Als Martin in aller Eile seinen Flug erreichen wollte, entdeckte er am Flughafen plötzlich seine Frau, die angeblich bei ihrer schwer kranken Mutter auf dem Land sein sollte. Statt sie anzusprechen, folgte er ihr heimlich – und was er daraufhin sah und hörte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren…
Martin warf nervös einen Blick auf seine Armbanduhr, als er vor dem Flughafengebäude aus dem Taxi stieg. Bis zum Ende des Check-ins blieben ihm weniger als vierzig Minuten. Zeit zu verlieren konnte er sich nicht leisten. In der einen Hand hielt er seine Reisetasche, mit der anderen überprüfte er hastig sein Smartphone. Er wartete auf eine Nachricht seiner Kollegen, die bereits in Hamburg angekommen waren. Diese Dienstreise war äußerst wichtig. Wenn er den Flug verpasste, konnte die Arbeit mehrerer anstrengender Monate umsonst gewesen sein.
Mit schnellen Schritten ging er auf das Terminal zu. Den Verkehrslärm, die Stimmen der Menschen und den ununterbrochenen Strom von Reisenden um sich herum nahm er kaum wahr. Doch plötzlich fiel sein Blick auf eine Frau, die einige Dutzend Meter entfernt eilig die Straße überquerte.
Martin blieb beinahe stehen.
Für einen Augenblick setzte sein Herz aus.
Die Frau sah Katrin, seiner Ehefrau, verblüffend ähnlich.
Ein paar Sekunden lang bewegte er sich nicht und fragte sich, ob seine Augen ihm einen Streich spielten.
Noch am Morgen hatte Katrin ihn aus dem Dorf angerufen, in dem ihre Mutter lebte. Sie hatte ihm erzählt, der Zustand der älteren Frau habe sich plötzlich stark verschlechtert. Deshalb müsse sie fast ständig an ihrem Bett bleiben. Katrin hatte Martin gebeten, sich keine Sorgen zu machen, und versprochen, in einigen Tagen wieder nach Hause zu kommen.
Doch die Frau dort vorne befand sich nicht auf dem Land.
Sie stand hier, nur wenige Schritte vom Flughafen entfernt.
Und noch etwas passte überhaupt nicht zu Katrins Geschichte. Sie sah keineswegs aus wie jemand, der seit Tagen erschöpft eine schwer kranke Angehörige pflegte. Sie trug einen eleganten hellen Mantel, ihr Haar war sorgfältig frisiert, und an ihrem Arm hing eine kleine, offensichtlich teure Handtasche. Ihr Gesicht wirkte ruhig und gesammelt. Von Müdigkeit, Angst oder Sorge um ihre Mutter war kaum etwas zu erkennen.
Martin holte bereits Luft, um nach ihr zu rufen.
Doch im letzten Moment hielt er sich zurück.
Ein seltsames Gefühl, eine kaum erklärbare innere Warnung, zwang ihn dazu, einen Schritt zur Seite zu machen. Er stellte sich hinter eine breite Säule in der Nähe des Eingangs und beobachtete die Frau von dort aus weiter.
Seine Gedanken überschlugen sich.
Vielleicht irrte er sich doch. In einer Großstadt konnte es schließlich eine Frau geben, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sah.
Dann drehte sich die Fremde seitlich.
Martin brauchte nur einen einzigen Blick.
Es gab keinen Zweifel mehr.
Das war Katrin.
Sie sah mehrmals auf ihre Uhr und blickte anschließend aufmerksam in alle Richtungen, als warte sie auf jemanden.
Martins Unruhe wurde stärker.
Er erinnerte sich an ihr Telefonat am Morgen. Katrins Stimme hatte müde und bedrückt geklungen. Sie hatte gesagt, ihre Mutter könne kaum noch aufstehen und sie habe Angst, die alte Frau auch nur für einige Minuten allein zu lassen.
