Ich verabschiedete mich von meiner Schwiegermutter, doch aus Versehen blieb die Verbindung offen — und was ich danach hörte, zerstörte meine Ehe in nur wenigen Minuten
Lena stellte ihre Tasse Kamillentee auf den niedrigen Glastisch und ließ sich erschöpft in den Sessel sinken.
Nach jedem Gespräch mit ihrer Schwiegermutter blieb ein schwerer, unangenehmer Nachgeschmack zurück, obwohl Hannelore Wagner stets sanft, beinahe vorsichtig mit ihr sprach. Auch diesmal, als sie wieder um finanzielle Unterstützung bat, entschuldigte sie sich fast nach jedem zweiten Satz.
— Lenchen, verzeih mir bitte, dass ich dich schon wieder belästige, — sagte die ältere Frau mit schuldbewusster Stimme. — Ich weiß ja selbst, dass ich viel zu oft ankomme. Aber der Arzt hat ausdrücklich gesagt, dass ich die Behandlung nicht abbrechen darf. Und mit meiner Rente, das verstehst du doch…
Lena nickte mitfühlend, obwohl ihre Gesprächspartnerin sie natürlich nicht sehen konnte.
Vor drei Monaten hatte Hannelore ihr unter Tränen von der Diagnose erzählt: beginnende Arthrose, regelmäßige teure Anwendungen, ohne die sie angeblich irgendwann kaum noch laufen könne. Lena hatte damals nicht einmal daran gedacht, Nein zu sagen. Fünfhundert Euro im Monat waren für ihr Unternehmen keine Summe, die alles ins Wanken brachte, und die Gesundheit eines nahestehenden Menschen erschien ihr wichtiger als jede Zahl auf dem Konto.
— Frau Wagner, bitte machen Sie sich keine Sorgen, — antwortete sie warm. — Ich überweise Ihnen morgen den Betrag. Und hören Sie bitte auf, sich ständig zu entschuldigen. Wir gehören doch jetzt zur selben Familie.
— Ach, Lenchen, du bist wirklich ein Engel! Unser Markus hat so ein Glück gehabt, eine Frau wie dich zu finden. Womit habe ich nur so viel Gutes verdient?
Lena hörte sich noch einige Minuten lang weitere Dankesworte an, verabschiedete sich schließlich und drückte auf die Taste zum Auflegen. Für lange, leere Telefongespräche fehlte ihr schlicht die Zeit.
Ihre Damenmodemarke „Lena & Stil“ verlangte täglich ihre volle Aufmerksamkeit. Am nächsten Tag sollte die neue Kollektion vorgestellt werden, und einen Tag später standen entscheidende Gespräche mit einem möglichen Investor an. Mit achtundzwanzig Jahren führte Lena ein Team von dreißig Angestellten. Aus dem kleinen Start-up, das ihr Vater einst angestoßen hatte, war durch jahrelange Arbeit eine ernstzunehmende, bekannte Marke geworden.
Sie griff gerade nach dem Tablet, um die letzten Entwürfe zu prüfen, als sie plötzlich vertraute Stimmen hörte. Zuerst dachte sie, im Nebenzimmer laufe der Fernseher; Markus ließ gern irgendwelche Talkshows im Hintergrund laufen. Doch eine der Stimmen klang verblüffend nach der ihrer Schwiegermutter.
— Markus, diesmal habe ich wieder Glück gehabt! Morgen macht deine Frau mir erneut die Hand vergoldet! — lachte Hannelore fröhlich.
Lena erstarrte.
Das war tatsächlich ihre Schwiegermutter. Aber woher kam ihre Stimme? Lena sah auf ihr Handy und bemerkte den leuchtenden Bildschirm: Der Anruf war noch aktiv. Offenbar hatte die Taste beim Beenden des Gesprächs nicht reagiert.
— Wie viel bekommst du diesmal? — fragte Markus.
Lenas Herz begann schneller zu schlagen. Ihr Mann sollte eigentlich im Büro sein und an dem wichtigen Relaunch der Firmenwebsite arbeiten. Warum saß er mitten am Arbeitstag bei seiner Mutter?
— Fünfhundert, wie immer. Es ist fast rührend, wie ehrlich sie sich um meine Gesundheit sorgt.
