„Ich habe das Geld meiner Prämie meiner Mutter überwiesen und dir stattdessen eine Küchenmaschine gekauft“ – doch als Clara die Wahrheit erfuhr, warf sie ihren Mann noch am Hochzeitstag aus der Wohnung
— Lukas, du hast gestern doch deine Prämie bekommen, oder? Ich verwechsle da nichts? Dann fahren wir morgen nach der Arbeit zum Elektronikmarkt und holen meinen neuen Laptop ab, solange das Angebot noch gilt. Ich habe das passende Modell bereits ausgesucht und in den Warenkorb gelegt. Dann müssen wir später nicht wieder alles von vorn suchen.
— Clara, vielleicht sollten wir mit dem Kauf lieber noch warten, — sagte Lukas und schob die Nudeln auf seinem Teller mit der Gabel hin und her, ohne seine Frau anzusehen. — Im Moment wäre es vernünftiger, das Geld erst einmal zu behalten.
Clara hielt mitten in der Bewegung inne. Gerade hatte sie noch die Küchenarbeitsplatte abgewischt, nun schwebte das feuchte Tuch über dem Spülbecken. Vor wenigen Sekunden war die Küche von vertrauten Abendgeräuschen erfüllt gewesen: dem gleichmäßigen Brummen der Dunstabzugshaube, dem Klappern von Geschirr und dem leisen Summen des Kühlschranks. Jetzt schien all das weit weg zu sein. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus.
— Welche Umstände meinst du genau? — fragte sie ruhig und beobachtete, wie Lukas jedem Blick zu ihr auswich. — Wir haben vor zwei Monaten darüber gesprochen. Mein alter Laptop braucht inzwischen ewig, um die Programme für meine Arbeit zu starten. Letzte Woche hast du selbst gesehen, wie er abgestürzt ist, als ich ein Projekt speichern wollte. Wir waren uns einig, dass deine Quartalsprämie mein Geschenk zu unserem Hochzeitstag werden sollte. Das war keine Entscheidung, die ich allein getroffen habe. Wir haben es gemeinsam beschlossen. Was kann sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden so grundlegend verändert haben?
— Wir haben schon über vieles gesprochen, — murmelte Lukas. Er schob sich ein Stück kaltes Schnitzel in den Mund und kaute auffällig langsam, nur um seine Antwort hinauszuzögern. — Die Lage verändert sich eben. Es wäre doch völlig unsinnig, jetzt so viel Geld für etwas auszugeben, ohne das man notfalls auch auskommt. Zwölftausend Euro für ein Stück Plastik mit Bildschirm? Das ist doch verrückt. Mit dem Geld könnten wir viel sinnvoller umgehen.
Clara legte das Tuch neben das Spülbecken, trocknete sich sorgfältig die Hände und faltete das Papiertuch anschließend ordentlich zusammen, bevor sie es in den Mülleimer warf. Dann ging sie zum Tisch, legte beide Hände auf die Lehne des freien Stuhls und sah ihren Mann aufmerksam an.
— Geld verschwenden? Es sinnvoller einsetzen? — wiederholte sie langsam. Lukas griff sofort nach seinem Glas Apfelschorle und tat so, als müsse er plötzlich dringend trinken. Seine Lippen berührten das Glas jedoch nicht. — Lukas, sprichst du gerade wirklich mit deinen eigenen Worten? Wir haben keine Kredite. Keine Hypothek. Im Kühlschrank ist genug für mindestens eine Woche. Bis zum nächsten Gehalt sind es noch fünfzehn Tage, und das Geld für die laufenden Ausgaben liegt in der Kommode. Was ist also so Außergewöhnliches passiert, dass du plötzlich gegen etwas bist, das ich unmittelbar für meine Arbeit und mein Einkommen brauche?
— Das nennt man vernünftigen Umgang mit Geld, — brummte er und tupfte sich nervös mit einer Serviette über die Lippen, bevor er sie zerknüllte. — Jeder Mensch braucht Rücklagen. Niemand weiß, was morgen passiert. Aber du bist völlig auf diesen Laptop fixiert. Dein alter funktioniert doch noch irgendwie, oder? Er geht an, die Tasten reagieren – also kannst du ihn benutzen. Warum sollte man ein Vermögen für das nächste Spielzeug ausgeben?
— Ein Spielzeug? Mit genau diesem „Spielzeug“, wie du es nennst, entwerfe ich Projekte, die ungefähr die Hälfte unseres gemeinsamen Einkommens ausmachen, falls du das vergessen haben solltest. Und wir waren uns vollkommen klar darüber, dass der neue Laptop mein Geschenk zu unserem dritten Hochzeitstag wird. Du hast es mir versprochen. Nicht beiläufig, sondern indem du mir direkt in die Augen gesehen hast.
