„Du musst nur atmen… und irgendwann wird alles wieder an seinen Platz fallen“ — Als Oleg ausgerechnet sie heiraten wollte, verspotteten Mutter und Schwester seine Wahl, doch erst nach seinem plötzlichen Tod begriff Tanja, dass selbst fünfundzwanzig gemeinsame Jahre manchmal nicht ausreichen, um einen geliebten Menschen loszulassen

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„Du musst nur atmen… und irgendwann wird alles wieder an seinen Platz fallen“ — Als Oleg ausgerechnet sie heiraten wollte, verspotteten Mutter und Schwester seine Wahl, doch erst nach seinem plötzlichen Tod begriff Tanja, dass selbst fünfundzwanzig gemeinsame Jahre manchmal nicht ausreichen, um einen geliebten Menschen loszulassen

„Mein Gott, wo hast du sie denn aufgetrieben? Die hat doch schon ein ganzes Leben hinter sich! Ich verstehe dich einfach nicht, Oleg. Sie ist doch wirklich eine KUH! Weder mit Worten zu beschreiben noch mit Tinte festzuhalten. Was hast du bloß an ihr gefunden? Mama, jetzt sag du ihm doch endlich was!“, ereiferte sich Lena immer mehr und konnte sich vor Empörung kaum bremsen.

„Jetzt hör auf, Lenka, beruhige dich. Es ist seine Entscheidung. Oleg muss mit ihr leben. Also soll er auch selbst mit seiner Braut zurechtkommen“, sagte Anna Wiktorowna und sah ihren Sohn fragend an.

„Seid ihr jetzt fertig? Wunderbar. Ich werde Tanja heiraten. Und außerdem bekommen wir im Herbst ein Kind. Das war’s, meine Lieben, die Diskussion ist beendet“, sagte Oleg und verließ den Raum, die Tür hinter sich zuknallend.

Oleg war bereits einmal verheiratet gewesen. Mit einer schönen Frau. Aus dieser Ehe war eine Tochter geblieben. Er hatte seine Frau bis zur Selbstaufgabe geliebt. Doch offenbar war er in ihrer Familie nie wirklich willkommen gewesen. Die Schwiegermutter setzte alles daran, ihre Ehe zu zerstören. Am Ende musste Oleg gehen.

Damals ließ er sich völlig gehen. Er trank maßlos, geriet in Schlägereien, wechselte Frauen.

Und dann tauchte plötzlich Tanja auf. Sie begegneten sich im Freundeskreis. Tanja bemerkte Oleg sofort. Groß, markant, mit scharfer Zunge. Und wie er scherzte — niemand hatte sie je so zum Lachen gebracht.

Tanja arbeitete als Mathematiklehrerin in einer Schule. Sie lebte mit ihren Eltern in einem alten Haus. Vierundzwanzig war sie, als sie Oleg traf.

Manchmal passiert es einfach: Du siehst einen Menschen an und weißt sofort, das ist für immer. Ohne Grund. Einfach so. Nur weil es ihn gibt. Und es fühlt sich an, als würdest du ihn schon seit hundert Jahren kennen. Als wäre ohne ihn kein Leben mehr denkbar. Genau so war es bei Tanja.

Oleg dagegen nahm sie an diesem Abend nicht einmal wahr.

Erstens war er sturzbetrunken. Zweitens entsprach Tanja überhaupt nicht seinem Typ. Kein bisschen.

Und drittens hatte er sich geschworen, sich nie wieder an die Ehe zu ketten. „Es reicht mir. Heiraten werde ich ganz bestimmt nie wieder!“, wiederholte er ständig vor seinen Freunden.

Doch an diesem Abend war da auch Katja. Eine Schönheit, von der man den Blick nicht lösen konnte. Oleg kam schnell mit ihr ins Gespräch und zog sich mit ihr sogar außer Sichtweite der anderen zurück. Erst verschwanden sie in der Küche, später gingen sie Hand in Hand gemeinsam fort.

Mit Katja war es leicht und lustig. Oleg mochte alles an ihr. Sie war Feuer. Männer drehten sich nach ihr um und seufzten ihr nach.

Oleg stellte Katja seiner Schwester Lena vor.

„Schön ist sie“, urteilte Lena. „Aber nichts für eine Familie.“

„Das weiß ich“, antwortete Oleg.

Schon bald verließ Katja ihn und entschied sich für einen anderen.

Oleg litt nicht darunter. Er verstand, dass sie nicht der richtige Mensch für ihn war. Er ließ sie ohne Bedauern gehen.

Tanja aber wartete auf ihre Gelegenheit. Oleg war frei — jetzt musste sie handeln.

Sie selbst lud ihn zu einem Date ein. Nicht sofort, aber schließlich sagte er zu.

Tanja brachte Oleg zu sich nach Hause und stellte ihn ihren Eltern vor. Mutter und Vater mochten den jungen Mann auf Anhieb.

