Fremde Spielregeln: Wie eine einsame Frau in Dubai einem reichen Verführer vertraute, ihren Mann verriet und erst im Schmerz verstand, warum glänzende Versprechen in den Emiraten gefährlich sein können
Ich heiße Claudia. Ich bin diese Frau, die eines Tages ihren Mann wegen eines charmanten Arabers verriet, an ein funkelndes Märchen aus Dubai glaubte und beschloss, bei einem Menschen zu bleiben, den sie vorher nur wenige Male gesehen hatte. Von außen wirkt das wie reine Torheit. Damals aber war ich überzeugt, zum ersten Mal in meinem Leben nicht Pflicht, Gewohnheit oder Angst zu wählen, sondern Liebe.
Manchmal ist das Leben wie ein riesiger Topf mit zäher Suppe: Es kocht, blubbert, dampft, und doch schmeckt jeder Tag gleich. Ich war achtundvierzig. Ich arbeitete als Köchin in der Kantine einer Gesamtschule, und der Geruch von gekochtem Kohl, Haferbrei, angebratenen Zwiebeln und Kinderlärm hatte sich so tief in mich gefressen, dass er mich sogar nachts zu verfolgen schien.
Mein Morgen begann immer gleich. Aufstehen um halb sechs, Tuch um die Haare, Herde prüfen, Wasser für den Brei aufsetzen, schwere Töpfe, Messer, Zwiebeln, Möhren. Meine Hände rochen längst nach Küche, und in mir wohnte etwas Leises, Unerfülltes, Namenloses. Mein Mann Thomas war Fernfahrer.
Zu Hause tauchte er selten auf — für zwei Tage, manchmal für eine Woche. Er roch nach Diesel, Autobahn und Müdigkeit, schwer wie eine nasse Jacke. Wir redeten kaum noch miteinander. Alles war trocken geworden, eingeübt, wie nach Vorschrift: Er kam, aß, legte sich hin, schlief ein. Manchmal ertappte ich mich bei einem furchtbaren Gedanken: Ich wartete nicht auf seine Rückkehr, sondern auf den Tag, an dem er wieder losfahren würde, damit ich die Leere in seinen Augen nicht sehen musste.
Man sagt, Gewohnheit werde zur zweiten Natur. Aber was tut man, wenn die eigene Gewohnheit Einsamkeit heißt?
Die Kinder waren längst erwachsen. Unser Sohn lebte in Berlin, unsere Tochter in Hannover. Sie riefen selten an — jeder hatte sein eigenes Leben, seine Sorgen, Rechnungen und Pläne. Immer öfter fühlte ich mich überflüssig: für sie, für meinen Mann, sogar für mich selbst.
Nur die Schule hielt mich noch. Dort gab es Lärm, Rennen auf den Fluren, Kinder, die mich Frau Claudia nannten und lächelten, wenn ich ihnen Nachschlag gab. Manchmal, wenn ich ein riesiges Blech schrubbte, stellte ich mir vor, ich wüsche mit dem Fett und den angebrannten Krümeln auch die verlorenen Jahre von mir ab. Doch das Wasser lief in den Ausguss, und mein Leben blieb, wie es war.
Nach der Schicht ging ich durch eine schmale Straße zwischen schiefen Gartenzäunen nach Hause. Dort warteten der alte Teppich an der Wand, der Fernseher mit Nachrichten über Preise und Kriege, der Wasserkocher und die Stille. Ich brühte Tee auf, setzte mich ans Fenster und sah zu, wie grauer Schnee auf die Dächer fiel. Und eines Tages stieg in mir ein leiser, sturer Wunsch auf: wegfahren. Irgendwohin. Bis ans Ende der Welt. Dorthin, wo niemand wusste, wer ich war.
Manchmal nahm ich mein Handy und blätterte durch schöne Fotos. Meer, Palmen, Strände, Wolkenkratzer, leuchtende Städte. Am stärksten zog mich Dubai an — glänzend, unmöglich, fast wie gemalt. Ich war noch nie im Ausland gewesen. Nicht einmal am Meer hatte ich richtig Urlaub gemacht. Aber diese Lichter auf den Bildern riefen mir scheinbar zu: Komm, hier kannst du neu anfangen.
Ich holte die alte Blechdose hervor, in der ich jahrelang kleine Beträge versteckt hatte. Zehn Euro, zwanzig, manchmal hundert nach einer Sonderzahlung. Es reichte fast.
Ich saß vor diesem Geld und konnte mich nicht rühren. Es hätte für Zahnersatz gebraucht werden können, für Reparaturen, für schlechte Zeiten. Aber zum ersten Mal seit vielen Jahren zitterte ich nicht vor Angst, sondern vor Hoffnung. Lange schwieg ich. Dann ging ich in die Küche, goss mir Tee ein und sagte kaum hörbar:
— Claudia, entweder jetzt oder nie.
Als Thomas von der Strecke anrief, sprach ich wie immer: über die Schule, den Frost, das Auto des Nachbarn, das wieder die Einfahrt blockierte. Kein Wort davon, dass ich am nächsten Tag ins Reisebüro gehen würde. Er hätte es nicht verstanden. Er lebte selbst längst wie in seiner Lkw-Kabine: Route, Fahrt, Rastplatz, Zuhause. Und ich hatte plötzlich beschlossen, von dieser Straße abzubiegen.
Im Reisebüro roch es nach Kaffee und frischem Papier. Eine junge Frau mit leuchtendem Lippenstift lächelte mich an:
— Soll es eher ein ruhiger Urlaub sein oder etwas mit Abenteuer?
Ich wurde verlegen.
— Wahrscheinlich etwas mit Abenteuer, — antwortete ich und erschrak selbst über mich.
Am Abend holte ich den Koffer hervor. Alt, abgewetzt, noch aus der Zeit, als wir mit den Kindern zu Verwandten gefahren waren. Ich legte Kleider hinein, die ich seit Jahren nicht getragen hatte. Ein blaues, eins mit Blumen. Ich probierte sie an und sah lange in den Spiegel. Eine müde Frau blickte zurück. Aber keine tote. Eine lebendige. Eine, die früher einmal träumen konnte.
Ich schlief kaum. Draußen heulte der Wind, die Uhr tickte langsam, als wollte sie die Nacht absichtlich dehnen. In meinem Kopf kreisten Gedanken: „Was, wenn Thomas es erfährt? Was, wenn alles schiefgeht? Was, wenn ich es bereue?“ Doch die Sorge vermischte sich mit dem Gefühl von etwas Großem. Als hätte sich eine Tür, die mein ganzes Leben verschlossen gewesen war, endlich einen Spalt geöffnet.