Ich kam unangekündigt zu meinem 28-jährigen Sohn – und fand in seiner Wohnung eine fremde 45-jährige Frau vor, die seelenruhig in meinem Bademantel saß
Es gibt eine goldene Regel für jede halbwegs vernünftige Mutter eines erwachsenen Sohnes: Der Zweitschlüssel zu seiner Wohnung ist wie der Splint einer Granate. Er darf in der Handtasche liegen, für einen Weltuntergang, einen Brand oder eine Alien-Invasion – aber man zieht ihn niemals ohne Vorwarnung. Jedenfalls nicht, wenn man sich seelische Schäden und Situationen ersparen will, über die später schlechte Witze erzählt werden.
Ich bin keine von diesen Müttern mit Mottenkugeln im Kopf. Ich halte mich normalerweise strikt an Grenzen. Mein Sohn Moritz ist achtundzwanzig, erfolgreicher ITler, lebt in einer hübschen Zweizimmerwohnung, die wir ihm damals beim Kauf mitfinanziert haben. Er hat sein Leben, ich meines. Doch an jenem verhängnisvollen Samstag hatte der berüchtigte rückläufige Merkur offenbar beschlossen, auf meinem Instinkt Stepptanz zu tanzen.
Ich kam gerade vom Notar und hielt unterwegs noch bei einer hervorragenden Bäckerei. Dort kaufte ich Moritz’ Lieblingscroissants mit Mandelcreme. Ich wollte ihn anrufen, doch mein Handy war ausgerechnet komplett leer. Bis zu seiner Wohnung waren es keine fünf Minuten. „Ach, was soll schon passieren?“, dachte ich leichtfertig. „Es ist elf Uhr vormittags. Im schlimmsten Fall stelle ich die Tüte in die Küche, schreibe einen Zettel und verschwinde wieder leise.“
Ich drehte den Schlüssel lautlos im Schloss. In der Wohnung war es still. Nur aus dem Bad hörte man Wasser rauschen. Moritz war unter der Dusche.
Ich zog die Schuhe aus, ging den Flur entlang und bog in die Küche ab, um die Tüte mit den Croissants auf dem Tisch abzustellen. Ich trat durch den Türrahmen – und erstarrte.
An der Bar saß eine Frau.
Sie war ganz sicher keine zwanzig mehr. Auch keine dreißig. Nicht einmal fünfunddreißig. Eher diese selbstbewussten fünfundvierzig. Gepflegt, geschniegelt, mit perfekt geföhntem Salonblond, das in lässigen Wellen fiel, und einem dichten Morgen-Make-up – Sie wissen schon, diese Art von Make-up, das manche Frauen im Bad eines fremden Mannes um sechs Uhr früh auftragen, damit er die Augen aufschlägt und sie bereits geschniegelt vorfindet.
Sie trank Kaffee aus meiner Lieblingstasse, die ich Moritz einmal aus Barcelona mitgebracht hatte. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war: Sie saß geschniegelt und geschniegelt mit übereinandergeschlagenen Beinen in meinem. Persönlichen. Bademantel.
Es war ein schwerer, luxuriöser Seidenmantel in Smaragdgrün mit goldener Stickerei. Ich hatte ihn bei Moritz gelassen, für die seltenen Nächte, in denen ich dort blieb – etwa bei Renovierungen oder wenn ich auf eine Möbellieferung wartete. Es war mein Stück, durchtränkt von meinem Parfüm, hinten im Gästeschrank aufgehängt.
Wir sahen uns an. Zu ihrer Ehre muss man sagen: Sie wirkte kein bisschen verlegen. Sie musterte mich prüfend, nahm einen Schluck Kaffee und strich mit beinahe majestätischer Ruhe über den seidigen Kragen – meinen seidigen Kragen – an ihrem Hals.
„Sie müssen wohl Frau Berger sein?“, sagte sie mit samtiger, leicht rauer Stimme. „Moritz hat erzählt, dass Sie manchmal vorbeikommen, um sauber zu machen. Ich bin übrigens Sabine.“
In meinem Kopf krachten in genau diesem Moment zwei Güterzüge frontal ineinander: „Was zum Teufel passiert hier?“ und „Hat sie mich gerade für die Putzfrau gehalten?“ Altersmäßig lagen zwischen uns höchstens sechs Jahre.