Oleg badete in Fürsorge. Tanja schwirrte um ihn herum wie ein Nachtfalter ums Licht. Jeden seiner Wünsche erfüllte sie sofort.

Nach einem halben Jahr beschloss Oleg, seiner Mutter und seiner Schwester von seiner Braut zu erzählen.

„Liebst du sie denn, Oleschka?“, fragte seine Mutter.

„Nein. Ich habe einmal geliebt. Du weißt das, Mama. Das tut weh. Es reicht mir, dass Tanja mich liebt“, sagte Oleg nachdenklich.

„Es wird schwer werden, mein Sohn, mit einer Frau zu leben, die du nicht liebst. Ob du dich daran gewöhnst?“, fragte Anna Wiktorowna und wischte sich eine Träne weg.

„Wir werden sehen“, wich Oleg aus.

Die Hochzeit feierten sie im Haus der Braut.

„Lebt, liebt euch, streitet euch meinetwegen — aber versöhnt euch sofort wieder“, gab die Schwiegermutter ihnen mit auf den Weg.

Sie stritten. Aber sie versöhnten sich nicht. Oleg fing wieder an zu trinken. Er kehrte zu seinen Eltern zurück.

Anna Wiktorowna schüttelte nur den Kopf und schwieg.

Noch am selben Tag stürmte Tanja zu ihm:

„Was hast du da vor, Oleg? Komm zurück! Ich gebe dich niemandem!“

Und er kehrte zurück.

Ein Sohn wurde geboren.

Sorgen, Wege, Kleinigkeiten — das Leben wirbelte alles durcheinander.

Nach und nach wuchs Olegs Bindung an diese Familie.

Sein Schwiegervater und seine Schwiegermutter vergötterten ihn. Das beste Stück bekam immer Oleg.

Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, gingen alle auf Zehenspitzen, damit er sich ausruhen konnte.

Oleg war niemals grob zu den Eltern seiner Frau. Er respektierte sie.

Alles im Haus machte er selbst.

Tanja nannte er immer nur Tanjuschka. Immer.

Seinen Sohn liebte er abgöttisch.

Fünfundzwanzig Jahre vergingen. Wie ein einziger Tag.

Die Eltern wurden alt. Sie waren oft krank. Sie verbrachten viel Zeit in Krankenhäusern.

„Oleschka, geh doch mal zum Arzt und lass dich untersuchen“, überredete Tanja ihn.

„Wie du willst, Tanjuschka“, stimmte Oleg zu.

Er hatte es immer eilig: den Zaun reparieren, das Haus in Ordnung bringen, den Garten herrichten. Ach, wie sehr er sich beeilte.

Dann kam der Krankenwagen.

Man konnte nichts mehr tun. Ein plötzlicher Tod.

Der Boden verschwand unter Tanjas Füßen. Sie brach bewusstlos zusammen.

Die Ärzte brachten sie wieder zu sich.

„Wie kann das sein?! Oleschka war doch eben erst bei den Ärzten! Sie haben gesagt, er sei gesund! Und jetzt… Nein! Das glaube ich nicht!“, schrie Tanja auf.

Die alten Leute saßen beiseite und begriffen gar nichts.

„Wir Alten hätten sterben müssen! Wir! Warum ist das so ungerecht?!“, weinte Tanjas Mutter.

„Oleschka! Du bist mein Leben! Du musst nur atmen…“, warf sich Tanja auf ihren Mann.

Sie begruben ihn.

Zwei Monate später starb Tanjas Vater. Vor seinem Tod flüsterte er nur noch:

Einen weiteren Monat danach war auch die Mutter nicht mehr da.

Ein halbes Jahr später verkaufte Tanja das Haus. Sie konnte dort nicht weiterleben. Sie kaufte eine kleine Wohnung. Ihren Sohn verheiratete sie.

Sieben Jahre später gestand sie Lena:

„Len, einen Mann wie Oleschka findet man kein zweites Mal… Ich bin durch die Hölle gegangen, als ich ihn verloren habe. Ich konnte ihn nicht bewahren…“

Ihrem Sohn sagte sie: „Begrab mich später neben deinem Vater.“

„Und die Zeit, Lenotschka, heilt gar nichts. Sie bringt einem nur bei, mit dem Schmerz weiterzuatmen. Jeder Morgen ist wie der erste Tag nach der Beerdigung. Jeder Abend wie ein erneuter Abschied. Aber ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag, den wir hatten, für jeden Schrei unseres Sohnes, für jeden Blick von Oleg, an den ich mich bis heute erinnere. Er hat mich am Anfang nicht geliebt, aber in diesen fünfundzwanzig Jahren hat er mehr gelebt als andere in einem ganzen Leben. Und das war genug. Es war genug für alles.“

Seine Eltern hatten seine Wahl nie akzeptiert und ihn damals aus dem Haus getrieben. Viele Jahre später beschlossen sie, ihren Sohn zu besuchen.