„Warum stehst du noch im Bademantel? Die Gäste sind jeden Moment da!“ – erst jetzt fiel ihrem Mann ein, dass er seine Kollegen zum Abendessen eingeladen hatte
— Dann lass dir eben irgendetwas einfallen! — Markus warf nervös die Hände in die Luft, und in seiner Stimme lag inzwischen unverhohlene Panik. — Du bist doch die Frau hier, du führst den Haushalt! Mach einfach etwas! Schneid Aufschnitt auf, wirf einen Salat zusammen, keine Ahnung … stell irgendwas in die Pfanne! Und bitte zieh dich endlich um! So wie du dastehst, siehst du aus wie … wie eine Haushaltshilfe an ihrem freien Tag!
Katrin zog die schwere Wohnungstür hinter sich zu und lehnte sich für einige Sekunden mit dem Rücken dagegen. Langsam ließ sie die Luft aus den Lungen entweichen, als könnte sie damit die ganze Anspannung der vergangenen Woche loswerden. Freitag. Allein dieses Wort klang für sie wie eine kleine Erlösung. Fünf Tage voller Abstimmungen, Tabellen, Kontrollen, Berichte und Besprechungen lagen hinter ihr. Jetzt wollte sie nur noch Ruhe.
Ihre Stelle als Senior Auditorin in einer großen Beratungsgesellschaft verlangte ihr viel ab. Trotzdem liebte Katrin ihre Arbeit. Zahlen waren logisch. Regeln waren nachvollziehbar. Fehler ließen sich finden und erklären. Es gab Strukturen, auf die man sich verlassen konnte. Genau diese Ordnung vermisste sie in letzter Zeit ausgerechnet dort immer stärker, wo sie sie eigentlich am meisten gebraucht hätte — in ihrer Ehe.
Sie streifte die engen Pumps ab und hätte vor Erleichterung beinahe laut aufgestöhnt, als ihre müden Füße endlich das kühle Parkett berührten. Die Wohnung war still. Herrlich still.
Markus kam freitags normalerweise spät nach Hause. Nach Feierabend blieb er häufig noch mit Kollegen in einer Kneipe oder Weinbar sitzen, um, wie er es nannte, „geschäftliche Dinge in entspannter Atmosphäre“ zu besprechen. Oft wurde es fast Mitternacht. Er leitete die Vertriebsabteilung, war ehrgeizig, durchsetzungsstark und ausgesprochen karriereorientiert. Und im vergangenen Jahr hatte Katrin immer deutlicher gemerkt, wie sehr sein Selbstwert davon abhing, welchen Eindruck er auf andere Menschen machte.
Sie ging ins Schlafzimmer, zog ihren strengen Hosenanzug aus, der sich am Ende eines Arbeitstages fast wie eine Rüstung anfühlte, und öffnete den Kleiderschrank. Auf einem eigenen Bügel hing ihr liebster Bademantel. Dicker Frottee, ein warmer Apricotton, nach zahllosen Wäschen ein wenig verblasst. Gerade deshalb mochte sie ihn umso mehr.
Dieser Bademantel war für Katrin viel mehr als irgendein Kleidungsstück für zu Hause. Er bedeutete Ruhe. Wärme. Sicherheit. Er gehörte zu den seltenen Stunden, in denen niemand etwas von ihr wollte und sie nur sich selbst gehörte. Sie schlüpfte hinein, band den Gürtel zu und spürte beinahe körperlich, wie die letzten Reste des Arbeitstages von ihr abfielen.
Ihr Plan für den Abend hätte einfacher kaum sein können, und genau deshalb erschien er ihr vollkommen: ein heißes Bad, ein Glas von ihrem Lieblingswein, später etwas Köstliches und völlig Unvernünftiges vom Lieferdienst und danach ein alter Film, den sie schon dutzendfach gesehen hatte. Keine Kennzahlen. Keine Fristen. Keine Diagramme. Keine Probleme anderer Leute. Nur sie und ein verdienter ruhiger Freitagabend.
