Als Timo vor der Wohnungstür stehen blieb, ahnte er nur den Ärger wegen einer Zigarette — doch dahinter wartete die Lüge, die seine ganze Kindheit zerbrechen ließ

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Timo wusste genau, dass ihm zu Hause ein Donnerwetter bevorstand. Und diesmal nicht von Jens Döring, dem Jungen aus der Nebenstraße, vor dem die halbe Schule lieber die Straßenseite wechselte, sondern von seiner eigenen Mutter.

Er pfiff leise vor sich hin, während er die vertraute Straße entlangging, doch in seinem Bauch zog sich alles zusammen. Diesmal hatte er es wirklich geschafft.

Tante Rosa, die beste Freundin seiner Mutter, hatte ihn mit einer Zigarette gesehen. Er hätte behaupten können, jemand habe sie ihm nur kurz in die Hand gedrückt. Aber nein — Tante Rosa hatte ihn nicht mit der Zigarette in der Hand erwischt, sondern dabei, wie er daran zog, als wäre er ein alter Fabrikschornstein. Was sollte er Anna jetzt erzählen? Dass ihm jemand das Ding zwischen die Lippen geklemmt und ihn gezwungen hatte zu rauchen?

Timo hatte so getan, als hätte er Tante Rosa gar nicht bemerkt. Und immerhin hatte sie ihn weder angeschrien noch ihm eine gescheuert. Sie hatte ihn nur lange angesehen, mit diesem Blick, der schon alles wusste, und war dann weitergegangen. Aber Timo war nicht blöd. Er war sich sicher, dass sie längst bei seiner Mutter angerufen hatte. Anna wartete wahrscheinlich schon mit dem Kochlöffel in der Hand. Zweimal war er deshalb schon um den Block gelaufen, bevor er plötzlich seine Oma entdeckte.

Na wunderbar. Schweres Geschütz. Das war selbst für seine Mutter gemein. Gleich würde Oma loslegen und jammern, dass sie als angesehene Lehrerin halb Dortmund durch die Grundschule gebracht hatte, während ausgerechnet ihr eigener Enkel auf Abwege geriet. Wie sehr sie sich schämte. Wie sehr Opa sich im Grab umdrehen würde. Und alle Vorfahren gleich mit.

Als Timo klein gewesen war, hatte ihm dieser Satz eine Heidenangst gemacht. Er hatte sich vorgestellt, wie sich unter der Erde die Toten bewegten. Bis er eines Tages begriff, dass Worte nicht immer so gemeint waren. Beim nächsten Mal, als Oma wieder von den ruhelosen Ahnen sprach, sagte Timo trocken: „Ist doch gut, wenn sie sich bewegen, Oma. Dann kriegen sie wenigstens keine Druckstellen wie Frau Schmitz aus dem Erdgeschoss.“

Oma hatte nach Luft geschnappt und sich an die Brust gefasst. Anna wäre vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen. Sie vergaß sogar, ihn zu bestrafen. Dafür schlug Oma ihr mit dem Geschirrtuch auf den Arm.

Jetzt eilte Oma ihm entgegen. Ihre Augen huschten so nervös umher, als wäre nicht er beim Rauchen erwischt worden, sondern sie.

„Was treibst du denn hier draußen? Warum bist du nicht zu Hause?“, fuhr sie ihn an.

„Ich… ich war noch nicht da.“

„Noch nicht da? Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen?“

„Schule. Dann Fußballtraining. Danach bin ich nur noch ein bisschen herumgelaufen.“

„Ach ja?“ Gleich kommt es, dachte Timo. Jetzt befiehlt sie mir bestimmt, auszuatmen, damit sie meinen Atem riechen kann. Doch Oma starrte auf seine Hände. „Was ist das denn? Deine Finger sind ja ganz rot! Wo sind deine Handschuhe?“

„Zu Hause vergessen.“

„Zu Hause? Und deine Mutter hat das nicht gesehen? Zeig mir deine Knöchel.“

Sie zog sein Hosenbein hoch und schnappte erschrocken nach Luft.

„Was soll das sein?“

„Was denn?“ Timo wurde heiß vor Panik.

„Warum sind deine Knöchel rot? Wo ist deine lange Unterhose? Und dein Schal?“

Timo spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Noch schlimmer wurde es, als er im Durchgang zwischen den Häusern Jens Döring stehen sah. Seine leuchtend rote Mütze wippte im Schatten. Herrlich. Danke, Oma. War sie jetzt völlig durcheinander? Sie war doch sonst immer messerscharf gewesen, aber das hier…

„Oma, was ist fünf mal fünf?“

„Fünfundzwanzig“, antwortete sie verwirrt.