Lukas rutschte auf seinem Holzstuhl hin und her, als wäre die Sitzfläche plötzlich glühend heiß geworden. Man merkte ihm an, wie unangenehm ihm das Gespräch war. Trotzdem wollte er seine vorbereitete Haltung nicht aufgeben. Er schob den halb aufgegessenen Teller von sich und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
— Ich habe gesagt, dass ich darüber nachdenke. Das habe ich getan und entschieden, dass das Geld im Moment für etwas anderes gebraucht wird. Mach aus einer Kleinigkeit kein Drama. Ich bin der Mann in diesem Haushalt. Ich habe die Prämie verdient, also darf ich auch entscheiden, wie wir sie zum Wohl unserer Familie verwenden.
Clara lachte kurz und trocken auf. Wenn Lukas von „unserem Wohl“ sprach, klang es immer, als würde er einen Satz wiederholen, den ihm jemand aufgeschrieben hatte. Um die Finanzen hatte er sich nie besonders gekümmert. Er überwies einen Teil seines Gehalts auf das gemeinsame Konto und wollte anschließend möglichst nicht wissen, wohin das Geld floss.
— Lass mich raten, — Clara richtete sich auf und verschränkte nun ebenfalls die Arme. — Hast du gestern Abend mit deiner Mutter Ingrid telefoniert, während ich im Bad war und mir die Haare geföhnt habe? Hast du ihr erzählt, dass du eine Prämie bekommen hast, und hat sie daraufhin eine vollständige Prüfung unseres Haushalts vorgenommen und dir erklärt, wofür wir das Geld ausgeben sollen?
— Was hat meine Mutter damit zu tun? — Lukas’ Stimme rutschte verräterisch in eine fast schrille Tonlage. Er lehnte sich abrupt zurück. — Du ziehst sie ständig in Dinge hinein, die sie nichts angehen. Ich habe das selbst entschieden. Ich habe schließlich einen eigenen Kopf.
— Natürlich hast du den, — erwiderte Clara und öffnete den Kühlschrank, um eine Dose für die übrig gebliebenen Speisen herauszunehmen. — Nur beginnt dieser eigene Kopf aus irgendeinem Grund immer dann von „unvernünftigen Ausgaben“ und „finanziellen Rücklagen“ zu sprechen, nachdem du anderthalb Stunden mit deiner Mutter telefoniert hast. Sie hat sich wahrscheinlich schon ausgemalt, wie ich dein unermessliches Vermögen sinnlos verprasse.
— Clara, hör auf, gegen meine Mutter zu sticheln! — Lukas schlug gereizt mit der Hand auf den Tisch. Die Gabel sprang hoch und klirrte gegen den Tellerrand. — Sie ist älter als du, hat Lebenserfahrung und kann mit Geld umgehen, im Gegensatz zu manchen anderen. Wenn sie ihrem eigenen Sohn einen vernünftigen Rat gibt, warum sollte ich nicht darauf hören? Wir sind seit drei Jahren verheiratet. Es wird Zeit, dass du an die Zukunft denkst und nicht nur an deine persönlichen Wünsche.
— Meine persönlichen Wünsche? — Clara schloss den Kühlschrank so heftig, dass die Magnete an der Tür klirrten. — Das Arbeitsgerät, mit dem ich Geld verdiene, ist also eine Laune. Aber deine geheimnisvolle Rücklage, die vermutlich auf wundersame Weise auf einem Sparkonto deiner Mutter landet, soll plötzlich unsere Zukunft sichern?
— Das Geld landet nirgendwo! — stieß Lukas viel zu schnell hervor. Sein Blick wanderte erneut durch die Küche, blieb einmal an der Wand und dann an den Fliesen hängen. — Es wird einfach auf einem sicheren Festgeldkonto liegen. Das ist sicherer und bringt mehr Zinsen. Und wem das Konto gehört, spielt doch keine Rolle. Das Geld bleibt schließlich in der Familie.
Clara betrachtete ihn einige Sekunden lang, als sähe sie zum ersten Mal einen völlig fremden Menschen vor sich. Drei Jahre lang hatte sie versucht, seine Abhängigkeit von der Meinung seiner Mutter nicht zu ernst zu nehmen. Wenn Ingrid erklärt hatte, welche Tapete im Flur besser aussah oder welches Waschmittel man kaufen sollte, hatte Clara zugehört und anschließend trotzdem selbst entschieden. Doch diesmal ging es nicht um Kleinigkeiten. Auf dem Spiel standen eine beträchtliche Summe, ihre Arbeit und eine offene finanzielle Täuschung durch ihren eigenen Ehemann.