Langsam stellte ich die Papiertüte mit den Croissants auf die Arbeitsplatte. Mein innerer Satiriker war augenblicklich hellwach, streckte sich genüsslich und rieb sich die Hände. Kein Geschrei. Kein Ohnmachtsanfall. Nur eiskalte, chirurgisch präzise Höflichkeit.
„Sehr erfreut, Sabine“, sagte ich und stützte mich auf die Lehne des Barhockers ihr gegenüber. „Hier putzt dienstags ein Reinigungsservice. Ich bin heute nur hier, um dieses ausgesprochen malerische Bild zu genießen: eine Dame im besten Alter, kaum aus dem Bett eines fremden Mannes getrocknet, die sich bereits höchst komfortabel in einem fremden Kleiderschrank einrichtet.“
Sabine verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. Ihr geschniegeltes Blond verlor schlagartig jeden Glanz.
„Wie bitte – fremder Kleiderschrank?“, empörte sie sich und versuchte dabei krampfhaft, ihre mondäne Fassade zu retten. „Moritz hat mir diesen Mantel selbst gegeben! Er meinte, der hinge hier nur ungenutzt herum! Und überhaupt reagieren Sie reichlich seltsam auf das Privatleben Ihres erwachsenen Sohnes. Moritz und ich meinen es ernst. Liebe kennt schließlich kein Alter!“
„Die Liebe kennt kein Alter, Sabine. Aber mangelnde Grundhygiene und fehlende Manieren sind sehr wohl ein Problem“, erwiderte ich und lächelte so sanft, dass sie ganz instinktiv die Schultern hochzog. „Es ist mir völlig gleich, ob mein Sohn mit Frauen seines Alters schläft oder lieber Damen bevorzugt, die sich noch an die Olympischen Spiele von 1980 erinnern. Das ist seine Sache und seine Verantwortung. Aber in diesem Moment sitzen Sie in meinem teuren Seidenbademantel, den Sie direkt auf Ihrer nackten Haut tragen. Sie trinken aus meiner Tasse. Und benehmen sich in fremden vier Wänden bereits so, als hätten Sie die Hälfte der Wohnung vor Gericht zugesprochen bekommen.“
Da verstummte das Wasser im Bad. Ein Schloss klickte, und Moritz kam in den Flur – nur mit einem Handtuch um die Hüften, geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt 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geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt geschniegelt und völlig ahnungslos.
Er betrat die Küche und rubbelte sich mit einem zweiten Handtuch die Haare trocken.
„Sabinchen, hast du mir Kaffee gemacht?“, fragte er im Hineingehen und hob den Blick.
Dann sah er mich.
Gegen diesen Augenblick wirkte das Gemälde „Unerwarteter Besuch“ geradezu untertrieben. Moritz’ Kinnlade löste sich lautlos und segelte irgendwo in Richtung seines perfekt trainierten Bauchs.
„Mama?!“ Meineiner, der sonst so kernige achtundzwanzigjährige IT-Spezialist, klang plötzlich wie ein Schuljunge, den man hinter der Garage beim Rauchen erwischt hat. „Wie… wie kommst du denn hier rein?“
„Zu Fuß, mein Junge. Durch die Tür“, sagte ich, richtete mich auf, nahm meine Handtasche und zog den Riemen zurecht. „Ich habe dir Croissants zum Frühstück gebracht. Aber ich sehe schon, es herrscht hier auch so kein Mangel: eine ernsthafte Frau ist da, Kaffee ist gekocht.“
„Mama, ich kann das erklären!“, stammelte Moritz und griff nervös nach seinem Handtuch. „Das ist Sabine, sie… also wir…“
„Moritz, atme erst einmal aus“, unterbrach ich ihn und hob die Hand, bevor dieser jämmerliche Strom aus Ausreden noch länger werden konnte. „Dein Ausweis liegt sicher in deiner Schublade, du bist volljährig. Wen du in deine Wohnung mitnimmst, ist deine Sache. Du könntest hier meinetwegen auch einen ganzen Männerchor einquartieren. Ich habe nur eine einzige Frage: Seit wann verteilst du meine persönlichen Sachen an deine Übernachtungsgäste?“
Moritz wurde kreidebleich und blickte erst zu Sabine, dann zum Mantel. Offenbar begriff er erst jetzt das ganze Ausmaß der Katastrophe.
