„Da ist etwas im Sofa!“ – Als der zehnjährige Lukas das alte Erbstück seiner Großmutter öffnete, fand er einen Brief, der die bittere Wahrheit über seinen Vater enthüllte
Der zehnjährige Lukas konnte kaum glauben, was er in dem abgenutzten Sofa entdeckte, das ihm seine Großmutter hinterlassen hatte. Im Inneren war eine Schachtel verborgen. Doch noch erschütternder als das Versteck selbst waren der Brief und die amtlichen Unterlagen darin. Sie halfen dem Jungen zu begreifen, was in seiner Familie wirklich geschehen war. Nun musste Lukas eine Entscheidung treffen, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen würde.
Schweigend betrachtete er das etwas verschlissene, fleckige Sofa, das nach dem Tod seiner Großmutter zu ihm gebracht worden war. Als die Möbelpacker es mit einem dumpfen Krachen auf dem Boden absetzten, zuckte er zusammen.
Mit einer Hand wedelte Lukas den aufsteigenden Staub beiseite. Dann trat er näher und prüfte besorgt, ob das alte Möbelstück beim Transport beschädigt worden war.
„Oma wird mir so fehlen“, sagte er leise. Seine Finger strichen über einen dunklen Fleck auf dem Polster, den er Jahre zuvor verursacht hatte, als ihm ein Glas Apfelschorle umgekippt war. Damals hatte seine Großmutter nicht geschimpft. Das ruinierte Polster war ihr weniger wichtig gewesen als die Frage, ob sie ihm noch ein neues Glas einschenken sollte.
„Warum willst du ausgerechnet die alte Frau vermissen, die dir so einen Schrott hinterlassen hat?“, fragte sein Vater kopfschüttelnd und stieß mit dem Fuß gegen die Sofaecke.
„Das ist kein Schrott, Papa. Das sind Erinnerungen an Oma. Wenn ich groß bin, kann ich Geld verdienen. Aber neue Erinnerungen mit ihr kann ich nie mehr machen.“
Um den Mund seines Vaters erschien ein spöttisches Lächeln. Dabei verengten sich seine Augen.
„Seit deine Mutter tot ist, hat sie doch nichts anderes getan, als Ärger zu machen. Hast du vergessen, dass deine Großmutter mich beim Jugendamt angezeigt hat? Und dass sie dafür gesorgt hat, dass du zu dieser Familie kommst?“
Lukas senkte den Blick.
„Markus und Stefan sind gar nicht so schlimm. Sie haben mir erlaubt, wegen Omas Beerdigung ein paar Tage hierherzukommen. Aber ich will nicht wieder zurück. Ich möchte bei dir leben.“
„Das kriegen wir hin, mein Junge“, sagte sein Vater und fuhr ihm kurz durchs Haar. „Ich werde alles tun, um dich zurückzuholen. Jetzt kann deine lästige Großmutter uns schließlich keine Vorschriften mehr machen. Wir werden wieder eine Familie sein.“
Lukas lächelte. Am liebsten hätte er seinen Vater umarmt, doch der hatte sich bereits abgewandt. Er holte sich ein Getränk aus dem Kühlschrank, ließ sich in einen Sessel fallen und schaltete den Fernseher ein.
Der Junge seufzte. Er hatte seinen Vater schrecklich vermisst. Trotzdem war dieser nie so warmherzig gewesen wie seine Mutter.
Plötzlich spürte Lukas unter der Sitzfläche des Sofas etwas Hartes. Sofort sprang er auf und hob das Polster hoch. Unter dem Stoff schien etwas eingenäht zu sein.
„Da ist etwas drin!“, rief er aufgeregt. Sein Vater drehte sich nicht einmal zu ihm um.
Lukas holte eine Schere und trennte vorsichtig die Nähte auf. Unter dem Stoff kam eine beschriftete Schachtel zum Vorschein.
Als er die Handschrift seiner Großmutter erkannte, lag ein trauriges Lächeln auf seinem Gesicht. Behutsam durchschnitt er das Klebeband und setzte sich auf das Sofa, um den Inhalt zu prüfen. Er fand einen versiegelten Umschlag, den er zunächst beiseitelegte. Daneben lagen mehrere zusammengefaltete Seiten mit juristischen Unterlagen. Schließlich fiel sein Blick auf einen persönlichen Brief seiner Großmutter.
„Mein lieber Lukas, es tut mir leid, dass ich dich in deinem jungen Alter um eine so ernste Entscheidung bitten muss. Doch dein Glück und deine Zukunft hängen davon ab, wie klug du jetzt handelst. Du sollst wissen, dass dein Vater nur wegen des Erbes zurückgekommen ist. Ich werde dir alles erklären. Danach musst du selbst entscheiden, ob er deine Liebe wirklich verdient.“
Lukas zog die Stirn kraus. Über die Schulter sah er zu seinem Vater, der noch immer völlig in das Fernsehprogramm vertieft war. Dann las er weiter.