— Du hast also bereits alles ohne mich beschlossen? Das Konto ausgesucht und die Prämie dorthin überwiesen?
— Ich habe noch nichts überwiesen, aber morgen früh werde ich es tun, — erklärte Lukas stur und stand auf, als wolle er dadurch größer und bedeutender wirken. — Für unseren Hochzeitstag habe ich dir bereits ein anderes Geschenk bestellt. Etwas Vernünftiges, Nützliches für den Haushalt. Etwas, das wir beide gebrauchen können. Eine echte Anschaffung und kein teures Spielzeug, mit dem du dein Ego befriedigst. Damit ist das Thema erledigt. Ich bin das Familienoberhaupt und habe entschieden.
Clara antwortete nicht. Sie drehte sich einfach um und verließ die Küche. Eine weitere Diskussion hatte keinen Sinn. Sie brauchte Beweise dafür, dass Lukas nicht nur gelegentlich den Rat seiner Mutter annahm, sondern ihre Anweisungen längst in die Ehe trug. Und Clara wusste genau, wo sie diese Beweise finden würde.
— Lukas, ist das Passwort auf deinem Tablet immer noch unser Hochzeitsdatum oder hast du es inzwischen durch den Geburtstag deiner Mutter ersetzt? — rief sie aus dem Wohnzimmer und hielt das Gerät in der Hand.
Lukas kam gerade mit einem Handtuch um den Hals aus dem Badezimmer. Im Türrahmen blieb er stehen. Für einen kurzen Moment spiegelte sich echte Angst in seinem Gesicht, doch sofort ersetzte er sie durch eine wütende Grimasse. Er ging auf seine Frau zu und streckte die Hand nach dem Tablet aus.
— Warum wühlst du überhaupt in meinen Sachen? Leg das Tablet zurück. Das ist meine private Technik, — fauchte er und versuchte, es ihr aus der Hand zu reißen.
— Reg dich nicht auf. Ich habe nichts gehackt, — Clara wich einen Schritt zurück und hielt das Gerät hinter ihrem Rücken. — Der Bildschirm ist von selbst angegangen. Deine Mutter ist offenbar sehr modern: Sie schreibt lange Nachrichten und tippt ziemlich schnell. Ein Teil davon wird auf dem Sperrbildschirm angezeigt. Besonders dann, wenn die Nachricht mit den Worten beginnt: „Luki, hast du mir den Rest deiner Prämie schon auf mein Konto überwiesen?“
Lukas atmete laut aus, nahm das Handtuch von seinen Schultern und warf es auf das Sofa. Als er begriff, dass er das Tablet nicht einfach an sich bringen konnte, wechselte er zum Angriff.
— Na und? Ja, habe ich. Ich habe dir gestern meine Haltung doch klar erklärt. Das Geld soll arbeiten und an einem sicheren Ort liegen. Meine Mutter bekommt bessere Zinsen, ihre Bank hat ihr besondere Konditionen angeboten. Für uns ist das vorteilhafter. Weißt du überhaupt, was Zinseszinsen sind?
— Ich weiß sehr genau, was es bedeutet, die eigene Ehefrau dreist anzulügen, — sagte Clara deutlich und betonte jedes Wort. Sie legte das Tablet mit dem Bildschirm nach oben auf den Couchtisch. — Lesen wir weiter. „Ich hoffe, du hast die Küchenmaschine schon bestellt. Ignoriere, dass sie wegen des Laptops beleidigt ist. Das ist nur eine sinnlose Ausgabe für ein Spielzeug, mit dem alten kommt sie schon zurecht. Eine Ehefrau sollte sich mehr um den Haushalt kümmern und nicht ständig auf einen Bildschirm starren.“
Lukas verschränkte wieder die Arme – genau wie zuvor in der Küche, als er von der Familie gesprochen hatte. Clara sah in seinem Gesicht weder Scham noch Bedauern. Er wirkte vielmehr wie jemand, der überzeugt war, alles richtig gemacht zu haben.
— In diesem Punkt hat Mama völlig recht. Wir müssen an den Haushalt denken. Einen Laptop für dich zu kaufen, wäre egoistisch. Die Küchenmaschine, die ich für unseren Hochzeitstag bestellt habe, spart dir dagegen viel Zeit. Ich habe mir sehr wohl Gedanken über dich gemacht. Du sagst doch ständig, dass du nach der Arbeit müde bist und trotzdem noch kochen musst. Ich habe eine Lösung gefunden.