Katrin war gerade auf dem Weg in die Küche, um sich ein Glas Wasser einzuschenken, als im Flur plötzlich der Schlüssel im Schloss drehte. Die Tür flog so heftig auf, dass sie gegen den Türstopper schlug.
Markus stand im Eingang. Er atmete schwer, seine Krawatte hing schief, und in seinem Gesicht lag unverkennbar Panik.
— Katrin! — platzte es aus ihm heraus, während er die Schuhe achtlos auf der Fußmatte abstreifte. — Warum läufst du denn so herum?
Katrin blieb mit dem Wasserglas in der Hand stehen.
— Wie soll ich denn herumlaufen? Markus, was ist passiert? Ich dachte, du wolltest heute noch mit den Leuten aus deiner Abteilung etwas trinken gehen.
Markus ließ den Blick hektisch durch die Wohnung schweifen, als begutachte er einen Tatort. Auf dem Küchentisch lag noch die Post vom Morgen, über einer Stuhllehne hing eine Strickjacke, und Katrin selbst stand mitten in der Küche: im apricotfarbenen Bademantel, die Haare lose hochgesteckt, das Gesicht frisch gewaschen und vollkommen ungeschminkt.
— Warum bist du noch im Bademantel? Die Gäste sind jeden Moment hier! — zischte er und griff sich an den Kopf.
Katrin brauchte einen Augenblick, um zu verstehen.
— Welche Gäste? Markus, wovon redest du?
— Meine Kollegen! Herr Berger und Sabine! — Markus senkte die Stimme plötzlich zu einem nervösen Flüstern, als könnten die beiden bereits draußen vor der Tür stehen. — Ich habe sie zum Abendessen eingeladen! Herr Berger ist mein Chef, falls du das vergessen hast! Von heute Abend könnte meine Beförderung abhängen. Du weißt doch, wie wichtig ihm Familie und ein ordentliches Zuhause sind. Er will sehen, wie seine Mitarbeiter privat leben. Und Sabine kommt mit, weil ihr Mann gerade beruflich unterwegs ist.
Katrin sah ihn lange an.
— Du hast vergessen, mir zu sagen, dass du deine Kollegen zum Abendessen eingeladen hast.
Sie sprach langsam und betonte jedes einzelne Wort. Tief in ihr begann sich eine unangenehme Hitze auszubreiten. Sie kannte dieses Gefühl. Es war der Moment kurz vor echter Wut.
— Ich habe es dir gesagt! — fuhr Markus sie an, doch gleichzeitig wich sein Blick zur Seite aus. — Dienstagmorgen. Ich weiß ganz genau, dass ich es dir Dienstagmorgen erzählt habe!
— Dienstagmorgen hast du deine hellblaue Hemdbluse gesucht und dich über den Berufsverkehr aufgeregt. Von Gästen hast du kein einziges Wort gesagt. Markus, ist dir eigentlich klar, was du da gerade verlangst? Im Kühlschrank stehen noch eine halbe Schüssel Suppe von gestern und zwei Becher Joghurt. Ich war nicht einkaufen. Mein Arbeitstag war die Hölle.
— Dann lass dir eben irgendetwas einfallen! — Markus breitete hilflos die Arme aus. Die Panik in seiner Stimme wurde immer deutlicher. — Du bist doch die Frau im Haus! Mach etwas! Schneid Wurst und Käse auf, mach einen Salat, stell irgendwas auf den Herd! Und um Himmels willen, zieh dich um. So kannst du doch niemanden empfangen. Du siehst aus wie … wie die Putzfrau an ihrem freien Tag!
Der Satz traf sie härter als eine Ohrfeige.
Katrin, die mehr verdiente als ihr Mann, die den größten Teil ihrer eigenen Ersparnisse in diese Wohnung und ihre Renovierung gesteckt hatte, stand in ihrer Küche und musste sich anhören, dass sie aussah wie eine Bedienstete.