Jetzt hörte Martin jedes einzelne Wort dieses Gesprächs erneut in seinem Kopf.
Doch plötzlich klang alles wie eine sorgfältig vorbereitete Lüge.
Er wusste genau, dass er seinen Flug mit großer Wahrscheinlichkeit verpassen würde, wenn er noch länger dort stehen blieb. Die Dienstreise in letzter Minute abzusagen war fast unmöglich. Seine Anwesenheit bei dem Termin war zwingend notwendig.
Trotzdem gehorchte sein Körper seinem Verstand nicht mehr.
Martin konnte den Blick nicht von seiner Frau lösen.
Warum hatte Katrin ihn angelogen?
Warum war sie in der Stadt?
Und auf wen wartete sie vor dem Flughafen?
Wenige Minuten später hielt ein schwarzer Wagen mit getönten Scheiben am Straßenrand. Das Auto sah teuer aus. Martin war sicher, es noch nie zuvor gesehen zu haben.
Katrin ging ohne jedes Zögern auf die Beifahrertür zu.
Der Fahrer ließ die Scheibe ein Stück herunter und sagte lächelnd einige Worte zu ihr. Katrin antwortete völlig selbstverständlich. Ihre Art miteinander zu sprechen wirkte nicht wie die Begegnung zweier Menschen, die sich kaum kannten. Im Gegenteil – es sah aus, als seien sie schon lange miteinander vertraut.
Dann öffnete Katrin die Tür und stieg ein.
Martin spürte einen schmerzhaften Druck in der Brust.
Hastig zog er sein Smartphone heraus. Gerade noch rechtzeitig fotografierte er den Wagen und versuchte dabei, den Mann am Steuer zu erkennen.
Doch bereits im nächsten Moment glitt die Scheibe wieder nach oben und verbarg das Gesicht des Fahrers.
Der schwarze Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
In diesem Augenblick verloren Flugzeug, Check-in und Geschäftstermin für Martin jede Bedeutung.
Er stand da und sah dem Auto nach.
Wenn er Katrin jetzt einfach fortfahren ließ, würde er möglicherweise niemals erfahren, weshalb sie ihn belogen hatte.
Seine Finger schlossen sich fester um den Griff der Reisetasche.
Dann drehte er sich abrupt um und lief zum Taxistand.
Er würde diesem Wagen folgen.
Ganz gleich, was es ihn kostete.
Selbst wenn er dadurch seinen Flug endgültig verpasste.
Martin hielt das erste freie Taxi an, warf seine Tasche auf den Rücksitz und stieg ein.
— Sehen Sie den schwarzen Wagen dort vorne? Bitte folgen Sie ihm. Aber halten Sie etwas Abstand.
Der Fahrer musterte seinen aufgewühlten Fahrgast kurz im Rückspiegel. Fragen stellte er jedoch keine. Er gab Gas und ordnete sich vorsichtig in den dichten Verkehr ein.
Martin ließ den schwarzen Wagen keine Sekunde aus den Augen.
Zwischen Dutzenden ähnlicher Fahrzeuge konnte er jederzeit verschwinden.
Jede rote Ampel wurde zur Qual.
Sobald das Signal umsprang und sie warten mussten, begann Martins Herz schneller zu schlagen. Er stellte sich vor, wie Katrins Wagen hinter der nächsten Kreuzung abbog und für immer verschwand – zusammen mit allen Antworten, die er jetzt unbedingt brauchte.
Nach ungefähr zwanzig Minuten verließ der Wagen die belebteren Straßen und bog in ein Gewerbegebiet am Rand der Stadt ein.
Hier waren kaum Menschen unterwegs.
Entlang der Straße standen alte Backsteingebäude, verlassene Lagerhallen und Grundstücke, auf denen hohes Unkraut wucherte. Die Gegend wirkte, als hätte sie ihre besten Jahre schon vor langer Zeit hinter sich gelassen.
Das Taxi hielt in sicherer Entfernung zu dem schwarzen Fahrzeug.
