Nach der Trennung stand mein Mann plötzlich mit seiner neuen Partnerin vor meinem Ferienhaus und wollte es „fair“ übernehmen – doch mit der Wahrheit darüber, wem dieses Haus wirklich gehört, hatten beide nicht gerechnet…
— Wir wissen beide, dass es für eine Frau allein nicht leicht ist, ein so großes zweistöckiges Haus zu unterhalten. Deshalb möchten wir dir eine vernünftige und faire Lösung anbieten: Die Wohnung in der Stadt bleibt bei dir, und das Ferienhaus übernimmt Thomas.
Thomas war kurz vor Weihnachten gegangen, nur wenige Tage bevor die gemeinsame Tochter Lea achtzehn geworden war. Es hatte keinen Streit gegeben, kein Geschrei, keine zugeschlagene Tür. Er hatte nicht einmal wütend gewirkt. Im Gegenteil: Er sprach ruhig, fast herablassend, mit jener gelassenen Würde eines Menschen, der sich selbst seit Jahren für einen stillen Märtyrer hält und nun endlich überzeugt ist, genug geopfert zu haben.
— Sabine, wir sollten uns nichts vormachen. Unsere Ehe ist schon lange vorbei, — hatte er mitten im Wohnzimmer gesagt und dabei so ausgesehen, als müsse ausgerechnet er eine besonders schwere Wahrheit aussprechen. — In den letzten Jahren bin ich nur wegen Lea geblieben. Ein Kind braucht einen Vater und ein normales Zuhause. Ich habe die besten Jahre meines Lebens dafür eingesetzt, dass sie in einer vollständigen Familie aufwächst. Jetzt ist sie volljährig. Meine Pflicht ist erfüllt. Ich darf endlich an mich denken, an meine Freiheit und an mein eigenes Glück. Ich hoffe, du akzeptierst das mit Würde und machst keine Szene. Zwischen uns gibt es nichts mehr zu teilen außer Erinnerungen, und die Vergangenheit sollte man dort lassen, wo sie hingehört.
Sabine hatte nicht widersprochen.
Sie hatte den Mann nur angesehen, mit dem sie mehr als zwanzig Jahre zusammengelebt hatte, und sich gefragt, ob er selbst wirklich glaubte, was er da sagte.
Er glaubte es.
In Thomas’ eigener Vorstellung war er tatsächlich der noble Leidende, der sich jahrelang durch einen langweiligen Familienalltag und erkaltete Gefühle gequält hatte – ausschließlich aus Liebe zu seiner Tochter.
Dass dieser Alltag all die Jahre vor allem von Sabine getragen worden war, blendete er aus. Ebenso verdrängte er, dass sie ihn während seiner langen Phasen ohne Arbeit aufgefangen, die Familie wiederholt aus finanziellen Schwierigkeiten gezogen und über seine zahlreichen Schwärmereien für andere Frauen hinweggesehen hatte.
Es war für ihn erheblich angenehmer, sich selbst als den Mann zu betrachten, der sein Leben für die Familie geopfert hatte.
Mit dem Scheidungsantrag ließ Thomas sich allerdings Zeit. Erst war angeblich zu viel Arbeit. Dann kamen die Feiertage. Später erklärte er, er wolle sich seine Nerven nicht mit Behörden, Formularen und endlosem Papierkram ruinieren.
So verging ein halbes Jahr.
Der Sommer war heiß und unruhig, doch Sabine verbrachte fast jede freie Stunde in ihrem Ferienhaus – einem großzügigen zweistöckigen Gebäude unweit eines Flusses, mit einem gepflegten Grundstück und einer Veranda, auf der sie abends endlich wieder ruhig atmen konnte.
Dieser Ort war für sie immer etwas Besonderes gewesen.
Hier konnte sie ihre Gedanken ordnen. Hier musste sie niemandem erklären, warum sie still war. Und hier gelang es ihr wenigstens für einige Stunden, nicht ständig über die letzten Monate nachzudenken.
Thomas kam ohne Ankündigung.
Und er kam nicht allein.
Neben ihm stand eine deutlich jüngere Frau mit einem wachen, prüfenden Blick. Noch bevor sie richtig begrüßt hatte, schien sie bereits alles zu registrieren: die Fassade, den Garten, die Möbel auf der Veranda, die gepflegten Beete am Eingang und selbst die frisch gestrichenen Fensterrahmen.