Wieder erklang Gelächter. Hannelore lachte. Und Markus lachte mit.
— Mama, du bist wirklich genial! Diese erfundene Arthrose war einfach eine großartige Idee.
Lena hob vorsichtig das Telefon an. Ihre Finger zitterten kaum sichtbar.
Was hieß hier „erfunden“? Sie hatte doch selbst die ärztlichen Bescheinigungen und Verordnungen gesehen, die Hannelore ihr gezeigt hatte.
— Ach, genial bin ich nicht, — schnaubte die Schwiegermutter. — Deine Frau ist einfach ein unglaublich naives Dummchen. Aber immerhin ein großzügiges, und das ist eine sehr nützliche Eigenschaft. Nutz deine Chancen, mein Junge. Nur den richtigen Moment darfst du nicht verpassen.
— Den verpasse ich nicht. Ich will ein neues Auto aus dem Autohaus. Und zwar keinen billigen Kleinwagen, sondern etwas Ordentliches, am liebsten einen Mercedes. Unter achtzigtausend Euro brauchen wir gar nicht anfangen.
— Na hör mal! Du hast ja Ansprüche!
— Soll ich etwa mein Leben lang mit meinem alten Opel herumfahren? Ich habe schließlich nicht grundlos eine reiche Frau geheiratet.
Eine reiche Frau geheiratet. Chancen nutzen.
Lena atmete mehrmals langsam und tief ein. Ihr Verstand weigerte sich, das Gehörte anzunehmen.
Das sagte ihr Markus. Derselbe leichte, charmante Mann mit dem wunderbaren Humor, der sie innerhalb weniger Wochen um den Finger gewickelt hatte. Markus, den sie in ihrem eigenen Büro kennengelernt hatte und in den sie sich verliebt hatte wie ein Schulmädchen. Markus, der ihr vor einem halben Jahr mit feuchten Augen einen Antrag gemacht und von großer Liebe, gemeinsamer Zukunft und einem Leben zu zweit gesprochen hatte.
— Sei nur vorsichtig, damit sie nichts merkt, — warnte Hannelore fast flüsternd. — Lena ist gutgläubig, aber ganz dumm ist sie nicht, sonst hätte sie so ein Geschäft nicht groß gemacht.
— Mama, red keinen Unsinn. Sie ist im Moment so verliebt, dass sie mir notfalls die Sterne vom Himmel holen würde. Ich muss es ihr nur richtig verkaufen. Ich erkläre ihr, dass ein teures Auto für die Arbeit nötig ist, fürs Auftreten, für Kundentermine und den geschäftlichen Eindruck.
— Sehr gut! Ich hatte schon Angst, du suchst dir irgendein flatterhaftes, leeres Püppchen. Aber du hast sogar beim Verlieben richtig gewählt.
— Verlieben? — Markus lachte spöttisch. — Mama, du hast wirklich Fantasie. Sehe ich aus wie ein hoffnungsloser Romantiker? Ich habe mich einfach gut eingerichtet. Privat und beruflich.
Lena schloss die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen. Die sechs Monate Ehe, die sie für die glücklichste Zeit ihres Lebens gehalten hatte, waren für ihren Mann also nur ein vorteilhaftes Geschäft gewesen. Und die Krankheit seiner Mutter, die es gar nicht gab, war nichts weiter als eine bequeme Methode, regelmäßig Geld aus ihr herauszuholen.
— Ein bisschen unheimlich ist mir das trotzdem, — fuhr Hannelore fort. — Was, wenn sie eines Tages vorschlägt, mit mir zusammen zum Arzt zu gehen?
— Entspann dich, Mama. Erstens hat Lena überhaupt keine freie Zeit. Zweitens versteht sie nichts von Medizin. Ihr reichen gefälschte Unterlagen völlig aus. Falls sie doch Fragen stellt, sage ich einfach, dass dir gemeinsame Arztbesuche peinlich sind. Oder mir fällt etwas anderes ein. Mach dir keinen Kopf.
Lena führte das Telefon näher ans Ohr.
Die Unterlagen, die ihre Schwiegermutter ihr so rührend gezeigt hatte, waren also gefälscht. Und sie selbst hatte nicht einmal versucht, ihre Echtheit zu prüfen. Zweifelten anständige Menschen denn an den Worten einer kranken Angehörigen?