Martin bezahlte, bat den Fahrer, sich keine Gedanken zu machen, und stieg aus.
Langsam ging er weiter.
Er versuchte, weder gesehen noch gehört zu werden.
Katrin war bereits ausgestiegen.
Nun konnte Martin auch den Fahrer erkennen.
Es war ein großer Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Er trug einen langen dunklen Mantel und ging mit selbstsicheren Schritten auf ein altes zweistöckiges Gebäude zu.
Katrin folgte ihm.
Beide verschwanden hinter einer schweren Metalltür.
Martin blieb zunächst stehen und sah sich um.
An der Seitenwand des Gebäudes entdeckte er ein beschädigtes Fenster. Vorsichtig näherte er sich und warf einen Blick hinein.
Der Raum erinnerte an ein Büro, das seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Auf dem Boden lag Müll. An den Wänden standen alte Schränke und Tische. Aus einem benachbarten Zimmer, dessen Tür nicht ganz geschlossen war, drangen gedämpfte Stimmen.
Eine davon erkannte Martin sofort.
Es war Katrin.
Der unbekannte Mann sprach ruhig, doch unter seiner ruhigen Stimme lag etwas Bedrohliches.
Er erinnerte Katrin daran, dass ihnen kaum noch Zeit blieb und die benötigten Unterlagen noch heute übergeben werden müssten.
Katrin antwortete leise:
— Ich kann es heute nicht tun. Wir wissen nicht, ob uns jemand beobachtet.
Dann sagte sie einen Satz, bei dem Martin für einen Moment das Atmen vergaß.
— Mein Mann weiß von nichts. Und er darf unter keinen Umständen erfahren, was wirklich passiert.
Martins Körper wurde augenblicklich eiskalt.
Er presste sich mit dem Rücken gegen die kalte Backsteinwand.
Immer wieder hallten Katrins Worte in seinem Kopf nach.
Mein Mann weiß von nichts.
Er darf die Wahrheit nicht erfahren.
Damit war klar, dass es sich nicht um eine zufällige Begegnung handelte.
Vielleicht ging es nicht einmal um eine Affäre.
Was hier geschah, wirkte viel ernster.
Katrin war in etwas verwickelt, das sie offenbar schon seit längerer Zeit sorgfältig vor ihm verborgen hielt.
Martins erster Impuls war, die Tür aufzureißen, hineinzugehen und sofort eine Erklärung zu verlangen.
Doch er zwang sich, ruhig zu bleiben.
Wenn er sich jetzt zeigte, würde Katrin vermutlich Ausreden erfinden, erneut lügen oder überhaupt nichts sagen.
Dann würde die Wahrheit weiterhin hinter dieser Tür verborgen bleiben.
Martin atmete tief durch und schob sich wieder näher an das Fenster.
Katrins Stimme war jetzt leiser, zugleich aber entschlossener.
— Ich kann Ihnen die Unterlagen heute nicht geben. Er ist früher zurückgekommen, als er sollte. Wenn ich mehrere Stunden verschwinde, wird Martin mich anrufen, mich suchen und sich Sorgen machen. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit erregen. Geben Sie mir noch zwei Tage.
Der Mann antwortete ohne jede Wärme:
— Diese zwei Tage haben wir nicht. Du weißt genau, was auf dem Spiel steht. Wenn das Material nicht bis Freitag aus der Stadt geschafft wird, ist alles verloren. Und dein Mann ist im Moment unser kleinstes Problem. Die wirkliche Gefahr sind die Leute, die nach diesen Daten suchen. Sie sind uns bereits sehr nahe.
Martin runzelte die Stirn.
Welche Daten?
Welche Unterlagen wollten diese Menschen fortschaffen?
Sein Herz schlug so heftig, dass er den Puls bis in den Hals spürte.
Plötzlich erinnerte er sich daran, wie sehr Katrin sich in den vergangenen Monaten verändert hatte.
