Der beste Freund meines Mannes brüllte vor allen Gästen: „Du fette Idiotin!“ — doch erst als ich vor seinen Geschäftskontakten die Wahrheit sagte, begriff er, wen er sieben Jahre lang verspottet hatte

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Der beste Freund meines Mannes brüllte vor allen Gästen: „Du fette Idiotin!“ — doch erst als ich vor seinen Geschäftskontakten die Wahrheit sagte, begriff er, wen er sieben Jahre lang verspottet hatte

— Sabine, an deiner Stelle würde ich von dem Teller lieber die Finger lassen. Da ist Kartoffelsalat mit Mayonnaise drauf. So was ist doch nichts für dich, — sagte Tobias, ohne den Blick auch nur von den Würstchen auf dem Grill zu heben. Gleich darauf lachte er laut auf.

Zwölf Menschen saßen an diesem Abend an unserem Gartentisch. Es war warm, die Markise war ausgefahren, auf der Terrasse unseres Hauses standen Schüsseln, Platten und Gläser. Die Grillspieße hatte ich seit dem Morgen vorbereitet, eingelegt und später selbst gegrillt. Die Marinade stammte aus einem Rezept, an dem ich fast drei Jahre gefeilt hatte. Und den Salat hatte übrigens ebenfalls ich gemacht.

Seit sieben Jahren ging das so. Seit dem allerersten Treffen, als Markus ihn mitbrachte und Tobias mich von oben bis unten musterte, kurz pfiff und sagte: „Na, Markus, du stehst also auf Frauen mit ordentlich was dran.“ Damals lächelte ich. Ich redete mir ein, es sei ein Witz gewesen. Ein geschmackloser, ja, aber eben ein Witz.

Wie gründlich ich mich irrte.

Markus und ich hatten vor acht Jahren geheiratet. Ich war damals vierzig, er achtunddreißig. Für uns beide war es die zweite Ehe. Markus arbeitete als Ingenieur in einem Planungsbüro, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade meine zweite Filiale von „Süßwerk“ eröffnet. Meine Konditoreikette. Von mir aufgebaut. Ohne Kredit, ohne Familie im Rücken, ohne jemanden, der mir den Weg freimachte. Drei Jahre lang hatte ich jeden verdienten Euro wieder in das Geschäft gesteckt. Als wir standesamtlich heirateten, gab es zwei Läden. Heute sind es fünf.

Tobias war Markus’ Freund seit der Schulzeit. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten gemeinsam bei der Bundeswehr gedient und fuhren jeden Herbst für ein paar Tage zum Angeln an einen See in Bayern. Für Markus war Tobias fast wie ein Bruder. Ich verstand das. Wahrscheinlich hielt ich deshalb so lange den Mund.

Markus wusste Bescheid. Ich selbst hatte ihn gebeten, Tobias nichts zu sagen. Ich wollte seine Freundschaft nicht mit meiner Arbeit vermischen. Also schwieg Markus.

Und Tobias machte weiter mit seinen sogenannten Späßen.

An jenem Abend auf der Terrasse stellte ich die letzte Platte auf den Tisch — Ofengemüse mit Rosmarin — und setzte mich neben Markus. Tobias schenkte bereits Wein ein. Seine Frau Claudia saß mir gegenüber und starrte auf ihren Teller. Sie starrte immer auf ihren Teller, sobald ihr Mann zu seiner nächsten kleinen Vorstellung ansetzte.

— Sabine, bis zum Sommer könntest du ruhig ein bisschen abnehmen, — sagte Tobias und reichte jemandem ein Glas. — Ziehst du überhaupt noch einen Badeanzug an? Oder versteckst du dich wieder unter so einem Strandtuch?

Für einen Moment wurde es still am Tisch. Jemand räusperte sich verlegen. Markus legte mir die Hand aufs Knie. Diese vertraute, schwere Geste. „Halt durch. Er meint es doch nicht böse.“

Ich nahm mein Glas. Dann sah ich Tobias direkt an.

— Tobias, weißt du eigentlich, dass deine Agentur den Kredit für das Büro noch immer nicht sauber bedient hat? — fragte ich ruhig. Ohne Schärfe. Einfach wie eine Feststellung. Ich wusste es, weil Nina es einmal nebenbei erwähnt hatte: Die Verzögerung bei den Entwürfen hätten sie mit Mietproblemen erklärt.

