Nach dem Training wollte Sabine nur schnell nach Hause, um für ihren Mann seine geliebte Fischsuppe zu kochen – doch am Küchentisch wartete ein Geständnis, das ihr ganzes Leben veränderte

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Nach dem Training beeilte sich Sabine nach Hause. Sie hatte ihrem Mann versprochen, am Abend seine geliebte Fischsuppe zu kochen. Als sie die Wohnung betrat, wunderte sie sich jedoch über die ungewohnte Stille. In der Küche saß Martin am Tisch und trank Wein.

— Na, du hast wohl schon ohne mich angefangen? Konntest du nicht warten? Gib mir ein paar Minuten, dann mache ich wenigstens etwas dazu …

Martin hob den Blick.

— Lass es. Setz dich bitte. Wir müssen reden.

So hatte Sabine ihren Mann noch nie gesehen. Sein Gesicht wirkte angespannt, der Blick unsicher, die Schultern waren nach vorn gesunken. Es sah beinahe so aus, als wäre er innerhalb eines einzigen Abends um Jahre gealtert. Sabine spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Was um alles in der Welt war passiert?

Martin schwieg einen Moment und strich mit den Fingern über den Rand seines Glases.

— Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll … Ach, ich sage es einfach geradeheraus. Meine Sekretärin Julia ist von mir schwanger. Und ich werde zu ihr ziehen.

Sabine starrte ihn einige Sekunden schweigend an. Dann verzog sich ihr Mund zu einem bitteren Lächeln.

— Das ist ja großartig. Wie aus einer billigen Fernsehmelodramatik. Seit wann läuft das zwischen euch?

— Ungefähr ein Jahr. Sie war noch nicht lange bei mir in der Firma, als sie anfing, meine Nähe zu suchen. Sie hat mir ständig Aufmerksamkeit geschenkt, und ich … ich habe irgendwann nachgegeben. Sie ist jung, hübsch, unkompliziert, fröhlich. Irgendwie hat sie mich daran erinnert, wie du früher warst. Und plötzlich war ich verliebt wie ein Schuljunge.

Martin atmete schwer aus.

— Ich wollte es dir gleich erzählen. Wirklich. Mehr als einmal habe ich mir vorgenommen, nach Hause zu kommen und alles zu sagen. Aber ich hatte nicht den Mut. Ich wusste, wie sehr ich dich verletzen würde. Mir tatest du leid …

Sabine sagte nichts.

— Jetzt gibt es ohnehin keine Wahl mehr, fuhr Martin fort. — Bald wird das Kind geboren. Du weißt doch, dass ich immer ein eigenes Kind wollte. Tobias ist für mich natürlich wie ein Sohn, aber biologisch ist er eben nicht mein Sohn. Ich wollte immer einen Erben haben, jemanden, dem ich später meine Firma übergeben kann. Mit Julia fühle ich mich außerdem wieder jung. Vielleicht ist das wirklich diese berühmte Midlife-Crisis, von der alle reden.

Er versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht.

— Sabine, ich weiß, dass ich mich wie ein Schwein benehme. Aber ich werde dich und Tobias nicht im Stich lassen. Die Wohnung bleibt bei dir, das Auto auch. Ich werde euch finanziell unterstützen. Tobias’ Studium bezahle ich weiter, so wie ich es versprochen habe. Ich habe bereits ein anderes Haus gekauft und auf Julia eintragen lassen. Schließlich ist sie die Mutter meines zukünftigen Kindes.

Sabine sah ihn ruhig an.

— Natürlich verstehe ich dich, Martin. Einer jungen Schönheit wie Julia zu widerstehen ist vermutlich schwer, besonders für einen so richtigen Mann wie dich. Und ein Kind kannst du selbstverständlich nicht verlassen. Das wäre ja unverantwortlich. Für die finanzielle Unterstützung danke ich dir übrigens. Ich werde sie bestimmt nicht ablehnen. Vielleicht fange ich endlich an zu reisen und lebe ein bisschen für mich selbst.