Sie war schweigsamer geworden, hatte sich immer häufiger zurückgezogen und war oft länger bei der Arbeit geblieben. Mehrmals war sie erst tief in der Nacht nach Hause gekommen. Jedes Mal hatte sie erklärt, dringende Auswertungen oder Unterlagen hätten sie aufgehalten.
Katrin arbeitete als Archivarin in der Archivabteilung einer städtischen Bibliothek.
Martin hatte diesen Beruf immer für einen der ruhigsten und ungefährlichsten überhaupt gehalten.
Deshalb hatte er nie einen Grund gesehen, an ihren Erklärungen zu zweifeln.
Jetzt erschien alles in einem völlig anderen Licht.
— Ich halte mein Versprechen ein, — sagte Katrin. — Aber wir treffen uns morgen. An einem anderen Ort. Ich komme allein und bringe den USB-Stick mit. Danach muss die Sache beendet sein. Versprechen Sie mir nur eines: Meine Familie bleibt in Sicherheit.
— Das verspreche ich, — erwiderte der Mann knapp. — Morgen Punkt zwölf. Im alten Park an der Uferpromenade, beim Brunnen. Wenn du zu spät kommst oder jemanden mitbringst, ist unsere Vereinbarung hinfällig. Dann können wir weder dich noch deinen Mann noch schützen.
Martin wich erschrocken von der Wand zurück.
In seinem Kopf herrschte völliges Chaos.
Ein USB-Stick.
Unterlagen.
Gefährliche Informationen.
Der Schutz ihrer Familie.
Er verstand praktisch nichts mehr.
Doch eines begriff er nun endgültig: Katrin hatte ihn nicht nur wegen irgendeiner harmlosen Sache belogen. Sie war in etwas Gefährliches geraten, das ihnen beiden zum Verhängnis werden konnte.
Martin entfernte sich vom Gebäude und versteckte sich hinter einem großen Frachtcontainer.
Einige Minuten später öffnete sich die Metalltür.
Katrin kam allein heraus.
Sie blickte rasch über ihre Schulter, strich ihren Mantel glatt und ging zur Straße. Dort wartete bereits ein anderes Taxi auf sie, das sie offenbar vorher bestellt hatte.
Martin folgte ihr diesmal nicht.
Ein Gespräch hätte in diesem Moment nichts gelöst.
Stattdessen zog er sein Smartphone hervor und wählte die Nummer von Thomas, einem alten Freund, der bei der Polizei arbeitete.
Thomas nahm erst nach einigen Klingelzeichen ab.
— Martin? Wolltest du nicht längst auf dem Weg nach Hamburg sein? Was ist passiert?
— Thomas, ich brauche dringend deine Hilfe. Aber inoffiziell. Niemand darf davon erfahren. Kannst du ein Auto anhand des Kennzeichens überprüfen?
Martin las ihm die Nummer des schwarzen Wagens vor, die auf seinem Foto zu erkennen war.
— Und noch etwas. Sieh bitte nach, ob bei euch irgendwelche Ermittlungen laufen, die mit städtischen Archiven, alten Unterlagen oder kommunalen Daten zu tun haben. Katrin verbirgt etwas vor mir. Und ich glaube, dass sie in Gefahr ist.
Am anderen Ende herrschte ungewöhnlich lange Stille.
Schließlich atmete Thomas hörbar aus.
— Martin, setz dich lieber hin. Was ich dir jetzt sage, wird dir überhaupt nicht gefallen. Vor etwa einem halben Jahr wurde festgestellt, dass Informationen aus einem geschützten Bereich des Stadtarchivs nach außen gelangt sind. Es geht um alte Grundstücksakten, Bebauungspläne, Pläne von Versorgungsleitungen und Besitzunterlagen. Die Ermittler vermuten, dass diese Informationen für ein groß angelegtes Betrugssystem benutzt werden, bei dem Grundstücke illegal weiterverkauft werden. Dahinter steckt offenbar ein Netzwerk von Vermittlern mit Verbindungen ins kriminelle Milieu.