„Ich… ich hab nicht nachgedacht, Mama. Ihr war kalt nach dem Duschen, sie wollte sich etwas überwerfen. Ich hab den Gästeschrank aufgemacht, da hing der Mantel… Ich dachte, das wäre einfach irgendein Ersatzding.“
Ich sah zu der so „ernsthaften Frau“ Sabine hinüber. Von ihrer Überlegenheit war nichts mehr übrig. Sie saß zusammengesunken da, rot wie ein gekochter Krebs, und knetete hektisch den Saum meines smaragdgrünen Seidenstoffs.
„Sabine“, sagte ich ruhig, aber mit Metall in der Stimme. „Ich bitte Sie sehr: Ziehen Sie ihn aus. Sofort. Sie können sich gern in eine Decke wickeln oder sich von Moritz ein T-Shirt leihen. Aber meinen Bademantel legen Sie bitte auf den Stuhl.“
Sie sagte kein Wort. Mit hochrotem Gesicht rutschte sie vom Hocker. Der Mantel glitt zu Boden – und dabei zeigte sich, dass sie tatsächlich nichts darunter trug. Moritz warf ihr hektisch sein Handtuch zu, in das sie sich augenblicklich einwickelte, beinahe bis über den Kopf, und dann schoss sie wie eine Kugel aus der Küche ins Schlafzimmer.
Ich hob den Mantel auf. Sorgfältig faltete ich ihn zusammen.
„Ich bringe ihn in die Reinigung“, sagte ich ruhig zu meinem noch immer wie angewurzelt dastehenden Sohn. „Die Croissants liegen auf dem Tisch. Und den Schlüssel lasse ich übrigens hier. Damit ich das Schicksal nicht weiter herausfordere und euer… ernsthaftes Privatleben nicht störe. Wenn du mich sehen willst, ruf an.“
Ich legte den Zweitschlüssel neben die Tüte aus der Bäckerei, ging in den Flur, zog meine Schuhe an und schloss die Tür hinter mir.
Als ich mit dem Aufzug nach unten fuhr, war ich zu meiner eigenen Überraschung weder wütend noch verletzt. In mir brodelte nur ein kaum zu bändigendes Lachen. Die ganze Szene war so absurd, so karikaturenhaft, so filmreif, dass ich einfach nicht böse sein konnte.
Am Abend stand Moritz natürlich bei mir vor der Tür. Mit einem riesigen Blumenstrauß, schuldbewusstem Gesicht und einer Torte. Er entschuldigte sich endlos wegen des Mantels, beteuerte, das alles sei wirklich nur aus Dummheit passiert, und erklärte mir außerdem, Sabine sei ohnehin bloß eine „vorübergehende Schwärmerei“ gewesen. Nach meinem Auftritt habe sie nämlich mit atemberaubender Geschwindigkeit ihre Sachen gepackt, seine Nummer blockiert und sei verschwunden.
Wir saßen später in meiner Küche und tranken Tee.
„Weißt du, Mama“, sagte er nachdenklich und stocherte mit der Gabel in seinem Honigkuchen herum, „eigentlich hattest du mit dem Schlüssel recht. Nimm ihn lieber wieder mit. Aber ich werde von jetzt an die Sicherheitskette von innen vorlegen.“
„So ist es richtig, mein Sohn“, erwiderte ich grinsend. „Persönliche Grenzen muss man schützen. Genau wie die Seidenbademäntel der eigenen Mutter.“
Seit diesem Tag habe ich jede Lust verloren, erwachsenen Kindern Überraschungsbesuche zu machen. Was auch immer auf ihren Quadratmetern geschieht – es ist ihr Kloster, ihre Hausordnung und ihre eigene Harke, auf die sie treten dürfen, so oft sie wollen.
Und doch beschäftigt mich eine Sache bis heute: Woher kommt diese erstaunliche weibliche Dreistigkeit? In ein fremdes Zuhause zu spazieren, einen fremden Schrank zu öffnen, ein fremdes Kleidungsstück anzuziehen und dabei dazusitzen wie die Herrin des Hauses. Was ist das? Mangel an Erziehung? Der Versuch, sich selbst Bedeutung zu verleihen? Oder einfach diese heilige, unerschütterliche Gewissheit: „Jetzt gehört hier sowieso alles mir“?
Ist Ihnen so etwas mit unangekündigten Besuchen auch schon passiert? Und wie hätten Sie reagiert, wenn Sie in Ihrer liebsten Hauskleidung plötzlich eine völlig fremde, erwachsene Frau erwischt hätten?