Martin blinzelte irritiert.

— Wann ziehst du aus? Soll ich dir beim Packen helfen?

Er musterte seine Frau, als würde er versuchen herauszufinden, ob sie ihm etwas vorspielte. Sabine war viel zu ruhig. Unheimlich ruhig sogar. Martin hatte mit Tränen gerechnet, mit Vorwürfen, vielleicht mit einem Streit. Doch nichts davon geschah.

Vielleicht, dachte er, war es so sogar besser. Keine Szenen. Keine Schreie. Keine verzweifelten Fragen.

Als seine Koffer schließlich im Flur standen, trat Sabine einen Schritt zurück.

— Also dann, leb wohl, mein lieber Ehemann. Danke für all die Jahre, die wir miteinander hatten. Ich hatte es wirklich gut mit dir. Aber offenbar hat das Leben andere Pläne. Vielleicht verliebe ich mich eines Tages auch noch einmal und werde mit einem anderen Mann glücklich. Jetzt geh. Julia macht sich bestimmt schon Sorgen und stellt sich vor, ich würde mich hier an dein Bein klammern und dich nicht gehen lassen.

Martin nahm hastig die Koffer, schenkte ihr ein verlegenes Lächeln und ging zum Aufzug.

Erst als sich die Wohnungstür hinter ihm geschlossen hatte, kehrte Sabine in die Küche zurück.

Sie öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Sekt heraus, entkorkte sie, füllte ein Glas bis zum Rand und trank einen großen Schluck.

Ihr Mann hatte sie verlassen.

Wie absurd dieser Satz klang.

Nie hätte sie geglaubt, dass ausgerechnet ihr so etwas passieren könnte. Ihre Ehe war all die Jahre ruhig gewesen. Vielleicht hatte es schon lange keine überwältigende Leidenschaft mehr gegeben, doch dafür waren Vertrautheit, Zuneigung und gegenseitiger Respekt geblieben. Zumindest hatte Sabine das geglaubt.

Sie setzte sich an den Tisch und betrachtete das Weinglas, aus dem Martin noch kurz zuvor getrunken hatte.

Dann schüttelte sie den Kopf.

Genug damit.

Wenn ein neues Leben begann, dann würde es eben nach neuen Regeln funktionieren. Sie würde schon etwas finden, womit sie ihre Zeit füllen konnte. Und wenn ihr ehemaliger Mann bereit war, dafür finanziell aufzukommen, warum sollte sie ablehnen? Mit Geld standen ihr schließlich weit mehr Möglichkeiten offen.

Nur an einen Gedanken musste sie sich erst gewöhnen: Sie war jetzt eine Frau, die von ihrem Mann verlassen worden war.

Doch erstaunlicherweise dauerte es nicht lange, bis ihr Alltag sich veränderte.

Sabine meldete sich zu einem Tanzkurs an und ging nach der Arbeit regelmäßig dorthin. An den Wochenenden besuchte sie Museen, ging ins Kino oder zum Sport. Allein musste sie diese Unternehmungen nicht einmal machen. Ihre Nachbarin Petra, die ebenfalls allein lebte, freute sich immer, wenn Sabine sie mitnahm.

Tobias studierte in einer anderen Stadt und kam nur selten nach Hause. Dadurch war Sabine plötzlich fast vollständig auf sich selbst gestellt.

Und nach und nach entdeckte sie, dass dieser Zustand durchaus angenehme Seiten hatte.

Sie kochte nur noch Gerichte, auf die sie selbst Appetit hatte. Sie musste nicht mehr überlegen, was jemand anderes essen wollte. Sie konnte abends ausgehen oder zu Hause bleiben, ohne sich erklären zu müssen. Niemand fragte, wann sie zurückkam oder warum sie etwas tun wollte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit richtete sie ihren Alltag nur nach sich selbst.

Über einen neuen Mann dachte Sabine überhaupt nicht nach. Warum auch? Allein ging es ihr erstaunlich gut.

