— Du hast mich, die „alte Frau“, für eine Jüngere verlassen. Und warum stehst du jetzt wieder vor mir? Hast du etwa von meinem Erbe erfahren? — Seine Frau lachte ihm direkt ins Gesicht

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Ingrid Hoffmann stand am Küchenfenster und sah hinaus in den endlosen Herbstregen. Hinter den nassen Scheiben verschwammen die Konturen der Nachbarhäuser, der Innenhof lag grau und verlassen da, und selbst die wenigen Bäume wirkten, als hätten sie längst aufgegeben, sich gegen das Wetter zu wehren.

Früher hatte Ingrid sich ihr Leben ganz anders vorgestellt. Damals, als sie noch jung gewesen war, hatte sie von einem eigenen Haus geträumt, von einem großen Garten mit Apfelbäumen, Blumenbeeten und einer kleinen Laube, in der man an warmen Sommerabenden sitzen und Tee trinken konnte.

Doch aus diesen Bildern war nie Wirklichkeit geworden.

Stattdessen lebte sie inzwischen in einer gewöhnlichen Dreizimmerwohnung im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses. Einen blühenden Garten gab es nicht. Wenn Ingrid aus dem Fenster blickte, sah sie nur den asphaltierten Hof, einige staubige Büsche und drei dürre Bäume, deren Blätter bereits gelb geworden waren.

— Ingrid! Hast du mein weißes Hemd gesehen? — rief Klaus gereizt aus dem Schlafzimmer.

— Im Kleiderschrank. Ganz rechts auf einem Bügel, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

— Da ist es nicht!

Ingrid schloss für einen Moment die Augen, atmete schwer aus und ging ins Schlafzimmer.

Klaus stand vor dem geöffneten Schrank, nur mit Unterwäsche bekleidet, und schob ratlos Hemden und Jacken hin und her. Sein Bauch wölbte sich leicht über den Bund. Obwohl er fünfundvierzig war, benahm er sich in solchen Augenblicken wie ein Schüler, der ohne Hilfe nicht einmal seine eigenen Sachen finden konnte.

— Hier, — sagte Ingrid und nahm das Hemd vom äußersten Bügel. — Genau da, wo ich gesagt habe.

— Ach so. Danke.

Er nahm es ihr ab, ohne sie wirklich anzusehen.

— Heute komme ich später. Wir haben noch ein Treffen mit Geschäftspartnern aus München.

— Schon wieder? — Ingrid setzte sich auf die Bettkante. — Klaus, könnten wir wenigstens am Wochenende einmal nach einem kleinen Grundstück schauen? Ich habe gestern eine Anzeige gefunden. In einem Dorf außerhalb von Hannover wird ziemlich günstig ein Stück Land verkauft.

Klaus knöpfte sein Hemd zu und betrachtete seine Frau im Spiegel.

— Ingrid, wozu brauchen wir ein Grundstück? Das sind doch nur zusätzliche Kosten. Und wann soll ich mich darum kümmern? Ich habe meine Arbeit, Termine, die Firma. Das erledigt sich nicht von allein.

— Aber früher haben wir doch selbst davon gesprochen…

— Ja, wir haben geredet, geträumt und irgendwelche Pläne gemacht, — fiel er ihr scharf ins Wort. — Nur besteht das wirkliche Leben nicht aus Träumereien. Man braucht Geld, Arbeit und Verantwortung. In der Erde herumwühlen können wir später, wenn wir Rentner sind.

Ingrid schwieg.

Im Laufe ihrer Ehe hatte sie gelernt, dass Schweigen manchmal weniger wehtat als eine weitere nutzlose Diskussion.

Am Anfang ihrer Beziehung hatte Klaus einfach viel gearbeitet. Später war er ständig müde gewesen. Im letzten Jahr jedoch war aus seiner Müdigkeit etwas anderes geworden: Gereiztheit, Kälte und eine Grausamkeit, die sich oft in scheinbar beiläufigen Bemerkungen versteckte.