— Du hast eine Lösung gefunden? — Clara lächelte bitter und sah ihm direkt in die Augen. — Du hast nicht einmal das Modell ausgesucht. Deine Mutter hat dir den Link zu genau diesem Gerät geschickt. Ich habe die Benachrichtigungen gesehen. Du führst nur Befehle aus. Sie sagte, du sollst auf das Geschenk für deine Frau verzichten – du hast verzichtet. Sie verlangte, dass du das Geld auf ihr Konto überweist – du hast überwiesen. Sie schickte dir einen Link zu einem Haushaltsgerät – du hast bezahlt. Wo genau ist dabei deine eigene Entscheidung? Wo ist der Mann, der angeblich die Familie führt?
— Dort, wo ich das Geld verdiene! — brüllte Lukas und trat heftig an den Tisch. — Ich habe die Prämie bekommen, also darf ich auch entscheiden, was damit geschieht. Und ich höre eben auf jemanden, der mehr davon versteht. Meine Mutter hat dreißig Jahre als Wirtschaftsprüferin gearbeitet. Und du? Was bist du? Designerin? Du malst Bilder im Internet?
In Clara zog sich alles schmerzhaft zusammen. Doch statt zu explodieren, empfand sie eine kalte, klare Wut. Plötzlich wirkte ihr gesamtes Eheleben wie eine sorgfältig aufrechterhaltene Illusion. Sie sah den Mann an, mit dem sie ein Bett geteilt, Reisen geplant und sogar über ein Haus auf dem Land gesprochen hatte. Zum ersten Mal erkannte sie ihn deutlich: keinen selbstständigen Ehemann, sondern einen von seiner Mutter abhängigen Jugendlichen im Körper eines dreißigjährigen Mannes.
— Meine sogenannten Bilder bezahlen die Hälfte unserer Nebenkosten, die Lebensmittel in diesem Kühlschrank und den Kraftstoff für dein Auto, — antwortete Clara ruhig. — Und wenn wir schon über Erfahrung sprechen: Deine große Fachfrau für Finanzen lebt noch immer in einer winzigen Zweizimmerwohnung. Die Wohnung, in der wir gerade stehen, habe ich bereits vor unserer Hochzeit gekauft. Deine Belehrungen wirken deshalb besonders lächerlich.
— Du hältst mir schon wieder diese Wohnung vor! — presste Lukas zwischen den Zähnen hervor. — Kaum hast du die Gelegenheit, erniedrigst du mich. Ich bemühe mich um uns und versuche, jeden Euro zusammenzuhalten, und du machst wegen eines Laptops eine Szene. Außerdem schnüffelst du in fremder Korrespondenz herum.
— Ich mache keine Szene. Ich zähle Tatsachen auf. Du hast dich geweigert, mir das Arbeitsgerät zu kaufen, das du mir versprochen hast. Du hast zwölftausend Euro an eine Person überwiesen, die an unserem gemeinsamen Haushalt überhaupt nicht beteiligt ist. Und jetzt möchtest du das alles als Fürsorge verkaufen.
— Meine Mutter ist auch meine Familie! Sie hat schon deshalb etwas mit meinem Geld zu tun, weil wir verwandt sind, — schleuderte Lukas ihr entgegen und nahm das Tablet an sich. — Außerdem wird das Geschenk bereits an die Abholstation geliefert. Morgen ist unser Hochzeitstag, und nach der Arbeit hole ich es ab. Ich hoffe, du hörst endlich auf, dich wie ein verwöhntes Kind zu benehmen, und nimmst die nützliche Sache anständig an.
Clara sah schweigend zu, wie er das Tablet entsperrte und die Nachricht hastig vom Bildschirm entfernte. In Lukas’ Vorstellung war alles vollkommen logisch: Er hatte angeblich vernünftig gehandelt, das Geld gesichert, seiner Mutter gehorcht und seiner Frau eine praktische Küchenmaschine gekauft. Dass er dafür sein Versprechen gebrochen, ihre beruflichen Bedürfnisse ignoriert und sie belogen hatte, schien für ihn keine Bedeutung zu besitzen.
— Also eine Küchenmaschine statt eines Computers, — sagte Clara nachdenklich. — Und der Rest des Geldes liegt jetzt nicht mehr bei uns. Verstanden.
— Gut, dass du es endlich einsiehst, — nickte Lukas zufrieden und glaubte offensichtlich, seine Frau habe aufgegeben. — Morgen feiern wir ganz entspannt. Wir bestellen Flammkuchen, ich bringe die Küchenmaschine mit. Du packst sie aus und probierst sie aus. Es ist doch nichts Schlimmes passiert. Aber künftig mischst du dich bitte nicht mehr in meine finanziellen Angelegenheiten ein.
