Als Ivans und Marinas Ehe zerbrach, vergiftete ihre Bitterkeit das Leben ihrer Tochter – bis ein beutel voller Süßigkeiten ihr zeigte, dass Glück mehr als nur ein Traum sein kann
Ivan und Marina ließen sich scheiden, als ihre Tochter Sascha gerade zwei Jahre alt war. Ivan konnte einfach nicht länger mit seiner Frau leben. Sie war ständig unzufrieden, wütend. Mal verdiente er zu wenig, mal verbrachte er zu wenig Zeit zu Hause und half überhaupt nicht mit dem Kind.
Ivan gab sich alle Mühe, ihr zu gefallen, doch es half nichts. Viele Bekannte vermuteten, dass Marina an einer postpartalen Depression litt und rieten ihr, einen Arzt aufzusuchen und Medikamente zu nehmen.
Doch Ivan hegte Zweifel. Schon vor dem Kind war sie kein Engel gewesen, doch nun schien sie völlig den Verstand verloren zu haben.
Der Mann konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wann er zuletzt ein Lächeln auf Marinas Gesicht gesehen hatte. Selbst im Umgang mit ihrer Tochter zeigte sie einen derart gereizten Ausdruck, dass er Sascha am liebsten sofort gepackt und in Sicherheit gebracht hätte.
Trotz allem schlug Ivan seiner Frau vor, einen Psychologen aufzusuchen. Die Antwort war ein Schwall von Beschimpfungen, der kaum vorstellbar war.
„Denkst du etwa, ich bin verrückt?! Eine Hysterikerin, ja?! Mit dir würde jeder den Verstand verlieren!“
Danach hielt Ivan es nicht mehr aus und verkündete, dass er die Scheidung einreichen werde. Marina, aus purer Bosheit, nahm die Tochter und zog in eine andere Stadt. Sie beantragte keinen Unterhalt und verriet auch ihre neue Adresse nicht.
Ivan suchte seine Tochter eine Weile, gab dann aber auf. Er liebte Sascha und wäre gerne ihr Vater geblieben. Doch der Gedanke an die Auseinandersetzungen und die Beschimpfungen seiner Ex-Frau ließ ihn resignieren.
Marina kochte derweil vor Zorn. Und diese Wut verflog nicht. Sie machte ihren Ex-Mann für alles verantwortlich, war überzeugt, er habe sie verlassen, weil er eine andere gefunden hatte, und dass es keineswegs an ihr gelegen habe.
Danach übertrug sich diese Bitterkeit auf ihre Tochter.
Sie schlug Sascha niemals und misshandelte sie auch nicht, doch das Mädchen wuchs in einer derartigen Negativität auf, wie sie viele Menschen ihr ganzes Leben lang nicht erleben.
In ihrem Haus gab es keine Feste. Sascha erfuhr erst im Kindergarten, dass Geburtstage überhaupt gefeiert werden.
„Mama, stell dir vor, Wowa hat heute Geburtstag, und alle haben ihm gratuliert! Und dann hat er ein Geschenk bekommen! Werde ich das auch mal haben?“
„Nein. Das ist Unsinn. Das geht dich nichts an. Ich habe dich geboren, ich sollte feiern! Und frag nicht mehr danach. Geldverschwendung!“
Neujahr wurde bei ihnen ebenfalls nicht gefeiert. Zum Glück kam der Weihnachtsmann in den Kindergarten, sodass Sascha zumindest ein Fest erlebte. Am eigentlichen Neujahrstag aßen sie und ihre Mutter das einfachste Essen und gingen wie gewohnt schlafen.
Marina konnte Lachen nicht ertragen. Vermutlich, weil sie selbst vergessen hatte, wie man lacht. Und wenn Sascha lustige Cartoons ansah und kicherte, rügte Marina sie sofort.
„Was lachst du wie ein Pferd?! Hier gibt es nichts Lustiges!“
Und Sascha verstand: Lächeln ist schlecht. Lachen ist schlecht. Man muss ernst und traurig sein, so wie Mama.
Ob Marina psychische Probleme hatte, blieb unbekannt. Sie ging nicht zum Psychologen, hielt es für reine Geldverschwendung. Menschen, so ihre Meinung, leben nicht für den Spaß. Und wer immer fröhlich ist, sei einfach leer und dumm.
Saschas erste Süßigkeit gab es im Kindergarten, auf einem Geburtstag. Es schmeckte so gut!
Nachts träumte das Mädchen davon, groß zu werden und sich einen ganzen Beutel voller Bonbons zu kaufen. Dieser Gedanke wärmte ihr Herz, und sogar ein verbotenes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Es ist ungewiss, was aus Sascha geworden wäre, hätte sie weiterhin bei ihrer Mutter gelebt. Mit jedem Jahr wurde diese zorniger, hasste das Leben immer mehr. Selbst Nachbarn mieden sie, und alte Frauen bekreuzigten sich, wenn sie vorbeiging. Man sagte, der Teufel selbst säße in ihr, weil ein Mensch nicht so böse sein könne.