Sein Grinsen wackelte. Nur für eine Sekunde. Dann lachte er wieder.

— Woher weißt du denn was von meinem Büro? — Er drehte sein Glas zwischen den Fingern. — Hat Markus geplaudert? Sauber, mein Lieber.

Markus sagte nichts.

Ich trank meinen Wein aus. Tobias wechselte sofort das Thema — Bundesliga, Urlaub, neues Auto. Alles wie immer. Und ich dachte: Schon gut. Nicht das erste Mal. Auch das werde ich überstehen.

Spät am Abend, als alle gegangen waren, stand ich an der Spüle und wusch Geschirr. Markus kam von hinten, legte die Arme um mich.

— Verzeih ihm. Er ist eben so.

— Ich weiß sehr genau, wie er ist, — antwortete ich. — Aber „er ist eben so“ ist keine Entschuldigung.

Markus küsste mich in den Nacken und ging ins Bett. Ich blieb am Waschbecken stehen, während heißes Wasser über meine Finger lief. Ich spürte keine Wärme und keinen Trost. Nur Müdigkeit. Sieben Jahre dieselben Stiche. Sieben Jahre dieselben Entschuldigungen von Markus. Sieben Jahre dieses schwere Schweigen am Tisch, wenn alle so taten, als hätten sie nichts gehört.

Einen Monat später rief Tobias an. Er lud uns zu seinem Geburtstag ein. Zweiundvierzig.

Ich backte eine Torte. Vielleicht war das dumm. Aber ich bin nun einmal Konditorin. Drei Etagen, überzogen mit glänzender Schokoladenglasur, verziert mit Karamellfäden. Sechs Stunden Arbeit. Baiser getrennt, Füllung getrennt, Dekor getrennt. Das Ganze wog fast vier Kilo.

Markus trug den Karton so vorsichtig zum Auto, als läge ein Baby darin.

— Wahnsinn, — sagte er. — Tobias wird ausflippen.

Tobias flippte tatsächlich aus. Nur nicht so, wie wir es erwartet hatten.

Rund zwanzig Gäste waren da. Ein Restaurant, das Tobias für den ganzen Abend gemietet hatte. Lange Tafel, weiße Tischdecken, Livemusik. Claudia in einem neuen Kleid, leise wie immer. Tobias stand im Mittelpunkt. Gebräunt, blendend weiße Zähne, ein Hemd, das nach viel Geld aussah. Er umarmte jeden Neuankömmling, klopfte Männern auf die Schulter, küsste Frauen die Hand. Ein unglaublich charmanter Mensch. Wenn man ihn nicht besser kannte.

Ich stellte den Karton auf einen Beistelltisch und hob den Deckel ab. Die Torte sah wirklich wunderschön aus. Die Karamellfäden fingen das Licht der Lampen ein. Einige Gäste kamen näher und begannen, Fotos zu machen.

— Wer hat die gemacht? — fragte eine Frau in einem bordeauxroten Kleid.

— Ich, — sagte ich.

— Sie sind Konditorin?

— Ja.

Da trat Tobias dazu. Erst sah er auf die Torte, dann auf mich.

— Sabine, — sagte er, — die Torte ist natürlich der Hammer. Aber vielleicht solltest du nicht so viel Sahne an andere verschwenden, sondern mal an dir sparen, hm? — Er lachte. Dann drehte er sich zu seinen Gästen. — Unsere Sabine liebt Süßes, wie man sieht, wirklich sehr. Man merkt’s, oder?

Dabei klopfte er mir auf die Schulter.

Ich stand neben einer fast vier Kilo schweren Torte, an der ich sechs Stunden gearbeitet hatte, und zwanzig Menschen sahen mich an. Manche wandten den Blick ab. Einige pressten ein unsicheres Lächeln heraus. Claudia studierte ihr Weinglas, als könne sie darin verschwinden.

In mir machte etwas klick. Es brannte nicht auf. Es explodierte nicht. Es klickte. Als wäre ein Schloss zugefallen.

— Tobias, — sagte ich sehr gleichmäßig, — diese Torte kostet zweihundertfünfzig Euro. Ich habe sechs Stunden daran gearbeitet. Du hast gerade den Menschen beleidigt, der dir ein handgemachtes Geschenk mitgebracht hat. Deshalb nehme ich die Torte wieder mit.