Er ging zurück in die Küche, pfiff leise vor sich hin und war überzeugt, das Gespräch gewonnen zu haben. Clara blieb allein im Wohnzimmer. In ihrem Kopf stand bereits fest, wie der nächste Abend verlaufen würde. Für einen Kompromiss mit diesem Mann gab es in ihrer Zukunft keinen Platz mehr.
— Na, dann gratuliere ich uns zu unserem dritten Hochzeitstag! Hier ist etwas, das im Haushalt wirklich gebraucht wird, und nicht so ein teures, leuchtendes Spielzeug! — verkündete Lukas laut, als er mit einem riesigen, bunt bedruckten Karton die Wohnung betrat.
Er kickte seine Schuhe achtlos neben die Tür, ohne sie ins Regal zu stellen, und schleppte die schwere Schachtel in die Küche. Clara saß an der Frühstückstheke vor einer Tasse längst kalten Kaffees und drehte sich nicht einmal nach ihm um. Es gab keinen festlich gedeckten Tisch. Keine bestellten Flammkuchen, von denen Lukas am Vorabend gesprochen hatte, keine Gläser, keine Kerzen und keinen einzigen Hinweis auf einen Hochzeitstag. Es war ein ganz gewöhnlicher Abend mitten in der Woche.
Lukas stellte den Karton mitten auf den Esstisch. Auf der glänzenden Verpackung war eine riesige Küchenmaschine einer unbekannten chinesischen Marke abgebildet. Daneben wurden in grellen Buchstaben ihre Vorzüge angepriesen: fünfzehn Geschwindigkeitsstufen, Fleischwolf, Mixer, Knethaken und eine ganze Reihe weiterer Funktionen. Offenbar erwartete er, dass Clara nun begeistert die Verpackung aufreißen und seine hauswirtschaftliche Genialität bewundern würde.
— Nun mach schon, pack sie aus, — sagte er erwartungsvoll und rieb sich die Hände. — Ich habe sie an der Abholstation sogar selbst überprüft. Ein hervorragender Schneebesen, eine Doppelscheibe zum Reiben, ein kräftiger Mixer. Jetzt kannst du nicht mehr behaupten, dass Kochen so viel Zeit kostet. Das ist ein gutes Gerät und wird jahrelang halten. Das Metall ist ordentlich, der Kunststoff stabil.
— Wir backen fast nie, Lukas. Und Kartoffelpüree machen wir auch nicht in zehn Kilogramm großen Mengen, — erwiderte Clara ruhig. Sie betrachtete den bunten Karton, als hätte jemand einen Sack Bauschutt auf ihren sauberen Tisch gestellt. — Ich arbeite von zu Hause. Ich habe mehrere dringende Designprojekte und brauche einen leistungsfähigen Prozessor für die Grafikbearbeitung. Einen Motor, der Knochen zerkleinern kann, benötige ich nicht. Und wozu sollte ich einen schweren Knethaken brauchen, wenn wir unser Brot beim Bäcker gegenüber kaufen?
— Dann fängst du eben an zu backen! — antwortete Lukas unbekümmert. Er öffnete den Kühlschrank und verzog enttäuscht das Gesicht, als er dort kein festliches Essen fand. — Jede normale Ehefrau muss alles kochen können. Mama sagt, eine richtige Hausfrau findet immer eine Verwendung für so eine Maschine. Und wenn sie das nicht kann, ist sie einfach zu faul, etwas zu lernen und sich im Haushalt weiterzuentwickeln. Mama benutzt bis heute einen uralten Computer und legt darauf Patiencen. Er funktioniert noch immer. Du machst dich mit deinen Designprojekten nur wichtiger, als du bist.
Clara stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch. Das Ganze war so absurd, dass ihre Wut beinahe in Erschöpfung überging. Ein erwachsener, dreißigjähriger Mann stand in ihrer Wohnung und wollte ihr ernsthaft beweisen, dass ein billiges Küchengerät, das seine Mutter ausgesucht hatte, wichtiger war als ein professionelles Arbeitsgerät, das sie dringend benötigte.
— Mama sagt, — wiederholte Clara leise. — Natürlich. Eigene Argumente hattest du nicht einmal. Du hast einfach ihre Worte auswendig gelernt, eine riesige billige Schachtel nach Hause geschleppt und erwartest nun, dass ich um dich herumhüpfe und dir für deine unglaubliche Großzügigkeit danke?
Lukas knallte die Kühlschranktür zu. Seine gespielte Fröhlichkeit war verschwunden. Er kam näher und legte eine Hand auf den Karton, als müsse er die Maschine vor einem Angriff schützen.
— Jetzt geht das schon wieder los! Ich habe dir ein ordentliches Geschenk gekauft! Ich habe Initiative gezeigt und etwas Nützliches für unseren Haushalt ausgesucht! Du bist nur unzufrieden, weil du dein teures Spielzeug nicht bekommen hast! Du bist undankbar!
