Auf der Poolparty verspottete mein Mann mich vor allen und behauptete, ich sei längst nicht so attraktiv wie die neue Frau seines Bruders – da setzte ich ihn an Ort und Stelle in die Schranken, und diesen Geburtstag wird er nie vergessen

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Auf der Poolparty verspottete mein Mann mich vor allen und behauptete, ich sei längst nicht so attraktiv wie die neue Frau seines Bruders – da setzte ich ihn an Ort und Stelle in die Schranken, und diesen Geburtstag wird er nie vergessen

Ich ließ lange jede verletzende Bemerkung an mir abprallen und redete mir ein, ich dürfe nicht alles so persönlich nehmen. Heute weiß ich, dass ich viel früher hätte merken müssen, wohin das führt. Irgendwann ist selbst die größte Geduld aufgebraucht.

Um fünf Uhr morgens leuchtete die digitale Uhr im Kinderzimmer blassblau, und Emma lag endlich ruhig an meiner Schulter. Ich wippte in demselben abgewetzten Sessel, in dem ich drei Jahre zuvor Leon gestillt hatte. Bald würde mich der Wecker auf meinem Handy daran erinnern, noch vor der Dusche Milch abzupumpen.

Aus dem Flur kam eine verschlafene Kinderstimme.

– Mama? Ist jetzt schon richtig Morgen oder noch Nachtmorgen?

– Es ist leiser Morgen, Schatz, – flüsterte ich. – Kriech zu Papa ins Bett. Ich komme gleich nach.

– Papa schnarcht.

– Ich weiß, mein Großer. Darin ist er wirklich talentiert.

Ich hörte kleine Füße über den Flur tapsen, dann ein dumpfes Geräusch, danach Stille. Genau vier Sekunden lang schloss ich die Augen. Dann bekam Emma Schluckauf und war wieder wach.

Um sieben stand ich bereits in der Küche, pumpte unter meinem Blazer Milch ab und rührte mit der freien Hand Haferbrei um. Auf der Arbeitsplatte stand mein aufgeklappter Laptop; die Marketingpräsentation für meinen Termin um neun lud schon.

Nur wenige Wochen nach Emmas Geburt war ich zurück im Job gewesen, weil mein Mann Markus bei einer weiteren Sparrunde seiner Firma entlassen worden war.

Er schlurfte in die Küche, die Haare in alle Richtungen, das Handy fest in der Hand.

– Ist Kaffee da?

– Den musst du dir selbst machen.

– Schlechte Nacht?

– Sie war um zwei wach, um vier und um fünf.

Markus brummte nur, scrollte weiter und drehte das Display weg, als er bemerkte, dass ich hinsah.

Wahrscheinlich Sport. Oder Stellenanzeigen.

Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit, weil ich zu müde war, um über eine dritte nachzudenken.

– Julia war gestern da, – sagte ich und zwang etwas Fröhlichkeit in meine Stimme. – Sie hat einen Hähnchenauflauf mitgebracht und gemeint, ich sähe völlig erledigt aus. Aber nett, verstehst du? So, als würde es sie wirklich interessieren.

– Ja, Julia kann fürsorglich sein.

– Tobias kann sich glücklich schätzen.

– Mhm, – machte Markus, ohne vom Bildschirm aufzusehen.

Als ich Leons Schuhe holen ging, streifte mein Blick den Spiegel im Flur. Fleckiges Sweatshirt. Pferdeschwanz von gestern. Irgendwann hatte es einmal eine Frau gegeben, die freitagabends Absätze trug und sich sogar vor dem Müllrausbringen Lippenstift auflegte. Vermutlich war sie noch irgendwo in mir. Wahrscheinlich schlief sie.

Ich brachte die Kinder in die Kita, schaffte es mit dreißig Sekunden Vorsprung in die Besprechung und sagte mir erneut den Satz, den ich mir seit Wochen vorsagte.

Ich hielt Markus den Rücken frei, solange er durch eine schwierige Phase ging. Jetzt durfte ich mich auch einmal ein bisschen auf ihn stützen. So funktionierte eine Ehe doch.

Am Abend, nachdem endlich beide Kinder schliefen, ließ ich mich neben ihm auf das Sofa fallen. Im Fernsehen lief irgendetwas.

– Langer Tag, – sagte ich.

– Bei mir auch. Habe mich um Arbeit gekümmert.

– Und? Wie lief es?