Mal sagte er, Ingrid habe deutlich zugenommen. Ein anderes Mal bemerkte er, andere Frauen in ihrem Alter sähen wesentlich gepflegter aus.

— Wir könnten doch wenigstens zu Thomas fahren, — versuchte sie es noch einmal. — Er lädt uns schon seit Wochen zum Grillen in seinen Kleingarten ein.

Klaus winkte ab.

— Thomas ist ein Faulenzer. Statt etwas aus seinem Leben zu machen und ordentlich Geld zu verdienen, sitzt er jedes Wochenende zwischen Tomatenpflanzen und seinem Rasen. Dafür opfere ich bestimmt keinen freien Tag.

Er richtete seine Krawatte, musterte sich im Spiegel und ließ anschließend den Blick über seine Frau wandern.

— Übrigens solltest du dich wirklich mal in einem Fitnessstudio anmelden. Du hast dich ziemlich gehen lassen. Früher warst du schlank und leicht, und heute…

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Das vielsagende Zucken seiner Schultern reichte vollkommen.

Ingrid spürte den altbekannten Schmerz in ihrer Brust.

Sie stand wortlos auf und ging zurück in die Küche.

Für einen Augenblick brannten ihr die Augen. Doch sie zwang die Tränen zurück.

Sie hatte keine Zeit zum Weinen.

Das Frühstück musste gemacht werden.

Während sie später am Tisch saßen, scrollte Klaus durch die Nachrichten auf seinem Handy. Er hob kaum den Blick.

— Erinnerst du dich manchmal daran, wie wir früher waren? — fragte Ingrid vorsichtig. — Wie viele Pläne wir hatten? Wir wollten ein eigenes Haus, eine große Familie, Kinder…

— Kinder hat es bei uns eben nicht gegeben, — antwortete Klaus trocken und wischte weiter über den Bildschirm. — Und ein Haus kostet ein Vermögen. So viel Geld hatten wir nie.

— Vielleicht hätten wir mehr zurücklegen können, wenn nicht so viel für Restaurants, Reisen und all deine Geschäftsfahrten draufgegangen wäre.

Nun hob Klaus langsam den Kopf.

— Fang nicht schon morgens damit an. Ich arbeite für uns. Damit wir vernünftig leben können. Und von dir höre ich trotzdem ständig nur Vorwürfe.

— Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich möchte nur, dass wir irgendwann wieder das Gefühl haben, glücklich zu sein.

— Glück bedeutet Sicherheit, Geld und Gesundheit, — erklärte Klaus. — Nicht Gemüsebeete, Blumen und Erde unter den Fingernägeln.

Nach dem Frühstück verließ er die Wohnung.

Ingrid blieb am Fenster sitzen und hielt mit beiden Händen ihre Kaffeetasse umschlossen. Der Kaffee wurde langsam kalt.

Sie dachte an den Mann, den sie einmal geheiratet hatte.

Klaus war früher fröhlich gewesen. Spontan, romantisch, voller Einfälle.

Sie hatten halbe Nächte miteinander gesprochen, Namen für mögliche Kinder ausgesucht und auf Papier Skizzen von ihrem zukünftigen Haus gezeichnet.

Von diesem Mann war kaum etwas übrig.

Der Klaus, der heute neben ihr lebte, war kühl, ungeduldig und zynisch.

Als hätte das Leben alles Warme Stück für Stück aus ihm herausgewaschen.

Am folgenden Samstag fuhr Ingrid in die Innenstadt, um einige Einkäufe zu erledigen.

Sie verließ gerade ein Kaufhaus, als ihr auf der anderen Straßenseite eine vertraute Gestalt auffiel.

Klaus.

Er stand neben einem Taxi.

Doch er war nicht allein.

Neben ihm wartete eine junge Frau.

Ingrid erkannte sie sofort. Es war Katharina, die Assistentin aus seiner Firma.