— Übrigens, — sagte Markus nun sachlicher, — in zwei oder drei Monaten müssen wir die Geschichte mit den Anwendungen langsam auslaufen lassen. Dann fange ich an, sie auf das Auto vorzubereiten. Irgendwie verbinde ich das mit beruflicher Notwendigkeit.
— Und wenn Lena vorschlägt, den Wagen über die Firma zu kaufen?
— Wird sie nicht. Bei ihr ist alles sauber getrennt: Arbeit ist Arbeit, Familie ist Familie. Wahrscheinlich hat ihr Papi ihr das so beigebracht, als er ihr die fertige Firma auf dem Silbertablett serviert hat.
Lena presste die Fäuste so fest zusammen, dass es schmerzte.
Als hätte sie das Unternehmen nicht fünf Jahre lang selbst aufgebaut. Als hätte sie nicht Nächte über Projekten verbracht, Kunden gesucht, Lieferanten überzeugt, Mitarbeiter eingestellt und Fehler ausgebügelt. Ihr Vater hatte ihr tatsächlich Startkapital gegeben und ihre Entscheidung unterstützt. Aber alles danach war ihre eigene Arbeit gewesen. In den Augen ihres Mannes blieb sie trotzdem nur ein reiches Dummerchen, dem der fürsorgliche Papa ein teures Spielzeug gekauft hatte.
— Weißt du, was besonders lustig ist? — fuhr Markus fort. — Sie glaubt wirklich, ich sei unsterblich in sie verliebt. Du müsstest sehen, wie Lena strahlt, wenn ich nach Hause komme. Wie ein kleines, zutrauliches Kätzchen.
— Markus, — die Stimme seiner Mutter wurde plötzlich weicher, — empfindest du denn wirklich gar nichts für sie? Im Grunde ist sie doch ein gutes Mädchen.
— Was haben Gefühle damit zu tun? Ich bin ja kein Unmensch. Natürlich ist sie mir sympathisch. Aber vor allem ist Lena praktisch. Hohes Einkommen, hervorragende Aussichten und eine schöne, wohlhabende Frau. Die meisten Männer können von so etwas nur träumen.
— Da hast du recht, — stimmte Hannelore zu. — Nur mach bitte nichts kaputt. Was, wenn sie doch irgendwann Verdacht schöpft?
— Sie wird nichts begreifen. Sie vertraut den Menschen zu sehr. Warum, glaubst du, habe ich ihr so schnell einen Antrag gemacht? Mir war klar, dass so eine Frau nicht lange allein bleibt: hübsch, erfolgreich und gutherzig. So eine Gelegenheit hätte sich vielleicht nie wieder ergeben.
Lena erhob sich langsam aus dem Sessel und ging zum Fenster. Hinter der Scheibe sah sie die Dächer der Einfamilienhäuser. Vor Kurzem hatte sie hier ein geräumiges, zweistöckiges Haus gekauft. Markus hatte scherzhaft gesagt, nun hätten sie endlich den perfekten Ort für große Familienfeiern. Noch vor einem halben Jahr hatten diese Worte so romantisch geklungen.
— Hör mal, lass uns am Wochenende ein Familienessen veranstalten, — schlug Markus plötzlich vor. — Lena hat doch neulich selbst gefragt, wann wir die Verwandten ins neue Haus einladen.
— Wozu brauchst du das?
— Ich zeige ihr, was für ein fürsorglicher Familienmensch ich bin. Dann ist sie in bester Stimmung, und ich kann das Thema Auto anschneiden. Nach so einem gemütlichen Abend wird sie ihrem geliebten Mann sicher nichts abschlagen.
Ein Familienessen. Lena lächelte unwillkürlich bitter.
Was für eine wunderbare Ironie. Genau davon hatte sie tatsächlich geträumt: ihre Verwandten in das neue Haus einzuladen, zu zeigen, wie harmonisch ihre Familie geworden war und wie gut alle miteinander auskamen. Besonders stolz war Lena auf ihr Verhältnis zu Hannelore gewesen. Nicht jede Schwiegertochter, dachte sie, bekam eine so weise und fürsorgliche Schwiegermutter.
