Als ich mit meinem Onkel allein im Waldhaus war, sagte er: „Versprich mir, dass du es deinem Vater nicht erzählst.“ Was ich hinter der verschlossenen Tür entdeckte, verschlug mir die Sprache

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Als ich mit meinem Onkel allein im Waldhaus war, sagte er: „Versprich mir, dass du es deinem Vater nicht erzählst.“ Was ich hinter der verschlossenen Tür entdeckte, verschlug mir die Sprache

Ich war vierundzwanzig Jahre alt, als ich ein Familiengeheimnis erfuhr, das meinen Blick auf meinen Onkel für immer veränderte.

Er hieß Martin und war der ältere Bruder meines Vaters. Mit einundsechzig Jahren war er unverheiratet, hatte keine Kinder und verbrachte fast sein gesamtes Leben in einem kleinen Holzhaus im Wald, nicht weit von einem stillen See entfernt.

Seit meiner Kindheit hielt ich ihn für einen verschlossenen, etwas sonderbaren Menschen. Bei Familienfeiern setzte er sich meistens auf den entferntesten Stuhl, sprach nur selten und verabschiedete sich lange vor allen anderen.

Mein Vater Thomas war das genaue Gegenteil. Er liebte Gesellschaft, lud gern zu großen Essen ein und konnte stundenlang amüsante Geschichten erzählen. Doch sobald jemand das Gespräch auf Martin brachte, veränderte sich sein Gesicht. Dann wurde er ernst und wich jeder weiteren Frage aus.

Er wollte nie, dass ich mit meinem Onkel allein blieb.

„Martin ist kein einfacher Mensch, Anna“, hatte mein Vater mich mehr als einmal gewarnt. „Verbringe besser nicht zu viel Zeit allein mit ihm.“

„Warum? Hat er etwas Schlimmes getan?“

„Hör einfach auf mich.“

Mehr bekam ich aus ihm nicht heraus.

In jenem Sommer beschloss unsere Familie, ein paar Tage in Martins Waldhaus zu verbringen. Der Ort war wunderschön. Hohe Fichten ragten ringsum in den Himmel, hinter den Bäumen glitzerte der See, und am Abend zog der Geruch von feuchter Erde und Holzrauch über die Terrasse.

Die ersten beiden Tage verliefen ruhig. Wir gingen spazieren, kochten über dem offenen Feuer und saßen lange am Ufer, während die Sonne hinter den Bäumen verschwand.

Am dritten Morgen wurde meiner Mutter plötzlich schlecht. Mein Vater wollte keine Zeit verlieren und beschloss, sie in die Arztpraxis im nächstgelegenen Ort zu bringen.

Ich wollte mitfahren, doch meine Mutter legte mir beruhigend die Hand auf den Arm.

„Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Es ist bestimmt nichts Ernstes. Wir sind in ein paar Stunden wieder zurück.“

Damit blieb ich zum ersten Mal in meinem Leben allein mit meinem Onkel Martin.

Zunächst geschah nichts Ungewöhnliches. Wir tranken schweigend Kaffee, wobei zwischen uns eine merkwürdige Spannung lag. Danach ging Martin hinaus und beschäftigte sich lange hinter dem Schuppen.

Als er wieder hereinkam, wirkte er angespannt. Mehrmals sah er auf die Wanduhr, ging unruhig durch den Raum und blieb schließlich vor mir stehen.

„Wann glaubst du, dass Thomas zurückkommt?“, fragte er.

„Gegen Abend, wahrscheinlich. Warum?“

„Ach, nur so. Ich wollte es wissen.“

Er blickte erneut zur Uhr.

Wenige Minuten später schaltete er den Fernseher aus. Die plötzliche Stille war so vollkommen, dass ich das Ticken der alten Wanduhr hören konnte.

„Anna“, begann er zögernd, „du bist inzwischen erwachsen. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, dir etwas zu zeigen.“

„Was denn?“

Martin antwortete nicht. Er trat ans Fenster und zog die schweren Vorhänge zu. Danach ging er zur Haustür und drehte den Schlüssel im Schloss um.

Unwillkürlich presste ich mich tiefer in den Sessel.

„Warum schließt du ab?“

Er sah meinen erschrockenen Gesichtsausdruck und hob sofort beschwichtigend die Hände.

„Ich werde dir nichts antun. Ich möchte nur verhindern, dass jemand hereinkommt, bevor ich mit dir gesprochen habe.“

„Wer sollte denn kommen? Außer uns ist doch niemand hier.“

Mein Onkel schwieg eine Weile. Es sah aus, als suche er verzweifelt nach den richtigen Worten.

„Was ich dir zeigen werde, muss vorerst zwischen uns bleiben. Versprich mir, dass du niemandem davon erzählst. Vor allem nicht deinem Vater.“

Meine Hände wurden kalt.

Plötzlich fielen mir alle Warnungen meines Vaters wieder ein.

„Warum gerade Thomas nicht?“

„Weil er mir vielleicht niemals verzeihen würde.“

Ich stand auf.

„Dann sollte ich wohl lieber gehen.“

Martin schloss die Tür sofort wieder auf und trat zur Seite, damit ich hinausgehen konnte.

„Ich werde dich nicht aufhalten. Wenn du gehen willst, dann geh.“

Ich hatte bereits einen Schritt zur Tür gemacht, als er leise hinzufügte:

„Aber wenn ich es dir heute nicht erzähle, finde ich vielleicht nie wieder den Mut dazu.“

Seine Stimme zitterte. Zum ersten Mal sah ich ihn nicht als den kühlen, unnahbaren Mann, für den ich ihn immer gehalten hatte, sondern als jemanden, der völlig verunsichert und verletzlich war.

Trotz meiner Angst blieb ich.

Martin ging in Richtung Schlafzimmer. Wenige Augenblicke später hörte ich ein schweres Scharren, als würde etwas über den Boden gezogen. Vorsichtig folgte ich ihm.

Er kniete neben dem Bett und zog einen großen, dunkelbraunen Koffer hervor. Das alte Gepäckstück war an den Ecken abgestoßen, die Metallverschlüsse waren stumpf geworden, und an der Vorderseite hingen zwei kleine Schlösser.

„Warum versteckst du ihn unter dem Bett?“, fragte ich.

Martin gab mir keine Antwort. Er zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn in das erste Schloss.

Bevor er den Deckel öffnete, hob er den Kopf und sah mir direkt in die Augen.