Die Mitschüler verspotteten das blinde Mädchen und wollten ihr sogar mit Gewalt die Brille vom Gesicht reißen, doch keiner von ihnen konnte auch nur ahnen, was nur wenige Minuten später geschehen würde

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Es war eine ganz gewöhnliche Pause. Auf den Holzbänken im Schulhof saßen Schüler, blinzelten in die warme Sonne, lachten, redeten über ihre eigenen Dinge. Alles wirkte friedlich, beinahe gemütlich.

Emma saß etwas abseits von den anderen. Mit geradem Rücken, die Hände ordentlich auf den Knien gefaltet, bemühte sie sich, möglichst unsichtbar zu bleiben. Seit ihrer Kindheit war sie blind, und erst vor Kurzem war sie auf diese Schule gewechselt. Der Umzug hatte sie ohnehin schon genug Kraft gekostet, doch hier war alles noch schlimmer geworden.

Schon am ersten Tag hatte ihr niemand geholfen. Stattdessen wurde sie belogen und in eine Abstellkammer gesperrt, weil man ihr gesagt hatte, dort finde der Unterricht statt. Stundenlang hatte sie dort allein gesessen, ohne zu begreifen, was überhaupt passiert war. Danach hörten die Demütigungen nicht auf — sie wurden nur noch grausamer.

Auch an diesem Tag begann alles wieder ganz plötzlich.

Einer ihrer Mitschüler trat an Emma heran — ein großer, selbstsicherer Junge, der es liebte, vor den anderen seine Überlegenheit zu zeigen.

— Nimm die Brille ab, — sagte er mit einem spöttischen Grinsen. — Ich glaube dir nicht, dass du nichts sehen kannst. Zeig deine Augen.

Emma antwortete ruhig, obwohl sie sich mühsam zusammenhalten musste:

— Ich nehme gar nichts ab.

Der Junge schnaubte verächtlich, warf einen Blick zu den anderen hinüber, die sich bereits vielsagend ansahen und ihre Handys zückten.

— Ach komm, tu doch nicht so, — sagte er weiter und griff plötzlich mit einer schnellen Bewegung nach ihrem Gesicht.

Emma zuckte sofort zurück, presste eine Hand auf ihre Brille und versuchte, sie festzuhalten. Ihr Atem geriet aus dem Takt, und ihre Stimme begann zu zittern.

— Fass mich bitte nicht an…

Doch der Junge beugte sich nur noch näher zu ihr und versuchte nun mit Gewalt, ihr die Brille herunterzureißen.

Hinter ihnen wurde gelacht. Einige filmten bereits alles mit ihren Handys, andere feuerten ihn an, und manche sahen einfach nur zu, als wäre es bloß ein harmloser Spaß.

Emma fing an zu weinen. Sie versuchte, seine Hand wegzustoßen, rief um Hilfe, aber niemand griff ein.

In genau diesem Moment, als das Lachen nicht verstummte und der Junge immer noch nach Emmas Brille griff, löste sich plötzlich einer aus der Menge.

Ein großer, sportlicher Schüler — genau der, der sonst bei jedem Wettkampf gewann, im Unterricht aber still blieb und fast nie auffiel.

— Es reicht, — sagte er ruhig, aber mit einer Stimme, nach der es augenblicklich still wurde.

Er trat näher und stieß die Hand des Angreifers von Emma weg.

— Was machst du da eigentlich?

Der andere versuchte zu grinsen, doch die alte Sicherheit war bereits aus seinem Gesicht verschwunden:

— Wir haben doch nur…

— Nur was? — unterbrach ihn der Junge und sah ihm direkt in die Augen.

Dann drehte er sich zu den anderen um, die noch eben gelacht und mit ihren Handys gefilmt hatten.

— Nur weil ein Mensch eine Behinderung hat, gibt euch das noch lange nicht das Recht, ihn wie ein Tier zu behandeln. Jeder von euch kann eines Tages selbst in so einer Lage sein. Und wie würdet ihr dann wollen, dass man mit euch umgeht?

Er schwieg kurz, und im Hof wurde es so still, dass man hören konnte, wie jemand nervös sein Handy in die Tasche steckte.

— Mein Vater ist behindert. Er kann nicht laufen. Aber das bedeutet nicht, dass irgendjemand das Recht hat, ihn zu verhöhnen.

Wieder richtete der Junge den Blick auf den, der vor Emma gestanden hatte.

— Wenn ihr dieses Mädchen auch nur noch ein einziges Mal anfasst, bekommt ihr es mit mir zu tun.

Niemand sagte ein Wort. Das Gelächter war verschwunden. Die Handys senkten sich.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit wurde es in diesem Schulhof wirklich still.