– Zäh. Hör mal, Schatz, ich will nicht gemein klingen, aber wenn sich alles etwas beruhigt hat, solltest du wirklich wieder ins Fitnessstudio gehen. Du hast in letzter Zeit ziemlich zugelegt.

Ich drehte langsam den Kopf zu ihm.

– Wie bitte?

– Ich meine ja nur. Bei Julia sieht das alles so leicht aus. Die Kurse, Sport und so. Dir würde das sicher auch guttun.

Julia war die neue Frau von Markus’ Bruder Tobias und damit meine neue Schwägerin.

Ich lachte sogar. Nicht, weil es lustig war, sondern weil ich sonst direkt in das Sofakissen geweint hätte, das noch immer leicht nach ausgespuckter Babymilch roch.

Ich war unter Arbeit, Schlafmangel, einem Säugling, einem Dreijährigen und dem endlosen Chaos eines Haushalts mit zwei kleinen Kindern begraben. Immer musste etwas gewaschen, weggeräumt, gekocht oder saubergewischt werden.

Für mich selbst blieb in diesem Wahnsinn längst nichts mehr übrig.

Ich wusste kaum noch, wie sich ein Fitnessstudio von innen anfühlte. Make-up, Kleider, Schuhe mit Absatz – all das gehörte in ein anderes Leben.

Für solche Dinge fehlte schlicht die Zeit.

– Markus, ich kann seit drei Jahren nicht einmal allein auf die Toilette.

– Ich habe doch nur etwas gesagt.

– Schon gut. Ist okay.

Und wieder ließ ich es durchgehen, weil ich überzeugt war, er habe es bestimmt nicht so verletzend gemeint. Damals war ich von erstaunlich vielen Dingen überzeugt.

Die nächsten Wochen verschwammen ineinander.

Ich pumpte Milch auf dem Parkplatz vor Terminen ab, wärmte mit einer Hand Reste vom Abendessen auf, wiegte mit der anderen Emma und beantwortete Leons fünfzig Dinosaurierfragen, noch bevor ich überhaupt meine Schuhe ausziehen konnte.

Markus hatte währenddessen eine erstaunlich feste Tagesstruktur entwickelt. Sie bestand im Wesentlichen aus unserem Sofa.

– Hast du heute wenigstens ein paar Bewerbungen abgeschickt? – fragte ich eines Abends und stieg über einen Berg Wäsche.

– Ich knüpfe Kontakte, – antwortete er, ohne das Handy zu senken.

– Mit wem?

– Mit Leuten. Das verstehst du sowieso nicht, Katharina.

Wie so oft schwieg ich.

Anfangs fielen die Bemerkungen über Julia nur gelegentlich. Bald tauchten sie überall auf: beim Frühstück, beim Kaffee, sogar mitten beim Windelwechseln.

– Du solltest dir mal Julias Tanzvideos ansehen, – sagte Markus eines Morgens. – Sie bewegt sich richtig gut, ist total fit und trägt kurze Röcke. Und du?

– Freut mich für sie, – murmelte ich und wischte Leon Apfelmus vom Kinn.

– Früher hattest du auch viel mehr Energie.

Meine Hand blieb stehen. Leon sah mich mit großen Augen an; ein Klecks Apfelmus hing noch immer an seiner Augenbraue.

– Markus, ich habe gerade erst ein Baby bekommen.

– Ich sage ja nur. Julia schafft es trotzdem, zum Tanzen zu gehen.

– Julia ist achtundzwanzig und hat kein Neugeborenes an der Brust.

Er zuckte lediglich mit den Schultern, als hätte meine Antwort seine Meinung bestätigt.

Am selben Abend versuchte ich noch einmal, normal mit ihm zu reden.

– Ich brauche Hilfe im Haushalt. Du bist den ganzen Tag zu Hause. Ich verlange kein Wunder. Ich möchte nur, dass du wenigstens das Geschirr machst.

– Für mich ist es gerade auch nicht leicht.

– Für mich ebenfalls.

– Bei dir ist das etwas anderes, Katharina.

– Was genau soll daran anders sein?

Er antwortete nicht. Stattdessen nahm er wieder sein Handy und drehte den Bildschirm von mir weg, bevor er etwas antippte.

Ich sagte mir, ich bilde mir Dinge ein.

Doch die Kleinigkeiten stapelten sich langsam wie ein schlecht gebauter Turm beim Jenga-Spiel.

Bevor Tobias und Julia zu Besuch kamen, duschte Markus plötzlich ausgiebig. Nicht seine übliche schnelle Dusche, sondern eine richtige Zeremonie. Sogar das Eau de Cologne benutzte er, das sonst nur zu Jahrestagen aus dem Schrank kam.

