Ich stand mit den Schlüsseln vor der Tür, und was mich in dieser Nacht erwartete, war eine Wendung, auf die mich selbst der Krieg nicht vorbereitet hatte
Von alledem erfuhr ich erst eine Stunde, nachdem ich aus dem Zug gestiegen war – mit meinem Veteranenausweis in der Tasche und einem Strauß weißer Chrysanthemen, den ich unterwegs für sie gekauft hatte.
Der Zug lief um Mitternacht ein. Ich stand auf dem Bahnsteig und sah auf den Bahnhof, der mir schmerzhaft vertraut war – die abgeplatzte Farbe, dieselbe kaputte Bank, auf der wir Jungs nach dem Abschlussbier gesessen hatten. Zwei Jahre waren vergangen, und doch schien hier alles unverändert geblieben zu sein.
Nur in mir war nichts mehr wie früher. In der Tasche meiner Weste steckten der Veteranenausweis, zwei Orden und das Foto meiner Mutter, das ich durch all diese Höllen mit mir getragen hatte. Durch Saporischschja. Durch Soledar. Durch das Lazarett, in dem die Ärzte mich nach jenem Einschlag aus Einzelteilen wieder zusammensetzten.
Ich hatte überlebt. Ich war endlich zurück. Und bis nach Hause waren es nur noch zwanzig Minuten zu Fuß quer durch die Stadt. Absichtlich hatte ich nicht angerufen. Ich wollte ihr Gesicht in genau dem Moment sehen, in dem sie die Tür öffnet und mir einfach an die Brust sinkt.
Ich wollte den Geruch ihrer Piroggen einatmen, wollte hören, wie sie mich „mein Sohn“ nennt. Ich wollte, dass sie mich an der Schwelle bekreuzigt, so wie immer, wenn ich wegging. Vielleicht klang das lächerlich für einen Mann, der den Fleischwolf des Krieges durchlebt hatte.
Aber eine Mutter ist heilig. Sie war das Einzige, was mich dort in den Schützengräben aufrecht hielt, wenn alles in mir zusammenbrach. Ich zog den Riemen meines Armeerucksacks zurecht, nahm den Strauß in die andere Hand und ging in Richtung unserer Siedlung.
Es fühlte sich seltsam an, diesen Ort überhaupt „unsere“ Siedlung zu nennen. Ich war in einer gewöhnlichen Chruschtschowka aufgewachsen. Aber als meine Mutter Roman Sergejewitsch heiratete, änderte sich alles. Mein Stiefvater war ein Mann mit Geld, mit Einfluss in der Stadt, mit den richtigen Verbindungen.
Er holte uns aus der alten Wohnung und brachte uns in seine Villa. Damals diente ich schon auf Vertrag und kannte das Haus nur von den Fotos, die meine Mutter mir geschickt hatte. Schön. Teuer. Fremd.
Die Stadt schlief. Nur die Laternen spiegelten sich trüb in den Pfützen vom letzten Regen, und irgendwo in der Ferne bellten Hunde. Mit jedem Schritt wuchs in mir eine seltsame Anspannung. Nicht ganz Vorahnung, nicht ganz Angst.
Normalerweise verließ ich mich auf mein Bauchgefühl. Dort vorne hatte es mir mehr als einmal das Leben gerettet. Aber jetzt zwang ich diese Gedanken fort. Ich war zu Hause. Alles lag hinter mir. Gleich würde ich meine Mutter sehen, und jeder Rest von Furcht würde verschwinden.
Ich bog vom Asphalt auf den Feldweg ab, der zu unserer Siedlung führte. Vor mir schimmerten bereits zwischen den Kronen der alten Pappeln die Lichter der großen Häuser, in denen die Reichen dieser Stadt noch wach waren. Und je näher ich kam, desto klarer verstand ich, warum ich mich unwohl fühlte.
Die Musik war laut, schwer, voller Bässe, die selbst aus der Ferne in den Ohren dröhnten. Sie kam genau aus der Richtung unserer Villa. Seltsam. Meine Mutter hatte doch geschrieben, mein Stiefvater sei geschäftlich verreist.
Sie hatte geschrieben, dass sie mich vermisst und jeden Abend für mich betet. Und hier lief offenbar ein Fest auf voller Lautstärke. Dem Klang nach war nicht nur eine Flasche teuren Alkohols geöffnet worden, sondern gleich mehrere.
Ich beschleunigte meinen Schritt auf der dunklen Straße. Der Strauß Chrysanthemen wirkte plötzlich fehl am Platz. Wozu Blumen mitbringen an einen Ort, an dem die Musik dröhnt und die Stimmen verraten, dass längst zu tief ins Glas geschaut wurde?
An der Biegung, wo die alte Weide ihre Äste bis fast auf den Boden senkte, stieß ich beinahe mit jemandem zusammen. Eine Frau schoss so unerwartet aus der Dunkelheit, dass mein militärischer Instinkt schneller reagierte als mein Verstand. Ich nahm den Strauß in die linke Hand, ballte die rechte zur Faust und trat einen Schritt zurück.
Doch schon im nächsten Augenblick lockerte ich die Finger wieder. „Tante Nina“, stieß ich hervor, als ich in der zitternden Gestalt unsere alte Nachbarin erkannte. Sie starrte mich an, als hätte sie den Leibhaftigen vor sich.
Ihr Gesicht, das im fahlen Schein der entfernten Laterne lag, war kalkweiß geworden. Die Tüte, die sie in den Händen hielt, fiel ihr zu Boden. Rückwärts taumelnd schlug sie mit zitternder Hand ein Kreuz vor sich.
„Heilige Mutter Gottes“, flüsterte sie und spuckte sich über die Schulter. „Unreine Macht… Vaterunser… Serjoscha, komm nicht, mein Junge, quäl uns nicht… Herr, gib deinem Diener Frieden.“
„Tante Nina…“ Ich machte einen Schritt auf sie zu, und sie schrie auf, riss die Hände vors Gesicht. „Tante Nina, ich bin’s. Ich lebe.“ Ich griff nach ihrem Handgelenk.
Ihre Haut war eisig und trocken wie Pergament. Sie zuckte zusammen, starrte auf meine Hände, dann auf mein Gesicht. Und plötzlich blinzelte sie hastig, als wollte sie ihren Blick erst richtig scharf bekommen.
„Lebendig?“