„Und wie lautet der Satz des Pythagoras?“

„Das Quadrat über der Hypotenuse ist gleich der Summe der Quadrate über den Katheten. Timo? Hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht? Sie hat nicht einmal kontrolliert, was ihr in der Schule durchnehmt? Das lasse ich mir nicht gefallen. Sieh dich doch an!“

Moment. Oma war auf seiner Seite? Vielleicht war er der Predigt seiner Mutter tatsächlich entkommen. Oder war er aus Versehen in irgendeiner verkehrten Welt gelandet?

„Oma, auf welcher Seite ist meine Blinddarmnarbe?“

„Du hattest nie den Blinddarm draußen.“

Gut. Eindeutig Oma.

Sie packte ihn und zog ihn nach Hause, während sie ununterbrochen vor sich hin murmelte. Anna war in der Küche. Es roch nach Braten, auf dem Tisch standen Teller, und seine Mutter trug ihr gutes Kleid. Die Locken waren festgesteckt, neue Ohrringe glänzten an ihren Ohren — und Absatzschuhe. Seit wann trug sie zu Hause Absatzschuhe?

„Timo, mein Schatz“, sagte sie und zog ihn in die Arme. „Wasch dir die Hände, das Essen ist gleich fertig. Mama, bleibst du zum Essen?“

„Warum läuft dieses Kind draußen herum? Er will wohl nicht mehr nach Hause, was? Großartig, wirklich großartig. Dein eigenes Fleisch und Blut tauschst du ein gegen… wo sind seine Handschuhe? Seine lange Unterhose? Es ist eiskalt! Aber das ist dir ja egal.“

„Mama. Hör auf. Isst du mit uns oder nicht?“

„Nein! Ich bin hier fertig. Timo, pack deine Sachen. Du kommst mit mir.“

„Was? Nein!“

Allein der Gedanke, die nächsten zehn Jahre unter Omas Dauerermahnungen zu leben, ließ ihn innerlich zusammenzucken.

„Er bleibt hier“, sagte Anna fest.

„Hier? Was ist denn hier noch? Du hast doch alles weggeworfen.“

„Mama, wenn du jetzt nicht aufhörst, dann muss ich… dann werde ich…“

„Was? Deine eigene Mutter vor die Tür setzen?“

„Ja.“

„Du undankbares—“

Anna ließ sie nicht ausreden. Sie fasste Oma am Arm, führte sie hinaus auf den Treppenabsatz und schlug die Wohnungstür zu. Draußen kreischte Oma, sie werde die Polizei rufen, Timo müsse sofort herausgegeben werden.

Anna zog Timo ins Wohnzimmer. Dort saß ein fremder Mann, angespannt und blass.

„Timo“, sagte sie leise. „Es hat keinen Sinn zu lügen. Das ist dein Vater.“

Draußen heulte Oma weiter. Anna stand da, als sei sie festgefroren. Der Mann erhob sich. Groß, schmal, mit denselben Augen wie Timo. Er streckte ihm eine zitternde Hand entgegen.

„Hallo, mein Sohn.“

Timo wich zurück.

„Aber… du hast gesagt, er ist tot.“

„Anna…“ Der Mann — sein Vater — sah aus, als habe ihn jedes Wort getroffen.

„Das war nicht ich, Wilhelm. Das war sie. Sie sagte, es sei leichter für ihn zu glauben, du wärst gestorben, als zu wissen, dass du…“

Ein lautes Klopfen unterbrach sie.

„Polizei! Machen Sie auf!“

„Anna, vielleicht gehe ich besser.“

„Nein. Kein Verstecken mehr. Timo, wir erklären dir alles. Hab nur bitte keine Angst.“

Anna öffnete. Herein stürmten Oma, ein Polizist und Frau Krüger von nebenan, die natürlich alles mitbekommen musste.

„Was ist hier los? Uns wurde ein Streit gemeldet.“

„Hier ist nichts passiert“, sagte Anna. „Mein Mann ist aus Norddeutschland zurück. Das ist sein Sohn.“

„Er ist ein Verbrecher! Ein entflohener Verbrecher! Nehmen Sie ihn fest! Timo, komm sofort her.“

„Oma, es reicht.“

Der Polizist prüfte Wilhelms Papiere.