— Du willst wirklich einen Familienabend machen?
— Natürlich. Wir laden deine Schwester mit ihrem Mann ein, meinen Bruder und die übrigen Verwandten. Lena wird glücklich sein, und ich bekomme mein Auto.
Am anderen Ende waren Schritte zu hören.
— Gut, Mama, ich muss los. Ich sollte ins Büro zurück, bevor jemand meiner Frau erzählt, dass ich gar nicht am Arbeitsplatz war.
— Geh, mein Junge. Aber denk daran: Man muss bei allem Maß halten. Ein Auto ist eine Sache, aber die Gans, die goldene Eier legt, schlachtet man nicht zu früh.
Lena hörte das Geräusch einer zufallenden Tür, dann ein Rascheln. Vermutlich nahm Hannelore endlich ihr eigenes Telefon in die Hand. Die Verbindung brach ab.
Mehrere Minuten stand Lena reglos vor dem Fenster und versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte.
Die Gans, die goldene Eier legt. Erstaunlich treffend.
Sie lachte leise auf und öffnete die App, die ihre Telefongespräche automatisch speicherte.
Diese Gewohnheit hatte sie sich im ersten Jahr als Unternehmerin angeeignet, nachdem ein Lieferant plötzlich nichts mehr von mündlichen Absprachen wissen wollte. Seitdem wurde jedes Gespräch sicher in einer geschützten Cloud abgelegt.
Die richtige Datei war vorhanden. Dreiundzwanzig Minuten. Darin enthalten: ihr Gespräch mit Hannelore und alles, was nach dem versehentlich nicht beendeten Anruf gefolgt war.
Lena spulte vor und hörte sich die wichtigsten Stellen noch einmal an.
„Ich habe eine reiche Frau geheiratet“, „ein naives und großzügiges Dummchen“, „die Gans, die goldene Eier legt“.
Jeder Satz tat weh. Aber gleichzeitig stieg in ihr eine kalte, klare Wut auf.
Ein halbes Jahr lang hatte sie in einer erfundenen Welt gelebt. In dieser Welt küsste ihr liebevoller Ehemann sie jeden Morgen zärtlich, bevor sie zur Arbeit ging, und ihre freundliche Schwiegermutter fragte nach ihrem Wohlbefinden und ihren Erfolgen. In Wahrheit hatten diese Menschen sie nur als verlässliche Geldquelle benutzt.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von Markus erschien:
„Schatz, ich komme heute später. Das Projekt ist kompliziert, ich muss noch am Layout arbeiten. Warte nicht mit dem Abendessen auf mich. Ich liebe dich.“
Lena las die Nachricht zweimal.
Ein kompliziertes Projekt. Natürlich. Mit der Mutter neue Methoden zu besprechen, wie man Geld aus ihr herauslocken konnte, erforderte zweifellos besondere Mühe. Am Ende der Nachricht prangte ein kleines Herz. Ihr Mann spielte die Rolle des verliebten Ehemanns hervorragend.
Sie begann zu tippen:
„Alles gut, Liebling. Überarbeite dich nicht!“
Dann löschte sie den Satz und schrieb nur: „Okay.“
Jetzt musste sie in Ruhe nachdenken.
Sie hätte schon am nächsten Tag die Scheidung einreichen, Markus mit einem einzigen Koffer vor die Tür setzen und versuchen können, diese Familie wie einen Albtraum zu vergessen. Doch ein solches Ende erschien ihr zu einfach. Ein halbes Jahr hatten sie sie belogen, ihre eigene Schlauheit genossen und sich über ihre Gutgläubigkeit lustig gemacht. Sollte das wirklich mit einem gewöhnlichen Abschied enden?
Das Familienessen, das Markus selbst vorgeschlagen hatte, bot die perfekte Gelegenheit, einen würdigen Schlussstrich zu ziehen.
Lena öffnete ihre Kontakte und rief ihre jüngere Schwester Sabine an.
— Lena, hallo! Wie geht es dir? Wir haben ja ewig nicht gesprochen.
— Hallo, Bine. Ich möchte dir etwas vorschlagen. Erinnerst du dich an das Haus, das ich kurz vor der Hochzeit gekauft habe?