— Ich werde überhaupt nichts braten, Markus, — sagte sie leise und kalt. — Weil nichts da ist, was ich braten könnte. Und ich werde auch kein Theaterstück aufführen, nur damit dein Fehler niemandem auffällt.
Bevor er antworten konnte, erklang die Türklingel.
Markus wurde blass.
— Katrin, bitte.
Innerhalb einer Sekunde war sein gereizter Ton verschwunden. Jetzt klang er beinahe flehend. Er legte sogar die Hände vor der Brust zusammen.
— Spiel einfach mit. Nur heute. Ich bestelle sofort etwas bei einem Restaurant und sage, dass das so geplant war. Du gehst schnell ins Schlafzimmer, machst dich fertig und ziehst das dunkelblaue Kleid an, das ich so gern an dir sehe. Danach kommst du zu uns. Bitte. Es geht um meine Karriere.
Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. Schon drehte er sich um und eilte in den Flur. Während er ging, richtete er die Krawatte und setzte jene freundliche, souveräne Miene auf, mit der er beruflich Eindruck zu machen pflegte.
Katrin blieb allein in der Küche zurück.
Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Dann erklang die kräftige Stimme von Herrn Berger, gefolgt von Sabines hellem, etwas affektiertem Lachen.
— Markus, was für eine wunderschöne Wohnung! — rief Sabine entzückt. — Richtig gemütlich. Ein echtes kleines Familiennest!
— Guten Abend, Markus. Danke für die Einladung, — sagte Herr Berger. — Der Verkehr war heute wirklich katastrophal. Aber wo ist denn Ihre Frau? Sie haben schon so viel von ihr erzählt.
— Katrin kommt gleich. Sie … macht nur noch die letzten Vorbereitungen fertig, — log Markus mit erstaunlicher Leichtigkeit, während er den Gästen die Mäntel abnahm. — Kommen Sie doch schon ins Wohnzimmer. Machen Sie es sich bequem.
Katrin ging geräuschlos ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu.
In ihr brodelte es. Kränkung vermischte sich mit Wut, doch darunter lag noch etwas anderes, etwas viel Kälteres.
„Sie macht nur noch die letzten Vorbereitungen.“
Wie mühelos er log. Wie selbstverständlich er die Folgen seiner eigenen Nachlässigkeit auf sie abwälzte.
Katrin setzte sich auf die Bettkante. Obwohl es im Schlafzimmer ruhig war, konnte sie beinahe jedes Wort aus dem Wohnzimmer hören. Die Wohnung war offen geschnitten, Geräusche trugen weit.
Sie hörte, wie Markus hastig Gläser aus dem Schrank nahm und den Wein öffnete, den sie eigentlich für ihren ruhigen Abend gekauft hatte. Dann ertönte Sabines bewundernde Stimme.
— Ihr habt wirklich Geschmack! Dieses Sofa, die Wände, die Beleuchtung … war hier ein Innenarchitekt am Werk? Das muss doch ein Vermögen gekostet haben.
Katrin verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
Ja. Die Renovierung hatte tatsächlich ein Vermögen gekostet. Vor allem ihres.
Sie hatte Handwerker koordiniert, Materialien ausgesucht, Angebote verglichen, Rechnungen kontrolliert, mit dem Bauleiter diskutiert und nahezu jede Entscheidung selbst getroffen. Markus war damals ständig auf Geschäftsreise gewesen und hatte immer wieder erklärt, er habe „für solche Kleinigkeiten wirklich keine Zeit“.
— Ja, wir haben schon einiges investiert, — antwortete Markus mit gespielter Bescheidenheit, unter der sein Stolz kaum zu überhören war. — Ich habe mich lange mit dem ganzen Projekt beschäftigt. Mir war wichtig, für uns einen perfekten Rückzugsort zu schaffen. Ich finde, als Mann sollte man seiner Familie schließlich etwas Solides aufbauen.