Nadine.
Sabine wusste nicht viel über sie. Sie war Thomas’ neue Partnerin, ungefähr fünfzehn Jahre jünger als er, selbstbewusst, energisch und offenbar sehr praktisch veranlagt.
Nadine betrat das Haus nicht wie jemand, der zum ersten Mal zu Gast war. Sie bewegte sich eher wie eine Person, die eine Immobilie besichtigt, die schon bald in den eigenen Besitz übergehen soll.
Auf ihren Lippen lag ein freundliches Lächeln. Es wirkte weich, verständnisvoll – und gleichzeitig vollkommen kühl.
— Guten Tag, Sabine, — sagte sie und ging mit sicherem Schritt weiter hinein. — Thomas hat mir viel von Ihnen erzählt. Ich sage ihm schon seit Langem, dass Sie sich endlich in Ruhe zusammensetzen und alles klären müssen. Diese ständige Ungewissheit ist ungesund, sie belastet die Nerven. Wir sind heute gekommen, damit Sie dieses alte Kapitel abschließen und ohne unnötige Konflikte in einen neuen Lebensabschnitt starten können.
Sabine sah ihren Mann an.
Thomas wirkte tatsächlich frischer als früher. Er hatte abgenommen, achtete offenbar mehr auf sich und trug seine Kleidung bewusster. Auch seine Haltung war selbstsicherer geworden. Doch unter dieser neuen Souveränität spürte Sabine dieselbe alte Unsicherheit, die er mit betont gelassener Wichtigkeit zu verbergen versuchte.
— Nadine hat recht, — sagte er möglichst sanft. — Wir wollen heiraten. Deshalb müssen wir die Scheidung jetzt offiziell abschließen und auch die Vermögensfragen regeln. Ich verstehe, dass das für dich unangenehm sein kann. Aber wir sind erwachsene Menschen. Lass uns das ohne Gerichte, Streit und gegenseitige Vorwürfe lösen. Ich möchte mich fair und anständig verhalten.
Sabine musste fast lächeln.
Thomas’ Vorstellung von Anständigkeit tauchte erstaunlich zuverlässig immer dort auf, wo er sich einen Vorteil versprach.
— Und wie genau sieht dieses anständige Verhalten aus? — fragte sie ruhig.
Nadine übernahm sofort.
Es war offensichtlich, dass sie dieses Gespräch vorbereitet und wahrscheinlich jede mögliche Antwort vorher durchgespielt hatte.
— Sabine, Thomas und ich haben die Situation sehr ausführlich besprochen, — begann sie und sah der Hausherrin direkt in die Augen. — Uns ist klar, dass es für eine alleinstehende Frau unglaublich anstrengend sein muss, ein so großes Ferienhaus zu unterhalten. Zwei Etagen, das Grundstück, laufende Reparaturen, Nebenkosten, Gartenarbeit – wozu brauchen Sie diese Belastung noch? Ihre Tochter ist erwachsen. Sie haben viele Jahre für andere gelebt und verdienen jetzt Ruhe. Thomas ist bereit, Ihnen diese Verantwortung abzunehmen. Deshalb halten wir folgende Lösung für gerecht: Die Stadtwohnung bleibt bei Ihnen, und dieses Haus übernimmt Thomas. Sie können weiterhin dort wohnen, wo Sie es gewohnt sind, und wir nehmen Ihnen hier sämtliche Sorgen ab. Glauben Sie mir, das ist wirklich die vernünftigste und menschlichste Lösung.
Sie sagte es in einem Ton, als böte sie Sabine eine außergewöhnliche Wohltat an.
Wer nur auf die Stimme hörte, hätte tatsächlich glauben können, Nadine sorge sich um Sabines Gesundheit und wolle einer überforderten Frau das Leben erleichtern.
Doch die Rechnung dahinter war schlicht: Die ältere ehemalige Ehefrau sollte sich von einem angeblich überflüssigen Landhaus trennen, und Nadine bekäme mit Thomas einen bestens geeigneten Ort für das geplante gemeinsame Leben.
Dabei schien Nadine von ihrer eigenen Vernünftigkeit aufrichtig überzeugt zu sein. In ihrem Bild der Lage verlangte Thomas nichts Unrechtmäßiges zurück. Er holte sich lediglich, was ihm angeblich ohnehin zustand, und sie half ihm, sich nicht von einer womöglich manipulativen Exfrau um seinen Anteil bringen zu lassen.