Eine hochgewachsene, schlanke, gepflegte Frau von vielleicht fünfundzwanzig Jahren.

Katharina erzählte gerade etwas, warf dabei lachend den Kopf zurück und berührte Klaus leicht am Arm.

Und Klaus lächelte.

Nicht dieses höfliche, angespannte Lächeln, das Ingrid von zu Hause kannte.

Er lächelte offen, beinahe jungenhaft.

So hatte er seine eigene Frau seit Jahren nicht mehr angesehen.

Ingrid blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

Ihr Herz schlug so heftig, dass sie für einen Moment glaubte, die Menschen um sie herum müssten es hören können.

Klaus öffnete Katharina die Autotür. Sie stieg ein, er setzte sich neben sie, und wenige Augenblicke später verschwand das Taxi an der nächsten Kreuzung.

Ingrid stand noch lange dort.

Die Einkaufstaschen wurden in ihren Händen immer schwerer.

Zu Hause fand sie keine Ruhe.

Sie ging vom Wohnzimmer in die Küche und wieder zurück. Sie schlug ein Buch auf, las drei Sätze und wusste anschließend nicht, was dort gestanden hatte. Sie schaltete den Fernseher ein, stellte ihn wieder aus, begann das Abendessen vorzubereiten und ließ schließlich alles stehen.

Nichts konnte ihre Gedanken vertreiben.

Klaus kam spät am Abend zurück.

— Wie war dein Tag? — fragte Ingrid und beobachtete jede Regung in seinem Gesicht.

— Anstrengend. Ich bin völlig erledigt. Wir haben bis spät Unterlagen durchgesehen.

— Warst du allein im Büro?

— Fast. Katharina hat mir eine Weile geholfen. Aber sie ist früh gegangen.

Ingrid nickte langsam.

Damit wusste sie es.

Er log.

Und er tat es, während er ihr ruhig in die Augen sah.

Einige Tage später rief ihre Freundin Sabine an und lud Ingrid zu ihrem Geburtstag in ein Restaurant ein.

Ingrid wollte zunächst nicht mitkommen, doch Sabine ließ sich nicht abwimmeln.

— Du sitzt nur noch zu Hause, — sagte sie. — Komm wenigstens einmal raus. Ein paar Stunden unter Menschen werden dir guttun.

Im Restaurant war es voll, laut und lebhaft.

Die Frauen lachten, erzählten Neuigkeiten, sprachen über gemeinsame Bekannte und tauschten kleine Geschichten aus ihrem Alltag aus.

Ingrid lächelte, nickte an den richtigen Stellen und bemühte sich, am Gespräch teilzunehmen.

In Gedanken war sie jedoch weit weg.

Dann sah sie die beiden.

Klaus und Katharina.

Sie saßen in einer ruhigen Ecke des Restaurants an einem kleinen Tisch für zwei.

Klaus hatte sich zu der jungen Frau hinübergebeugt und sprach leise mit ihr.

Katharina lachte.

Zwischendurch legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm.

In Ingrid wurde es schlagartig kalt.

Sie entschuldigte sich bei den anderen und ging schnell zur Toilette.

Dort blieb sie lange vor dem Spiegel stehen.

Eine müde Frau um die vierzig sah ihr entgegen. Das Gesicht wirkte angespannt, die Augen stumpf, die Mundwinkel hart.

Ingrid erschrak beinahe.

Wann war sie zu dieser Frau geworden?

Sie erkannte sich selbst kaum wieder.

Als sie spät nach Hause kam, schlief Klaus bereits.

Am nächsten Morgen saßen sie sich beim Frühstück gegenüber.

Ingrid wartete, bis er den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.

Dann fragte sie:

— Wo warst du gestern Abend?

— Zu Hause. Das hast du doch selbst gesehen. Als du gekommen bist, war ich hier.

— Klaus, ich habe dich im Restaurant gesehen. Mit Katharina.

Der Löffel in seiner Hand blieb mitten in der Bewegung stehen.