Katrin schloss die Augen.
„Ich habe mich lange damit beschäftigt.“
Die Dreistigkeit war beinahe beeindruckend.
Dann hörte sie Herrn Berger fragen:
— Und was macht eigentlich Ihre Frau beruflich? Sie hatten doch erwähnt, dass sie ebenfalls irgendwo arbeitet.
Markus lachte kurz.
— Ach, ein bisschen Bürozeug. Papiere, Zahlen, solche Sachen. Ganz normale Routine. Wissen Sie, Herr Berger, ich bin da eher traditionell eingestellt. Ich finde, für eine Frau sollte das Zuhause an erster Stelle stehen. Familie, Gemütlichkeit, auf den Mann warten, wenn er von der Arbeit kommt. Katrin ist zum Glück sehr häuslich. Diese ganze Karrierejagd braucht sie nicht. Finanziell kümmere ich mich um alles, deshalb kann sie es ruhig angehen lassen und ihr Leben genießen.
Katrin blieb für einen Moment die Luft weg.
— Wie rührend, — sagte Sabine gedehnt, und in ihrer Stimme lag ein deutlicher Anflug von Spott. — Es muss ja traumhaft sein, sich um nichts Großes kümmern zu müssen. Zu Hause sitzen, Suppen kochen und darauf warten, dass der Versorger heimkommt. Für mich wäre das nichts. Ich brauche Herausforderungen, Entwicklung, Selbstverwirklichung.
— Jeder ist eben anders, Sabinchen, — erwiderte Markus gönnerhaft. — Genau diese sanfte Art schätze ich an Katrin. Sie ist nicht besonders ehrgeizig. Eher still, ruhig, unkompliziert. Eine richtige Hüterin des Zuhauses. Manchmal ist sie allerdings etwas zerstreut. Heute hat sie zum Beispiel die Zeit fürs Essen falsch eingeschätzt. Aber das bekommen wir schon hin.
Katrin öffnete die Augen.
Etwas in ihr hatte sich verändert.
Die Kränkung war verschwunden. Auch die Wut fühlte sich plötzlich weit entfernt an. Zurück blieb eine kalte, glasklare Entschlossenheit.
Sie war Senior Auditorin. Ihr Beruf bestand darin, Fehler in Unternehmenszahlen zu finden, bei denen es um Millionen ging. Sie hatte einen erheblichen Teil dieser Wohnung bezahlt. Sie hatte ihren Mann jahrelang unterstützt, ihm den Rücken freigehalten und seine Erfolge mitgetragen.
Und derselbe Mann saß wenige Meter entfernt mit seinem Chef zusammen und stellte sie als anspruchslose, finanziell abhängige Hausfrau dar.
Nicht aus Versehen.
Sondern weil er dadurch selbst größer wirkte.
Markus baute sich vor anderen ein Podest — und verwendete Katrin als Material dafür.
Sie stand auf und trat vor den Spiegel.
Der apricotfarbene Bademantel sah tatsächlich weich und gemütlich aus.
Wie die Kleidung einer Frau, von der man erwartete, still zu sein. Bequem. Nachsichtig.
Katrin löste langsam den Gürtel und ließ den Frotteestoff zu Boden gleiten.
Im begehbaren Kleiderschrank nahm sie ohne zu zögern ein Kleid vom Bügel, das sie bislang nur ein einziges Mal getragen hatte, bei einer Firmenveranstaltung. Es war tief smaragdgrün, elegant geschnitten, zurückhaltend und dennoch auffallend. Keine übertriebene Freizügigkeit, kein schriller Effekt — nur perfekte Linien und eine Passform, die ihr eine selbstverständliche Präsenz verlieh.
Das Kleid hatte fast so viel gekostet wie die Hälfte eines Monatsgehalts von Markus.
Katrin zog es an.
Aus ihrer Schmuckschatulle nahm sie schlichte Ohrringe. Danach setzte sie sich vor den Spiegel.