Die Scheidung von Martin verlief ebenso ruhig wie ihre Trennung. Es gab keinen Rosenkrieg und keine endlosen Auseinandersetzungen.

Im Flur des Familiengerichts sah Sabine Julia zum ersten Mal aus der Nähe.

Sie musste sich eingestehen, dass die junge Frau wirklich wunderschön war.

Martin hatte, was Frauen betraf, offenbar schon immer einen guten Geschmack gehabt.

Jeden Monat überwies er Sabine weiterhin Geld, genau wie versprochen. Sie war ihm dafür dankbar. Sie wusste, dass seine Firma ausgezeichnet lief und dass er sich diese Unterstützung problemlos leisten konnte.

Vielleicht war es seine Art, sich für die gemeinsam verbrachten Jahre erkenntlich zu zeigen.

Sabine vermutete allerdings, dass Julia nichts von diesen regelmäßigen Zahlungen wusste. Sie bezweifelte stark, dass die neue Frau an Martins Seite begeistert gewesen wäre, wenn sie davon erfahren hätte.

Ein Jahr verging.

Sabines Leben hatte inzwischen seinen eigenen Rhythmus gefunden. Sie ging weiterhin tanzen und zum Sport und unternahm mehrere Reisen ins Ausland. Sie hatte gelernt, ihre Freiheit nicht als Verlust, sondern einfach als ihre neue Realität zu betrachten.

Dann blieben Martins Überweisungen plötzlich aus.

Sabine wollte ihn nicht danach fragen. Es wäre ihr unangenehm gewesen.

Wahrscheinlich hatte Julia irgendwann davon erfahren und ihm verboten, seine ehemalige Frau weiterhin zu unterstützen.

Nun gut. Sabine würde auch ohne dieses Geld zurechtkommen.

Tobias verdiente neben seinem Studium inzwischen selbst ganz ordentlich und konnte seine Ausbildung notfalls aus eigener Kraft finanzieren. Sabines Gehalt reichte ebenfalls für ihre Bedürfnisse. Sie hatte keinen Grund, Martin wegen Geld hinterherzulaufen.

An einem freien Tag wachte sie ohne Wecker auf. Sie liebte solche Vormittage, an denen sie nirgendwohin musste und niemand etwas von ihr erwartete.

An diesem Tag kochte sie Fischsuppe.

Als sie fertig war, stellte sie fest, dass kein Brot mehr im Haus war. Ohne frisches Brot schmeckte ihr die Suppe jedoch nur halb so gut. Also zog sie sich schnell an und ging zur nahe gelegenen Bäckerei.

Dort blieb sie plötzlich stehen.

Nur wenige Schritte vor ihr stand Martin.

— Martin? Was machst du denn hier?

Er drehte sich um. Für einen Moment wirkte er ebenso überrascht wie sie.

— Sabine … Hallo. Ich wohne jetzt ganz in der Nähe. Ich habe mir hier eine Wohnung gekauft.

Sie sah ihn genauer an.

— Das sind ja Neuigkeiten. Und Julia? Und das Kind? Sag mal, was ist eigentlich geworden? Junge oder Mädchen?

Martin senkte kurz den Blick.

— Ein Mädchen.

Er schwieg.

— Allerdings ist danach einiges passiert. Eine ziemlich üble Geschichte.

Sabine wartete.

— Stell dir vor, Julia wurde von einem Konkurrenten auf mich angesetzt. Sie sollte mein Vertrauen gewinnen. Und genau das hat sie geschafft. Ich habe mich verliebt, und den Rest kennst du ja.

Sabine sagte kein Wort.

Martin fuhr fort:

— Irgendwann fing sie an, Druck auf mich auszuüben. Sie wollte, dass ich die Firma auf sie überschreibe. Sie sagte ständig, sie hätte Angst, dass ich sie eines Tages verlasse und sie mit dem Kind ohne alles dasteht.

Er lachte kurz auf, doch in diesem Lachen lag nichts Fröhliches.