— Wir haben beruflich gesprochen. Wir arbeiten an einem neuen Projekt.

— Musstet ihr dieses Projekt abends bei Kerzenlicht in einem Restaurant besprechen?

— Warum nicht? Was soll daran ungewöhnlich sein?

Ingrid stellte ihre Tasse vorsichtig ab.

— Sag mir einfach die Wahrheit. Gibt es etwas zwischen euch?

Mehrere Augenblicke herrschte völlige Stille.

Dann atmete Klaus schwer aus.

— Ja.

Ingrid hatte mit dieser Antwort gerechnet.

Trotzdem traf sie das Wort mit einer Wucht, auf die sie nicht vorbereitet gewesen war.

— Warum?

Klaus wandte den Blick zur Seite.

— Weißt du, Ingrid… Wenn ich mit Katharina zusammen bin, fühle ich mich wieder jung. Sie schaut mich an, als wäre ich erfolgreich, interessant, jemand Besonderes. Neben dir habe ich ständig das Gefühl, alt zu werden. Wir sind wie zwei müde Menschen, die seit Jahren denselben schweren Wagen ziehen.

— Wir sind seit zwanzig Jahren verheiratet.

— Das weiß ich. Aber ich will nicht so leben, als wäre schon alles vorbei. Ich will mich wieder lebendig fühlen.

Ingrid schluckte.

— Und was bedeutet das jetzt?

— Ich gehe. Katharina hat eine Wohnung gemietet. Ich ziehe zu ihr.

Noch am selben Tag packte Klaus seine Sachen.

Ingrid schrie nicht.

Sie flehte ihn nicht an zu bleiben.

Sie verlangte keine Erklärungen mehr und machte keine Szene.

Stattdessen saß sie in der Küche und blickte aus dem Fenster, während sie hörte, wie Klaus durch die Räume ging, Schubladen öffnete, Schranktüren zuschob und Hemden in seinen Koffer legte.

An der Wohnungstür blieb er schließlich stehen.

— Es tut mir leid, Ingrid. Es ist einfach so gekommen.

Sie sah ihn an.

— Ja. Genau so ist es gekommen.

Dann ging er.

Die ersten Tage danach schienen kein Ende zu nehmen.

Plötzlich wirkte die Wohnung viel größer. Leer. Kalt.

Ingrid wusste nicht, wohin mit sich.

Freundinnen riefen an. Sie wollten sie besuchen, mit ihr spazieren gehen oder sie für einige Tage zu sich holen.

Doch Ingrid wollte niemanden sehen.

Eine Woche später klingelte das Telefon.

Ihre Mutter war am Apparat.

— Ingrid, ich muss dir etwas Trauriges sagen. Tante Elisabeth ist gestorben.

— Welche Tante Elisabeth? — Ingrid brauchte einen Moment.

— Die Schwester meiner Mutter aus Berlin. Erinnerst du dich? Sie war vor ungefähr zehn Jahren einmal bei uns.

Langsam tauchte ein Bild in Ingrids Erinnerung auf.

Eine eher reservierte Frau in einem eleganten Kostüm, die nur wenige Tage geblieben war und fast ständig telefoniert hatte.

— Und jetzt kommt etwas, womit niemand gerechnet hat, — fuhr ihre Mutter fort. — Sie hat dir alles hinterlassen.

— Was heißt alles?

— Ihr Haus außerhalb von Berlin, ein kleines Feriengrundstück und ihre Bankguthaben. Und da soll sehr viel Geld liegen. Elisabeth war jahrzehntelang leitende Buchhalterin bei einem großen Unternehmen. Eigene Kinder hatte sie nie. Offenbar wollte sie, dass ihre einzige Nichte alles bekommt.

Ingrid hörte schweigend zu.

Es fühlte sich unwirklich an.

Als spräche ihre Mutter über das Leben eines anderen Menschen.

— Mama… wie viel Geld ist es?