Helga hatte sich mühsam die Treppen zur Wohnung ihres Schwiegersohns hinaufgekämpft. Jeder einzelne Schritt fiel ihr schwer, dennoch musste sie ihren Enkel sehen. Eine Freundin ihrer verstorbenen Tochter, die im selben Haus wohnte, hatte ihr etwas erzählt, das sie in große Sorge um Lukas versetzt hatte.
Mehrere Minuten lang klopfte sie hartnäckig an die Tür. Schließlich wurde sie ruckartig geöffnet. Im Rahmen stand ein Mann, der vor Erschöpfung beinahe schwankte. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
„Helga … was machst du denn hier?“, murmelte Thomas mit rauer Stimme.
Der scharfe Alkoholgeruch, der von ihm ausging, nahm ihr fast den Atem.
„Ich will Lukas sehen. Wo ist er?“
„Ähm …“ Thomas rieb sich übers Kinn und wirkte aufrichtig verwirrt. „Welcher Tag ist heute überhaupt?“
„Dienstag.“ Helga trat an ihm vorbei in die Wohnung. Beim Anblick des Zimmers erstarrte sie. Überall lagen schmutzige Kleidungsstücke, leere Flaschen und Plastikschalen mit eingetrockneten Essensresten. „Wie kommst du ohne Anna zurecht?“
Thomas brummte etwas Unverständliches und ging zum Kühlschrank. Er nahm eine Packung Aufschnitt heraus, ließ die Kühlschranktür offen stehen und begann, sich ein belegtes Brot zu machen.
„Das gibst du Lukas doch nicht ernsthaft ständig zu essen, oder?“ Helga deutete auf die Regale, die fast ausschließlich mit stark verarbeiteten Lebensmitteln gefüllt waren.
„Was soll daran falsch sein?“ Thomas zog eine Fertigpackung heraus. „Hier, Käsenudeln. Da sind Milchprodukte und Kohlenhydrate drin. Genau das braucht ein Kind im Wachstum.“
Helga schüttelte den Kopf. Sie hatte nie verstanden, was ihre Tochter an diesem Mann gefunden hatte. Aber für solche Gedanken war es jetzt zu spät.
„Thomas, ein Kind braucht frisches Obst, Gemüse, vernünftiges Fleisch und Getreideprodukte. Ich überweise dir jeden Monat Geld, damit Lukas alles bekommt, was er benötigt. Stattdessen höre ich, dass er in zerrissenen Sachen herumläuft und ungepflegt aussieht. Was geschieht hier eigentlich?“
Thomas gähnte.
„Zerrissene Kleidung ist doch ein Zeichen für einen gesunden Lebensstil. Diese neugierige Sabine aus dem Nachbarhaus hat sich bestimmt wieder alles ausgedacht. Hör nicht auf sie, Helga. Ich weiß sehr wohl, wie ich meinen Sohn erziehen muss.“
„Ja, die leeren Flaschen rund um deinen Sessel und dieses Chaos beweisen das eindrucksvoll. Wann hast du zuletzt Wäsche gewaschen? Und wo sind eigentlich …“ Sie sah sich genauer um und bemerkte plötzlich, was fehlte. „Wo sind Lukas’ Spielsachen und seine Sportsachen?“
„Er interessiert sich eben für Elektronik. Kinder sind heute so.“
„Aber ich bezahle doch seine Beiträge im Fußballverein.“
„Er wollte nicht mehr hingehen“, sagte Thomas und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Helga atmete schwer aus.
„Hör mir gut zu, Thomas. Du kannst mich für eine alte, verbitterte Frau halten, aber ich werde das nicht einfach hinnehmen. Entweder du änderst dein Verhalten, oder ich sorge dafür, dass Lukas unter vernünftigen Bedingungen lebt.“
Wieder in der Gegenwart las Lukas die letzten Zeilen des Briefes seiner Großmutter:
„Bitte bleib bei Markus und Stefan, Lukas. Sie lieben dich und können dir all das geben, was dein Vater dir nicht geben kann. Du weißt, dass ich dich immer geliebt habe, genauso wie deine Mutter. Triff die richtige Entscheidung. In Liebe, deine Oma.“
Lukas faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn in seine Tasche. Dann nahm er die juristischen Unterlagen zur Hand und begann zu lesen.
Der Junge wusste, dass eine schwere Entscheidung vor ihm lag.