– Gibt es einen besonderen Anlass? – neckte ich ihn, während er seinen Kragen zurechtrückte.

– Ich will einfach ordentlich aussehen.

– Gestern sahst du in deiner Jogginghose, die seit einer Woche keine Waschmaschine gesehen hat, auch sehr überzeugend aus.

– Sehr witzig.

Beim Mittagessen bot Markus von sich aus an, Julia nach Hause zu fahren, weil Tobias angeblich noch dringend irgendwohin müsse.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass mein Schwager irgendwelche Termine erwähnt hatte. Tobias’ irritierter Gesichtsausdruck verriet mir, dass er selbst offenbar ebenfalls nichts davon wusste.

Julia fing meinen Blick auf der anderen Seite des Tisches auf und hielt ihn einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre.

Später schrieb sie mir. Nicht über Markus’ merkwürdiges Verhalten. Sie fragte nur: „Wie geht es dir wirklich? Ich habe viel zu viel Lasagne gemacht. Soll ich dir etwas vorbeibringen?“

Von da an brachte sie immer öfter Essen mit.

Einmal nahm sie Emma sogar eine Weile auf den Arm, damit ich endlich etwas Warmes essen konnte.

Meine neue Schwägerin fragte nach meiner Arbeit und wartete tatsächlich auf die Antwort, statt nur höflich zu nicken.

Ich rechnete dauernd mit irgendeinem Haken. Aber es gab keinen.

– Du siehst müde aus, Katharina, – sagte Julia eines Nachmittags, als sie auf unserem Küchenboden saß und Leon ihr seine Dinosauriersammlung zeigte.

– Es geht schon.

– Bei mir musst du nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.

Fast hätte ich angefangen zu weinen. Ich schob es auf die Hormone.

In dieser Woche beschloss ich, mir wenigstens ein kleines Stück meines früheren Lebens zurückzuholen. Während der Haferbrei in der Mikrowelle warm wurde, nahm ich mir genau eine Kniebeuge vor.

Wie schwer konnte das schon sein?

Erstaunlich schwer.

In meinem unteren Rücken knackte es, und ich blieb auf halber Höhe stecken, beide Arme nach vorne gestreckt, als würde ich mich einer winzigen Armee ergeben.

Leon kam in die Küche, betrachtete mich aufmerksam und legte den Kopf schief.

– Mama, warum hängst du da wie ein Frosch fest? Willst du gleich hüpfen?

– Nein, Schatz.

– Kannst du hüpfen?

– Im Moment eher nicht.

Er nickte nachdenklich, öffnete den Kühlschrank und holte sich eine Käsestange, während seine Mutter weiterhin in einer halben Kniebeuge vor der Mikrowelle festsaß.

Ich lachte so sehr, dass mir die Tränen kamen. Danach richtete ich mich Zentimeter für Zentimeter auf wie ein alter Klappstuhl, der niemandem mehr vertraut.

Das war der Höhepunkt meiner Woche: Mein dreijähriger Sohn hatte mich mit einem Frosch verglichen.

Am Abend fing Markus wieder damit an.

– Hast du Julia eigentlich richtig angesehen? Sie ist doch praktisch der Inbegriff von Schönheit.

Mir war längst aufgefallen, wie oft mein Mann und sein Bruder über Julias Aussehen gesprochen hatten.

Trotzdem versuchte ich weiter, Frieden zu halten.

– Schön, dass du ihre Vorzüge bemerkst. Aber Schönheit steht auf meiner Prioritätenliste gerade ziemlich weit unten. Bei meinem Tagesablauf versuche ich eigentlich nur, durchzukommen.

Ich hoffte weiterhin, er hätte verstanden, was ich meinte.

Es war verschwendete Hoffnung.

Am Freitagabend kam Markus nach Hause und wirkte beinahe aufgedreht vor Vorfreude.

– Also, – verkündete er und öffnete eine Bierdose, die nicht einmal er gekauft hatte. – Ich mache eine Poolparty. Zu meinem Vierzigsten. Und die wird riesig.

– Hier?

– Wo denn sonst? Tobias kommt. Und Julia natürlich auch.

Natürlich.

– Markus, ich bin völlig fertig. Emma schläft noch immer nicht durch. Und Leon…

– Katharina. Ich werde vierzig!

Ich sah ihn an. Die frische Frisur, von der er vorher kein Wort gesagt hatte. Ich dachte an das Handy, das ständig mit dem Display nach unten lag, und an die Zeit, in der er mir ohne Anlass Blumen mitgebracht hatte.