— Natürlich! Ich habe die Fotos gesehen. Es ist unglaublich schön!
— Am Samstag möchte ich ein großes Familienessen machen und alle einladen. Könnt ihr mit Thomas kommen?
— Was für eine schöne Idee! Natürlich kommen wir. Wer wird noch da sein?
— Unsere Eltern, Hannelore, Markus’ Bruder mit Frau und Kindern. Ich denke, es werden ungefähr zehn Leute.
— Perfekt. Sollen wir etwas mitbringen?
— Nein, gar nichts. Ich bereite alles vor. Kommt einfach mit guter Laune.
Nach dem Gespräch stellte Lena die vollständige Gästeliste zusammen. Es würde wirklich eine interessante Runde werden. Besonders, wenn man bedachte, dass ihr Vater Markus nie ganz vertraut und ihn immer für etwas zu leichtsinnig gehalten hatte, auch wenn er es nie offen ausgesprochen hatte.
Die nächsten zwei Tage erinnerten an eine schlechte Familienserie.
Nach außen hin lebte Lena ganz normal weiter: Sie arbeitete, sprach mit ihrem Mann, beantwortete die fürsorglichen Nachrichten seiner Mutter. Gleichzeitig formte sich in ihr ein genau durchdachter Plan, der von Stunde zu Stunde klarer wurde.
Schon am nächsten Morgen brachte Markus das Familienessen selbst zur Sprache.
— Schatz, — sagte er beim Frühstück, — vielleicht laden wir am Wochenende alle in dein neues Haus ein?
— Was für ein schöner Gedanke! — antwortete Lena begeistert. — Ich habe neulich tatsächlich darüber nachgedacht. Wann machen wir es?
— Samstag wäre doch gut. Ich rufe Mama und meinen Bruder an, und du lädst deine Leute ein.
— Perfekt, so machen wir es.
— Das wird wunderbar.
Er küsste sie auf die Wange und ging, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Lena blieb in der Küche sitzen und trank langsam ihren Kaffee aus.
Ja, Markus. Es würde wirklich wunderbar werden.
Am Donnerstagabend schrieb Hannelore erneut:
„Lenchen, verzeih, dass ich schon wieder störe. Könntest du mir vielleicht noch hundert Euro überweisen? Der Arzt hat zusätzliche Medikamente verschrieben, und auf meinem Konto ist kaum noch etwas.“
Lena überwies das Geld und fragte sich dabei, wofür diese Summe in Wirklichkeit ausgegeben werden würde.
Für eine neue Handtasche? Ein Essen in einem teuren Restaurant? Vielleicht für Möbel oder ein neues Haushaltsgerät?
„Natürlich, Frau Wagner. Das Geld ist schon unterwegs. Ich freue mich sehr auf Samstag!“
„Danke, mein Kind! Ich kann es kaum erwarten, dein wunderschönes Haus zu sehen.“
Lena lächelte kalt und legte das Handy beiseite.
Der Samstag war sonnig und warm.
Schon am Morgen kümmerte sie sich um die letzten Vorbereitungen: Sie prüfte die Tischdekoration, stellte Blumensträuße auf und testete die Musikanlage im Haus. Besonders viel Aufmerksamkeit widmete sie den Lautsprechern im Wohnzimmer. Der Ton sollte nicht nur im Haus, sondern auch auf der Terrasse gut zu hören sein.
Markus war ständig in ihrer Nähe.
— Was für einen großartigen Tisch du gedeckt hast! Das sieht wirklich fantastisch aus, — schwärmte er und rückte Servietten zurecht.
— Wir empfangen zum ersten Mal die Familie in diesem Haus. Ich möchte, dass alles perfekt wird.
— Natürlich. Immerhin ist es unser Haus, — sagte Markus leise und fügte dann lauter hinzu: — Natürlich, Schatz. Du hast wie immer recht.
Lena lächelte innerlich. Die Immobilie hatte sie noch vor der Eheschließung von ihrem eigenen Geld gekauft. Markus schien allerdings zu glauben, er habe mit dem Trauschein automatisch Ansprüche auf den Besitz seiner Frau erworben.