Ihre Hände zitterten nicht.
Sie trug etwas Foundation auf, betonte die Augen und griff nach kurzem Zögern zu einem roten Lippenstift. Normalerweise verwendete sie diese Farbe nur zu besonderen Anlässen.
Heute war ein besonderer Anlass.
Heute nahm sie innerlich Abschied von ihrer Ehe.
Eine Viertelstunde später verließ eine vollkommen andere Frau das Schlafzimmer.
Keine erschöpfte Ehefrau, die mit einem Küchenmesser hastig Aufschnitt schneiden sollte. Keine schuldbewusste Gastgeberin, die den Fehler ihres Mannes retten musste.
Katrin wirkte ruhig, elegant und gesammelt.
Und vor allem wusste sie genau, welchen Wert sie hatte.
Sie nahm ihr Handy, öffnete die App eines gehobenen Restaurants, das ihre Firma gelegentlich für Geschäftsessen nutzte, und stellte mit wenigen Handgriffen eine Bestellung zusammen: Austern, Rindertatar, hochwertige Steaks, mehrere raffinierte Vorspeisen und Desserts.
Die Zahlung wurde sofort bestätigt.
Über das gemeinsame Konto, an das auch Markus‘ Karte gekoppelt war.
Der Betrag war beachtlich.
Katrin steckte das Handy weg, atmete tief ein, richtete die Schultern auf und ging ins Wohnzimmer.
Dort war Markus bereits wieder ganz in seinem Element. Gerade erklärte er Herrn Berger mit großer Überzeugung, wie er die Abläufe seiner Abteilung neu organisieren wolle.
— …und deshalb bin ich der Meinung, dass wir die Logistikkosten deutlich besser steuern müssen. Ich habe dazu bereits ein erstes Konzept ausgearbeitet …
Katrins Schritte waren beinahe lautlos.
Trotzdem wirkte ihr Erscheinen, als hätte jemand plötzlich das Licht verändert.
Sie blieb kurz im Türrahmen stehen und legte eine Hand an die Zarge.
— Guten Abend.
Ihre Stimme war ruhig, tief und vollkommen kontrolliert.
Das Gespräch verstummte.
Herr Berger, ein distinguiert wirkender Mann im gut sitzenden Anzug, hob überrascht die Augenbrauen. Sabine, eine gepflegte dunkelhaarige Frau, musterte Katrins smaragdgrünes Kleid mit einem langen, prüfenden Blick.
Doch am deutlichsten sprach Markus‘ Gesicht.
Sein Mund stand einen Moment offen.
Offenbar hatte er mit einer erschöpften Ehefrau gerechnet, die mit einer Platte belegter Brote auftauchen und sich sofort um alle kümmern würde.
Stattdessen stand vor ihm eine Frau, die aussah, als gehöre ihr nicht nur diese Wohnung, sondern auch der gesamte Abend.
— Ah … da ist ja meine … Katrin, — brachte Markus mühsam hervor.
— Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.
Katrin ging auf Herrn Berger zu und reichte ihm ruhig die Hand, genau wie bei einem Geschäftstermin.
— Herr Berger, ich habe schon einiges von Ihnen gehört.
Er nahm ihre Hand und erwiderte den festen, selbstsicheren Händedruck.
— Ganz meinerseits, Frau Weber. Markus hat erzählt, Sie seien bei ihm die eigentliche Hüterin des häuslichen Glücks.
Katrin sah zu ihrem Mann.
Für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas Gefährliches in ihrem Blick.
Dann lächelte sie.
— Markus formuliert manchmal gern ein wenig bildhafter. Mein Beitrag zum häuslichen Glück besteht meistens darin, irgendwo zwischen Quartalsabschluss und Auditprüfung noch rechtzeitig den Reinigungsdienst zu organisieren.
Markus wurde sichtbar blasser.
Sabine blinzelte.