— Genau weiß ich es nicht. Aber nach dem, was man mir gesagt hat, könntest du viele Jahre davon leben, selbst wenn du überhaupt nicht mehr arbeiten würdest.

Nach dem Gespräch blieb Ingrid lange reglos sitzen.

Dann ging sie ans Fenster.

Der Regen hatte aufgehört.

In den großen Pfützen auf dem Hof spiegelte sich der blasse Herbsthimmel.

Zwei Tage später fuhr Ingrid hinaus, um das geerbte Haus zu sehen.

Schon beim ersten Anblick blieb sie überrascht am Gartentor stehen.

Es war viel größer, als sie erwartet hatte.

Ein solides zweistöckiges Haus stand auf einem weitläufigen Grundstück. Dahinter erstreckte sich ein alter Garten.

Mehrere Apfelbäume standen dort, breit und knorrig, manche Äste hingen unter ihrem Gewicht so tief, dass sie beinahe den Boden berührten.

Im Haus musste einiges renoviert werden. Die Tapeten waren alt, an manchen Stellen brauchte das Holz neue Farbe, und einige Räume wirkten, als seien sie lange nicht benutzt worden.

Trotzdem waren die Zimmer hell.

Und etwas an diesem Haus fühlte sich warm an.

Einladend.

Ingrid ging hinaus in den Garten.

Das Gras war noch feucht vom Regen.

Sie blieb zwischen den alten Apfelbäumen stehen und sah sich um.

Da spürte sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit etwas, das beinahe wie echtes Glück war.

Hier konnte sie all das tun, was sie früher immer gewollt hatte.

Blumen pflanzen.

Ein Gemüsebeet anlegen.

Johannisbeeren und Himbeeren ziehen.

Eine kleine Gartenlaube aufstellen.

Und vielleicht vor allem:

neu anfangen.

Am selben Abend rief Klaus an.

— Ingrid, kann ich vorbeikommen? Wir müssen reden.

Sie schwieg kurz.

— Komm.

Etwa eine Stunde später stand er vor ihrer Tür.

Er sah schlecht aus.

Sein Gesicht war schmaler geworden, das Hemd zerknittert, unter den Augen lagen dunkle Schatten.

— Ingrid, ich habe einen Fehler gemacht. Bitte verzeih mir.

Sie trat zur Seite.

— Komm rein. Möchtest du Tee?

— Ja.

Klaus setzte sich an den Küchentisch.

Schon nach wenigen Minuten richtete er sich auf jene vertraute Art auf, als gehöre er noch immer selbstverständlich hierher.

— Weißt du, mit Katharina ist alles viel komplizierter geworden, als ich gedacht hatte, — begann er. — Sie ist jung. Sie will ständig ausgehen, verreisen, in gute Restaurants, Geschenke bekommen. Und offenbar hat sie gedacht, ich hätte viel mehr Geld, als ich tatsächlich habe.

— Verstehe, — sagte Ingrid und goss Tee ein.

— Und nachdem ich eine Weile mit ihr zusammengelebt habe, habe ich gemerkt, wie wichtig du mir bist. Zwanzig Jahre kann man doch nicht einfach ausradieren.

— Nein. Einfach ausradieren kann man sie nicht.

Klaus wurde sichtbar hoffnungsvoller.

— Genau. Und deshalb möchte ich zurückkommen. Ingrid, lass uns noch einmal neu anfangen. Vielleicht hattest du mit dem Garten ja sogar recht. Wir könnten uns doch ein Grundstück suchen. So, wie du es immer wolltest.

Ingrid stellte die Tasse vor ihn.

Dann setzte sie sich ihm gegenüber und sah ihn lange an.

Schließlich lächelte sie.

— Du hast mich, die „alte Frau“, verlassen und bist zu einer Jüngeren gegangen. Und jetzt willst du plötzlich zurück? Hast du von meinem Erbe gehört?

Sie begann zu lachen.

Nicht hysterisch.

Nicht laut.

Es war ein ruhiges, fast ungläubiges Lachen.