Als Erste kamen Lenas Eltern. Ihr Vater war wie gewöhnlich wortkarg, sah sich aber aufmerksam im Haus um und nickte anerkennend. Ihre Mutter ging sofort in die Küche, um ihrer Tochter bei den letzten Handgriffen zu helfen.
— Lenchen, du kannst wirklich stolz auf dich sein, — sagte sie, während sie Platten mit Vorspeisen auf den Tisch stellte. — Ein Haus wie aus einem Traum, ein aufmerksamer Mann. Dein Leben hat sich schön gefügt.
— Ja, Mama, — antwortete Lena leise. — Mein Mann ist wirklich sehr aufmerksam.
Dann trafen Sabine und Thomas ein, danach Florian mit seiner Familie. Zuletzt erschien Hannelore. Sie sah hervorragend aus: ein elegantes neues Kleid, dazu eine teure Handtasche.
Lena erkannte sofort, dass das Accessoire mindestens fünfhundert Euro gekostet haben musste. Interessant, dachte sie, ob es aus dem Geld für die nicht vorhandene Arthrose bezahlt worden war oder ob ihre Schwiegermutter noch andere Einkommensquellen hatte.
— Lenchen, mein liebes Kind! — Hannelore küsste ihre Schwiegertochter auf beide Wangen. — Was für ein wunderschönes Haus! Markus hat viel erzählt, aber ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie herrlich es hier ist.
— Danke. Kommen Sie herein und fühlen Sie sich wie zu Hause.
Das Essen begann in warmer, familiärer Atmosphäre. Die Gäste lobten die Speisen, die Einrichtung und den guten Geschmack der Gastgeberin. Markus zeigte sich besonders galant: Er schenkte Wein nach, erzählte kleine lustige Geschichten und spielte den perfekten Ehemann und Schwiegersohn mit großer Sorgfalt. Auch seine Mutter erfüllte ihre Rolle tadellos. Sie erkundigte sich bei Lenas Eltern nach der Gesundheit, fragte Sabine nach ihrer Arbeit und freute sich über das Verhalten des kleinen Neffen.
— Wissen Sie, — begann Lenas Vater, als der Nachtisch auf dem Tisch stand, — ich war etwas besorgt, als meine Tochter so schnell heiraten wollte. Aber jetzt sehe ich, dass sie sich nicht geirrt hat. Markus, du scheinst ein guter Familienmensch zu sein.
— Vielen Dank, Herr Schneider, — sagte der Schwiegersohn bescheiden. — Ich bemühe mich, Ihrer Tochter gerecht zu werden.
Unter dem Tisch zerknüllte Lena die Serviette in ihrer Hand.
Gerecht werden. Natürlich.
— Mir gefällt so sehr, wie ihr euch umeinander kümmert, — sagte ihre Mutter. — Frau Wagner hat erzählt, dass Lena bei Ihrer Behandlung hilft. Das ist wirklich rührend. Nicht jede Schwiegertochter würde so etwas tun…
— Ach, sagen Sie das nicht! — Hannelore hob gerührt die Hände. — Unser Lenchen ist Gold wert. So gut, so hilfsbereit und großzügig. Ich habe sie einfach ins Herz geschlossen.
— Woran leiden Sie denn genau? — fragte Sabine. — Hoffentlich ist es nichts Gefährliches?
— Ach, die üblichen Altersbeschwerden, — antwortete Hannelore beiläufig. — Arthrose im Anfangsstadium. Die Ärzte haben teure Anwendungen verordnet, aber was soll man machen? Zum Glück hat Lenchen angeboten zu helfen.
— Arthrose sollte man ernst nehmen, — sagte Lenas Vater mit gerunzelter Stirn. — Eine Behandlung muss man unbedingt zu Ende führen.
Lena stand vom Tisch auf.
— Entschuldigt mich kurz, ich sehe nach der Kaffeemaschine. Und dabei spiele ich euch gleich etwas Interessantes vor.
Sie ging in den Flur, nahm ihr Handy und öffnete die entsprechende Audiodatei. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie den Puls in den Schläfen spürte. Lena verband das Telefon mit der Anlage und drückte auf Wiedergabe.
Zuerst erklang ihre eigene Stimme. Dann folgten eine kurze Pause, ein Rascheln und die heitere Stimme ihrer Schwiegermutter:
— Markus, diesmal habe ich wieder Glück gehabt! Morgen macht deine Frau mir erneut die Hand vergoldet!