Herr Berger blickte Katrin interessiert an.
— Auditprüfung?
— Ich bin Senior Auditorin in einer Beratungsgesellschaft, — erklärte Katrin ruhig und setzte sich in den Sessel gegenüber von Sabine. — Mein Schwerpunkt liegt unter anderem bei Unternehmenstransaktionen. In großen Firmen stößt man in Unterlagen manchmal auf erstaunliche Dinge. Menschen stellen gern Wünsche als Tatsachen dar. Sie schreiben sich fremde Leistungen zu, verschleiern tatsächliche Kosten oder machen Berichte schöner, als sie sind. Zahlen sind da weniger fantasievoll als Menschen. Früher oder später zeigen sie, was wirklich passiert ist.
Offiziell sprach Katrin über ihren Beruf.
Doch Markus verstand jedes einzelne Wort.
Er saß wie festgenagelt da und hielt sein Weinglas so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
— Klingt interessant, — sagte Sabine und versuchte offenbar, die Unterhaltung wieder an sich zu ziehen. — Wobei ich mir nicht vorstellen könnte, den ganzen Tag nur mit Zahlen zu verbringen. Das muss furchtbar trocken sein. So ganz ohne Kreativität.
Katrin schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
— Kreativität beginnt oft dort, wo die Inkompetenz anderer endet. Wenn man einem Mandanten wegen der Nachlässigkeit irgendeiner Vertriebsabteilung eine Strafe in Millionenhöhe erspart, fühlt man sich gelegentlich fast wie eine Künstlerin.
Herr Berger lachte laut auf.
Ganz offensichtlich gefiel ihm Katrins ruhige, scharfsinnige Art.
— Markus hat Ihre Tätigkeit ja ausgesprochen bescheiden dargestellt! — sagte er. — Er meinte, Sie würden ein bisschen Papierkram erledigen. Dabei sitzt hier offenbar ein echter Finanzprofi.
— Mein Mann ist überhaupt sehr bescheiden, — erwiderte Katrin und sah Markus an. — Und ausgesprochen sparsam mit Details. Bei der Renovierung zum Beispiel, die Ihnen so gut gefällt, hat er vermutlich nicht erwähnt, dass Planung, Koordination und sämtliche größeren Entscheidungen bei mir lagen.
Sie ließ eine kleine Pause.
— Aber Markus war natürlich beteiligt. Den Fußabtreter im Flur hat er ausgesucht.
Die Stille im Raum wurde mit einem Schlag so dicht, dass man beinahe jedes Atemgeräusch hören konnte.
Sabine öffnete leicht den Mund, sagte jedoch nichts.
Auf Markus‘ Gesicht erschienen rote Flecken.
Er wollte widersprechen, vielleicht lachen und alles als Scherz darstellen, doch seine Stimme klang dünn.
— Katrin, warum musst du denn … das sind doch private Sachen.
— Ach, nehmen Sie das nicht so ernst, — sagte Katrin zu den Gästen, bevor er die Unterhaltung zurückerobern konnte. — Das ist unser ganz spezieller Ehehumor.
Dann sah sie auf die Uhr.
— Sie haben bestimmt Hunger. Markus hat mich heute nämlich mit einer Überraschung bedacht. Er hatte vergessen, mir zu sagen, dass Sie kommen. Vielleicht wollte er testen, wie gut ich auf ungeplante Situationen reagieren kann.
Sie ließ den Blick einen Augenblick auf ihrem Mann ruhen.
Scham zeichnete sich inzwischen unverkennbar in seinem Gesicht ab.
— Weil ich meine Zeit ebenso schätze wie gutes Essen, wollte ich allerdings nicht versuchen, aus einem fast leeren Kühlschrank ein Festmahl zu improvisieren. Deshalb habe ich bei einem sehr guten Restaurant bestellt. Der Fahrer müsste gleich kommen. Ich hoffe, Sie mögen Meeresfrüchte?
