Jeden Sonntag besuchte ich das Grab meines Mannes – bis ein fremder Mann dort Blumen niederlegte und ich erfuhr, dass mein ganzes gemeinsames Leben auf einem Geheimnis beruhte
Jeden Sonntag ging ich zum Grab von Bernd. Immer um Punkt zehn Uhr stieg ich an der Haltestelle nahe dem Friedhof aus, kaufte am Eingang bei einer älteren Frau drei weiße Rosen und folgte langsam dem breiten Hauptweg. Nach einem Jahr kannte ich jeden Schritt auswendig. Vorbei an der alten Eiche, links beim Denkmal für die unbekannten Soldaten, dann die dritte Reihe, Grab Nummer siebzehn.
Schwarzer Granit.
Darauf ein Foto, auf dem Bernd mit seinem vertrauten, leicht schuldbewussten Lächeln in die Kamera sah.
Doch an jenem Sonntag war alles anders.
Etwa zehn Schritte vor dem Grab bemerkte ich einen Mann.
Er war vielleicht dreißig Jahre alt und trug eine dunkelblaue Windjacke. Mit dem Rücken zu mir stand er am Grab und richtete eine kleine Grablampe.
Er war groß, etwas gebeugt und hatte kurz geschnittenes, dunkles Haar.
Unwillkürlich verlangsamte ich meinen Schritt.
Während des ganzen vergangenen Jahres waren außer mir und unseren Söhnen kaum Besucher hier gewesen.
Stefan lebte in der Hauptstadt, Markus wohnte außerhalb der Stadt. Beide kamen ungefähr einmal im Monat zum Grab, manchmal auch seltener.
Der Fremde musste das Knirschen des Kieses unter meinen Schuhen gehört haben.
Mit einer ruckartigen Bewegung richtete er sich auf.
Dann drehte er sich um.
Für einen kurzen Moment sah ich nur den beunruhigten Glanz in seinen Augen.
Im nächsten Augenblick ging er beinahe im Laufschritt in die entgegengesetzte Richtung davon.
Ich kam nicht einmal dazu, ihn anzusprechen.
Reglos blieb ich stehen und sah zu, wie seine dunkle Jacke zwischen den Bäumen verschwand und hinter der nächsten Biegung nicht mehr zu sehen war.
Auf Bernds Grab brannte eine neue Lampe.
Daneben lag ein frischer Strauß weißer Chrysanthemen.
An der durchsichtigen Verpackung war ein bordeauxrotes Satinband befestigt.
In goldenen Buchstaben stand darauf:
„Für Papa – Daniel.“
Langsam setzte ich mich auf die Bank gegenüber dem Grab.
Als meine Finger das Band berührten, zitterten sie bereits.
Daniel.
In sechsunddreißig Jahren Ehe hatte Bernd diesen Namen kein einziges Mal vor mir erwähnt.
Nicht ein einziges Mal.
Bernd und ich hatten uns Ende der achtziger Jahre bei einer Tanzveranstaltung kennengelernt.
Ich war damals vierundzwanzig.
Ich unterrichtete Klavier an einer Musikschule, trug zwei lange Zöpfe und schob ständig meine Brille auf dem Nasenrücken nach oben.
Bernd war Straßenbahnfahrer.
Er war sieben Jahre älter als ich.
Ein kräftiger Mann mit schwieligen Händen und einem Blick, als würde er sich für seine bloße Existenz ständig ein wenig entschuldigen.
Vier Monate nach unserem ersten Treffen heirateten wir.
Meine Mutter schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Katharina, du kennst ihn doch kaum!“
Seine Mutter dagegen begann schweigend, das Hochzeitsbrot zu backen, und fragte mich gleich dreimal, ob ich schwanger sei.
Später kamen Stefan und Markus zur Welt.
Bernd nahm zusätzliche Arbeit an. Nach seiner Schicht verlegte er Fliesen, verspachtelte Wände und baute Möbel zusammen.
Wir sparten für eine Wohnung in der Nähe eines großen Parks.
Ich gab privaten Klavierunterricht.
Unser Leben verlief ruhig.
Ohne große Dramen.
Im Sommer fuhren wir ans Meer.
Zu Weihnachten besuchten wir meine Schwester in einer anderen Stadt.
Nur eine Eigenschaft an Bernd beunruhigte mich manchmal: Er konnte sich vollständig in sich selbst zurückziehen.
Er veranstaltete keine lauten Szenen.
Er hob niemals die Stimme.
Er schlug kein Geschirr entzwei.
Stattdessen wurde er plötzlich still.
Er verschwand innerlich an einen Ort, den ich nicht erreichen konnte.
Mit der Zeit lernte ich, keine überflüssigen Fragen mehr zu stellen.
Im Frühjahr des vergangenen Jahres stellten die Ärzte bei ihm Lungenkrebs fest.
Drei Monate.
Nur drei Monate lagen zwischen der Diagnose und seinem Tod.
Ich saß in seinem Krankenzimmer an seinem Bett und hielt seine Hand, als er den letzten Atemzug tat.
Bis zu jenem Sonntag war ich vollkommen überzeugt gewesen, meinen Mann in- und auswendig zu kennen.
Nun saß ich vor seinem Grab, umklammerte das Band mit dem fremden Namen und spürte, wie mir der Boden unter den Füßen langsam entglitt.
Zu Hause öffnete ich sofort die Schublade in Bernds Schreibtisch.
Seit der Beerdigung hatte ich sie nicht angerührt.
Darin lagen alte Garantiescheine für eine Bohrmaschine.
Vergilbte Rechnungen für Strom und Heizung.
Sein abgelaufener Reisepass.
Einige Notizen.
Unter einem Stapel Papiere entdeckte ich schließlich einen braunen Umschlag.
Darin befanden sich drei Kontoauszüge.
Sie stammten nicht von unserem gemeinsamen Konto.
Es war ein völlig anderes Konto, von dessen Existenz ich nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.
Ich begann zu lesen.
Überweisungen.
Zuerst achthundert.
Dann zwölfhundert.
Jeden Monat.
Regelmäßig.
Ohne eine einzige Unterbrechung.
Als Empfängerin war eine Frau namens Marianne Keller angegeben.
Sie lebte in einer Kleinstadt im Norden des Landes.
Die erste Überweisung war im Februar 2000 erfolgt.
Die letzte nur zehn Tage vor Bernds Tod.