„Deine Mutter wohnt hier nicht mehr“, sagte mein Mann, als ich mit meinem Koffer vor unserer Wohnung stand — und in einer einzigen Nacht zerbrach das Leben, das ich für sicher gehalten hatte
„Dein Großvater hätte sich so etwas nie gefallen lassen“, fauchte ihre Mutter dann. „Ein richtiger Mann sorgt für seine Familie.“
Felix schluckte vieles hinunter, doch die Spannung wuchs. Er blieb länger im Büro, sagte Abendessen ab, kam spät nach Hause. Wenn er da war, verschwand er ins Schlafzimmer, angeblich um zu arbeiten, vielleicht aber auch nur, um sich zu verstecken.
Sie redeten kaum noch miteinander, jedenfalls nicht wie früher. Es ging nur noch um Einkäufe, Termine, Wäsche aus der Reinigung. Ihre Ehe, die einmal warm und vertraut gewesen war, war zu einem Nebeneinanderleben geworden.
Und jetzt das. Felix hatte die Entscheidung getroffen, die sie nicht treffen konnte. Ihre Mutter war weg. Ohne Gespräch, ohne Vorwarnung, ohne ihre Zustimmung.
Sie schlüpfte ins Bett. Felix lag bereits dort und tat so, als würde er lesen.
„Ich verstehe, warum du es getan hast“, sagte sie leise. „Aber du hättest es niemals hinter meinem Rücken tun dürfen.“
„Ich habe drei Jahre darauf gewartet, dass du dich entscheidest“, sagte er und legte das Buch weg. „Drei Jahre lang habe ich Vorschläge gemacht. Pflegekraft. Betreutes Wohnen. Eine gute Einrichtung. Wir könnten es bezahlen. Aber du wolltest nichts davon hören.“
„Sie ist meine Mutter“, fuhr Lena auf. „Sie hat mich allein großgezogen, nachdem Papa gegangen ist. Sie hat zwei Jobs gemacht, damit ich Klavierunterricht nehmen und auf ein gutes Gymnasium gehen konnte. Ich kann sie doch nicht einfach fremden Leuten überlassen!“
„Und was bin ich?“, fragte Felix leise. „Bin ich für dich auch ein Fremder?“
Lena antwortete nicht. Im Zimmer war nur das Ticken der Uhr zu hören. Felix löschte das Licht und drehte sich von ihr weg. Lena starrte in die Dunkelheit, während ihr Herz viel zu schnell schlug.
Am nächsten Morgen rief Tante Ursula an. Ihre Mutter sei in Ordnung, sagte sie, sie richte sich langsam ein. Lena müsse nicht sofort kommen.
„Komm heute lieber nicht“, sagte Ursula. „Sie braucht Zeit, um sich zu fangen.“
Lena glaubte ihr kein Wort. Ihre Mutter wollte sie sonst immer sehen. Jeden Tag, jede Stunde. Selbst wenn Lena nur schnell zu Rewe ging, kam ein Anruf: „Wo bist du? Wann bist du wieder da?“
„Ich komme trotzdem“, sagte Lena und legte auf.
Felix stand im Türrahmen. „Ich habe mir freigenommen. Wir müssen reden. Richtig.“
Sie nickte. Das mussten sie wirklich.
„Ich sehe zuerst nach Mama“, sagte sie. „Danach reden wir.“
Tante Ursula wohnte auf der anderen Seite der Stadt in einem alten Mehrfamilienhaus ohne Aufzug. Als Lena die Treppen hinaufstieg, dachte sie an die kranke Hüfte ihrer Mutter und fragte sich, wie sie vier Stockwerke jemals schaffen sollte.
Ursula öffnete die Tür. Sie war eine rundliche Frau mit rot gefärbten Haaren, eine entfernte Verwandte, mit der Lenas Mutter seit Jahren kaum Kontakt gehabt hatte.
„Komm rein“, sagte sie. „Deine Mutter sitzt in der Küche.“
Die Wohnung war eng, und in der Küche passten kaum zwei Menschen aneinander vorbei. Ihre Mutter saß kerzengerade am Fenster. Als Lena eintrat, drehte sie sich nicht um.
„Mama.“
„Du bist also gekommen“, sagte sie kühl. „Ich dachte, dein Mann hätte es dir vielleicht verboten.“
„Sei nicht albern.“ Lena setzte sich ihr gegenüber. „Natürlich bin ich gekommen.“
„Und was ist schon passiert?“ Endlich sah ihre Mutter sie an. „Eigentlich nichts. Dein Mann hat nur gezeigt, wer bei euch bestimmt. Ich habe immer gesagt, er sei schwach. Offenbar ist er nur ein kleiner Tyrann.“
Lena atmete schwer aus. Bei ihrer Mutter gab es nur Schwarz oder Weiß, nie etwas dazwischen.
„Er ist kein Tyrann. Wir sind alle an unsere Grenzen gekommen.“
„An eure Grenzen?“ Ihre Mutter stieß ein trockenes Lachen aus. „Und ich habe wohl im Luxus gelebt? Krank, abhängig, ständig mit dem Gefühl, eine Last zu sein? Glaub nicht, ich hätte nicht bemerkt, wie er mich angesehen hat.“
„Du hast ihn gewählt.“ Ihre Stimme wurde hart wie Glas. „Dann leb mit ihm. Ich komme schon zurecht.“
Ursula zog sich taktvoll zurück. Lena betrachtete ihre Mutter. Graues Haar, schmale Schultern, doch der Rücken blieb gerade. Selbst jetzt weigerte sie sich, gebrochen auszusehen.
„Ich kann dir eine Wohnung in unserer Nähe mieten“, bot Lena an. „Mit Aufzug. Und wir organisieren eine Pflegekraft. Alles, was du brauchst.“
„Nein.“ Ihre Mutter presste die Lippen zusammen. „Ich bleibe hier. Wenn es mir besser geht, gehe ich wieder nach Hause.“
„Die Ärzte haben gesagt, dass du nicht allein leben sollst.“
„Ärzte wissen auch nicht alles.“ Sie hob das Kinn. „Ich werde schon auf mich aufpassen.“
Ihre Stimme klang fest, doch Lena sah das Zittern in ihren Händen. Ihre Mutter hatte Angst. Zum ersten Mal seit Jahren war sie wirklich allein.
„Ich komme jeden Tag vorbei.“
„Nein.“ Ihre Stimme wurde einen Hauch weicher. „Du hast ein eigenes Leben. Komm am Wochenende.“
Lena kannte diesen Ton. Wenn ihre Mutter so sprach, war jede Diskussion sinnlos.
Bevor sie ging, griff ihre Mutter plötzlich nach ihrem Handgelenk.
„Ich wollte immer nur, dass du glücklich bist“, murmelte sie. „Vielleicht hat dein Felix recht. Vielleicht ist es besser für dich ohne mich.“