Auf der Terrasse wurde es schlagartig still. Lena kehrte an den Tisch zurück und setzte sich ruhig auf ihren Platz. Alle sahen sie verständnislos an. Nur Markus und seine Mutter wurden bleich wie die Wand.
— Wie viel bekommst du diesmal?
— Fünfhundert, wie immer. Es ist fast lächerlich, wie ehrlich sie sich um meine Gesundheit sorgt.
Auf dem Gesicht von Lenas Mutter breitete sich völlige Verwirrung aus. Sabine öffnete fassungslos den Mund. Florian runzelte die Stirn, als versuche er zu begreifen, was er da hörte.
— Mama, du bist wirklich genial! Diese Arthrose-Geschichte ist großartig geworden.
— Lena, — fragte ihr Vater leise, — was ist das für ein Gespräch?
Doch seine Tochter hob nur den Zeigefinger. Die wichtigsten Worte waren noch nicht gefallen.
— Ach, genial bin ich nicht, — fuhr Hannelores Stimme fort. — Deine Frau ist einfach ein unglaublich naives Dummchen. Aber immerhin ein sehr großzügiges Dummchen.
Florian stellte sein Glas so hart auf den Tisch, dass es klirrte. Seine Frau hielt sich die Hand vor den Mund. Lenas Eltern saßen reglos da und fanden kein Wort.
— Ich habe schließlich nicht grundlos eine reiche Frau geheiratet! — erklang nun deutlich Markus’ Stimme aus den Lautsprechern.
— Markus, — sagte sein Bruder heiser, — was soll das bedeuten?
Doch Markus brachte kein Wort heraus. Er hatte die Finger in die Tischkante gekrallt und starrte seine Frau mit echtem Entsetzen an.
— Warum, glaubst du, habe ich ihr so schnell einen Antrag gemacht? Mir war klar, dass so eine Frau nicht lange frei bleibt: hübsch, erfolgreich und gutherzig. So eine Chance hätte ich vielleicht nie wieder bekommen.
Lena nahm die Fernbedienung und stoppte die Aufnahme.
— Ich denke, das reicht fürs Erste. Obwohl es danach noch eine schöne Stelle über die Gans gibt, die goldene Eier legt.
Einige Sekunden schwieg die ganze Runde. Dann brachen mehrere Stimmen gleichzeitig los.
— Markus, hast du völlig den Verstand verloren? — begann Florian.
— Wie konnten Sie so etwas tun? — rief Lenas Mutter empört.
— Lena, ich verstehe überhaupt nichts mehr, — sagte Sabine verwirrt.
— Ruhe! — verlangte die Hausherrin laut, und sofort verstummten alle. — Ich erkläre es jetzt. Vor drei Monaten bat mich meine liebe Schwiegermutter um finanzielle Hilfe. Sie behauptete, sie habe beginnende Arthrose und brauche teure Anwendungen, um eine spätere Gehbehinderung zu verhindern. Ich, dieses gutgläubige Dummchen, glaubte ihr und überwies ihr jeden Monat fünfhundert Euro.
— In drei Monaten sind das fünfzehnhundert Euro, — rechnete ihr Vater langsam.
— Richtig. Außerdem bat sie mich vorgestern um weitere hundert Euro, angeblich für zusätzliche Medikamente. Und mein fürsorglicher Ehemann plante währenddessen, mich dazu zu bringen, ihm ein Auto für mindestens achtzigtausend Euro zu kaufen. Natürlich nur aus beruflichen Gründen.
Hannelore fand endlich ihre Stimme wieder.
— Lenchen, Liebes, du hast das völlig falsch verstanden! Wir haben doch nur…
— Was genau habe ich falsch verstanden? — fragte Lena mit eisiger Stimme. — Dass Sie und Ihr Sohn mir drei Monate lang ein Theater vorgespielt haben? Dass Sie gefälschte medizinische Unterlagen benutzt haben? Oder dass Sie mich hinter meinem Rücken eine naive Dumme genannt haben?
— Lena, — begann Markus, — ich kann dir alles erklären.
— Ich brauche keine Erklärungen mehr.
Sie holte die vorbereiteten Unterlagen aus ihrer Tasche.