– Gut, – sagte ich. – Dann bekommst du deine Party.

Während ich in meinem fleckigen T-Shirt vor ihm stand, traf ich still eine Entscheidung: Was immer es mich kostete, ich würde an diesem Pool aussehen wie die Frau, die ich einmal gewesen war.

Am Samstag kam vier Uhr morgens viel zu schnell.

Ich stand in der Küche, in einer Hand den Spritzbeutel, in der anderen den Flaschenwärmer. Ich verzierte kleine Kuchen mit Creme, während Emma in der Babywippe zu meinen Füßen schlief.

Markus lag oben noch im Bett.

Bis neun Uhr hatte ich Lichterketten an der Terrasse befestigt, eine aufblasbare Palme aufgepumpt, Leon seine kleine Badehose angezogen und ein Schild mit „Alles Gute zum 40.!“ am Zaun befestigt.

Eine Stunde später kam mein Mann endlich herunter und gähnte.

– Sieht ja ganz ordentlich aus. Du hast es mit dem ganzen kitschigen Zeug hoffentlich nicht übertrieben?

– Genau die richtige Menge Kitsch, – antwortete ich.

Gegen Mittag kamen die ersten Gäste.

Tobias erschien mit einer Kühltasche über der Schulter, Julia folgte mit einer großen Obstplatte. Als sie mich sah, kam sie sofort auf mich zu und umarmte mich, noch bevor ich richtig Hallo sagen konnte.

– Katharina, setz dich. Ernsthaft, – flüsterte sie. – Gib mir Emma. Und du isst jetzt etwas, das nicht aus einem Kinderknabberbeutel kommt.

Ich musste überrascht lachen.

– Bist du sicher?

– Gib her, – sagte sie und nahm mir Emma schon aus den Armen.

Im Stehen aß ich ein gefülltes Ei und kam mir dabei vor wie ein Waschbär, der endlich etwas Essbares gefunden hatte.

Gegen zwei ging ich nach oben, suchte den einzigen Badeanzug heraus, der mir noch passte, und betrachtete mich lange im Spiegel, bevor ich ihn anzog.

Ich erinnerte mich daran, dass ich vollkommen in Ordnung aussah. Mein Körper hatte zwei Menschen hervorgebracht.

Dann hob ich das Kinn und ging hinaus zum Pool.

Alle, die schwimmen wollten, waren im Wasser.

Tobias stand im flachen Bereich neben Markus und hielt ein Bier in der Hand, von dem er kaum trank. Julia saß auf einer Liege, Emma schlief auf ihrer Brust.

Ich ging näher. Da lachte Markus plötzlich laut auf. Rau, gehässig, viel zu laut. Tobias lachte kurz mit, doch als er mein Gesicht sah, senkte er sofort den Blick ins Wasser, als wollte er am liebsten irgendwo anders auf der Welt sein.

Ich blieb stehen.

– Was ist so lustig?

Markus wischte sich Tränen aus den Augen.

– Entschuldige, entschuldige, ich konnte einfach nicht anders! Julia war eben schwimmen und… na ja, sieh sie dir doch an. Im Badeanzug sieht sie eindeutig viel attraktiver aus als du.

Die Terrasse wurde schlagartig still. Irgendwo klirrte eine Gabel gegen einen Teller.

Julias Gesicht erstarrte.

Seine Worte trafen mich tief. Aber ich sagte nichts. In meinem Kopf stand nur noch ein einziger Satz: Jetzt reicht es.

Ich drehte mich um, ging ins Haus, die Treppe hinauf und schloss die Schlafzimmertür hinter mir.

Auf der Bettkante presste ich beide Hände vor den Mund.

Sekunden später klopfte es leise. Julia schlüpfte herein und schloss die Tür.

– Katharina, – sagte sie ruhig. – Ich muss dir etwas erzählen. Mir wird seit Wochen schlecht bei der ganzen Sache.

– Julia, bitte. Ich kann gerade wirklich nicht.

– Doch. Du kannst. Und du musst es wissen.

Ich sah sie an.

Sie setzte sich neben mich und holte ihr Handy heraus.

– Markus schreibt mir seit Wochen. Er schickt Fotos. Er fragt, ob wir Kaffee trinken gehen. Er behauptet, eure Ehe sei „praktisch vorbei“. Ich habe ihm kein einziges Mal geantwortet, aber ich habe jede Nachricht gespeichert. Eben habe ich Tobias alles erzählt.