„Keine Einträge?“

„Keine. Ich arbeite im Norden, seit ich aus der Schule bin.“

„Entschuldigen Sie die Störung.“

„Verhaften Sie ihn! Er hat das Leben meiner Tochter zerstört.“

„Mama, Schluss.“

Anna schloss die Tür.

Ein Vater. Elf Jahre ohne einen Vater — und jetzt stand er einfach in ihrem Wohnzimmer. Warum jetzt? Oma hatte immer erzählt, er sei ein betrunkener Dieb gewesen, bei einer Schlägerei ums Leben gekommen. Eine Schande, über die man nicht sprach.

Aber alles war gelogen.

Anna sah es kommen, noch bevor Timo sich bewegte. Er schnappte sich seine Jacke und rannte aus der Wohnung.

Er lief, bis seine Lunge brannte und ihm Tränen die Sicht nahmen. Wem konnte er überhaupt noch glauben?

„He, Kleiner.“ Jens Dörings Stimme. Timo tat, als hörte er nichts.

„Bleib mal stehen! Wer ist hinter dir her?“

Jens packte ihn am Ärmel.

„Niemand. Lass mich in Ruhe.“

„Es ist saukalt hier draußen. Du holst dir noch den Tod. Ich war letztes Jahr im Krankenhaus — bestes Essen meines Lebens. Aber du? Du bist doch so ein Weichei. Komm mit, ich wohne nicht weit.“

Timo zögerte.

„Meine Mutter ist unterwegs. Zugbegleiterin. Bin allein.“

Die Wohnung war armselig, aber sauber. In Jens’ Zimmer hingen Poster von Die Toten Hosen, Nena und Udo Lindenberg. An seinem Bett lehnte eine Gitarre.

„Willst du einen Tee?“

Timo nickte. Sein Magen knurrte.

„Hunger? Ich kann Dosenravioli warm machen, mit Toastbrot dazu.“

Jens kochte, während er vor sich hin summte. Timo hatte noch nie etwas gegessen, das ihm so gut geschmeckt hatte.

Später, beim Tee, griff Jens zur Gitarre.

„Du bist richtig gut“, gab Timo zu.

„Danke. Das ist von Lindenberg. Und das von Nena. Klassiker.“

Timo kannte nur Die Toten Hosen. Jens spielte mit, während Timo sang, und lachte, wenn er den Einsatz verpasste.

„Du solltest nach Hause gehen. Sonst steht gleich die Polizei wieder auf der Matte.“

Timos Lächeln verschwand.

Jens hörte zu, während Timo alles aus sich herausließ.

„Sei nicht bescheuert“, sagte Jens schließlich. „Ein Vater ist doch was Gutes. Meiner ist weg. Mama sagt, er ist Astronaut.“

„Echt?“

„Quatsch. Sie macht nur Witze. Sie hat mich allein großgezogen. Keine Familie, niemand sonst. Aber sie ist klasse. Klär das, ja? Erwachsene bauen auch Mist.“

Timo umarmte ihn.

Jens hatte recht.

Sie fanden ihn. Anna, Oma, Wilhelm — alle erklärten, was geschehen war. Dass Oma Wilhelm nie gewollt hatte. Dass sie ihm geschrieben hatte, Anna habe neu geheiratet. Dass Wilhelm es geglaubt hatte.

„Warum?“, fragte Timo seine Oma.

„Ich wollte doch nur, dass ihr beide glücklich werdet.“

„Und er?“

Oma brach in Tränen aus. „Verzeih mir.“

An Timos Geburtstag kam Jens zu Besuch. Er brachte ein Poster von Die Toten Hosen mit, und Anna erlaubte, dass es aufgehängt wurde.

Timo vergab ihnen allen.

„Erwachsenenkram“, hatte Jens gesagt.

Oma nahm Jens bald unter ihre Fittiche. Sie fütterte ihn, half ihm mit Mathe und tat so, als sei das immer schon ihre Aufgabe gewesen.

Viele Jahre später treffen sie sich noch immer an der Nordsee, sitzen mit Gitarren am Wasser und essen Dosenravioli mit Toastbrot, als wären sie Könige.

Und Wilhelm? Timo liebt ihn. Inzwischen hat er Halbgeschwister, und sie verstehen sich alle. Aber zwischen ihm und seinem Vater ist etwas, das niemand mehr zerbrechen kann. Eine Bindung, an die keine Lüge je herangereicht hat.