— Initiative? — Clara stand auf und sah ihm geradewegs ins Gesicht. Ihre Verachtung war so offen, dass Lukas für einen Moment verstummte. — Deine Initiative endete in dem Augenblick, in dem du den Betrag deiner Prämie auf der Abrechnung gesehen hast. Danach hat Ingrid alles bestimmt. Sie hat entschieden, dass ich keinen Laptop brauche. Sie hat dieses Wundergerät ausgesucht. Sie hat dir befohlen, das übrige Geld auf ihr Konto zu überweisen, damit es nicht versehentlich bei mir landet.
— Es geht dich überhaupt nichts an, mit wem ich mich berate! — fauchte Lukas, während seine Sicherheit allmählich schwand. — Ich bin ein Mann und habe selbst entschieden!
— Du hast zuerst deine Mutter gefragt, ob du deiner Frau ein Geschenk zum Hochzeitstag kaufen darfst? Hörst du dich eigentlich selbst reden? Du gehst arbeiten, bekommst ein Gehalt, aber über dein eigenes Geld verfügst du erst, nachdem deine Mutter es genehmigt hat? Ich brauche keinen Ehemann, der sich wie eine Marionette steuern lässt! Lass die Schlüssel hier und geh zurück in dein Kinderzimmer zu deinen Eltern!
Lukas wich zurück, als hätte Clara ihn tatsächlich geschlagen. Sein Gesicht wurde vor Empörung und verletztem Stolz dunkelrot. Er zupfte nervös am Kragen seines Hemdes und starrte sie mehrere Sekunden lang an, als könne er nicht glauben, was er gerade gehört hatte.
— Weißt du überhaupt, was du da sagst? — zischte er. — Du willst deinen eigenen Mann wegen einer Küchenmaschine vor die Tür setzen? Nur weil ich diese bescheuerte Ausgabe für deinen Wunsch-Laptop nicht gemacht und das Geld angelegt habe? Du bist einfach berechnend! Von Anfang an hast du es doch nur auf mein Geld abgesehen!
— Wenn ich berechnend wäre, hättest du nicht drei Jahre lang kostenlos in einer Wohnung gelebt, die mir gehört, — entgegnete Clara kühl. — Und es geht nicht um diese Maschine. Ich werfe dich hinaus, weil ich einmal geglaubt habe, einen selbstständigen erwachsenen Mann zu heiraten. Tatsächlich habe ich die Außenstelle deiner Mutter geheiratet. In dieser Ehe gab es kaum Platz für dich, Lukas. Dafür waren ständig ihre Anweisungen, ihre Berechnungen, ihre Ratschläge und ihre Vorstellungen davon da, wie wir zu leben hätten.
— Das nennt man verantwortungsvollen Umgang mit Geld! — widersprach er verzweifelt und versuchte, die gewohnte Kontrolle zurückzugewinnen. — Wir sind eine Familie und müssen unser Geld zusammenhalten!
— Familie seid hier du und deine Mutter. Mich habt ihr zu einem Haushaltszubehör gemacht, dem man einen Mixer im Sonderangebot hinstellt, damit es schneller das Abendessen zubereitet, — Clara deutete entschieden in Richtung Flur. — Die Schlüssel legst du auf die Konsole neben dem Spiegel. Deine Sachen packst du jetzt. Die große Reisetasche steht auf dem Balkon.
Lukas sah sie fassungslos an. Noch immer hoffte er, Clara würde nachgeben, den Streit als Scherz abtun oder wenigstens über einen Kompromiss beim Laptop verhandeln. Doch sie blieb stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht ruhig. Keine Zweifel, keine Unsicherheit und kein Wunsch nach Verhandlungen waren in ihrer Haltung zu erkennen. Ihre Entscheidung war gefallen.
— Du meinst das ernst? — fragte er langsam durch zusammengepresste Zähne. — Du zerstörst unsere Ehe wirklich heute, an unserem Hochzeitstag?
— Unsere Ehe ist gestern zu Ende gegangen, als du das Geld, das du für meinen Arbeitslaptop ausgeben wolltest, deiner Mutter überwiesen hast. Heute erleben wir nur die Folgen deiner angeblich so vernünftigen Entscheidung, — sagte Clara nüchtern. — Die Schlüssel. Auf die Konsole. Sofort.
Lukas begriff, dass er sie nicht umstimmen konnte, und machte eine wütende Handbewegung.
— Dann erstick doch an deiner Wohnung! Bleib allein mit deinen Computern! Wir werden ja sehen, wer dich mit solchen Ansprüchen überhaupt noch will! — rief er und ging ins Schlafzimmer.