Und ich schloss den Karton.

Die Stille war plötzlich so dicht, dass man irgendwo aus der Küche einen Wasserhahn tropfen hörte.

— Das ist jetzt nicht dein Ernst? — blinzelte Tobias.

— Doch. Mehr als das.

Ich hob den Karton an. Vier Kilo. Meine Hände zitterten nicht einmal. Ich drehte mich um und ging zum Ausgang.

Markus holte mich erst auf dem Parkplatz ein.

— Sabine, warte.

— Ich warte im Auto.

— Er hat es doch nicht so gemeint. Er ist einfach…

— Markus, — ich stellte den Karton auf die Motorhaube. — Er ist seit sieben Jahren „einfach“. Bei jedem Treffen. Vor allen Leuten. Ich werde nicht länger so tun, als sei das normal. Wir fahren.

Wir fuhren. Am nächsten Morgen brachte ich die Torte in eine meiner Filialen. Sie war in weniger als einer Stunde verkauft.

Markus schwieg die ganze Fahrt. Erst zu Hause sagte er:

— Er ist beleidigt.

— Ich auch, — sagte ich.

An diesem Abend saß ich allein in der Küche. Draußen war es still. Ich trank Tee und dachte darüber nach, dass zweihundertfünfzig Euro keine unermessliche Summe waren. Und sechs Stunden waren auch nicht mein ganzes Leben. Aber zwanzig Menschen, die gesehen hatten, wie ich mein Geschenk wieder mitnahm — das war neu. Ich wusste nicht, ob ich richtig gehandelt hatte. Doch mein Rücken war gerade. Und das bedeutete immerhin etwas.

Zwei Wochen später rief Tobias wieder an, als wäre nichts geschehen. Er lud uns zu einer Poolparty ein. Und fügte lachend hinzu: „Diesmal aber ohne Torten.“

Ich wollte nicht hin. Überhaupt nicht. Ich sagte Markus, dass ich nicht fahren würde. Er nickte. Ein paar Tage später fing er trotzdem wieder damit an.

— Sabine, Jens und Anja kommen auch. Und Ralf habe ich ewig nicht gesehen. Ich verlange nicht, dass du dich mit Tobias versöhnst. Lass uns einfach zusammen hinfahren. Mir zuliebe.

Mir zuliebe. Acht Jahre lang mir zuliebe. Jeder Geburtstag, jedes gemeinsame Wochenende, jede überflüssige Feier. Ich hatte irgendwann nachgerechnet: In sieben Jahren hatten wir Tobias ungefähr sechzig Mal getroffen. Acht bis zehn Treffen pro Jahr. Und kein einziges davon war ohne einen Kommentar über mein Gewicht, mein Essen, meine Figur oder meine Kleidung vergangen.

Sechzig Treffen. Sechzig Demütigungen. Jedes Mal hatte ich gelächelt, geschwiegen oder war in ein anderes Zimmer gegangen. Und Markus hatte danach immer denselben Satz gesagt: „Er meint es doch nicht böse.“

Ich fuhr trotzdem mit.

Tobias hatte ein Haus außerhalb der Stadt. Großes Grundstück, Pool, Grillbereich. Alles hübsch, alles teuer, alles zum Vorzeigen. Er liebte es, zu demonstrieren: Seht her, das habe ich erreicht. Weiße Liegen, Licht im Wasser, Musik aus Lautsprechern. Achtzehn Gäste waren da. Die Hälfte kannte ich, die andere Hälfte nicht.

Ich trug einen geschlossenen Badeanzug und darüber eine Tunika. Größe 52 — ja, ich bin eine kräftige Frau. Und ich weiß das. Jeden Tag weiß ich es, wenn ich aufstehe, mich anziehe, zur Arbeit fahre, fünf Konditoreien führe und zweiunddreißig Angestellten ihre Gehälter überweise. Mein Gewicht ist mein Gewicht. Es geht ihn nichts an.

Die erste Stunde blieb alles ruhig. Tobias stand am Grill und unterhielt sich mit neuen Gästen. Ich saß auf einer Liege, trank Limonade und sprach mit Anja. Ich mochte Anja. Sie war ebenfalls eine kräftige Frau, und auch sie bekam gelegentlich Tobias’ „Sprüche“ ab, nur seltener, weil sie ihn höchstens zwei Mal im Jahr sah.