Doch Klaus wurde schlagartig blass.

— Welches Erbe? Wovon redest du überhaupt?

— Von einem Haus außerhalb von Berlin. Von einem Feriengrundstück. Von Bankkonten. Willst du mir wirklich erzählen, dass du davon nichts weißt?

— Ingrid, das hat doch damit überhaupt nichts zu tun. Ich habe einfach verstanden, dass…

— Du hast verstanden, dass eine junge Geliebte ziemlich teuer ist. Und gleichzeitig sitzt hier noch die Ehefrau, die du verlassen hast und die plötzlich Geld besitzt. Das ist natürlich praktisch.

Klaus streckte die Hand nach ihr aus.

Ingrid zog ihre sofort zurück.

— Fass mich nicht an.

— Ingrid, warum bist du so? Ob du dieses Erbe hast oder nicht, spielt doch keine Rolle. Entscheidend sind unsere Gefühle.

— Unsere Gefühle?

Sie stand vom Tisch auf.

— Zwanzig Jahre lang hast du mir gesagt, ich sei zu dick, zu alt und nicht mehr attraktiv. Du hast über meine Wünsche gelacht. Jedes Mal, wenn ich von einem Garten oder einem Haus gesprochen habe, hast du mir erklärt, das seien kindische Träumereien. Und jetzt willst du plötzlich entdeckt haben, dass du mich liebst?

Klaus senkte den Blick.

— Ich war ein Idiot. Bitte verzeih mir.

— Nein.

Er sah auf.

— Was?

— Ich werde dir nicht verzeihen. Und ich werde dich auch nicht zurücknehmen.

— Und was willst du ganz allein machen? Wo willst du überhaupt hin?

— In mein Haus. Ich werde dort meinen Garten anlegen.

Klaus schüttelte den Kopf.

— Ingrid, komm zur Vernunft. Du bist eine Stadtfrau. Du kennst das Leben auf dem Land doch gar nicht. Du bist an eine Wohnung, Komfort und ein normales Leben gewöhnt.

Ingrid sah ihn ruhig an.

— Weißt du, woran ich wirklich gewöhnt bin? An Demütigungen. Daran, mich kleinzumachen. Daran, Dinge zu schlucken, damit es keinen Streit gibt. Und genau diese Gewohnheit werde ich mir jetzt abgewöhnen.

Fast eine weitere halbe Stunde versuchte Klaus, sie umzustimmen.

Er versprach, sich zu verändern.

Er beteuerte, dass er sie liebte.

Er sprach von ihrer gemeinsamen Vergangenheit und von einer neuen Zukunft.

Er erklärte, dass er bereit sei, all die Dinge zu verwirklichen, von denen sie früher gemeinsam geträumt hatten.

Doch Ingrid blieb ruhig.

Und bei jedem seiner Worte wurde ihr deutlicher, dass ihre Entscheidung längst gefallen war.

— Geh jetzt, Klaus. Und komm nicht wieder.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, blieb Ingrid einen Moment im Flur stehen.

Dann holte sie ein sauberes Blatt Papier, setzte sich an den Küchentisch und begann zu schreiben.

Welche Blumen sollten vor das Haus?

Wo war genug Sonne für Gemüsebeete?

Welches Zimmer sollte sie zuerst renovieren?

An welcher Stelle zwischen den Apfelbäumen könnte eine Laube stehen?

Zum ersten Mal seit Jahren machte sie wieder Pläne, die tatsächlich ihre eigenen waren.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wirklich glücklich.

Nicht wegen des Geldes.

Nicht, weil Klaus gedemütigt vor ihr gesessen hatte.

Nicht einmal, weil sie die Möglichkeit gehabt hatte, ihm seine eigenen Worte zurückzugeben.

Sondern weil sie endlich selbst entscheiden konnte, wie sie leben wollte.

Im Frühjahr zog Ingrid endgültig in das Haus außerhalb von Berlin.