Clara würdigte diesen armseligen Versuch, sie zu verletzen, keiner Antwort. Stattdessen ging sie zum Tisch, hob den schweren Karton mit der Küchenmaschine an und folgte ihm. Wenn Lukas so stolz auf sein praktisches Geschenk war, sollte er es selbstverständlich mitnehmen.
— Lukas, du kannst die Tasche jetzt schließen. Die Küchenmaschine liegt obenauf, direkt auf deinen Hemden, — sagte Clara gelassen und lehnte sich in den Türrahmen.
Lukas stand im Flur und versuchte mit aller Kraft, den Reißverschluss der Reisetasche zu schließen. Der synthetische Stoff spannte sich und knisterte, doch die Tasche ließ sich wegen des hervorstehenden Kartons nicht schließen. Er atmete schwer, auf seiner Stirn glänzte Schweiß. Offenbar hatte er nicht erwartet, dass seine Frau seinen Auszug so ruhig, schnell und ohne eine einzige Träne organisieren würde.
Schließlich gab er den Kampf mit dem Reißverschluss auf und zog sein Handy aus der Tasche.
— So einfach endet das nicht. Jetzt wird jemand mit dir reden, der wirklich versteht, was hier passiert – wenn dir selbst schon der Verstand fehlt, — sagte er wütend. Mehrmals tippte er auf den Bildschirm und schaltete dann demonstrativ den Lautsprecher ein.
Im Flur ertönten lange Freizeichen. Clara bewegte sich nicht. Sie beobachtete ruhig den letzten Akt dieses lächerlichen Theaterstücks. Beim dritten Klingeln wurde abgenommen.
— Lukas, warum rufst du an? Ist das Geschenk schon ausgepackt? — fragte Ingrid mit ihrer energischen, befehlenden Stimme.
— Mama, Clara wirft mich aus der Wohnung! — platzte Lukas sofort heraus und warf seiner Frau einen beinahe triumphierenden Blick zu, als würde im nächsten Moment eine unsichtbare Verstärkung eintreffen. — Sie hat meine Sachen gepackt, deine Küchenmaschine in die Tasche gesteckt und verlangt, dass ich die Schlüssel dalasse. Alles nur, weil ich ihr diesen dummen Computer nicht gekauft und das Geld auf das Konto überwiesen habe!
Aus dem Lautsprecher kam ein lauter, empörter Atemzug. Mit dieser Entwicklung hatte Ingrid offensichtlich nicht gerechnet, doch ihre Überraschung dauerte nur kurz. Schon im nächsten Augenblick klang ihre Stimme wieder kalt und belehrend.
— Clara, bist du völlig verrückt geworden? Mein Sohn bringt eine nützliche Sache für den Haushalt nach Hause, legt das Geld vernünftig an, und du wirfst ihn wegen deiner Launen hinaus? Hör sofort mit diesem Theater auf, pack die Tasche aus und entschuldige dich bei Lukas! Er hat alles richtig gemacht. Haushaltsgeräte kommen der ganzen Familie zugute, und freies Geld gehört verzinst angelegt.
Clara löste sich vom Türrahmen und trat ein paar Schritte auf Lukas zu. Sie musste sich nicht über das Handy beugen. Ihre Stimme war auch so deutlich zu hören.
— Frau Ingrid, Ihr Sohn irrt sich ein wenig, wenn er von Familie spricht, — sagte Clara ruhig und ließ Lukas nicht aus den Augen. — Zwischen ihm und mir gibt es keine Familie mehr. Seine eigentliche Familie sind Sie. Und unser Haushalt, wie ich nun erfahren habe, ist offenbar ebenfalls gemeinsames Eigentum. Drei Jahre lang war ich nur die kostenlose Kulisse, die Ihrem Sohn geholfen hat, wie ein selbstständiger Erwachsener auszusehen.
— Was für einen Unsinn redest du da? — kreischte Ingrid. — Mein Sohn arbeitet und verdient sein eigenes Geld! Natürlich darf er vernünftig darüber verfügen! Du bist doch nur eine Verschwenderin, die keine echte männliche Entscheidung zu schätzen weiß!
— Eine männliche Entscheidung? — Clara lächelte so verächtlich, dass Lukas unwillkürlich zurückwich. — Ein Mann steht zu seinen Worten und hält die Versprechen, die er seiner Ehefrau gibt. Wenn ein Dreißigjähriger zuerst seine Mutter fragt, ob er seine eigene Prämie ausgeben darf, ihr dann gehorsam das Geld überweist und den Arbeitscomputer seiner Frau abbestellt, dann ist das keine Männlichkeit. Das ist ein erwachsener Teenager mit Taschengeld.