Dann kam Tobias herüber. Mit einem Glas in der Hand. Mit seinem typischen Lächeln. Gebräunt, trainiert. Er stellte sich neben mich.

— Sabine, warum gehst du nicht in den Pool? Das Wasser ist super.

— Ich möchte nicht, — sagte ich.

— Ach komm schon. Alle schwimmen. Oder hast du Angst, dass der Pool überläuft?

Zwei oder drei Leute prusteten los. Die anderen taten, als hätten sie es nicht gehört.

Ich antwortete nicht. Ich wandte mich wieder Anja zu und setzte unser Gespräch fort. Ich dachte, gleich würde er schon weggehen. Wie immer. Er würde seine Gemeinheit loswerden, ich würde schweigen, der Abend würde enden, wir würden nach Hause fahren.

Aber Tobias ging nicht. Er stand direkt hinter mir. Ich spürte seinen Schatten.

Und plötzlich schrie er so laut, dass es jeder hören musste:

— Du fette Idiotin! Ab ins Wasser mit dir!

Dann stieß er mich. Hart. Mit beiden Händen in den Rücken. Ich war gerade von der Liege aufgestanden, um von ihm wegzugehen, und stand direkt am Beckenrand.

Wasser. Ein Schlag gegen den Körper. Chlor in der Nase. Die Tunika sog sich sofort voll und zog mich nach unten. Ich tauchte auf, griff nach dem Rand. In meinen Ohren dröhnte es. Über mir sah ich Tobias stehen. Er lachte, breitete die Arme aus und rief: „Jetzt stell dich nicht so an, war doch nur Spaß!“

Achtzehn Menschen sahen auf mich. Manche lachten. Manche schwiegen. Markus rannte vom Grill herüber. Claudia stand da, weiß wie die Wand.

Ich kletterte allein aus dem Pool. Ohne eine Hand anzunehmen. Die nasse Tunika klebte an meinem Körper. Meine Haare hingen mir an der Stirn. Mein Handy in der Tasche war sofort tot. Aus eintausendeinhundert Euro war in wenigen Sekunden ein nasser Klumpen Technik geworden.

Ich nahm ein Handtuch von der Nachbarliege, drehte mich um und wischte mir das Gesicht ab. Meine Hände zitterten nicht. Das wunderte mich selbst.

— Tobias, — sagte ich mit ruhiger Stimme. — Du hast mich gerade ohne meine Zustimmung in den Pool gestoßen. Du hast mein Handy zerstört. Es kostet eintausendeinhundert Euro. Ich erwarte die Überweisung bis morgen.

Er hörte auf zu lachen. Für einen winzigen Augenblick. Dann zog er sein Grinsen wieder über das Gesicht.

— Sabine, was soll das jetzt? Das war ein Gag. Kauf dir halt ein neues.

— Das Geld ist bis morgen da, — wiederholte ich. — Sonst erstatte ich Anzeige. Das ist kein Witz, Tobias. Das ist körperliche Gewalt.

Stille fiel über den Garten. Sogar die Musik schien leiser zu werden.

Markus stand neben mir. Ebenfalls nass — er war ins Wasser gesprungen, aber ich war schon draußen gewesen.

— Wir fahren, — sagte er. Und zum ersten Mal in sieben Jahren fügte er nicht hinzu, dass Tobias es nicht so gemeint habe.

Im Auto saß ich auf einem Handtuch. Wasser lief vom Sitz herunter. Ich war durchnässt, wütend und gleichzeitig vollkommen ruhig. Ein seltsames Gefühl. Die Wut war nicht heiß. Sie war kalt. Klar. Wie ein Morgen im Frost.

Tobias überwies nichts. Nicht am nächsten Tag. Nicht drei Tage später. Nicht nach einer Woche. Stattdessen schrieb er Markus: „Sag deiner Frau, sie soll keine Szene machen. Spaß ist Spaß. Außerdem kann sie froh sein, dass ich sie bei unseren Treffen überhaupt ertrage.“

Markus zeigte mir die Nachricht schweigend. Ich las sie. Und in mir verschob sich endgültig etwas. Es zerbrach nicht. Es verschob sich. Wie ein Hebel, der jahrelang nicht eingerastet war und jetzt endlich an der richtigen Stelle saß.