— Hier sind die Kontoauszüge. Hier sind Kopien Ihrer gefälschten Bescheinigungen. Und hier ist die vollständige Abschrift der Telefonaufnahme. Ich habe zwei Nachrichten für euch: eine schlechte und eine gute. Womit soll ich anfangen?
Markus und seine Mutter schwiegen.
— Dann beginne ich mit der schlechten. Am Montag reiche ich die Scheidung ein. Markus, du packst heute noch deine Sachen und verlässt mein Haus.
— Und die gute Nachricht? — fragte ihr Mann kaum hörbar.
— Ich möchte meinen Namen vorerst nicht mit einem Strafverfahren in Verbindung bringen, deshalb gehe ich nicht sofort zur Polizei. Ihr habt genau eine Woche Zeit, das erhaltene Geld in doppelter Höhe zurückzuzahlen. Dreitausendzweihundert Euro. Die zusätzliche Summe dürft ihr als Entschädigung für Betrug und seelischen Schaden betrachten.
— Dreitausendzweihundert Euro?! — kreischte Hannelore. — Wo sollen wir so viel Geld hernehmen?
— Das ist nicht mehr mein Problem. Nehmen Sie einen Kredit auf, leihen Sie sich etwas oder verdienen Sie es. Wenn das Geld in sieben Tagen nicht auf meinem Konto ist, gehen die Aufnahme und die Unterlagen zur Polizei. Betrug und gefälschte medizinische Bescheinigungen sind keine Kleinigkeiten. Markus, eine normale Karriere in der IT-Branche kannst du dir nach einer Verurteilung abschminken. Welcher Arbeitgeber will einen Webdesigner mit so einer Vergangenheit?
Florian stand langsam vom Tisch auf.
— Markus, hast du wirklich jede Scham verloren? Wie konntest du so etwas tun?
— Flo, warte…
— Ich will nichts hören! — Sein Bruder wandte sich an Lena. — Es tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung, dass er zu so einer Gemeinheit fähig ist. Kerstin, Kinder, zieht euch an. Mir ist es peinlich, mit ihnen unter einem Dach zu bleiben.
Florians Familie verließ als Erste das Haus. Danach erhoben sich Lenas Eltern.
— Lenchen, — ihre Mutter umarmte sie fest, — du machst das Richtige. So einen Verrat darf man nicht verzeihen.
— Wenn du Hilfe brauchst, ruf sofort an, — sagte ihr Vater knapp. — Soll ich selbst mit ihnen reden?
— Danke, Papa, aber das ist nicht nötig. Ich schaffe das.
Sabine und Thomas gingen zuletzt. Vorher sagten sie Markus und seiner Mutter noch deutlich, was sie von Verrat und echten Familienwerten hielten.
Im Haus blieben nur drei Menschen zurück.
— Lena, — begann Markus erneut, — lass uns ohne Emotionen ruhig reden.
— Es gibt nichts mehr zu besprechen. Pack deine Sachen und fahr mit deiner Mutter.
— Aber ich kann es wirklich erklären…
— Was genau? Dass du mich wegen meines Geldes geheiratet hast? Dass du mein Vertrauen weiter ausnutzen wolltest? Du begreifst nicht einmal jetzt, wie tief du gesunken bist.
Eine Stunde später fuhren Markus und Hannelore davon. Lena blieb allein in dem großen Haus zurück. Doch statt der erwarteten Leere fühlte sie eine seltsame Erleichterung. Als hätte sie endlich eine schwere Last aus Lügen, Täuschung und endlosem Schauspiel von ihren Schultern geworfen.
Fünf Tage später gingen dreitausendzweihundert Euro auf ihrem Konto ein. Hannelore musste dafür an ihre Ersparnisse gehen.
Markus rief weiterhin an, bat um ein Treffen und schwor, er liebe sie aufrichtig. Doch Lena nahm nicht mehr ab.
Inzwischen präsentierte „Lena & Stil“ die neue Kollektion, die zur erfolgreichsten in der Geschichte der Marke wurde. Und Lena begriff endlich, dass Einsamkeit und Freiheit zwei völlig verschiedene Dinge sind.
Und die Freiheit gefiel ihr sehr viel besser.