— Wie redest du mit mir? Ich habe mein ganzes Leben als Wirtschaftsprüferin gearbeitet! Ich weiß, wie man einen Haushalt führt! — Ingrids Stimme überschlug sich fast.
— Ausgezeichnet. Dann führen Sie den Haushalt eben gemeinsam mit Lukas bei sich zu Hause, — erwiderte Clara scharf. — Sie hatten solche Angst, dass ich seine Prämie für einen notwendigen Arbeitscomputer ausgeben könnte, dass Ihr Sohn nun ohne Wohnung dasteht. Eine großartige finanzielle Strategie, Frau Ingrid. Die Zinsen Ihres wunderbaren Kontos werden sicher seine täglichen Fahrten von Ihrer kleinen Wohnung zur Arbeit ausgleichen.
— Clara, halt den Mund! — brüllte Lukas und versuchte, beide Frauen zu übertönen. Er wollte den Lautsprecher ausschalten, doch seine Finger rutschten vor Nervosität über den Bildschirm.
— Nein. Jetzt schweigst du, — sagte Clara und sah ihren Mann hart an. — Du hast sie angerufen. Du hast den Lautsprecher eingeschaltet und gehofft, dass deine Mutter mich zurechtweist und ich erschrocken den Karton öffne, um mich für diese billige Küchenmaschine zu bedanken. Sogar im Streit mit deiner eigenen Frau rufst du deine Mutter zu Hilfe. In dir steckt nichts Eigenes, Lukas. Keine eigene Haltung, kein Charakter und keine Fähigkeit, für deine Entscheidungen einzustehen. Du bist nur eine sprechende Puppe, der man ständig den Text vorsagt.
— Mit so einem Charakter wird dich niemand aushalten! — schrie Ingrid aus dem Telefon. — Du wirst ganz allein mit deinen Ansprüchen bleiben!
— Das wäre mir lieber. Besser allein, als bis heute zu dritt zu leben, — antwortete Clara kalt. — Ihr Investitionsprojekt können Sie wieder mitnehmen. Es steht fertig gepackt im Flur.
Sie drehte sich zur Konsole, nahm den Ersatzschlüsselbund ihres Mannes und warf ihn in den kleinen Kunststoffkorb für Kleinigkeiten. Das Metall schlug trocken auf den Boden.
Lukas stand mit weit geöffneten Augen da. Innerhalb weniger Minuten war die Illusion seiner eigenen Erwachsenheit, die er jahrelang aufgebaut hatte, in sich zusammengefallen. Die Autorität seiner Mutter, hinter der er sich in jedem Streit versteckt hatte, half ihm nicht mehr. Zum ersten Mal stand er einer einfachen Wahrheit gegenüber: Seine Frau hielt ihn für einen Menschen, der nicht einmal sein eigenes Leben selbst bestimmen konnte.
Ihm fiel nichts mehr ein. Die Wut wich langsam einer hilflosen Verwirrung und dem schweren Gefühl der Demütigung. Lukas beendete abrupt das Gespräch, griff nach der offenen Reisetasche, aus der der bunte Karton ragte, und warf sich den Gurt irgendwie über die Schulter. In die andere Hand nahm er die Tüte mit seinen Schuhen.
— Das wirst du bereuen. Du wirst es sehr bereuen, was du heute getan hast, — sagte er mit zusammengepressten Lippen und versuchte verzweifelt, den letzten Rest seiner Würde zu bewahren.
— Vielleicht. Aber jetzt verlässt du meine Wohnung, — antwortete Clara völlig ruhig und zeigte auf die offene Tür.
Lukas trat über die Schwelle und blieb sofort mit der Tasche am Türrahmen hängen. Der Karton mit seiner kostbaren Küchenmaschine prallte dumpf gegen das Holz. Er drehte sich ruckartig um, offenbar bereit, noch einen verletzenden Satz loszuwerden. Doch Clara gab ihm keine Gelegenheit dazu.
Sie schloss einfach die Tür.
Das Schloss klickte wie immer, sachlich und unspektakulär. Clara drehte den Schlüssel zweimal herum, schob anschließend den Riegel vor und atmete erst dann langsam aus. In der Wohnung lag der vertraute Geruch von Sauberkeit und der leichte Duft ihres Lieblingskaffees. Sie sah auf die leere Fußmatte im Eingangsbereich und anschließend auf den kleinen Korb, in dem die Schlüssel lagen.
Sie empfand kein Bedauern.
Nur ein letztes Gefühl von Ekel, das allmählich verschwand und einer ruhigen, beinahe sachlichen Erleichterung Platz machte.
Endlich war aus ihrer Wohnung noch ein weiteres überflüssiges, längst kaputtes Ding verschwunden.