Herr Berger, dessen Gesichtsausdruck in den vergangenen Minuten von Überraschung über Verständnis zu deutlichem Respekt gewechselt hatte, nickte.
— Hervorragende Idee. Sie sind wirklich bemerkenswert, Frau Weber. Markus kann sich glücklich schätzen.
Von diesem Moment an lag der Abend vollständig in Katrins Händen.
Als das Essen geliefert wurde, arrangierte sie alles ohne Hast. Innerhalb weniger Minuten war der Tisch gedeckt, die Speisen waren angerichtet, die Gläser gefüllt.
Katrin sprach mit Herrn Berger vollkommen auf Augenhöhe. Sie diskutierten über wirtschaftliche Entwicklungen, Märkte, Investitionen und Unternehmensrisiken.
Sabine, die schnell bemerkt hatte, dass ihre üblichen pointierten Bemerkungen neben Katrins Erfahrung und Gelassenheit wenig Wirkung entfalteten, beschäftigte sich überwiegend schweigend mit ihrem Tatar.
Markus dagegen saß den gesamten Abend da, als befände sich unter seinem Stuhl eine heiße Platte.
Immer wieder versuchte er, eine Bemerkung einzustreuen, die Aufmerksamkeit zurückzugewinnen oder erneut den souveränen Hausherrn zu spielen.
Doch Herr Berger hörte nun vor allem Katrin zu.
Die hübsche Geschichte vom erfolgreichen Versorger und seiner stillen, anspruchslosen Ehefrau war vollständig zerbrochen.
Zurück blieb ein Mann, der vor seinem Chef fremde Leistungen zu seinen eigenen gemacht und es nicht einmal geschafft hatte, seine Frau rechtzeitig darüber zu informieren, dass Gäste zum Abendessen kamen.
Punkt zehn Uhr erhob sich Herr Berger vom Tisch.
— Vielen Dank für den ausgezeichneten Abend, Frau Weber. Das Essen war hervorragend. Und die Unterhaltung sogar noch besser.
— Sehr gern. Kommen Sie wieder, Herr Berger. Gegen interessante Gesprächspartner habe ich nie etwas einzuwenden.
Markus begleitete die beiden zur Tür.
Als das Schloss hinter ihnen ins Schloss fiel, legte sich eine schwere, gewitterartige Stille über die Wohnung.
Katrin stand am Wohnzimmerfenster und blickte hinaus auf die Lichter der Nacht.
Sie verspürte weder Angst noch Reue.
Nur eine eigenartige Leichtigkeit.
Fast wie einen Rausch.
Hinter ihr hörte sie Markus‘ Schritte.
— Begreifst du eigentlich, was du da angerichtet hast?!
Seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut.
— Du hast mich vor meinem Chef gedemütigt! Vor Sabine! Du hast meinen Ruf zerstört!
Katrin drehte sich langsam zu ihm um. Das smaragdgrüne Kleid schimmerte im Licht der Wandlampe.
— Deinen Ruf hast du selbst zerstört, Markus. Und zwar in dem Moment, in dem du beschlossen hast, mich als Trittstufe zu benutzen, damit du größer wirkst.
— Ich wollte doch nur einen guten Eindruck machen! — schrie er und verlor endgültig die Beherrschung. — Du hättest einfach mitspielen können! Was hätte es dich gekostet, einen einzigen Abend lang eine normale Ehefrau zu sein?
— Eine normale Ehefrau?
Katrin sah ihn ruhig an.
— Meinst du ein schweigendes Zubehör für dein Ego? Eine Dekoration in einer Inszenierung, in der du der große Held bist? Du hast diese Menschen belogen, Markus. Du hast behauptet, du würdest mich finanziell tragen. Du hast meine Arbeit lächerlich gemacht. Du hast meine Leistung, mein Geld und meinen Anteil an unserem gemeinsamen Leben kleingeredet.
Sie schüttelte langsam den Kopf.