Thomas nickte zustimmend.
— Genau. Ich bin bereit, das auf mich zu nehmen, — sagte er. — Ich übernehme das Haus und sämtliche Kosten. Die Wohnung gehört dann dir allein. Du musst nichts ändern, nicht umziehen, nichts Neues suchen. Ehrlich gesagt finde ich, dass ich dir damit wirklich weit entgegenkomme.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Sabine sah beide an und fragte sich, wie zwei erwachsene Menschen sich selbst so überzeugend täuschen konnten.
Sie waren gekommen, um ein fremdes Haus zu fordern – und hielten sich dabei für großzügig.
— Was für ein großmütiger Vorschlag, — sagte Sabine schließlich. — Du willst mir also nur aus Sorge um mich das Ferienhaus abnehmen. Wirklich rührend. Es gibt allerdings einen kleinen Punkt, den du Nadine offenbar nicht erzählt hast.
Das Lächeln der jungen Frau wurde schmaler.
In Sabines Stimme lag eine Ruhe, die überhaupt nicht zu dem Gesprächsverlauf passte, den Nadine offensichtlich erwartet hatte.
— Und was soll das sein? — fragte sie vorsichtig.
— Dieses Haus war nie unser gemeinsames Eigentum, — antwortete Sabine. — Es gehörte meinen Eltern. Als sie älter wurden und sich nicht mehr selbst um das Grundstück kümmern konnten, haben sie es auf mich übertragen. Nicht verkauft, sondern mir geschenkt. Dafür gibt es einen offiziellen Schenkungsvertrag. Bei einer Scheidung fällt dieses Haus deshalb nicht in die gemeinsame Vermögensaufteilung. So sehr ihr mich auch von meinen angeblichen Sorgen befreien möchtet: Das Ferienhaus gehört ausschließlich mir.
Nadines Lächeln verschwand.
Langsam drehte sie sich zu Thomas.
Er wurde sichtbar blass, fing sich aber fast sofort und ging zum Gegenangriff über.
— Sabine, jetzt klammer dich doch nicht an irgendwelche Papiere! — fuhr er sie an. — Ja, deine Eltern haben das Haus auf dich übertragen. Aber wer hat hier fünfzehn Jahre lang Arbeit hineingesteckt? Wer hat sich um Reparaturen gekümmert? Wer hat das neue Dach bezahlt und die Elektrik erneuern lassen? Ich habe in dieses Haus Geld, Zeit und Kraft investiert! Während andere am Wochenende entspannt haben, habe ich hier gearbeitet. Soll das alles plötzlich gar nichts wert sein? Willst du dich jetzt hinter einem Vertrag verstecken und so tun, als hätte ich für diese Familie nie etwas getan?
Seine Empörung war echt.
Thomas hatte nur längst vergessen, dass die Dachsanierung aus Sabines Rücklagen bezahlt worden war und sein eigener Beitrag überwiegend darin bestanden hatte, den beauftragten Handwerkern zu erklären, wie er die Arbeiten gern ausgeführt hätte.
In seiner Erinnerung war daraus etwas völlig anderes geworden.
Über die Jahre hatte er sich selbst davon überzeugt, das Ferienhaus sei vor allem durch seinen Einsatz zu einem komfortablen Zuhause geworden.
Deshalb erschien ihm die Vorstellung, dass das Eigentumsrecht ihm keinen Anteil daran gab, nicht nur enttäuschend, sondern geradezu empörend ungerecht.
Nadine begriff sehr schnell, dass der erste Plan gescheitert war.
Nur für einen Moment veränderte sich ihr Gesicht. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf das nächste Ziel.
— Gut, Sabine, — sagte sie nun deutlich kühler. — Wir respektieren selbstverständlich die Rechtslage. Wenn das Haus tatsächlich durch eine Schenkung allein auf Sie übertragen wurde, werden wir keinen Anspruch darauf erheben. Thomas ist schließlich kein Mensch, der wegen jeder Kleinigkeit einen Prozess beginnt. Dann müssen wir allerdings über die Wohnung in der Stadt sprechen. Die wurde während Ihrer Ehe gekauft und gehört damit euch beiden. Wenn Sie auf einer strikten rechtlichen Betrachtung bestehen, hat Thomas natürlich Anspruch auf seinen Anteil.