Martin schwieg.
Kein einziges Wort kam über seine Lippen.
Thomas fuhr fort:
— Wir versuchen schon länger herauszufinden, wer Zugang zu genau diesen Unterlagen hatte. Insgesamt kommen nur fünf Mitarbeiter infrage.
Thomas machte eine kurze Pause.
— Katrin gehört zu diesen fünf Personen.
Martin spürte, wie seine Knie weich wurden.
— Sie würde so etwas niemals freiwillig machen, — flüsterte er. — Katrin ist keine Kriminelle. Sie arbeitet in einer Bibliothek.
— In einer Archivabteilung, in der Unterlagen aus mehreren Jahrzehnten lagern, — stellte Thomas düster klar. — Aber ich habe nicht gesagt, dass sie freiwillig hilft. Es ist genauso gut möglich, dass man sie erpresst oder jemanden bedroht, der ihr nahesteht. Du sagst, sie will morgen am Brunnen einen USB-Stick übergeben?
— Ja. Um zwölf Uhr.
Thomas‘ Stimme wurde schlagartig streng.
— Dann hör mir jetzt ganz genau zu und misch dich ab sofort nicht mehr ein. Das ist eine Sache für eine Ermittlungsgruppe. Wenn diese Leute wirklich mit organisierten Kriminellen zusammenarbeiten, kann jeder falsche Schritt katastrophal enden. Schick mir die Adresse des Gebäudes, in dem die heutige Begegnung stattgefunden hat. Wir kümmern uns darum und beobachten den Ort. Du selbst gehst nach Hause und benimmst dich so, als hättest du nichts gesehen.
Martin schluckte.
— Ich soll einfach so tun, als wäre nichts passiert?
— Genau das. Wenn Katrin merkt, dass du Verdacht geschöpft hast, bemerken es möglicherweise auch diejenigen, die sie überwachen. Und dann könnte ihr Leben unmittelbar in Gefahr sein.
Nach Hause gehen.
Katrin in die Augen sehen.
So tun, als wisse er nichts.
So tun, als hätte er keine Ahnung, welche Bedrohung über ihrer Familie hing.
Martin konnte sich kaum etwas Schwereres vorstellen.
Doch gleichzeitig wusste er, dass eine offene Konfrontation alles nur schlimmer machen konnte.
— Gut, — sagte er schließlich. — Ich mache, was du sagst. Aber wenn ihr etwas passiert, werde ich mir das niemals verzeihen.
— Wenn du dich an unsere Anweisungen hältst, passiert nichts, — antwortete Thomas bestimmt. — Ich hole die Kollegen dazu. Morgen bereiten wir im Park den Zugriff vor und nehmen die Beteiligten fest. Du bleibst zu Hause. Ruf Katrin nicht an, stell keine Fragen und lass dir nichts anmerken. Sie muss weiterhin glauben, dass du auf Dienstreise bist. Hast du verstanden?
— Ja.
Martin beendete das Gespräch.
Er stand mitten in dem verlassenen Gewerbegebiet und spürte den kalten Wind im Gesicht.
In ihm kämpften Wut, Angst und Verzweiflung miteinander.
Trotzdem zwang er sich, ruhig zu denken.
Er ging zurück in Richtung Hauptstraße, um ein Taxi zu bestellen. Unterwegs betrat er einen kleinen Laden, kaufte eine Flasche Wasser und versuchte, möglichst unauffällig zu wirken.
Als Katrin am Abend nach Hause kam, sah sie erschöpft aus.
Sie küsste Martin auf die Wange.
— Wie war dein Tag?
Martin zwang seine Stimme zur Ruhe.
— Ganz normal. Die Kollegen haben angerufen. Der Termin wurde auf übermorgen verschoben, deshalb bleibe ich noch zwei Tage hier.
Katrin zuckte beinahe unmerklich zusammen.
