„Entschuldigt meine Kuh, sie hat sich schon wieder vollgestopft!“ — Als ihr Mann diesen Satz vor allen Gästen sagte, begriff Anna, dass sie nicht länger in einem Haus der Liebe lebte, sondern in einem Käfig aus Spott und Erniedrigung
„Entschuldigt meine Kuh! Sie hat sich schon wieder den Bauch vollgeschlagen!“ Florians Stimme, sonst weich, sicher und fast schmeichelnd, fuhr an diesem Abend durch das festlich geschmückte Esszimmer wie ein Peitschenhieb. Die Wärme des Abends zerbrach in einem einzigen Augenblick, und jeder am Tisch spürte, wie scharf dieser Satz traf.
Anna erstarrte mit der Gabel in der Hand. Für einen Moment wirkte sie nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie eine Figur aus kaltem Stein, gefangen zwischen Scham und ungläubigem Entsetzen. Das Stück Schwarzwälder Schinken, das sie eben noch vorsichtig aufgenommen hatte, blieb in der Luft hängen und erreichte den feinen Porzellanteller nicht. Sie saß ihrem Mann gegenüber, zart und schmal, als hätte der Herbstwind sie aus Spinnweben gewebt, und fühlte, wie sich Dutzende Blicke in sie bohrten: mitleidig, verwirrt, peinlich berührt, manche sogar neugierig. Plötzlich kam ihr der eigene Körper fremd vor, schwer und ungehorsam, während ihr Herz bis in den Hals schlug und ihr die Luft abschnürte.
Markus, Florians bester Freund, verschluckte sich an seinem teuren Winzersekt; die goldenen Perlen im Glas zischten, als wollten sie seinen Protest übernehmen. Neben ihm saß seine Frau Katrin. Ihr Mund öffnete sich vor Fassungslosigkeit, doch kein Laut fand den Weg durch die dicke, klebrige Beklemmung, die sich in ihrer Kehle festgesetzt hatte. An dem langen Tisch, der sich unter Braten, Salaten, Pasteten und feinem Gebäck bog, breitete sich eine Stille aus, so schwer, dass selbst das leise Klirren eines Messers wie ein Verrat geklungen hätte.
„Florian, was redest du da eigentlich?“ Markus war der Erste, der das Schweigen durchbrach. Seine Stimme klang rau und unsicher.
„Was denn?“ Florian lehnte sich mit gespielter Gelassenheit auf dem schweren Biedermeier-Stuhl zurück und genoss sichtlich die Wirkung seiner Worte. Sein Blick wanderte über die Gesichter der Gäste, als suche er Beifall. „Darf man jetzt nicht einmal mehr die Wahrheit sagen? Meine kleine Trantüte hat sich wieder maßlos überfressen. Mit ihr kann man sich ja kaum noch unter Leute trauen. Sie kocht, als müsste sie einen ganzen Stammtisch versorgen, nicht ein paar Gäste.“
Anna saß da, und ihre Wangen brannten. Doch es war keine einfache Verlegenheit. Es war die Hitze der Demütigung, die von innen her fraß. Bittere, gefährlich nahe Tränen stiegen ihr in die Augen, aber wie immer zwang sie sie zurück, tief hinunter, dorthin, wo niemand sie sehen konnte. In drei Jahren Ehe hatte sie diese Kunst gelernt. Zuerst hatte sie ins Kissen geweint, dann im Bad, später waren die Tränen einfach versiegt. Wozu weinen, wenn jede Träne den Menschen nur stärker machte, der sie verletzte?
„Ach komm, Florian“, murmelte Jonas vom anderen Ende des Tisches, sichtlich bemüht, den untergehenden Abend irgendwie zu retten. „Anna ist doch eine hübsche Frau. Du kannst dich glücklich schätzen.“
„Hübsch?“ Florian schnaubte. Sein Lachen klang falsch und hart, wie Metall auf Stein. „Hast du sie mal ohne diese ganzen Kosmetiktricks gesehen? Morgens, ganz schlicht und grau? Manchmal wache ich auf und erschrecke mich richtig: Wer liegt denn da neben mir? Wo kommt dieses Wesen her?“
Jemand am Tisch kicherte nervös, verstummte aber sofort unter Katrins strengem Blick. Die anderen Gäste taten plötzlich, als seien die Muster auf den Tellern von außerordentlicher Bedeutung. Genau in diesem Augenblick stand Anna auf. Langsam, beinahe traumwandlerisch. Jeder Schritt kostete sie Kraft, als müsse sie Stück für Stück ihre eigene Würde vom Boden lösen.
„Ich gehe kurz zur Toilette“, flüsterte sie so leise, dass die Worte kaum über den Tisch kamen. Ohne jemanden anzusehen, verließ sie das Zimmer und nahm die letzten Reste ihres zertretenen Stolzes mit sich.
„Na bitte, jetzt ist sie beleidigt!“ Florian hob mit gönnerhafter Miene die Hände. „Kennt man ja. Gleich kommt sie zurück, macht einen Schmollmund und schweigt bis morgen früh. Frauen muss man eben manchmal kurz halten, sonst wuchern sie einem über den Kopf wie Schimmel.“
Markus sah seinen Freund an. Den Mann, mit dem er fünfzehn Jahre geteilt hatte, von der sorglosen Studienzeit bis in ein erwachsenes, ordentliches Leben hinein. Doch in diesem Moment erkannte er ihn nicht wieder. Früher war Florian der Mittelpunkt jeder Runde gewesen: charmant, großzügig, witzig, einer, der Räume heller machte, wenn er sie betrat. Als er Anna geheiratet hatte, hatten sich alle gefreut. Sie war fein wie eine Porzellanfigur, mit großen braunen Augen, in denen eine stille Weite lag; er war attraktiv, erfolgreich, sicher im Auftreten. Es hatte ausgesehen, als hätte das Schicksal zwei passende Hälften zusammengefügt.
Aber irgendwann war etwas gesprungen. Leise, fast unmerklich, wie ein feiner Riss in einem alten Spiegel. Zuerst kamen die angeblich harmlosen Spitznamen. Vor Freunden nannte Florian seine Frau „mein Dummchen“, „mein Tollpatsch“, „meine kleine Unfähige“. Alle lächelten verlegen und redeten sich ein, es sei eben ein merkwürdiger Ehehumor. Dann aber begann die eigentliche Hölle. Aus Späßen wurden Sticheleien, aus Sticheleien offene Erniedrigungen.