Eine Woche später gaben wir ein Abendessen bei uns zu Hause. Teilweise privat, teilweise geschäftlich. Ich hatte zwei mögliche Franchise-Partner eingeladen. Markus einige Kollegen. Und Tobias lud sich selbst ein. Er rief Markus an: „Hab gehört, bei euch ist was los. Ich komme mit Claudia.“ Markus fragte mich. Ich sagte: Lass ihn kommen.

Zwölf Menschen saßen an unserem langen Tisch. Wieder in unserem Haus, diesmal im Wohnzimmer. Ich hatte zwei Tage gekocht. Nicht für Tobias. Sondern weil unter den Gästen Herr Berger und Frau Klein waren, Besitzer einer kleinen Café-Kette in Leipzig, die meine Franchise prüften. Dieses Abendessen war wichtig. Wirklich wichtig.

Tobias erschien in seinem typischen Hemd, brachte eine Flasche Wein für knapp zwanzig Euro und Claudia mit. Er umarmte Markus, nickte mir zu und setzte sich. In der ersten Stunde benahm er sich anständig. Er machte harmlose Witze, erzählte von der Türkei, lobte das Essen. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, die Sache mit dem Pool hätte ihm vielleicht doch etwas beigebracht.

Nein.

Als der Nachtisch kam — ich servierte Tartelettes mit Beerencreme, ebenfalls von Hand gemacht — lehnte Tobias sich breit in seinem Stuhl zurück. In der Hand hielt er Rotwein, sein Blick war schon schwer und ölig.

— Unsere Sabine kann übrigens nicht nur fantastisch kochen, sondern auch fantastisch essen, — sagte er zu Herrn Berger. — Markus, sag mal, wie viel schafft sie an einem Abend?

Herr Berger hob die Augenbrauen. Frau Klein legte ihre Gabel ab.

Ich saß am anderen Ende des Tisches. Vor mir stand ein Tartelette. Beerencreme. Am Morgen gekocht. Vier Stunden in der Küche. Zwei Tage Vorbereitung. Franchise-Partner. Mein Haus. Mein Tisch. Mein Essen.

Und dieser Mensch — wieder.

In mir wurde es auf einmal ganz still. Keine Raserei. Stille. Diese besondere Stille, die eine Sekunde vor einer endgültigen Entscheidung kommt.

Ich stand auf. Langsam. Ich nahm mein Handy — das neue, das ich statt des ertränkten gekauft hatte. Eintausendeinhundert Euro aus meiner Tasche, weil Tobias keinen Cent überwiesen hatte.

— Nina, — sagte ich ins Telefon. Im Wohnzimmer wurde es sofort leise. — Hier ist Sabine. Ja, ich weiß, dass es spät ist. Hör zu, bitte bereite morgen früh die Kündigung sämtlicher laufender Verträge mit „Nordlicht Media“ vor. Alle Verträge. Gestaltung, Social Media, saisonale Aktionen — alles. Grund: unzumutbare Kommunikationsqualität. Ja, für alle fünf Filialen. Ja, ich bin sicher. Einen neuen Dienstleister finden wir innerhalb einer Woche. Danke.

Ich legte das Handy auf den Tisch und sah Tobias an.

Er verstand noch nicht. Noch nicht ganz. Er sah mich so an, wie man einen Menschen ansieht, der plötzlich in einer fremden Sprache spricht.

— Sabine, — sagte er, — was ziehst du hier ab?

— Tobias, — antwortete ich, — „KuchenPlus GmbH“ ist meine Firma. „Süßwerk“ ist meine Kette. Fünf Konditoreien. Zweiunddreißig Mitarbeiter. Sechs Jahre lang hat deine Agentur von meinen Aufträgen gelebt. Achtundvierzigtausend Euro im Jahr. Fast die Hälfte deines Umsatzes. Ich habe nachgesehen.

Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Schritt für Schritt. Zuerst Unverständnis. Dann hektisches Rechnen. Dann Begreifen. Und schließlich Angst.

— Warte, — er stellte sein Glas ab, und der Wein schwappte auf die Tischdecke. — „KuchenPlus“ bist du? Nina arbeitet für dich?