Es dauerte kaum länger als einen Augenblick.
Doch Martin entging jetzt keine ihrer Bewegungen mehr.
Sofort setzte sie ein Lächeln auf.
— Das ist doch schön. Ich freue mich, dass du nicht geflogen bist.
In dieser Nacht schlief Martin so gut wie gar nicht.
Irgendwann hörte er, wie Katrin ins Badezimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
Dann begann sie leise mit jemandem zu telefonieren.
Die Worte konnte Martin nicht verstehen.
Doch an ihrer Stimme hörte er deutlich, wie angespannt und verängstigt sie war.
Er lag im Bett, ballte unter der Decke die Hände zu Fäusten und musste all seine Kraft aufbringen, um nicht aufzustehen und nach Antworten zu verlangen.
Am nächsten Morgen erklärte Katrin, sie müsse früher als gewöhnlich zur Arbeit.
Martin nickte.
— Hab einen guten Tag.
Er sah ihr nach und wartete, bis die Wohnungstür ins Schloss gefallen war.
In dem Moment, in dem das Schloss klickte, griff er nach seinem Telefon.
— Sie ist weg, — sagte er zu Thomas. — Ich glaube, sie fährt zum Park.
— Wir sind längst vor Ort, — antwortete sein Freund. — Bleib zu Hause und warte auf meinen Anruf. Und Martin: Komm auf keinen Fall hierher.
Martin versprach nichts.
Denn noch während Thomas sprach, wusste er bereits, dass er diese Anweisung nicht befolgen konnte.
Er zog sich hastig an, verließ die Wohnung und nahm ein Taxi.
Bis zum Park ließ er sich fahren, stieg jedoch zwei Straßen vorher aus, damit ihn niemand zufällig bemerkte.
Schon aus der Entfernung sah er Katrin.
Sie ging zum alten Brunnen und setzte sich auf eine Bank.
Ungefähr fünf Minuten später erschien der Mann vom Vortag.
Wieder trug er den dunklen Mantel.
Die beiden wechselten einige kurze Sätze.
Dann griff Katrin in ihre Tasche, holte eine kleine Schachtel heraus und reichte sie dem Mann.
Martin nahm an, dass sich darin der angekündigte USB-Stick befand.
Im selben Moment geschah alles sehr schnell.
Aus mehreren geparkten Fahrzeugen stiegen Männer und Frauen in Zivil.
Gleichzeitig kamen weitere Einsatzkräfte hinter den Büschen hervor.
Laute Befehle durchschnitten die Stille des Parks.
Der Mann im dunklen Mantel versuchte zu fliehen.
Er kam kaum einige Meter weit.
Zwei Beamte holten ihn ein, brachten ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an.
Katrin blieb wie angewurzelt stehen.
Sie hob beide Hände.
Martin hielt es nicht länger aus.
Er rannte los.
An der Absperrung vorbei drängte er sich bis zu seiner Frau durch und blieb direkt vor ihr stehen.
Katrin starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Tränen glänzten darin.
— Martin? Was machst du hier?
Seine Stimme klang rau.
— Ich weiß alles. Du dachtest, ich wäre nach Hamburg geflogen. Aber gestern habe ich dich am Flughafen gesehen. Ich bin dem Wagen gefolgt.
Langsam ließ Katrin die Arme sinken.
Dann liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
— Ich wollte dich niemals da hineinziehen, — flüsterte sie.
Ihre Lippen zitterten.
— Es begann wegen meines Vaters. Er hatte bei diesen Leuten riesige Schulden. Sie sagten, sie würden ihn umbringen, wenn ich ihnen keinen Zugang zu den alten Grundstücksunterlagen verschaffe. Am Anfang versprachen sie, es würde nur dieses eine Mal sein. Ich habe zugestimmt, weil ich dachte, danach würden sie uns in Ruhe lassen.
Sie wischte sich über die Wangen, doch sofort kamen neue Tränen.
