Ich wusste, dass man mich nach dieser Geschichte verurteilen würde – doch erst als der Anwalt das Testament meiner siebzigjährigen Ehefrau öffnete, begriff ich, wie tief ich wirklich gesunken war
Ich weiß nicht, wie viele Menschen mich verurteilen werden, nachdem sie diese Geschichte gelesen haben.
Wahrscheinlich sehr viele.
Und vermutlich hätten sie jeden Grund dazu.
Ich schreibe das nicht, um mich zu rechtfertigen. Manchmal muss ein Mensch das aussprechen, wofür er sich am meisten schämt, um endlich zu begreifen, wer er damals wirklich gewesen ist.
Mein Name ist Lukas.
Als ich Margarete kennenlernte, war ich fünfundzwanzig Jahre alt. Ich besaß keine eigene Wohnung, hatte keine feste Arbeit und nicht einmal den Stolz, der mich vielleicht schon damals von manchen Entscheidungen hätte abhalten können.
Fast täglich riefen die Gläubiger an. Nachts schlief ich in meinem alten Wagen auf dem Parkplatz hinter einem Discounter und redete mir ein, diese Zeit würde bald vorbei sein. Ich sagte mir, dass es nur eine vorübergehende Pechsträhne sei und sich mein Leben bald wieder zum Guten wenden würde.
Doch die Wahrheit sah anders aus.
Ich war innerlich völlig zerbrochen.
Margarete war zweiundsiebzig Jahre alt. Sie war seit vielen Jahren Witwe und lebte allein in einem kleinen, gepflegten Haus in einer ruhigen Wohngegend. Jeder, der sie kannte, sagte, sie habe ein außergewöhnlich gutes Herz.
Auch ich erkannte das sehr schnell.
Und genau diese Güte beschloss ich auszunutzen.
Ja, ich heiratete Margarete nicht, weil ich sie liebte.
Ich ging diese Ehe ein, weil sie ein Haus hatte und ich nichts besaß.
Margarete hatte eine warme, behagliche Küche.
Ich hatte nur den kalten Sitz meines Wagens.
Sie führte ein ruhiges, geordnetes Leben.
Ich dagegen hatte leere Taschen und Gedanken, für die ich mich heute noch schäme.
Damals wiederholte ich mir immer wieder:
„Das ist nur ein Weg aus meiner Not. Ich werde ein paar Jahre mit ihr zusammenleben, den fürsorglichen Ehemann spielen, und irgendwann gehören mir das Haus und das Geld. Dann kann ich noch einmal ganz von vorn anfangen.“
Während ich diese Zeilen schreibe, zittern mir noch immer die Hände. Erst heute begreife ich, wie tief ich damals gesunken war.
Margarete verlangte nie von mir, dass ich Liebe vortäuschte.
Sie bat mich nicht, draußen ihre Hand zu halten.
Nie fragte sie:
„Liebst du mich wirklich?“
Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass sie die Antwort von Anfang an kannte.
Trotzdem stand jeden Abend ein warmes Essen auf dem Tisch.
Ich kam erschöpft nach Hause, mit meinem gewohnten unbewegten Gesicht, und Margarete begrüßte mich mit einem Lächeln, als wäre meine Rückkehr das Schönste, was ihr an diesem Tag geschehen konnte.
„Lukas, wasch dir zuerst die Hände. Das Abendessen ist fertig“, sagte sie sanft.
Ich setzte mich hin, aß und brachte nicht selten nicht einmal ein einfaches „Danke“ über die Lippen.
Eines Tages bemerkte sie, dass meine Schuhe völlig abgetragen waren.
Am nächsten Abend stand vor der Haustür ein neues Paar.
„Du brauchst schon lange andere“, sagte sie.
„Ja. Anständige“, antwortete ich.
Damit war das Gespräch beendet.
Ich nahm sie nicht in den Arm.
Ich dankte ihr nicht annähernd so, wie sie es verdient hätte.
Nicht einmal für einen kurzen Moment hielt ich inne, um darüber nachzudenken, dass die Frau, die ich ausnutzen wollte, sich trotzdem um mich kümmerte.
In jenem Winter kaufte sie mir einen neuen Mantel.
„Geh nicht mit dieser dünnen Jacke hinaus“, ermahnte Margarete mich. „Du holst dir noch eine Erkältung.“
Doch in meinem Innersten dachte ich nur:
„Ich brauche deinen Mantel nicht, Margarete. Ich brauche dein Haus.“
So ein Mensch war ich damals.
Wenn ich ihre Medikamente auf dem Küchentisch liegen sah, kümmerte es mich kaum, wie schlecht es ihr ging.
Meine Gedanken kreisten ausschließlich um meine eigene Zukunft.
Nach jedem Arzttermin fragte ich:
„Ist alles in Ordnung?“
Aber tief in mir wartete eine ganz andere Frage auf eine Antwort.
Ich wollte wissen, wie lange ich mich noch gedulden musste.
Ich weiß, wie widerwärtig das klingt.
Doch noch schrecklicher ist es, Jahre später zurückzublicken und zu erkennen, dass in dieser Geschichte kein Fremder das Monster war.
Das Monster warst du selbst.
Dann stürzte Margarete eines Morgens plötzlich in der Küche zu Boden.
Die Kaffeetasse glitt aus ihrer Hand, prallte auf die Fliesen und zerbrach in unzählige Scherben.
Zum ersten Mal bekam ich wirklich Angst.
Aber nicht wegen des Hauses.
Nicht wegen ihres Geldes.
Nicht wegen des Testaments.
Für einen kurzen Augenblick war Margarete keine Möglichkeit mehr, mein eigenes Leben zu verändern.
Zum ersten Mal sah ich in ihr einen Menschen.
Eine Frau, die sich jahrelang still um mich gekümmert hatte, ohne jemals etwas dafür zu verlangen.
Margarete blieb drei Tage im Krankenhaus.
Am dritten Tag kam der Arzt aus ihrem Zimmer, ging auf mich zu und sagte genau die Worte, die ich mir früher so oft heimlich vorgestellt hatte.
Doch als ich sie tatsächlich hörte, breitete sich in mir eine gewaltige Leere aus.
Margarete war tot.
Bei der Beerdigung sahen ihre Verwandten und Bekannten mich an, als könnten sie jeden schmutzigen Gedanken lesen, der jemals durch meinen Kopf gegangen war.
„Er war doch nur wegen des Geldes mit ihr zusammen“, flüsterte jemand.
„Margarete wusste das ganz genau“, erwiderte eine andere Stimme. „Und trotzdem blieb sie bis zuletzt freundlich zu ihm.“
Ich tat so, als hätte ich nichts gehört.
In Wahrheit hatte ich jedes einzelne Wort verstanden.
Und ich wusste, dass ich sie alle verdient hatte.
Nach der Beerdigung bat mich Margaretes Anwalt, in seine Kanzlei zu kommen.
Ich saß ihm gegenüber und bemühte mich, vollkommen ruhig zu wirken.
Doch in meinem Kopf begann ich bereits auszurechnen, was mir zufallen könnte.
Das Haus.
Das Geld.
Ein sorgenfreies Leben ohne Schulden.
„Endlich“, dachte ich, „komme ich aus dem Loch heraus, in das ich mich selbst hineingestoßen habe.“
Der Anwalt legte das Testament vor sich auf und öffnete es.