken und in sensationell aufgemachten Veröffentlichungen. Bekannt ist jedoch, dass die Taliban den Verkauf und die Einfuhr verschiedener Waren einschränken, die sie als Symbole eines westlichen Lebensstils ansehen.
Wer verbotene Kleidung verkauft oder über die Grenze transportiert, kann Berichten zufolge mit Befragungen, der Beschlagnahmung der Ware, Haft oder körperlicher Bestrafung konfrontiert werden. Wie streng bestimmte Regeln tatsächlich angewandt werden, kann sich von Provinz zu Provinz unterscheiden und hängt häufig von den örtlichen Verantwortlichen sowie davon ab, wie rigoros die jeweiligen Vertreter der Bewegung vorgehen.
Eine besondere Rolle spielen dabei die sogenannten Muhtasibs, Mitarbeiter der „Sittenpolizei“. Sie überwachen das äußere Erscheinungsbild der Bevölkerung, das Verhalten von Frauen und die Einhaltung der vorgeschriebenen Normen. Manchmal kann bereits die Beschwerde eines Nachbarn eine Kontrolle auslösen. In kleineren Orten soll mitunter schon der Verdacht genügen, dass eine Familie Gegenstände westlicher Herkunft besitzt oder benutzt, die von den örtlichen Behörden missbilligt werden.
Werden bei einer Hausdurchsuchung Kleidungsstücke gefunden, die lokale Verantwortliche als unzulässig betrachten, können die Bewohner beschuldigt werden, gegen religiöse oder gesellschaftliche Vorschriften verstoßen zu haben. Welche Folgen daraus entstehen, ist nicht immer vorhersehbar. Sie können von einer bloßen Verwarnung bis zu einer Festnahme reichen.
Die Geschichte über das angebliche Unterwäscheverbot mag durch kein offizielles Dokument eindeutig bestätigt sein. Vor dem Hintergrund zahlreicher anderer Einschränkungen, denen afghanische Frauen im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts tatsächlich ausgesetzt wurden, wirkt sie jedoch wie ein weiteres Element eines sehr viel größeren Bildes.
Mädchen wurde der Zugang zu weiterführender und höherer Bildung genommen. Frauen dürfen nach den beschriebenen Regeln vielerorts nicht ohne einen männlichen Begleiter, einen Mahram, das Haus verlassen. Der Zugang zu zahlreichen Parks, Sporteinrichtungen, Schönheitssalons und anderen öffentlichen Orten ist eingeschränkt. Ebenso werden Möglichkeiten beschnitten, einer Arbeit nachzugehen, Sport zu treiben, Kosmetik zu verwenden, Auto zu fahren oder sich in Gegenwart fremder Männer frei zu unterhalten.
In manchen Fällen dürfen Frauen nicht laut singen, vorlesen oder sogar öffentlich Gebete sprechen. Gesicht und Körper sollen verborgen bleiben. Wer auf der Straße Kleidung trägt, die nach Auffassung der Taliban nicht den geforderten Regeln entspricht, muss damit rechnen, angehalten oder festgenommen zu werden.
Umso schwerer erscheint diese Entwicklung, wenn man sich vor Augen führt, dass das Leben in den großen afghanischen Städten noch einige Jahrzehnte zuvor in vieler Hinsicht völlig anders aussah.
Während der Zeit der Demokratischen Republik Afghanistan studierten zahlreiche Frauen aus Kabul an Hochschulen und arbeiteten als Ärztinnen, Lehrerinnen oder Staatsbedienstete. Sie bewegten sich auf den Straßen, ohne ihr Gesicht vollständig zu verhüllen, trugen zeitgenössische Kleider und konnten ihre berufliche Laufbahn selbst gestalten.
Innerhalb eines vergleichsweise kurzen historischen Zeitraums veränderte sich die Stellung vieler Frauen damit bis zur Unkenntlichkeit.
— Uns werden immer mehr Dinge verboten, — berichten Afghaninnen, die gezwungen sind, ihre wirklichen Namen geheim zu halten. — Jeder unserer Schritte wird kontrolliert, ebenso jedes Detail unseres Aussehens und unseres Verhaltens. Es geht längst nicht mehr um ein einzelnes Verbot. Es geht um den Versuch, einer Frau vollständig das Recht zu nehmen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen.
Frauen aus verschiedenen Provinzen beschreiben, dass die ständig wachsenden Einschränkungen ihnen das Gefühl geben, Gefangene in den eigenen vier Wänden zu sein.
Sie können ihre Kleidung nicht frei auswählen, sich nicht nach eigenen Vorstellungen bilden, nicht uneingeschränkt arbeiten und sich nicht selbstverständlich durch ihre Stadt bewegen. Praktisch jede Handlung kann als Verstoß gegen religiöse Vorschriften ausgelegt werden.
Berichten zufolge betrachten die Taliban auch bestimmte Arten westlich produzierter Männerunterwäsche mit Ablehnung. Zur Begründung wird dasselbe Argument verwendet: Solche Kleidungsstücke habe es in Arabien zur Entstehungszeit des Islams nicht gegeben, weshalb ein gläubiger Mensch sie angeblich auch heute nicht benötige.
Gegenüber Männern sollen entsprechende Anforderungen allerdings deutlich weniger rigoros durchgesetzt werden. Ein altes Paar Unterhosen, das bei einer Familie im Haus gefunden wird, dürfte für einen angesehenen männlichen Haushaltsvorstand kaum automatisch zu einer schweren Bestrafung führen.
Frauen können sehr viel seltener mit einer solchen Nachsicht rechnen. Genau deshalb erscheint selbst das Gerücht über ein Verbot bestimmter Unterwäsche vielen nicht einfach als absurde Erfindung. Es fügt sich für sie vielmehr in eine Politik ein, bei der der Lebensraum von Frauen Schritt für Schritt eingeschränkt wird – bis hinein in Details, die eigentlich zum persönlichsten und privatesten Bereich eines Menschen gehören.