Sabine sah sie ruhig an.
— Sie wollen also die Wohnung teilen?
— Genau.
— Wenn sie aufgeteilt werden muss, werde ich sie vermutlich verkaufen müssen, um Thomas auszuzahlen. Und wo soll Lea dann wohnen? Sie studiert, hat kein regelmäßiges Einkommen und kein anderes Zuhause.
Thomas wandte den Blick ab.
Zum ersten Mal wirkte er sichtbar unbehaglich.
Er liebte seine Tochter auf seine Weise. Aber zu seinem neuen Leben gehörten nun einmal auch neue Pläne – und diese Pläne kosteten Geld.
Nadine dagegen zögerte keine Sekunde.
Sie trat einen Schritt vor, als müsse sie Thomas gegen eine weitere unfaire Forderung verteidigen.
— Sabine, Sie machen gerade den typischen Fehler von Müttern, die erwachsene Kinder nicht loslassen können, — sagte sie in einem belehrenden Ton. — Lea ist achtzehn. Sie ist volljährig. Warum behandeln Sie sie weiterhin wie ein hilfloses Kind? Es ist Zeit, dass sie selbstständig wird. Sie kann einen Studienkredit aufnehmen, nebenbei arbeiten oder mit Freundinnen eine Wohngemeinschaft suchen. Sehr viele junge Menschen beginnen ihr Erwachsenenleben genau so. Man kann nicht endlos Thomas’ Zukunft opfern, nur damit eine volljährige Tochter es bequem hat. Auch er hat das Recht, seinen Anteil zu bekommen und ihn für den Aufbau einer neuen Familie zu verwenden. Wir verlangen nichts, was ihm nicht gehört. Es geht ausschließlich um das, was ihm rechtmäßig zusteht.
In ihrer eigenen Logik klang das vollkommen makellos.
Nadine verstand nicht, warum ein Mann Vermögen bei seiner früheren Frau und einer erwachsenen Tochter lassen sollte, wenn dasselbe Geld in das gemeinsame neue Leben fließen konnte.
Für sie war die Wohnung nicht Leas Zuhause.
Sie war kein Ort voller Erinnerungen, keine Sicherheit und kein familiärer Rückhalt.
Sie war ein Vermögenswert.
Und Vermögenswerte sollte man ihrer Ansicht nach so nutzen, dass sie möglichst viel für die Zukunft brachten.
Sabine sah wieder zu Thomas.
— Ist das auch deine Meinung? — fragte sie. — Bist du wirklich bereit, deiner Tochter ihr einziges Zuhause zu nehmen, damit du Geld für deine neue Familie hast? Als du gegangen bist, hast du erklärt, du hättest deine Vaterpflicht vorbildlich erfüllt. Soll das der würdige Abschluss dieses großen Opfers sein – dass dein eigenes Kind plötzlich nicht mehr weiß, wo es wohnen soll?
Thomas schluckte.
Dann straffte er die Schultern. Offensichtlich hielt er sich an Nadines Argumenten fest.
— Hör endlich auf, Lea vorzuschieben! — sagte er scharf. — Ich habe euch beide achtzehn Jahre lang versorgt. Ich habe gearbeitet, damit es euch an nichts fehlt. Mein Gewissen ist sauber. Warum soll ich am Ende mit leeren Händen dastehen, während ihr weiter bequem lebt? Warum soll ausgerechnet ich bei null anfangen? Ich habe ebenfalls ein Recht auf ein normales Leben. Nadine hat recht: Lea muss lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Sie ist erwachsen. Wenn sie Unterstützung braucht, kann ich ihr einen Rat geben oder ihr hin und wieder Geld überweisen. Aber auf meinen gesetzlichen Anteil werde ich nicht verzichten. Du zwingst mich selbst dazu, härter vorzugehen, weil du dich weigerst, eine vernünftige Lösung zu akzeptieren.
Mit erstaunlicher Leichtigkeit schob er die Verantwortung Sabine zu.
In Thomas’ Welt war die Sache einfach: Hätte seine Frau ihm freiwillig das Ferienhaus überlassen, müsste die Wohnung gar nicht aufgeteilt werden.
Wenn Lea also am Ende ihr Zuhause verlor, lag die Schuld nach dieser Logik weder bei ihm noch bei Nadine.