— Und ich Idiot habe zugestimmt. Nach der Geburt war ich völlig überwältigt. Ich habe alles auf sie übertragen. Nur einen Teil meines Geldes hatte ich auf einem Konto behalten, von dem sie nichts wusste.

Sabine spürte bereits, worauf die Geschichte hinauslief.

— Dann hat sie mich rausgeworfen, sagte Martin. — Und das Mädchen ist nicht einmal mein Kind. Die Firma landete schließlich bei diesem Konkurrenten. So stehe ich nun da. Tief gefallen. Irgendwie komisch, oder? Am Ende ist es tatsächlich genauso kitschig geworden wie die schlechte Melodramatik, über die du damals gelacht hast.

Er steckte die Hände in die Jackentaschen.

— Ganz mittellos bin ich nicht. Ich konnte mir diese Wohnung kaufen und habe Arbeit gefunden. Verhungern werde ich nicht. Aber mein früheres Leben ist vorbei. Und deshalb konnte ich dir irgendwann auch kein Geld mehr überweisen. Es ging einfach nicht mehr.

Martin sah sie unsicher an.

— Es tut mir leid. Wahrscheinlich willst du jetzt überhaupt nichts mehr mit mir zu tun haben. Nach allem, was ich dir angetan habe, hätte ich das verdient. Ich habe dich verletzt. Habe unser gemeinsames Leben gegen diese Frau eingetauscht und …

Sabine betrachtete ihn.

Plötzlich empfand sie etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Mitleid.

Martin sah schlecht aus. Müde, erschöpft und irgendwie erloschen. Von jenem selbstbewussten Mann, der damals mit seinen Koffern zu einer jungen Schönheit gegangen war, war kaum noch etwas übrig.

Und diese Julia hatte sich tatsächlich als Betrügerin entpuppt.

Sabine wusste, wie viel Arbeit Martin über all die Jahre in seine Firma gesteckt hatte. Wie viel Kraft, Zeit und Energie darin steckten.

Sie seufzte.

— Du bist wirklich ein Idiot, Martin.

Er hob überrascht den Kopf.

— Komm mit zu mir. Ich habe gerade Fischsuppe gekocht. Deine Lieblingssuppe.

Sie gingen gemeinsam in die Wohnung.

Lange saßen sie in jener Küche, in der sie früher so viele Abende miteinander verbracht hatten. Damals waren sie nach der Arbeit dort zusammengekommen, hatten gegessen, sich erzählt, was am Tag passiert war, und über alles Mögliche gesprochen.

Nun taten sie beinahe dasselbe.

Nur waren sie keine Eheleute mehr.

Später telefonierten Sabine und Martin hin und wieder miteinander.

Darüber, noch einmal zusammenzukommen, sprachen sie nie. Dazu bestand auch kein Anlass. Beide hatten inzwischen ihr eigenes Leben, und das Vergangene blieb dort, wo es hingehörte.

Beim Tanzen lernte Sabine irgendwann einen Mann kennen. Aus der Bekanntschaft wurde mehr, und später heiratete sie ihn.

Diesmal fühlte sie sich wirklich glücklich.

Zu ihrer Hochzeit lud sie auch Martin ein.

Er kam tatsächlich und schien sich aufrichtig für seine ehemalige Frau zu freuen.

Doch das Leben hatte noch eine weitere Überraschung vorbereitet.

Auf dieser Hochzeit lernte Martin die Schwester von Sabines Bräutigam kennen.

Ein halbes Jahr später waren es Sabine und ihr neuer Ehemann, die als Gäste auf Martins Hochzeit standen.

Vielleicht ist das Leben gerade deshalb so erstaunlich, weil niemand weiß, was als Nächstes geschieht. Was heute wie das endgültige Ende erscheint, kann später nur eine Kurve auf einem viel längeren Weg sein. Deshalb lohnt es sich nicht, nach einem schweren Schlag alles aufzugeben. Man lebt weiter, geht seinen Weg und nimmt jeden neuen Tag so an, wie er kommt – denn niemand weiß, welche unerwartete Wendung schon hinter der nächsten Ecke wartet.