Ein Baby lag neben einem frischen Grab — doch als Sabine sein Namensbändchen las, begriff sie, dass ihre verschwundene Schwester die ganze Zeit am Leben gewesen sein könnte

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Ein Baby lag neben einem frischen Grab — doch als Sabine sein Namensbändchen las, begriff sie, dass ihre verschwundene Schwester die ganze Zeit am Leben gewesen sein könnte

Thomas sah sie erschüttert an.

— Du hast uns beobachtet?

Lea nickte stumm.

In diesem Augenblick zersprang das Küchenfenster mit einem ohrenbetäubenden Krachen.

Sabine schrie.

Ein Stein fiel auf den Boden.

Daran war ein Zettel befestigt.

Thomas hob ihn mit zitternden Händen auf.

Auf dem Papier standen nur wenige Worte:

„Gebt das Kind zurück — dann bleibt ihr am Leben.“

Kapitel 4. Die letzte Nacht der Angst

Sabine saß an der Wand und hielt den Säugling so fest an der Brust, als könne sie ihn allein mit ihrem Körper vor der Welt schützen. Seit die Scheibe zerborsten war, zitterten ihre Hände so stark, dass sie den Jungen kaum halten konnte. Er atmete leise und gleichmäßig, als verstünde er nicht, welches Grauen um ihn herum lauerte.

Thomas las den Zettel noch einmal und hob dann langsam den Blick zu Lea.

— Wenn wir hierbleiben, bringen sie uns um.

Vor der Tür waren wieder Schritte zu hören.

Schwer.

Gemächlich.

Als wären die Menschen draußen bereits sicher, dass ihre Beute nirgendwohin entkommen konnte.

Lea trat plötzlich zu Thomas und packte seinen Arm.

— Es gibt einen Mann… er kann helfen.

— Wer?

— Ein ehemaliger Ermittler aus dem Landkreis. Martin Seidel. Er hat früher versucht, die verschwundenen Kinder zu untersuchen, aber der Fall wurde sehr schnell geschlossen. Danach hat man ihn aus dem Dienst gedrängt.

Thomas sah sie angespannt an.

— Und wo ist er jetzt?

— Er wohnt draußen beim Bahnhof. Im alten Forsthaus.

Sabine stand auf.

— Dann müssen wir sofort los.

Wieder krachte etwas gegen die Tür.

Das Holz ächzte.

— Wir haben keine Zeit mehr, — flüsterte Lea.

Thomas löschte auch den letzten Rest Licht. Das Haus sank in völlige Dunkelheit.

— Durch den Schuppen, — sagte er leise.

Sie schlichen durch die Hintertür hinaus. Der kalte Regen schlug ihnen sofort ins Gesicht. Der Wind heulte so stark, dass er ihre Schritte fast verschluckte.

Der Hof lag schwarz vor ihnen. Nur an der Gartentür bewegten sich die Schatten der Männer.

Thomas führte die beiden Frauen durch den Gemüsegarten und bemühte sich, kein Geräusch zu machen. Schlamm klebte an den Schuhen, nasse Zweige peitschten ihnen ins Gesicht. Sabine schwankte und hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen.

Doch plötzlich begann das Baby zu schreien.

Laut.

Durchdringend.

Im Hof brüllte sofort jemand:

— Sie sind hinten! Schnappt sie euch!

Die Jagd begann.

Thomas riss Sabine an der Hand mit sich, und sie rannten über das Feld auf den Wald zu. Hinter ihnen hörten sie Rufe, Hundegebell und das Aufheulen von Motoren.

Plötzlich blieb Lea stehen.

— Nein… ich halte sie auf.

Sabine fuhr entsetzt herum.

— Was redest du da?!

— Sonst holen sie uns alle ein.

Thomas packte sie an der Schulter.

— Denk nicht einmal daran!

Doch Lea lächelte. Zum ersten Mal in dieser furchtbaren Nacht.

— Drei Jahre lang habe ich gelebt wie eine Tote. Aber er soll ein richtiges Leben haben.

Zärtlich berührte sie das Gesicht ihres Sohnes.

Dann rannte sie abrupt in die andere Richtung — zum alten Brückensteg über den Fluss.

Die Männer schrien auf.

Mehrere von ihnen stürmten ihr hinterher.

Eine Minute später zerriss ein schreckliches metallisches Krachen die Dunkelheit, danach kreischten Bremsen.

Dann wurde alles still.

Sabine schrie vor Entsetzen.

Doch Thomas zog sie weiter.

Das Haus des ehemaligen Ermittlers erreichten sie erst im Morgengrauen. Martin Seidel hörte ihnen schweigend zu und rief danach sofort alte Kontakte im Landeskriminalamt an.

Zwei Tage später begannen die Festnahmen.

Das Entsetzliche kam ans Licht: Das Netzwerk, das Babys verkaufte, hatte tatsächlich seit vielen Jahren existiert. Ärzte, Beamte und frühere Polizisten waren darin verwickelt gewesen.

Hannes wurde gefasst, als er zu fliehen versuchte.

Leas Leiche fand man nahe der Brücke.

Sie hatte ihren Sohn mit ihrem eigenen Leben gerettet.

Fünf Jahre vergingen.

Der kleine Jonas nannte Sabine Mama und Thomas Papa. Die ganze Wahrheit erzählten sie ihm nie.

Nur manchmal, am Abend, nahm Sabine das alte Foto ihrer Schwester aus der Schublade und flüsterte:

— Du bist damals nicht umsonst zurückgekommen, Lea…

Und draußen rauschte der Wind vor dem Fenster, als würde noch immer jemand Unsichtbares über dieses Haus wachen.