Sie läge ausschließlich bei Sabine, die angeblich stur auf ihrem Eigentum beharrte.
So konnte Thomas sich weiterhin für einen anständigen Mann halten.
— Ich habe verstanden, was ihr wollt, — sagte Sabine langsam.
Ihre Stimme blieb vollkommen ruhig.
Gerade diese Ruhe machte beide Gäste nervös.
— Wenn du die Wohnung teilen willst, dann gut. Reiche den Scheidungsantrag ein und geh vor Gericht. Dort kannst du deinen Anspruch geltend machen.
Nadine nickte zufrieden, weil sie glaubte, Sabines Widerstand sei endlich gebrochen.
— Sehen Sie, — sagte sie. — Sobald man die Emotionen beiseitelässt, findet sich immer eine vernünftige Lösung. Wir lassen die Unterlagen vorbereiten.
— Bevor ihr zu einem Anwalt geht, — fuhr Sabine fort, als hätte sie Nadine gar nicht gehört, — solltest du noch etwas wissen, Thomas. Ja, die Wohnung wurde während unserer Ehe gekauft. Aber die Anzahlung habe ich mit Geld geleistet, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Sämtliche Kontoauszüge und Überweisungsbelege sind noch vorhanden. Die Herkunft dieses Geldes lässt sich ohne große Schwierigkeiten nachweisen. Deshalb wirst du nicht die Hälfte der Wohnung bekommen. Im für dich günstigsten Fall könnte am Ende ungefähr ein Viertel als dein Anteil anerkannt werden.
Thomas öffnete den Mund.
Sabine ließ ihn nicht dazwischenreden.
— Und für dieses Viertel wirst du einen langen Rechtsstreit führen müssen. Du wirst deiner eigenen Tochter in die Augen sehen und ihr erklären, warum ihr Vater jeden Quadratmeter ihres Zuhauses nachrechnet, um Geld für sein neues Leben herauszuholen. Du wirst Anwälte, Gutachten und Gerichtsgebühren bezahlen. Und ich verspreche dir: Schnell wird dieses Verfahren nicht werden. Ich werde jede Forderung und jedes Dokument prüfen und anfechten, wo es etwas anzufechten gibt. Nicht, weil ich mich an Geld klammere. Sondern weil ich nicht zulassen werde, dass du dein neues Glück mit der Sicherheit unseres Kindes finanzierst und deine Gier dabei mit schönen Worten über Fairness und Anstand verkleidest.
Nadines Augen wurden schmal.
Von ihrer freundlichen Maske war kaum noch etwas übrig.
— Das ist vollkommen irrational, Sabine, — sagte sie gepresst. — Sie sind bereit, jahrelang Geld, Kraft und Nerven zu verschwenden, nur um sich zu rächen. Sie können einfach nicht ertragen, dass Thomas eine Frau gefunden hat, die ihn wirklich zu schätzen weiß.
— Ich handle als Mutter, — erwiderte Sabine ruhig. — Und Sie, Nadine, verhalten sich wie jemand, der in ein fremdes Haus kommt und hofft, fremdes Eigentum möglichst bequem zu bekommen. Nur wird es hier keine leichte Beute geben. Wenn Sie vor Gericht gehen wollen, tun Sie das. Aber kommen Sie nie wieder hierher und erzählen Sie mir, wie sehr Sie sich angeblich um mein Wohlergehen sorgen.
Thomas wirkte plötzlich verloren.
Sein so eleganter Plan zerfiel vor seinen Augen.
Er hatte damit gerechnet, entweder das Ferienhaus zu bekommen oder kurzfristig die Hälfte der Stadtwohnung in Geld verwandeln zu können.
Auf einen langwierigen Prozess, hohe Anwaltskosten und vor allem ein unangenehmes Gespräch mit seiner Tochter war er nicht vorbereitet.
— Sabine, warum machst du alles so kompliziert? — murmelte er und hatte von seiner früheren Sicherheit kaum noch etwas übrig. — Wir hätten das doch ruhig und im Guten regeln können.
— In eurem Guten, Thomas, — korrigierte sie ihn. — Ihr nennt nur das eine gute Lösung, was euch nützt.
Nadine griff entschlossen nach seinem Arm.
