Elf Jahre lang sagte man Tobias, sein Vater sei tot, doch an diesem frostigen Abend saß plötzlich ein fremder Mann im Wohnzimmer
Tobias wusste genau, dass ihm zu Hause ein Donnerwetter bevorstand. Und diesmal kam es nicht von Kevin Berger, dem Jungen aus der Parallelklasse, der sonst gern den starken Mann spielte, sondern von seiner eigenen Mutter.
Er pfiff vor sich hin, während er durch die kalte Straße nach Hause schlenderte, doch in seinem Bauch zog sich alles zusammen. Diesmal hatte er es wirklich vermasselt.
Tante Gisela, Mamas beste Freundin, hatte ihn mit einer Zigarette gesehen. Er hätte behaupten können, irgendwer habe sie ihm nur kurz in die Hand gedrückt. Aber nein, Tante Gisela hatte ganz genau gesehen, wie er daran gezogen hatte, als wäre er ein alter Schornstein. Was sollte er seiner Mutter jetzt erzählen? Dass jemand ihm die Kippe zwischen die Lippen geklemmt und ihn zum Rauchen gezwungen hatte?
Tobias hatte so getan, als hätte er Tante Gisela nicht bemerkt. Fairerweise hatte sie weder geschrien noch ihn am Ohr gepackt. Sie hatte ihn nur mit diesem langen, alles wissenden Blick angesehen und war weitergegangen. Aber Tobias war nicht blöd. Er wusste, dass sie längst bei seiner Mutter angerufen hatte. Wahrscheinlich wartete Mama schon mit dem Kochlöffel in der Hand. Zweimal war er bereits um den Block gelaufen, als er plötzlich Oma entdeckte.
Na großartig. Die schwere Artillerie. Das war selbst für seine Mutter ziemlich hinterhältig. Gleich würde Oma anfangen, dass sie als angesehene Lehrerin im halben Landkreis Kinder erzogen habe, während ihr eigener Enkel auf die schiefe Bahn geriet. Dann kämen die Scham, der arme Opa im Grab und alle Vorfahren, die sich wahrscheinlich gleich mit umdrehten.
Als Tobias kleiner gewesen war, hatte ihm diese Vorstellung richtig Angst gemacht. Er hatte sich ausgemalt, wie sich unter der Erde alles bewegte, weil die Toten sich vor Enttäuschung herumwälzten. Irgendwann aber war ihm ein Licht aufgegangen. Als Oma wieder einmal von den ruhelosen Ahnen anfing, hatte Tobias gesagt: „Ist doch gut, wenn sie sich bewegen, Oma. Dann bekommen sie wenigstens keine Druckstellen wie Frau Krüger aus dem Erdgeschoss.“
Oma hatte sich an die Brust gefasst. Mama hatte beinahe vor Lachen losgeprustet und dabei ganz vergessen, ihm eine zu verpassen. Dafür hatte Oma ihr mit dem Geschirrtuch eins übergezogen.
Jetzt kam Oma auf ihn zu, und ihre Augen huschten so nervös hin und her, als wäre sie selbst beim Rauchen erwischt worden.
„Was machst du denn hier draußen? Warum bist du nicht zu Hause?“, fuhr sie ihn an.
„I-ich war noch nicht da.“
„Noch nicht da? Wo treibst du dich denn die ganze Zeit herum?“
„Schule, dann Fußballtraining, dann bin ich nur ein bisschen gelaufen.“
„Ach ja?“ Tobias spannte sich an. Gleich würde sie verlangen, dass er sie anhauchte, damit sie seinen Atem prüfen konnte. „Was ist das denn? Deine Hände sind ja ganz rot! Wo sind deine Handschuhe?“
„Zu Hause vergessen.“
„Zu Hause? Und deine Mutter hat das nicht gemerkt? Zeig mir deine Knöchel.“
Sie zog sein Hosenbein hoch und schnappte entsetzt nach Luft.
„Was soll das sein?“
„Was denn?“ Tobias erschrak.
„Warum sind deine Knöchel so rot? Wo ist deine lange Unterhose? Und dein Schal?“
Tobias wurde heiß vor Scham. Noch schlimmer war, dass er Kevin Berger in der Einfahrt gegenüber lauern sah. Seine knallrote Mütze wippte hinter einer Mülltonne hervor. Na wunderbar. Danke, Oma. War sie jetzt völlig durcheinander? Eigentlich war sie immer schärfer gewesen als ein Taschenmesser, aber das hier…
„Oma, was ist fünf mal fünf?“
„Fünfundzwanzig“, sagte sie verwirrt.