Die Menschen aus der Nachbarschaft und die Besitzer der umliegenden Grundstücke begegneten ihr freundlich.

Eine ältere Nachbarin namens Helga zeigte ihr, wie man Obstbäume richtig zurückschneidet, Setzlinge umpflanzt und junge Pflanzen vor Nachtfrost schützt.

Ein Nachbar namens Werner half ihr dabei, das Dach auszubessern, die alten Stufen am Eingang zu reparieren und den verwitterten Gartenzaun wieder herzurichten.

Ingrid arbeitete beinahe jeden Tag draußen.

Ihre Hände wurden kräftiger.

Ihre Haut bekam Farbe.

In ihren Haaren entdeckte sie neue graue Strähnen.

Aber ihre Augen leuchteten wieder.

Sie fühlte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht wie jemand, der nur funktioniert.

Sie fühlte sich lebendig.

Klaus rief gelegentlich an.

Er fragte, wie es ihr gehe.

Manchmal deutete er an, dass sie sich treffen könnten.

Ein anderes Mal bot er seine Hilfe an.

Ingrid antwortete kurz, höflich und vollkommen gelassen.

Als spräche sie mit einem Menschen, den sie irgendwann einmal flüchtig gekannt hatte.

Im Herbst erntete sie zum ersten Mal Äpfel aus ihrem eigenen Garten.

Sie stand mit einem Korb unter einem der alten Bäume, hielt einen rotgelben Apfel in der Hand und begriff plötzlich, dass genau dies das Glück war, nach dem sie so lange gesucht hatte.

Es hing nicht von einem Mann ab.

Es ließ sich nicht an der Höhe eines Bankkontos messen.

Glück bedeutete, morgens aufzuwachen und sich auf den kommenden Tag zu freuen.

Etwas zu tun, das man wirklich mochte.

Man selbst sein zu dürfen.

Sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen.

Keine spöttischen Bemerkungen zu ertragen.

Keine Angst davor zu haben, dass jemand wieder unzufrieden mit einem sein könnte.

Mit dem Geld ihrer Tante ging Ingrid vernünftig um.

Sie ließ das Haus renovieren.

Sie kaufte gute Obststräucher, junge Bäume und Pflanzen.

Die Nebengebäude wurden instand gesetzt.

Der größte Teil des übrigen Vermögens blieb auf der Bank.

Es beschäftigte sie erstaunlich wenig.

Ingrid hatte begriffen, dass Reichtum nicht aus einer Zahl auf einem Konto bestand.

Reichtum war, wenn man am Morgen nicht vom schrillen Wecker und von der gereizten Stimme eines Mannes geweckt wurde, sondern vom Gesang der Vögel vor dem Fenster.

Reichtum war der Wunsch, aufzustehen, weil man diesen neuen Tag tatsächlich erleben wollte.

Im Winter meldete Ingrid sich zu einem Kurs für Gartengestaltung an.

Im kommenden Frühjahr wollte sie eine kleine Pflanzenzucht beginnen.

Plötzlich hatte ihr Leben wieder Richtung.

Es gab Pläne.

Ideen.

Farben.

Klaus blieb in der Stadt.

Bei seiner Arbeit, seiner ständigen Hektik, seinen finanziellen Schwierigkeiten und seinem verzweifelten Versuch, irgendwo jenes Gefühl von Jugend wiederzufinden, dem er so lange hinterhergelaufen war.

Manchmal dachte Ingrid noch an ihn.

Aber ohne Hass.

Fast mit Mitleid.

Er hatte so lange an der falschen Stelle nach Glück gesucht, dass er am Ende nicht nur seine Frau verloren hatte.

Er hatte auch sich selbst verloren.

Doch das war nicht länger Ingrids Problem.

Ihre eigene Geschichte begann gerade erst.

In einem alten Haus zwischen Apfelbäumen.

Neben Blumenbeeten, die jedes Jahr größer wurden.

Und in einem Garten, den sie endlich mit ihren eigenen Händen erschaffen konnte.