— Aber sie hörten nicht auf. Danach wollten sie immer mehr. Ich habe versucht, mich zu weigern. Jedes Mal haben sie mir wieder gedroht.
Martin zog seine Frau an sich.
Katrin zitterte am ganzen Körper.
— Jetzt ist es vorbei, — sagte er leise. — Diese Leute können dir nichts mehr antun. Thomas hat gesagt, dass man dich schützen wird. Du wirst als Zeugin in dem Verfahren aussagen. Wir stehen das gemeinsam durch.
Katrin schluchzte.
— Aber ich habe dich so oft belogen. Ich dachte, es wäre sicherer, wenn du nichts weißt. Ich hatte solche Angst, dass sie auch dir etwas antun könnten.
Martin strich ihr langsam über das Haar.
— Du hättest mir vertrauen müssen. Ich bin wütend, weil du alles allein getragen und vor mir verborgen hast. Aber ich verstehe auch, warum du geschwiegen hast. Wir werden das klären. Schritt für Schritt. Im Moment zählt nur eines: Du bist am Leben.
Mitten in dem alten Park standen sie eng umschlungen.
Rund um sie herum arbeiteten die Einsatzkräfte.
In der Ferne waren Sirenen zu hören, Polizisten sprachen über Funkgeräte miteinander, und der festgenommene Mann wurde bereits zu einem Fahrzeug gebracht.
Martin blickte in Katrins verweintes Gesicht.
Zum ersten Mal seit fast vierundzwanzig Stunden spürte er so etwas wie echte Erleichterung.
Erst spät am Abend kehrten die beiden nach Hause zurück.
Thomas rief noch einmal an.
Er berichtete, dass ein großer Teil der kriminellen Gruppe inzwischen festgenommen worden war. Katrin werde als wichtige Zeugin geführt. In den nächsten Tagen müsse sie mehrere Aussagen machen und den Ermittlern alles mitteilen, was sie über die Gruppe, die Unterlagen und deren Vorgehen wusste.
Weil sie umfassend mit der Polizei zusammenarbeitete und unter Druck gehandelt hatte, konnte eine strafrechtliche Verfolgung gegen sie vermieden werden.
Martin und Katrin saßen in ihrer Küche.
Vor ihnen standen zwei Tassen Tee, die längst kalt geworden waren.
Zwischen ihnen lag eine schwere Stille.
Doch diese Stille fühlte sich anders an als zuvor.
Darin steckten keine heimlichen Verdächtigungen und keine Feindseligkeit mehr.
Es waren Erschöpfung, Angst und das Wissen darum, dass vieles zwischen ihnen erst wieder heilen musste.
Schließlich sprach Martin.
— Verheimliche mir nie wieder die Wahrheit. Ganz gleich, was passiert. Wir sind verheiratet. Wenn etwas Schlimmes kommt, müssen wir es gemeinsam tragen.
Katrin legte ihre Hand auf seine und drückte sie fest.
— Ich verspreche es.
Draußen wurde es allmählich dunkel.
Nach und nach gingen die Straßenlaternen an, und die Stadt kehrte zu ihrem gewöhnlichen Rhythmus zurück, als hätte sie von all dem, was in den vergangenen Stunden geschehen war, nichts bemerkt.
Die Dienstreise nach Hamburg erschien Martin plötzlich völlig bedeutungslos.
Was wirklich zählte, saß direkt neben ihm.
Eine verängstigte, erschöpfte Frau, die viele Fehler gemacht hatte, die ihm aber vertrauter und näher war als jeder andere Mensch.
Er spürte ihre Hand in seiner.
Und er wusste, dass sie noch da war.
Sie beschlossen, den nächsten Morgen als Anfang eines neuen Kapitels zu betrachten.
Ohne gefährliche Geheimnisse.
Ohne Lügen.
Ohne Verfolgung.
Ohne die Schulden anderer Menschen, die beinahe ihr eigenes Leben zerstört hätten.
Nur sie beide.