— Wir haben hier nichts mehr zu besprechen, Schatz. Dann machen wir eben alles offiziell. Diese Frau ist von Eifersucht und alten Kränkungen verblendet. Wir müssen uns nicht auf dieses Niveau herablassen.
Sie drehten sich um und gingen.
Nadine schritt mit derselben festen Haltung hinaus, mit der sie gekommen war. Sabine konnte sich vorstellen, dass sie bereits im Kopf weitere rechtliche Möglichkeiten, Risiken und Varianten durchging.
Nicht eine Sekunde lang schien Nadine an der eigenen Position zu zweifeln.
In ihrer Vorstellung blieb Sabine lediglich das Hindernis zwischen ihr, Thomas und dem Glück, von dem beide glaubten, es verdient zu haben.
Thomas ging neben ihr und fühlte sich sichtbar gekränkt.
Aus seiner Sicht hatte er schließlich einen fairen Tausch vorgeschlagen.
Er bekam das Ferienhaus, Sabine behielt die Wohnung.
Was sollte daran ungerecht sein?
Nun aber wurde er hingestellt, als wäre er ein Vater, der seiner eigenen Tochter das Dach über dem Kopf wegnehmen wollte.
Thomas war aufrichtig überzeugt, dass Sabine Lea gegen ihn aufbrachte und die Wohnung nur benutzte, um Druck auf ihn auszuüben.
Sabine blieb auf der Veranda zurück.
Sie sah den beiden nach und wusste, dass die nächste Zeit schwierig werden konnte.
Wahrscheinlich würde es Gerichtstermine geben, gegenseitige Vorwürfe und Versuche von Thomas, Lea auf seine Seite zu ziehen. Er würde sich vermutlich als missverstandener Vater darstellen, den seine ehemalige Frau aus verletztem Stolz ungerecht behandelte.
Aber Sabine hatte keine Angst mehr.
Auch Bedauern empfand sie nicht.
Mit einer beinahe erschreckenden Klarheit verstand sie plötzlich, dass sie viele Jahre mit einem Mann gelebt hatte, für den Familie vor allem ein bequemes System gewesen war, das seine Bedürfnisse auffangen sollte.
Jede eigene Pflicht hatte Thomas als Heldentat betrachtet.
Sabines tägliche Fürsorge dagegen war für ihn selbstverständlich gewesen – so selbstverständlich, dass er sie kaum noch wahrgenommen hatte.
Die Scheidung erschien ihr nicht länger als Katastrophe.
Zum ersten Mal sah sie darin etwas anderes.
Eine Befreiung von einer jahrelangen Lüge.
Der Besuch von Thomas und Nadine hatte dafür nur den letzten Beweis geliefert. Sie waren in ihr Haus gekommen, um ihr unter dem Vorwand, sie vor Überforderung und Belastung zu schützen, genau dieses Haus abzunehmen.
Und offenbar glaubten beide tatsächlich, man könne Gier in freundliche Worte verpacken, sie mit Mitgefühl verzieren und dem anderen anschließend als Geschenk überreichen.
Doch die Regeln hatten sich geändert.
Sabine würde nicht länger die bequeme, verständnisvolle und endlos geduldige Ehefrau sein, die jeden Wunsch des anderen mitträgt, damit bloß kein Streit entsteht.
Sie hatte eine Tochter, deren Sicherheit sie schützen wollte.
Und sie hatte ihre eigene Würde wiedergefunden – eine Würde, mit der sie nicht länger für den Komfort anderer bezahlen würde.
Sie wusste, auf wessen Grundstück sie stand.
Sie wusste, wem dieses Haus gehörte.
Und genau diese Gewissheit gab ihr genug Kraft für alles, was noch kommen mochte.
Thomas und Nadine konnten Anwälte einschalten, Forderungen stellen und weiter von Fairness, Vernunft und Anstand sprechen.
Sabine würde sich davon nicht mehr beeindrucken lassen.
Denn inzwischen hatte sie verstanden, dass schöne Worte nichts wert sind, wenn sie nur dazu dienen, den eigenen Vorteil zu verschleiern.
Und sie würde nicht zulassen, dass Menschen, die sich selbst weiterhin für die Vernünftigen und Großzügigen hielten, ihr und ihrer Tochter alles nahmen und als Gegenleistung lediglich eine Rede darüber hinterließen, wie ehrlich und edel sie angeblich gehandelt hätten.