„Und was ist das Quadrat über der Hypotenuse?“
„Die Summe der Quadrate über den beiden Katheten. Tobias? Hast du etwa deine Hausaufgaben nicht gemacht? Hat sie das nicht kontrolliert? Das lasse ich mir nicht bieten. Sieh dich doch an!“
Moment. Oma war auf seiner Seite? Hatte er vielleicht Mamas Strafpredigt überlebt, ohne es zu merken? War er in irgendeiner verdrehten Welt gelandet?
„Oma, auf welcher Seite ist meine Blinddarmnarbe?“
„Du hattest nie eine Blinddarmoperation.“
Gut. Eindeutig Oma.
Sie packte ihn und zog ihn nach Hause, während sie ununterbrochen vor sich hin schimpfte. In der Wohnung roch es nach Braten und Rotkohl. Mama stand in der Küche, viel zu hübsch angezogen für einen normalen Abend. Ihr Kleid war das gute blaue, die Locken steckten ordentlich fest, neue Ohrringe glitzerten an ihren Ohren, und sie trug Schuhe mit Absatz. Seit wann trug Mama zu Hause Absatzschuhe?
„Tobi, mein Schatz.“ Sie umarmte ihn. „Wasch dir die Hände, das Essen ist fast fertig. Mama, bleibst du?“
„Warum läuft dieses Kind draußen herum? Es will wohl gar nicht mehr nach Hause, was? Sehr schön, ganz hervorragend. Das eigene Fleisch und Blut eintauschen gegen… Wo sind seine Handschuhe? Wo ist die lange Unterhose? Es friert, Anna! Aber dich kümmert das ja nicht.“
„Mama. Hör auf. Isst du mit uns oder nicht?“
„Nein! Ich bin hier fertig. Tobias, hol deine Sachen. Du kommst mit mir.“
„Was? Nein!“
Der Gedanke, die nächsten zehn Jahre unter Omas Dauerbeschuss zu leben, ließ ihn innerlich zusammenzucken.
„Er bleibt hier“, sagte Mama fest.
„Hier? Was heißt hier? Du hast doch alles weggeworfen.“
„Mama, wenn du jetzt nicht aufhörst, dann muss ich… dann werde ich…“
„Was? Deine eigene Mutter rauswerfen?“
„Ja.“
„Du undankbares Kind!“
Mama ließ sie nicht weitersprechen. Sie fasste Oma am Arm, führte sie in den Hausflur und schlug die Wohnungstür zu. Draußen kreischte Oma, sie werde die Polizei rufen und Tobias müsse sofort herausgegeben werden.
Mama zog Tobias ins Wohnzimmer. Dort saß ein fremder Mann, steif und angespannt, als traue er sich kaum zu atmen.
„Tobi, es hat keinen Sinn mehr zu lügen. Das ist dein Vater.“
Oma jammerte draußen weiter. Mama stand wie erstarrt. Der Mann erhob sich. Er war groß, schmal, und seine Augen waren Tobias’ Augen. Mit zitternder Hand streckte er sich ihm entgegen.
„Hallo, mein Junge.“
Tobias wich zurück.
„Aber… du hast gesagt, er ist tot.“
„Anna…“ Der Mann, sein Vater, sah aus, als hätte ihn jemand mitten ins Herz getroffen.
„Das war nicht ich, Wilhelm. Das war sie. Sie sagte, es sei leichter für ihn zu glauben, du wärst gestorben, als zu wissen, dass du…“
Ein heftiges Klopfen unterbrach sie.
„Polizei! Bitte öffnen!“
„Anna, vielleicht sollte ich gehen.“
„Nein. Schluss mit dem Verstecken. Tobi, wir erklären dir alles. Bitte hab keine Angst.“
Mama öffnete die Tür. Oma stürmte herein, neben ihr ein Streifenpolizist und Frau Neumann von nebenan, die so tat, als sei sie nur zufällig mitgekommen.
„Was ist hier los? Uns wurde eine Ruhestörung gemeldet.“
„Es ist alles in Ordnung“, sagte Mama. „Mein Mann ist aus Norddeutschland zurück. Das ist sein Sohn.“
„Er ist ein Verbrecher! Ein entflohener Sträfling! Nehmen Sie ihn fest! Tobias, komm sofort her.“
„Mama, genug.“
Der Polizist prüfte die Papiere des Mannes.