Herr Berger saß reglos da. Frau Klein sah Tobias mit genau diesem Blick an, den ich zu gut kannte. So schaut man auf ein Insekt, das plötzlich auf dem Teller liegt.

— Sabine, jetzt warte doch, — Tobias sprang auf. Seine Hände zitterten. In all den Jahren sah ich zum ersten Mal, dass seine Hände zitterten. — Das ist Geschäft. Da darfst du Privates nicht reinziehen. Markus und ich sind Freunde. Ich wusste das nicht. Ich habe es wirklich nicht gewusst!

— Du wusstest nicht, dass „KuchenPlus“ zu mir gehört, — sagte ich und nickte. — Aber du wusstest sehr gut, dass ich ein Mensch bin. Und das war dir egal.

Claudia saß unbeweglich da, den Blick gesenkt. Wie immer.

Markus sah mich an. Und er hielt mich nicht zurück. Zum ersten Mal seit acht Jahren hielt er mich nicht zurück.

— Sabine, — Tobias machte einen Schritt auf mich zu, — lass uns reden. Nicht hier. Unter vier Augen. Ich…

— Nein, — sagte ich. — Sieben Jahre lang hast du mich vor allen gedemütigt. Jetzt antworte ich dir vor allen. Die Verträge werden beendet. Das ist meine endgültige Entscheidung.

Ich setzte mich wieder. Ich nahm mein Tartelette und biss hinein. Die Beerencreme war tadellos — Vanille, die Säure der Himbeeren, der Geschmack genau ausbalanciert. Ich war zufrieden mit mir.

Tobias stand mitten in meinem Wohnzimmer neben der Tischdecke, auf der sich der Wein ausbreitete, und hatte ein Gesicht, das ich an ihm noch nie gesehen hatte. Dann drehte er sich um und ging. Claudia stand auf und folgte ihm. Die Haustür fiel ins Schloss.

Am Tisch blieb es still. Ich trank einen Schluck Wasser.

Herr Berger räusperte sich.

— Frau Schneider, — sagte er, — Ihre Franchise ist tatsächlich ausgesprochen interessant.

Ich lächelte. Wirklich. Zum ersten Mal an diesem Abend.

Als die Gäste gegangen waren, räumten Markus und ich den Tisch ab. Er schwieg lange. Dann sagte er doch:

— Dir ist klar, dass er mich jetzt jeden Tag anrufen wird?

— Ja.

— Und was soll ich ihm sagen?

— Die Wahrheit. Dass er in mein Haus gekommen ist und die Gastgeberin beleidigt hat.

Markus stellte einen Teller in die Spüle. Dann sah er mich an.

— Ich hätte ihn schon vor langer Zeit stoppen müssen.

Ich sagte nichts. Weil es stimmte. Er hätte es tun müssen. Aber er hatte es nicht getan. Und auch das gehörte zu dieser Geschichte.

Zwei Monate vergingen. Tobias verlor meine Verträge. Achtundvierzigtausend Euro im Jahr — das ist für eine kleine Agentur ein ernstes Loch. Er musste drei Mitarbeiter entlassen. Später zog er in ein kleineres Büro. Markus erzählte es mir, denn er fuhr noch immer alle zwei Wochen zu ihm.

Man sagt, Tobias erzähle jetzt überall, ich sei „nachtragend“ und hätte „den Moment geschickt ausgenutzt“. Ich hätte „Geschäft und Privates vermischt“. „So handeln normale Unternehmer nicht“, soll er gesagt haben.

Mag sein. Vielleicht handeln normale Unternehmerinnen wirklich anders. Vielleicht stoßen normale Geschäftspartner ihre Auftraggeberin aber auch nicht in einen Pool.

Markus besucht Tobias manchmal noch allein. Ich verbiete es ihm nicht. Es ist sein Freund. Aber an unserem Tisch hat Tobias seitdem nicht wieder gesessen. Und in mir ist Ruhe. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wirklich Ruhe.

Nur eine Frage lässt mich bis heute nicht ganz los.

Bin ich zu weit gegangen, als ich die Verträge vor seinen Geschäftskontakten kündigte? Oder ist er diesen Weg selbst gegangen, all die Jahre — über sechzig Treffen, über „du fette Idiotin“, bis hin zum Pool? Was hätten Sie getan?