Der Raum schien sich zu neigen.

– Was?

– Deshalb bin ich öfter vorbeigekommen und habe gefragt, wie es dir wirklich geht. Ich wollte es dir auf die richtige Weise sagen, nicht vor allen Leuten. Und ich wollte nicht die Frau sein, durch die dein Leben auseinanderfällt.

Sie reichte mir das Handy.

Ich scrollte. Und scrollte weiter. Mit jeder Nachricht rückten die seltsamen Momente der vergangenen Monate an ihren Platz.

Das Eau de Cologne vor Familienbesuchen.

Drei Angebote hintereinander, Julia nach Hause zu fahren.

Das Handy, das Markus ständig vor mir wegdrehte.

Sein endloses „Julia, Julia, Julia“, als würde er sie mir wie bei einem Vorsprechen präsentieren.

Es hatte nie wirklich um meinen Körper gegangen.

Markus hatte sich längst eine Geschichte zurechtgelegt. Eine bequeme, saubere Geschichte, in der er gehen konnte und mein Körper nach zwei Schwangerschaften die Erklärung liefern sollte. Eine Geschichte, in der ich sogar an meiner eigenen Erschöpfung schuld war.

Ich sah Julia an.

– Du hast es Tobias erzählt?

– Ja. Er steht auf unserer Seite.

Ein kurzes Lachen entkam mir. Scharf, bitter, völlig ohne Freude.

– Mein Mann hat auf seiner eigenen Geburtstagsfeier eine fünfunddreißigjährige Frau mit dir verglichen.

Julia sagte nichts.

Ich wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht, stand auf und betrachtete mein Spiegelbild.

– Kann ich dein Handy noch eine Minute behalten?

– Natürlich.

Ich ging wieder nach unten. Die Gäste standen noch immer am Pool und taten so, als hätten sie nichts gehört.

Ich nahm das Mikrofon.

Zweimal klopfte ich mit dem Finger dagegen. Die Gespräche verstummten.

– Ihr Lieben, ich möchte einen Toast ausbringen und meinem Mann zum Geburtstag gratulieren. Also hört bitte genau zu.

Die Gäste hoben ihre Gläser. Markus lächelte noch, überzeugt davon, dass gleich etwas Nettes über ihn gesagt würde.

– In den letzten Monaten hat mein Mann mich großzügig darauf hingewiesen, dass ich zugenommen habe. Dass ich mehr wie Julia sein sollte. Und dass Julia, ich zitiere, „der Inbegriff von Schönheit“ sei.

Ein paar angespannte Lacher gingen durch den Garten.

– Heute hat er dann auf seiner eigenen Party erklärt, Julia sehe im Badeanzug offensichtlich besser aus als ich. Jetzt verstehe ich endlich, warum er so auffällig mit ihr beschäftigt war.

Ich hob das Handy.

Ich las zwei kurze Zeilen aus seinen Nachrichten an Julia vor. Ich erwähnte die Fotos, auf denen er ohne Hemd posierte, und die Nachricht, in der er behauptete, seine Ehe sei „praktisch vorbei“.

Im Garten hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

– Meine Schwägerin hatte mehr Anstand, als er erwartet hat. Sie hat nie geantwortet. Sie hat alles gespeichert und zuerst Tobias die Wahrheit gesagt, bevor sie zu mir kam. Deshalb möchte ich mich heute öffentlich bei ihr bedanken: Sie war mir gegenüber loyaler als mein eigener Ehemann.

Tobias stellte sein Bier ab, ging über die Terrasse und stellte sich schweigend neben Julia und mich.

– Alles Gute zum Vierzigsten, Markus. Ich hoffe, du findest in diesem Jahr endlich das, wonach du so hartnäckig suchst. Aber unter dieser Adresse wirst du es nicht mehr finden.

Markus wurde so rot, dass sein Gesicht beinahe die Farbe der Tomaten auf dem Buffet annahm.

Leon zupfte an meinem Badeanzug.

– Mama, ist die Party jetzt vorbei? Ich möchte Kuchen.

Ich lachte und schnitt ihm das erste Stück ab.

Einige Wochen später sah ich mich wieder im Spiegel im Flur. Rotes Kleid. Lippenstift. Emma auf meiner Hüfte, während Leon seine Schuhe für unseren Samstagsausflug mit Julia anzog.

Und in diesem Moment begriff ich endgültig: Die Frau, die mich aus dem Spiegel ansah, war niemals das Problem gewesen.