„Keine Einträge?“
„Keine. Ich arbeite seit meiner Schulzeit auf Montage im Norden.“
„Entschuldigen Sie die Störung.“
„Verhaften Sie ihn! Er hat meiner Tochter das Leben zerstört!“
„Mama, hör endlich auf.“
Mama schloss die Tür.
Ein Vater? Elf Jahre lang hatte Tobias keinen gehabt. Und jetzt sollte er plötzlich da sein? Oma hatte immer erzählt, sein Vater sei ein betrunkener Dieb gewesen, in einer Schlägerei ums Leben gekommen. Ein schmutziges Familiengeheimnis.
Aber alles war gelogen.
Mama sah es kommen. Tobias riss seine Jacke vom Haken und stürzte hinaus.
Er rannte, bis seine Lunge brannte und die Tränen ihm die Straße vor den Augen verwischten. Wem sollte er jetzt noch glauben?
„He, Kleiner!“ Kevins Stimme. Tobias lief weiter.
„Warte doch! Wer ist hinter dir her?“
Kevin packte ihn am Ärmel.
„Niemand. Lass mich in Ruhe.“
„Draußen ist es eiskalt. Du holst dir noch was. Ich lag letztes Jahr im Krankenhaus, da gab’s das beste Essen überhaupt. Aber du? Du bist doch so ein dünner Hering. Komm mit, ich wohne gleich um die Ecke.“
Tobias zögerte.
„Meine Mutter ist unterwegs. Zugbegleiterin. Bin allein.“
Die Wohnung war abgenutzt, aber sauber. In Kevins Zimmer hingen Poster von Die Toten Hosen, Queen und Bowie. Eine Gitarre lehnte am Bett.
„Willst du Tee?“
Tobias nickte. Sein Magen knurrte laut.
„Hunger? Wie wär’s mit Rührei auf Toast?“
Kevin kochte und summte dabei vor sich hin. Tobias hatte noch nie etwas gegessen, das ihm so gut geschmeckt hatte.
Später saßen sie mit Tee auf dem Boden, und Kevin zupfte auf seiner Gitarre.
„Du bist richtig gut“, gab Tobias zu.
„Danke. Das war Bowie. Und das Queen. Alles Legenden.“
Tobias kannte nur Die Toten Hosen. Kevin spielte dazu, während Tobias sang, und lachte, wenn er sich verhaspelte.
„Du solltest heimgehen. Sonst suchen sie dich gleich mit der ganzen Polizei.“
Tobias’ Lächeln verschwand.
Kevin hörte zu, als Tobias alles aus sich herausbrach.
„Stell dich nicht so an“, sagte Kevin schließlich. „Ein Vater ist doch was Großartiges. Meiner ist weg. Mama sagt, er sei Astronaut.“
„Echt?“
„Quatsch. Sie macht nur Witze. Sie hat mich allein großgezogen. Keine Familie, niemand. Aber sie ist klasse. Klär das, ja? Erwachsene bauen auch Mist.“
Tobias umarmte ihn.
Kevin hatte recht.
Sie fanden ihn. Mama, Oma und sein Vater erklärten alles. Dass Oma Wilhelm nie gut genug für ihre Tochter gefunden hatte. Dass sie ihm geschrieben hatte, Anna habe wieder geheiratet. Dass Wilhelm es geglaubt hatte.
„Warum?“, fragte Tobias seine Oma.
„Ich wollte doch nur, dass ihr beide glücklich werdet.“
„Und er?“
Oma weinte. „Verzeih mir.“
An Tobias’ Geburtstag kam Kevin vorbei. Er brachte ein Poster von den Toten Hosen mit. Mama erlaubte, dass es an die Wand durfte.
Tobias vergab ihnen allen.
„Erwachsenenkram“, hatte Kevin gesagt.
Oma nahm Kevin unter ihre Fittiche, als hätte sie nur darauf gewartet. Sie fütterte ihn, schimpfte über seine Mathearbeiten und half ihm, bis er die Aufgaben verstand.
Viele Jahre später treffen sie sich noch immer an der Ostsee, sitzen mit Gitarren im Sand und essen Rührei auf Toast, als wären sie Könige.
Und sein Vater? Tobias liebt ihn. Inzwischen hat er Halbgeschwister, und sie kommen alle miteinander aus. Doch zwischen Wilhelm und Tobias ist etwas geblieben, das niemand mehr zerbrechen konnte. Ein Band, das keine Lüge der Welt je wirklich berührt hatte.