Doch offenbar untergrub all diese Bosheit ihre Gesundheit. Marina wurde mit Krebs diagnostiziert. Den Ärzten misstraute sie, sodass sie erst mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus kam, als jede Hilfe zu spät war.
Die Nachbarin nahm Sascha auf, als Marina abgeholt wurde. Zuvor hatte diese noch den Namen und die Stadt genannt, in der der Vater des Mädchens lebte. Immerhin hatte sie sich doch um ihre Tochter gekümmert.
Marina kehrte aus dem Krankenhaus nicht zurück. Sascha wurde nicht sofort gesagt, dass ihre Mutter nicht mehr lebte. Das Mädchen war ohnehin schon verängstigt und traute sich kaum, ein unnötiges Wort zu sagen.
Die Nachbarin gab Marinas Worte an das Jugendamt weiter, und der Vater wurde schnell gefunden.
Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit einem halben Jahr verheiratet. Als das Jugendamt anrief und die Situation erklärte, sagte er seiner Frau sofort, dass er seine Tochter nicht im Stich lassen würde. Er hatte sie ja selbst gesucht.
Seine Frau erwies sich glücklicherweise als gute Seele und wusste, wie sehr Ivan unter der Trennung von seiner Tochter gelitten hatte. So bat sie ihn, sofort zu fahren und das Kind zu holen.
Sascha erinnerte sich natürlich nicht an ihren Vater. Sie fürchtete, das Leben bei Papa könnte schlimmer sein als bei Mama.
Als Ivan ankam, war das Mädchen bei der Nachbarin. Das Jugendamt hatte erlaubt, sie dort zu lassen, um sie nicht unnötig zu traumatisieren.
Unterwegs kaufte Ivan einen großen Plüschfuchs und eine Auswahl verschiedener Süßigkeiten.
Als er hereinkam, drückte sich Sascha ängstlich an die Wand. Doch sogleich bemerkte sie das Spielzeug in seinen Händen. Dann sah sie die Süßigkeiten.
Das stimmte das Mädchen sofort gnädig. Sie beschloss: Wer Süßigkeiten bringt, kann nicht schlecht sein. Schließlich hatte der Weihnachtsmann im Kindergarten auch Süßigkeiten geschenkt. Sonst niemand, niemals.
Während Sascha den Fuchs kennenlernte, erzählte die Nachbarin Ivan von seiner ehemaligen Frau.
„Über Tote soll man entweder Gutes sagen oder gar nichts, aber sie hatte einen Charakter, der selbst Heilige in den Wahnsinn treiben konnte. Nie grüßte sie, nie lächelte sie. Wen sie nicht mochte, dem fluchte sie sofort. Und die arme Sascha war völlig eingeschüchtert.“
Ivans Herz zog sich schmerzlich zusammen beim Gedanken daran, wie schwer es seiner Tochter gefallen war. Er machte sich Vorwürfe, sie nicht früher gerettet zu haben. Er hätte kämpfen, suchen müssen. Doch die Angst vor seiner Ex-Frau hatte ihn zurückgehalten. Und wegen seiner Ängste hatte seine Tochter gelitten.
Nachdem alle Papiere erledigt und die Beerdigung stattgefunden hatte, fuhr Sascha mit ihrem Vater in ihr neues Zuhause.
„Bald hast du Geburtstag“, lächelte er, bemüht, sich dem Kind anzunähern, „was wünschst du dir als Geschenk?“
Sascha sah ihn überrascht an, und Ivan verstand den Grund dieses Blickes nicht.
„Ich weiß nicht. Mama hat mir nie Geschenke gemacht. Und Geburtstage haben wir nicht gefeiert.“
„Wie das?“, er war fassungslos.
„Sie sagte, das sei Unsinn. Dass es keinen Grund gäbe, mir zu gratulieren.“
„Das stimmt nicht! Am Geburtstag sollen sich alle freuen“, Ivans Stimme zitterte.
„Kann ich dann einen Beutel Süßigkeiten haben?“, fragte Sascha. „Ich liebe Süßigkeiten sehr.“
Ivan nickte nur. Die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Später, als Ivans Frau das Mädchen kennengelernt hatte, legten sie Sascha ins Bett. Der Mann schloss sich in der Küche ein, holte eine Flasche Wein und trank ein Glas in einem Zug aus. Dann setzte er sich an den Tisch, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte leise, jeden Schluchzer unterdrückend, als fürchte er, dass derselbe Frost, der im Haus seiner Ex-Frau geherrscht hatte, durch die Wände dringen könnte. Am Morgen kaufte er eine ganze Schachtel Pralinen, Kerzen und eine kleine Spielzeugkrone. Am nächsten Tag war Saschas Geburtstag. Das Mädchen wachte zum ersten Mal in ihrem Leben unter Glückwünschen auf, begleitet vom Duft von Kuchen und Musik. Als sie den Beutel Süßigkeiten sah, wurden ihre Augen groß, als hätte sie zum ersten Mal geglaubt, dass Glück nicht nur ein Traum ist.