— Und weißt du, was daran am schlimmsten ist? Nicht einmal die Lügen selbst. Das Schlimmste ist, dass du offenbar begonnen hast, sie selbst zu glauben. Du hast dich so sehr daran gewöhnt, alles zu benutzen, was ich aufbaue und organisiere, dass du irgendwann beschlossen hast, es stehe dir automatisch zu.
— Du bist doch nicht ganz bei Trost! — fuhr Markus sie an. — Und übrigens habe ich dieses Essen bezahlt! Ich habe die Bankbenachrichtigung bekommen. Weißt du überhaupt, was du für ein einziges Abendessen ausgegeben hast?
— Keine Sorge.
Katrin ging zum Tisch, nahm ihr Glas mit dem letzten Rest Wein und trank einen kleinen Schluck.
— Betrachte es als Preis für deine Entlarvung. Und morgen überweise ich dir den Betrag von meinem eigenen Konto zurück. Ich mag es nicht, jemandem etwas schuldig zu sein.
Sie stellte das Glas wieder ab.
Dann sah sie ihn direkt an.
— Ich werde die Scheidung einreichen, Markus.
Er erstarrte.
Die Wut verschwand aus seinem Gesicht. Zuerst kam Verwirrung. Dann Angst.
— Was soll das heißen, Scheidung? Katrin, wegen eines misslungenen Abends? Wegen ein paar Sätzen, die ich gesagt habe?
— Nein. Nicht wegen dieses einen Abends.
Ihre Stimme blieb ruhig.
— Dieses Abendessen war nur der letzte Tropfen. Ich habe es satt, für dich eine Ressource zu sein. Ich habe es satt, immer bequem sein zu müssen. Ich möchte nach Hause kommen und meinen alten Bademantel anziehen können, ohne damit rechnen zu müssen, dafür wie eine Angestellte zurechtgewiesen zu werden. Ich will mit einem Menschen zusammenleben, der stolz auf mich ist. Nicht mit jemandem, der meine Erfolge versteckt, damit seine eigenen Unsicherheiten weniger sichtbar werden.
Markus‘ Gesicht verzog sich.
— Wer soll dich mit deinem Ehrgeiz überhaupt wollen?
Es war der alte Reflex. Die vertraute Manipulation, zu der er griff, sobald ihm die Argumente ausgingen.
Katrin sah ihn lange an.
— Ich selbst, Markus. Vor allem ich selbst.
Sie machte eine kurze Pause.
— Und das reicht mir völlig.
Dann ging sie an ihm vorbei.
Markus blieb mitten im Wohnzimmer stehen, als hätte jemand den Boden unter seinen Füßen festgefroren.
Katrin ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür.
Sie zog das smaragdgrüne Kleid aus und hängte es sorgfältig zurück in den Schrank.
Danach nahm sie ihren alten, weichen, apricotfarbenen Bademantel heraus.
Sie schlüpfte hinein, wickelte sich in den vertrauten Stoff und band den Gürtel zu.
Zum ersten Mal seit langer Zeit holte sie tief Luft.
Frei.
Morgen würde schwierig werden.
Sie würde einen Anwalt suchen müssen. Über die Aufteilung des Vermögens sprechen. Auch über jene Wohnung, die Markus so gern als seine eigene Leistung dargestellt hatte. Sie würde Unterlagen zusammentragen und Sachen packen müssen.
Es würde Streit geben.
Bitten.
Versprechungen.
Vielleicht Drohungen.
Aber all das war morgen.
Jetzt war Freitagabend.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Katrin sich in ihrer eigenen Wohnung tatsächlich zu Hause.
Sicher.
Frei.
Glücklich.
Und stärker, als sie sich selbst zugetraut hatte.
Sie ging zum Schminktisch, nahm ein Wattepad und begann langsam, vorsichtig den roten Lippenstift abzuwischen.
Die Vorstellung war vorbei.
Ihr wirkliches Leben begann gerade erst.